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Der Israelit · 1934-03-22 · Heft 12 (22.3.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 12 (22.3.1934)
Date
1934-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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22. März 1934 Der Israelit Nr. 11 Seite 3 Ein Uitisturzversuch auf dem Gebietedes jüdischen Rechtes. (Fortsetzung von Seite 1.) geleise zentraler Richtlinien seinem Wesen nach unzugänglich. Ist die Einbahri des Schulchan Aruch einmal verlassen, so eröffnen sich vielerlei Wege, von denen sich jeder den seinen wählen kann. Die Grundsätze des Napoleonischen Synhedripn wurden niemals zur Plattform des liberalen Judentums in der Welt, am wenigsten in Deutschland, wo damals, zwanzig Jahre nach dem Tode Mendelssohns, die Entwicklung schon weit über den Einbruch der französischen Herren in Kultur und Kultus hinausgeschritten waren. Heute liegen die Dinge anders. Die zentrale Idee des nationalen Judentums ist ein Kitt, der besser bindet und länger hält, und die Gefahr ist nahe, daß in einer Zeit, da der alte Assimilationsgehalt des liberalen Judentums an den Stürmen der Zeit zerbricht und die Lücken von neuen, zur Zeit noch reichlich unklaren nationalistischen Ideologien wieder aufgefüllt werden (man lese in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" über ,,echte und unechte Assimilation" und dergl. mehr), — daß in einer solchen Zeit der Götzendämmerung des Reformjudentums all die religiös-liberalen Elemente, die direkt oder auf Umwegen in den. Nationalismus einströmen, in dieser geplanten religiösen, (lies: religiös liberalen oder noch richtiger freidenkerisch-nationalen Oberbehörde) Haus und Heimat, Boden und Obdach finden. Und hier, sind wir an dem Punkte angelangt, wo die Gefahrzone auch ihre natürliche Grenze findet. Lassen wir die Herren unter sich, ohne rabbinische Autorität, ohne geistliche Assistenz, dann wird das Gremium, mag es sich Namen und Titel anmaßen so hoch und so viel es immer will, doch bleiben was es ist: eine Organisation und Zentrale des u n.g läubigen Reformjudentums in nationaler Maskierung, das nun leider durch deutschen und englischen Einfluß auch in Palästina Fuß zu fassen sucht. Vom Judentum, das zum offenbarten G'ttesgesetze hält, in Erez Jisrael wie in der Golah, wird diese Behörde nicht mehr beachtet werden als alle anderen Zentralen, die sich im letzten Jahrhundert Liberalismus odör Nationalismus hie und da geschaffen haben. Eine Organisation neben vielen anderen. Selbst die unrereichte Ueberheblichkeit, die darin besteht, daß sie in ihrer Tagesordnung an das „Sanhedrin vor neunzehnhundert Jahren" anknüpft und sich anschickt, rabbinische Gerichte einzusetzen, die Ehe und Scheidungsrechte wie das Rechtssystem der jüdischen Gerichte zu regeln und eine jüdische Jurisprudenz zu schaffen, wird nicht so tragisch genommen werden. Das Judentum als solches bliebe von all dem unberührt. Von einer ernstlichen Gefahr könnte nur dann gesprochen werden, wenn es den Herren gelingen sollte, — worauf sie gewiß ausgehen werden. — wirkliche Rabbiner von Rang und Namenfür ihre Sache zu interessieren und zum Mittun zu gewinnen, die naiv und leichtgläubig genug wären, dem Scheingebilde in den Augen einer unkritischen Menge eine gewisse Autorität zu verleihen. Es gab wohl eine Zeit, da manche wohlmeinende