Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilade Nummer 11 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Reb Schachne begab sich in Reitans Zimmer, wo er aus einem mit dem Siegel des Fürsten versehenen Kuvert einen Brief hervorzog, in welchem nachstehende Zeilen zu lesen waren: ,,Pane Cachanku! Ich reise endlich in mein Heim nach N. . . . zurück- Ich habe die ewigen Strapazen bis zum Ueberdruß satt. Die weite Welt bereiste ich, die entferntesten Städte und Länder, aber nicht einmal ein ordentliches Krautmahl habe ich in allen diesen verschiedenen Königreichen zu essen bekommen — gar nicht zu sprechen von einem jungen, in Eis gefrorenen und mit Knoblauch gespickten Schweinchen, wie es bei uns so schmackhaft zubereitet wird. Von einem so deliziösen Gericht hat nicht einmal Voltaire etwas gewußt, trotzdem man ihn für einen großen Philosophen hält. — Ja, Pane Cochanku, schreiben Sie es sich tief ins Herz, daß es nirgends ein so weises Volk gibt, wie in Polen! Ich hoffe, daß ich bei meiner Rückkehr Alles in Ordnung finde, sonst werden Sie erfahren, mit wem Sie es zu tun haben, Pane Cochanku! Fürst Radczinski." Neben diesem Schreiben lag ein zweites, das Reb Schachne entfaltete und las: ..Freund Felix! Wir sind gegenwärtig in Königsberg und unser Ziel ist die Heimat. Wir befanden uns auf dem Wege nach Karlsbad, kamen aber nicht dorthin. Wir waren schon nahe bei, jedoch nicht in Karlsbad. Als wir nämlich an dem Berge, der vor dem Orte sich ausdehnt, abstiegen, sahen wir in keinem einzigen Hause Licht — Mitternacht war nämlich vorüber. —- „Machen es die Karlsbader so?" rief der Fürst, indem er den Kopf durch das Wagenfenster hinausstreckte, „Schlafen und schnarchen sie alle in ihren Betten?! Wünsche angenehme Ruhe! Einem Fürsten Radczinski geziemt es nicht, die Gastwirte aus dem Schlafe zu wecken. — Kutscher, zurück, woher wir gekommen!" Der Kutscher tat, wie ihm geheißen wurde, und wir arbeiteten uns in pechschwarzer Nacht mit der ganzen Riesenbagage den Berg wieder hinauf, wobei wir mehr als einmal Gefahr liefen, das Genick zu brechen. Der Fürst ist noch immer in trübseliger Stimmung; zuweilen wird er von solcher Wut befallen, daß wir alle für unser Leben fürchten müssen. Der Arzt behauptet, Sehnsucht nach Hause sei schuld daran; ich aber, der ich kein Arzt bin, habe die Ueberzeugung, daß die alte Wunde noch immer nicht vernarben will und weiter blutet. Ja, so sind die Weiber; nisten sie sich einem ins Herz hinein, dann sind sie nicht mehr auszutreiben. Ich rate Dir, Freund Felix, bereite unserm Herrn einen glänzenden Empfang, wie er ihn noch nie gehabt! Gib Dir Mühe und scheue kein Geld, vielleicht wird das unseren Gebieter wieder erheitern und ihm Gemütsruhe verschaffen, so daß er nicht fortfährt uns zu quälen und das Leben zu verbittern. Dein Freund Boguszewicz." Nach dem Lesen der beiden Briefe kehrte Reb Schachne auf den Balkon zurück. ,„Wie ich sehe, triffst Du schon Vorbereitungen für' den Empfang," redete er Reitan an, indem er auf einer Bank Platz nahm. „Natürlich, die Zeit drängt ja," erwiderte Reitan, sich zu ihm setzend. „Ich glaube, Du überstürzest Dich ohne Grund, Du hast noch Zeit genug. Gegenwärtig sind sie in Königsberg, haben demnach noch eine Anzahl von größeren und kleineren Städten zu passieren, wo