Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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15. März 1934 Der Israelit Nr. 11 Seite 9 bloß bei den christlichen Religionsgenossenschaften, sondern auch bei der jüdischen Kultusgemeinde. Diese macht sogar, wie man hört, wenger Schwierigkeit beim Wiedereintritt als die Katholische Kirche, die auf Auftrag des Kardinal-Erzbischofs Dr. Innitzer eine dreimonatige Vorbereitungszeit verlangen soll. In einzelnen jüdischen Kreisen hegt man allerdings die Befürchtung, daß mit dem Nachweis der Religionszugehörigkeit die Grundlage für eine Bevorzugung der katholischen Bediensteten gegenüber den Angehörigen aller anderen Konfessionen geschaffen werden soll. Frankreich. Exekutive der revisionistischen Weltunion zu den palästinensischen Arbeiterkonflikten. Paris, 11. März. Die Exekutive der Weltunion der Zionisten-Revisionisten hat dem Merkas der Revisionisten Palästinas telegraphisch den Auftrag erteilt, dem Waad Leumi folgende Forderung vorzulegen: „Das Fortdauern der vom linken Flügel gegen unsere um Gleichberechtigung kämpfenden Arbeiter verübten Gewalttaten zwingt uns, vom Waad Leumi zu verlangen, daß er die Anwendung von Gewalt seitens linksstehender Kreise öffentlch verurteile und die Gleichberechtigung von Histadruth und Irgun (Arbeiterorganisation der Revisionisten und Betarim) sowie der Arbeitsvermittlungsstelleff-- beider Organisationen anerkenne." Gleichzeitig wurde der Palästina-Merkas der Revisionisten beauftragt, telegraphisch Bericht darüber zu erstatten, ob der Waad Leumi diese Forderung angenommen habe. Sollte die Exekutive der Weltunion bis zum 15. März nicht im Besitze einer positiven Antwort sein, so werde sich die Union „zu dem Schlüsse genötigt sehen, daß im organisierten Jischuw kein Sinn für Fairness vorhanden ist, und gezwungen sein, alle Revisionisten zum Austritt aus der Knesseth Israel, der öffentlich anerkannten Korporation der palästinensischen Judenheit, aufzufordern. Italien. Jüdischer Gemeindeverband Italiens für das Hilfswerk zugunsten deutscher Juden. Ro m , 11. März. Der Verband der jüdischen Gemeinden Italiens richtet an die italienische Judenheit den Appell, das vom Verband eingeleitete Hilfswerk zugunsten deutscher Juden nach Kräften zu unterstützen. Von den bisher für diesen Zweck in Italien aufgebrachten Mitteln wurden an das unter der Leitung von Dr. Chaim Weizmann stehende Amt zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina 400 000 Lire überwiesen. Der Rest des Geldes wurde zur Unterstützung der in Italien lebenden Juden aus Deutschland verwandt, insbesondere zu Studienbeihilfen für die an italienischen Hochschulen inskribierten jüdischen Hörer aus Deutschland. In dem Aufruf des Gemeindeverbandes wird betont, daß die Lage der deutschen Juden die Fortführung der Hilfsaktion in vollem Umfang erfordere. Polen. Das Gesetz über Konzessionszwang und Befähigungsnachweis für Handel- und Gewerbetreibende in Polen angenommen. Warschau, 5. März. Die Handelskpmmission des polnischen Sejm hat nach längerer Debatte das Gesetz über die Einführung des Konzessions- und Innungszwanges für alle Gebiete wirtschaftlicher Betätigung und des Befähigungsnachweises für Handwerker und Kaufleute, in dem in jüdischen Kreisen eine schwere Bedrohung der jüdischen Wirtschaftspositionen in Polen erblickt wird, in zweiter und dritter Lesung angenommen. Allerdings wurden besondere Härten des ursprünglichen Entwurfs beseitigt. So wurde bestimmt, daß der Befähigungsnachweis erst nach drei Jahren eingeführt werden und sich auf diejenigen, die heute schon in den betreffenden Wirtschaftszweigen tätig sind, nicht erstrecken soll. Im Namen des Jüdischen Klubs bekämpfte Abgeordneter Rottenstreich in längerer Rede die Vorlage. Er wies darauf hin, daß durch den