rabbinische Persönlichkeiten der Meinung wären, es sei besser, eine zweifelhafte Sache in die Hand zu nehmen und in der Kontrolle zu behalten, als ihr unbeachtet freien Lauf nach entgegengesetzter Richtung zu lassen. Diese verdienten Männer haben aber so schwere Enttäuschungen erlebt und mußten so oft erfahren, daß sie den Lauf der Dinge niemals aufhalten konnten, im Gegenteile mit ihrem Namen, ganz gegen ihre Intentionen, die entgegengesetzte Entwicklung sogar noch gefördert und beschleunigt haben, daß sie und alle, die Zeugen dieser Entwicklung waren — nun durch die Erfahrung genug gewitzigt sein dürften, ihre Hand von diesem gefährlichen Spiele zu lassen. Bleibt die Sache so eine interne Angelegenheit des auf dem Boden der Bibelkritik und der Leugnung stehenden modern-nationalen Judentums, so werden wir in Zukunft, nachdem wir Eine Festtagsprämie für die Bezieher des Israelit Im nächsten Monat begeht Nathan Birnbaum, I der allverehrte Meister des jüdischen Gedan- I kens und der jüdischen Feder, seinen siebzig- I sten Geburtstag. I Aus diesem Anlaß glauben wir den Lesern des I Israelit einen Dienst zu erweisen, wenn1 wir I ihnen das vor 10 Jahren zu Ehren des Jubilars in unserem Verlag erschienene Sammelbuch VOM SINN DES JUDENTUMS I das inzwischen aus dem Buchhandel zurück- I j gezogen worden ist, zu dem Ausnahmepreis von I Mark 2.50 i einschl. Versandkosten anbieten. Das Buch wird I I in fester steifer Broschur geliefert. I I Wie ßaus dem nachfolgenden Auszug aus dem I I Inhaltsverzeichnis ersichtlich, enthält das Buch I I Aufsätze von dauerndem Werte, die heute I I noch ebenso aktuell sind wie vor 10 Jahren. I I Auszug aus dem Inhalt: Pinchas Kolin: Umkehr / Josef Wohlgemuth: Die Bußfertigen und die vollkommen Gerech- I ten / Martin Buber: Eine chassidische Buß- 1 predigt / Jechiel Jakob Weinberg: Gedanken I über Judentum / Meier Münk: Das tägliche Gebet / Abraham Elijahu Kaplan: In den I Spuren der Jir'a / Salomon Birnbaum: Das I I Reich der Rätsel / Bernard Tag: Religiöse I I Problematik und jüdische Religiosität / Ernst j Müller: Extase und Kritik / Ernst Simon: j Zur Wertung des Alters im Judentum / Robert I Weiß: Der Solidarismus der historischen jüdi- I sehen Familie / Moses Auerbach: Die Bil- I dungsfrage in der thoratreuen Judenheit Deutsch- I lands / Leo Deutschländer: Die jüdische Schule / Oskar Wolfsberg: Zum Thema: I I Religion und Wissenschaft. I I Ausserdem die Abteilungen: „Aus Jüdischer I I Dichtung" (Gedichte von Uriel Birnbanm, I I Hermann Weyl, Franz Rosenzweig, S. J. Ag- I I non, Max Brod, Emil Cohn, Nahum Norbert I Glatzer) „Dem Meister zum Gruß" und „Per- ' I sönlichkeit und Werk,,. , Da nur eine beschränkte Anzahl von .Exemplaren zur Verfügung steht, bitten jwir um schleunige Bestellung- Lieferung nur gegen Vorauszahlung oder unter Nachnahme. Hermon~Verlag Frankfurt am Main, Rechneigrabenstr. 