sie sich sicher überall mehrere Tage aufhalten, so daß .zum mindesten ein Monat verstreicht, bis der Fürst hier anlangt." „Wer kann da etwas Bestimmtes voraussagen?" entgegnete Reitan unmutig, „vielleicht kommt er erst in drei Monaten, vielleicht auch schon in drei Tagen. Inzwischen ist der Palast in großer Verwahrlosung, so daß ich ganz ratlos bin und nicht mehr weiß, wie lange es dauern wird, bis ich ihn wieder in Stand gebracht habe. Ich habe ja niemanden, der mir helfen könnte. Weiß G'tt, wo alle die Diener, Soldaten, Reiter sich jetzt herumtreiben? Und die müssen alle zusammengetrommelt, adjustiert und jeder für seinen Posten aufs neue eingeübt werden . . . Wie soll ich das alles allein besorgen? Ich müßte mich in Stücke zerreißen, um überall zu gleicher Zeit zu sein. Und nach alledem behauptest Du, daß ich noch Zeit genug übrig habe. Die Sohlen brennen mir förmlich unter den Füßen. Uebrigens möchte ich Dir raten, daß auch Deine Glaubensgenossen Anstalten treffen! Ihr werdet doch wohl auch dem Fürsten einen Empfang bereiten?" „Sicherlich! Wie dies althergebrachter Brauch ist, werden wir ihn mit den Thorarollen beim Stadttor empfangen. Doch davon später! Jetzt muß ich nach Hause eilen. Ganz Kahl und der Rabbiner erwarten mich. Gute Nacht, Freund Felix!" „Gute Nacht! Warte, ich will Dir hinausleuchten lassen!" „Ist nicht nötig, die Nacht ist ja taghell." Pochenden Herzens warteten inzwischen die Juden, bis ihr „Gewir" aus dem Palaste des Fürsten zurückkehrte. Hofften sie ja, daß er ihnen heilvolle Botschaften bringen werde, daß der Eilbote nichts Schlechtes berichtet hatte. Wäre ihr Herr, der Fürst, auf dem Wege gestorben, dann hätten ja vom Palaste Zeichen gegeben werden müssen, Trauerfahnen und (Mockengeläute. Gewiß, der Eilböte hat die Kunde gebracht, daß der Fürst sich auf dem Wege nach Hause befindet. Das erhofften, das ersehnten sie schon so lange, die Armen, aber in der letzten Zeit fingen sie bereits an zu verzweifeln. Waren ja schon zwei Jahre verstrichen, seit er in fremden Ländern weilt, und war ja während der Zeit ihre Hoffnung, daß er endlich heimkehren werde, so oft betrogen worden! Um so größer war die Spannung, welche Kunde der „Gewir" bringen werde, und, von dem sehnsüchtigen Verlangen, dies möglichst bald zu erfahren, getrieben, drängte die Menge vorwärts, hielt dann, über ihre Kühnheit, so weit sich vorgewagt zu haben, erschrocken, einen Augenblick inne, um aber im nächsten noch weiter, bis,zum Hauptportale des Palastes vorzudringen. Und während sie so zwischen Mut und Zagen schwankten, mahnte einer den andern zur Stille, wodurch der Lärm nur noch größer wurde, so daß sie jeden Augenblick Gefahr liefen, von den Heiducken mit Peitschenhieben fortgejagt zu werden. Doch als sie jetzt Reb Schachne gewahrten, der äm Portale erschien, wälzten sie sich an ihn heran, so daß er fast im Gedränge erstickte. „Nehmt Euch in Acht, liebe- Leute, daß Ihr mich nicht zertretet!" rief Reb Schachne, indem er zurückwich und die Hände schützend vor sich hinstreckte. „Was haben Sie Neues gehört, Reb Schachne?" fragten die ihm zunächst Stehenden und wehrten mit ihren Ellenbogen die herandrängende Menge zurück. „G'tt hat unser Gebet erhört," erwiderte Reb Schachne. „Der Fürst kommt zurück!" „Was sagen Sie! Er kommt zu uns