Konzessionszwang und insbesondere durch den Innungszwang eine Klasse von Privilegierten geschaffen werden würde,. die sich leicht unliebsamer Konkurrenten werde entledigen können. Er stellte eine Reihe von Abänderungsanträgen, in denen Ausnahmebestimmungen, resp. Uebergangsbestimmungen für gewisse Berufskategorien, in denen Juden stark vertreten sind, wie Inhaber von Autobusbetrieben, Lastträger usw., sowie die Befreiung vom Konzessionszwang für neu entstehende Berufszweige in Handel und Industrie gefordert wurden. Auch verlangte er die Befreiung der heute schon wirtschaftlich tätigen Personen vom Befähigungsnachweis. Qualifikationsgesetz in Polen nicht aktuell. Warschau, 12. März. Das vom polnischen Sejm angenommene sogenannte Qualifikationsgesetz, das vorschreibt, daß alle in Industrie, Handel und Handwerk Tätigen ihre Eignung für den von ihnen ausgeübten Beruf nachzuweisen haben, ist heute vom Senat behandelt worden. Dabei führte der Referent, Senator Iwanowsky, aus, er sei vom Handelsminister bevollmächtigt, folgendes zu erklären: „Der Beschluß des Sejm betreffend Qualifikationsnachweis von Personen, die sich mit Handel, Industrie und Handwerk beschäftigen, wird durch die Regierung nicht im Wege einer Verordnung verwirklicht werden; der Termin des Inkrafttretens des Gesetzes wird durch ein neues Gesetz bestimmt werden. Im allgemeinen ist die ganze Angelegenheit der Qualifikationen für eine Reihe von Jahren nicht aktuel 1." Gegen das Qualifikationsgesetz, bei dessen Inkrafttreten eine Handhabe zur Hinausstoßung von Tausenden Juden aus ihren bisherigen Berufen gegeben wäre, haben sich neben den Vertretern der Aguda (wie an anderer Stelle gemeldet) auch die anderen jüdischen Deputierten ausgesprochen. In einem der ITA. übergebenen Communique des Klubs der jüdischen Abgeordneten im polnischen Parlament wird festgestellt, daß die Mitteilung des Referenten über das neue Wirtschaftsgesetz im Senat, der Befähigungsnachweis werde erst durch besonderes Gesetz in Kraft gesetzt werden, in jüdischen Kreisen beruhigend gewirkt hat. Obwohl die namens der Regierung im Senat abgegebene Erklärung rechtlich nicht bindend sei, da sie dem Gesetzestext nicht eingefügt wurde, habe die jüdische Bevölkerung doch Vertrauen zur Versicherung der Regierung, daß die betreffenden Bestimmungen in i den nächsten Jahren nicht in Kraft treten werden und daß es nicht Absicht des Gesetzes sei, Staatsbürger nichtpolnischer Nationalität auf wirtschaftlichem Gebiet zurückzusetzen. (Siehe Wochenrundschau.) Für den Sabbat in Polen. Warschau, 9. März. Es ist wenig erfreulich, daß es dazu kommen mußte. Ist es aber so weit gekommen, daß man auch in der polnischen Metropole, in der größten Judengemeinde auf dem Kontinent, zum Schutze des Sabbats eintreten muß, so sei mit Genugtuung konstatiert, daß dies mit voller Kraft geschieht. Eine Massenversammlung im großen Sitzungssaal der Kehilla wurde vom Vorsitzenden des Warschauer Schomre Schabbos-Verbandes, Rabbi Silberberg, geleitet. Es referierten im Namen des A. C. der Agudas Jisroel Ratmann D. Hendles, dann der R a d z i - miner Rebbe und mehrere Mitglieder des Rabbinates über die Wichtigkeit des Sabbat, die Gefahren, die für das polnische Judentum aus der Verminderung der Sabbatheiligung drohen und die Mittel zur Abwehr. Es wurde dann eine Resolution einstimmig angenommen, die gegen die Bäcker, Restaurateure usw. wie gegen alle Betriebe, die sich über den Sabbat hinwegsetzen, feierlichen Protest einlegt. Es wird betont, daß diese durch ihr treuloses Vorgehen der Regierung die Handhabe für die Einführung der Zwangssonntagsruhe bieten und damit die Hunderttausende, die treu zum Sabbat halten, in ihrer Existenz bedrohen. Es wird den Rabbinern die Pflicht auferlegt, mit allen erlaubten Mitteln für den Sabbat einzutreten. So