7 hier die pompösen Ankündigungen und Verheißungen der Einberufer der Konferenz auf das richtige Maß zurückgeführt haben, kaum noch Gelegenheit haben, uns mit dem neuen Gebilde und seinen Initiatoren zu befassen und ihre Kreise irgendwie zu stören. Der gesunde Instinkt der Masse des jüdischen Volkes wird diesen umstürzlerischen Versuch ablehnen, auch wenn er sich fälschlich in das Gewand eines die Rechtskontinuität wahrenden Traditionalismus hüllen sollte. Die Grundlage des jüdisch-nationalen Rechtes ist die Offenbarung der schriftlichen und mündlichen Lehre auf Sinai — wer sich zu dieser Grundtatsache als „moderner Mensch" nicht bekennen kann, der sei ehrlich und aufrichtig genug, nicht mit dem Heiligsten ein* Maskenspiel zu treiben, sondern sein Leben und Denken ohne Legalisierung durch das jüdische Recht nach eigenem Gewissen aufzubauen. Wochenrundschau. « Die Anderen sind es — sagt Naumann. In allen Gegenden Deutschlands erzählt man sich die Anekdote von dem jüdischen Dorfmann, der einem Bauern, welcher unter dem Eindruck einer Kirchenpredigt plötzlich alle Beziehungen zu ihm lösen wollte, klar zu machen suchte, daß nicht er und die Juden seines Dorfes, sondern die im andern Dorfe, wo die Konkurrenz wohnt, es waren, denen im Neuen Testamente dieses und jenes nachgesagt wird. Jener Dorf jude wußte sehr wohl, daß es die Juden des andern Dorfes genau so wenig waren wie er und seine Nachbarn. Da aber der Bauer einen Schuldigen unbedingt haben mußte, so wurde ihm ein solcher geliefert, auf Kosten und Gefahr Anderer . . . Der rühmlich bekannte Dr. Max Naumann unterscheidet sich von jenem Dorfmann erstens darin, daß er nicht, wie jener, eine Legende, sondern leider eine Tatsache ist, und zweitens auch dadurch, daß er in allem Ernst die den Juden zur Last gelegte Schuld anerkennt, sie nur auf die Schultern Anderer abwälzt. ,,W i r haben es nicht gemacht, die vom anderen Dorfe . . ." Die Ostjuden, die bösen Zionisten, die jüdischen Frontsoldaten usw. Den Rahmen zu diesen Bekenntnissen einer schönen Seele gab ein mit Hakenkreuzfahnen geschmückter Saal des Nollendorf-Kruges in Berlin am 15. März 1934. Neben vielen Juden, Gesinnungsgenossen, Interessenten und Neugierigen, füllten, nach dem ITA-Bericht, auch SA-Leute in Uniform den Saal. Dadurch bekamen die Bekenntnisse, Anklagen und, man darf schon sagen, Denunziationen des Führers der nationaldeutschen Juden ein besonderes Gewicht. Er setzt sich zwar sachlich mit der Ariergesetzgebung auseinander, aber keineswegs zugunsten einer Gleichstellung der Juden, vielmehr verlangt er eine Ungleich Schaltung unter den Juden, eine Teilung zwischen Deutsch ju den und Fremdjuden, worüber er, wie er mitteilt, auch einen in allen Details ausgearbeiteten Gesetzesentwurf der Regierung eingereicht hätte. Fremdjuden sind aber in seinen Augen nicht erst die über den Schlesischen Bahnhof nach Berlin gekommen sind, sondern zunächst auch diejenigen, die sich als „Auslandspalästinenser in Deutschland" empfinden, womit er offensichtlich genug die Zionisten meint. Daß Joachim Prinz nicht sein Mann und sein Buch „Wir Juden" keine erfreuliche und empfehlenswerte Lektüre für ihn und die Seinen ist, ist begreiflich. Auch für uns nicht. Aber man sieht wieder einmal: auch wenn zwei das Gleiche nicht tun und nicht wollen, ist es nicht immer das Gleiche. Dann ist der „Jüdische Kulturbund" für ihn ein widerwärtiges Ghetto innerhalb der deutschen Kunst und Kultur. Was soll aber mit den armen jüdischen Künstlern geschehen, die von der Rampe der Weltbühne in dieses Ghetto geschickt wurden? Naumann kannihnen kein Brot versprechen, aber den letzten-' kärglichen Bissen 'Brot im engen jüdischen Kteise. möchte er ihnen aus dem Munde reißen.,/^ä's .stärkste Stück leistete sich aber dieser jüdische Trotzdemdeutsche, indem er

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