zurück?" fragten die Hörer, warteten aber seine Antwort nicht ab, sondern wendeten sieh um, streckten die Hände in die Höhe und riefen: „Pst! tiört, Ihr Leute! Der Fürst kommt zu uns zurück!" „Der Fürst kömmt zurück!" so hallte es in brausendem Jubelruf aus tausend Kehlen. „Der Fürst kommt! Reb Schachne selber hat es gesagt, und der weiß es doch gewiß! G'tt sei Lob und Dank, jetzt kommt wieder Parnosso in die Stadt!" Mit diesem Freudenruf verteilte sich die Menge und durchzog, bald stehen bleibend, bald sich fortbewegend die Gassen. Die frohe Aussicht, daß mit der Rückkehr des Fürsten alle Not und alles Elend ein Ende haben würdes erheiterte die eben noch gramumdüsterten Gemüter und gab in jäher Wandlung dem ganzen Städtchen ein anderes Aussehen. „Aus dem Wege! Platz machen!" schrie der bucklige Jizchak in wähnsinniger Freude, indem er den langen Jacob, seinen besten Freund, für den er das 1 eben hingegeben hätte, hinter sich herschleifte und bald küßte, bald in den Haaren raufte. Mit der einen Hand zerrte er seinen Freund nach sich und mit der andern hielt eisern Käppchen fest, das sich jedesmal auf den Hinterkopf verschob. Dabei sang er mit seinem dünnen, schrillen Stimmchen das lustige Volkslied: „Der* Rabbi hat geheißen, fröhlich sein" und tanzte mit seinem Freunde die Straße dahin. Die Menge wich mit hellem Lachen aus, klatschte lustig Beifall und begann, von ihren eigenen Ju1belrufeh berauscht, sich gleichfalls im Kreise zu drehen. So tanzend und springend, stießen sie plötzlich auf den Rabbiner, der mit den Vorstehern aus der „Kahlssitzung" zurückkehrte. „Was soll das Tanzen?" fragte der Rabbiner, und ein strafender Blick traf die Tanzenden. „Ist heut Purim oder Simchas Thora?" „Der Fürst kommt zu uns zurück," erwiderten die Angeredeten, indem sie stehen blieben und beschämt die Blicke, senkten. . „Und darum seid Ihr in so toller und ausgelassener Freude, daß Ihr am Vorabend des Fasttages in den Gassen herumtanzt? Gedenkt Ihr nicht mehr der Worte der heiligen Schrift: „Besser auf G'tt zu vertrauen, als auf Fürsten!" Geht lieber nach Hause und vergesset nicht, daß wir morgen Fast- und Trauertag haben. Stille, auseinander!" Der Jubel verstummte, und beschämt zerstreute sich die Menge, Jeder bei sich überzeugt, daß der fromme Rabbi auch diesmal Recht hatte. Fünftes Kapitel. Am anderen Tage war das Städtchen nicht wiederzuerkennen. Der Ringplatz, der am Tage vorher in öder Stille dalag, zeigte frisch pulsierendes Leben, und die Regsamkeit teilte sich den anderen Stadtteilen mit. Trotz des Fasttages und der brennenden Sonnenhitze, die sich vereinigt zu haben schienen, um dem hungrigen Magen der sich kasteienden Juden noch mehr Qualen aufzuerlegen, regten die Bewohner frohen Mutes die Hände, ohne Hunger und Durst zu verspüren. Kaum war das Morgengebet vorüber, als alles zur Arbeit eilte. Mit Erlaubnis des Rabbi öffneten sie heute, trotz des Fasttages, ihre Kramläden und Schankhäuser, in welchen sie die Tische mit allerhand Speisen und Getränken bedeckten. Die Wirte, welche heute Aussicht auf Gäste hatten, fingen an, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, die Fußböden zu scheuern, die Ritzen der Wände zu verkleben, die fehlenden Scheiben mit Papier zu'ersetzen und die ^Gemächer" mit Hausgeräten zu versehen, mit blan-