wird fernerhin keinem Händler und Geschäftsinhaber eine rabbinische Legitimation zum Verkauf von rituellen oder Pessachwaren erteilt, bevor er nicht mit Bescheinigung vom Schomre Schabbos-Verband den Nachweis der Sabbathaltung geliefert hat. Solche Bescheinigungen werden vom Verbände unverzüglich und unentgeltlich den Würdigen ausgestellt. Auch wird für Produkte jüdischer Betriebe, in denen am Sabbat gearbeitet wird, auch dann kein Hechscher mehr erteilt, wenn sie von sabbathaltenden Händlern vertrieben werden. Man hofft, daß diese Maßnahmen zunächst ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Der vierte Teil aller Warschauer Juden auf Pessachhilfe angewiesen. Warschau, 12. März. Wie die Wohlfahrtsgesellschaft „Beth-Lechem" mitteilt, haben sich 15.000 jüdische Familien Warschaus, also ungefähr der vierte Teil der Warschauer jüdischen Bevölkerung (die Familie zu fünf Personen gerechnet), an die Gesellschaft um finanzielle Hilfe gewandt, damit es ihnen ermöglicht werde, das Pessachfest zu feiern. Rußland. Hoffnungslose Lage in Biro-Bidschan. K o w n o , 11. März. Wie soeben bekannt wird, haben litauische Juden, die anläßlich der vor zwei bis drei Jahren erfolgten Anwerbung jüdischer Arbeitskräfte in Litauen, Lettland und anderen Ländern durch Emissäre der sowjetrussischen Siedlungsbehörden nach Biro-Bidschan ausgewandert sind, an die litauische Gseandtschaft in Moskau einen Hilferuf gerichtet, in dem sie um Rückbeförderung in die Heimat bitten. In ihrem Schreiben erklären die Bittsteller, die Lage in Biro-Bidschan sei hoffnungslos. Das Gebiet sei von Hungersnot und epidemischen Krankheiten heimgesucht. Die Erfüllung der von den Emigranten an die litauische Gesandtschaft gerichteten Bitte dürfte auf Schwierigkeiten stoßen, da die Bewilligung zu ihrer seinerzeitigen Ausreise an die Bedingung geknüpft worden war, daß sie auf die litauische Staatsangehörigkeit verzichten. (ITA.) Litauen. Der Präsident von Litauen über das. Zusammenleben von Litauern und Juden. Kowno, 11. März. In Kowno hat soeben ein Kongreß der jüdischen Frontkämpfer Litauens stattgefunden. In das Ehrenpräsidium des Kongresses wurden General Zukauskas, Oberst Birontas, Oberst Braziulevicius, Oberst Guzas mit hineingewählt. Dem Kongreß wohnte auch der Verwaltungschef des Generalstabes, General Gerulaitis, bei. Begrüßungsansprachen hielten Oberst Braziulevicius im Namen des Kriegsministeriums, einige andere Generäle, Oberrabbiner Schapiro u. a. m. An den Staatspräsidenten Smetona und den Ministerpräsidenten Tubelis wurden Begrüßungstelegramme gesandt. Staatspräsident Smetona führte in seinem Antworttelegramm an den Kongreß aus: Die einstigen Großfürsten Litauens hatten den Juden Tür und Tor geöffnet, und das Zusammenleben zwischen Juden und Litauern ist bereits tief in das Bewußtsein der beiden Völker eingedrungen. Ich freue mich über die Ziele und die Aufgaben des jüdischen Frontkämpferbundes. Heute ist es wichtig, daß alle sich organisieren und auf der Wacht stehen. In ihren Ansprachen und Begrüßungstelegrammen betonen die jüdischen Frontkämpfer, daß sie stets bereit sein werden, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen und die Heimat zu schützen. In der Stunde der Gefahr würden sie sich gscehlossen in die Reihen der litauischen Armee eingliedern. * . * In der jüdischen Bevölkerung Litauens herrscht lebhafte Besorgnis über die zu erwartende Auswirkung eines vor kurzem kundgemachten und am 16. März in Kraft tretenden Gesetzes, in dem die volle Beherrschung der litauischen Sprache durch Handwerker, Buchhalter, reisende Kaufleute und die Angehörigen einer Anzahl anderer Berufe gefordert wird. Man nimmt an, daß 90 Proz. der jüdischen Handwerker nicht imstande sein werden, die vorgeschriebene Prüfung in litauischer Sprache abzulegen. i 1