Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-03-15 · Heft 11 (15.3.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 11 (15.3.1934)
Date
1934-03-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450818--80271-2538075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Nr. 11 D I 1 i t 15. März 1934 in Beziehung auf deren Stellungnahme befürchtet. Die Gedaulim erachten es stets als eine Forderung vollkommener Sachlichkeit und Gründlichkeit, daß sie in universellen Angelegenheiten sich nicht auf Darlegungen der Fragesteller und die von ihnen beigebrachten Gutachten allein beschränken, sondern, je nach Thema und Umständen, Meinungsäußerungen der Vertreter aller an der rabbinischen Entscheidung interessierten Kreise einholen. Dies besonders, wenn es Angelegenheiten des Auslandes betrifft. Diese Forderung der Vor- und Umsicht, der Besonnenheit in der Entscheidung muß sich für sie schon aus der Bestimmung Dworim 1, 16 ergeben. Jedes abschließende Urteil meidet der Artikel, vielmehr ist es das Unabgeschlossene, das er aufweist, dasProblematische. Aber vielleicht hat der Herr Einsender in dem Umstand den Versuch einer unstatthaften Beeinflussung der Gedaulim gesehen, daß der Aufsatz auf einige Geteiltheit der herrschenden Meinungen in unserem Lande schließen läßt Diese Tatsache ist weder ein Ungewöhnliches, noch ist sie den Gedaulim^ unbekannt. Diese ha ben von verschied ,^n sten Seiten bereits seit langem Meinungsäußerungen erhalten. Noch eines zu diesem Punkte: Würde man die Gedaulim selbst befragen, ob, wenn die Even tualität eines „Vörgreifens" wirklich vorläge, man das Recht hätte, deshalb Abstand zu nehmen von einer Aufklärung über den Stand einer die ganze jüdische Oeffentlichkeit befassenden Frage, ohne Rücksichtnahme auf die Nervosität und die Gefahr leichtfertigen Nichtabwartens der Entscheidung, so ist die Antwort nicht zweifelhaft. Nach dieser Feststellung über den im Vordergrund des Eingesandt stehenden Einwand muß, trotz der hier gebotenen Kürze, noch eine das Tatsächliche betreffende Meinungsäußerung des Herrn Einsenders berichtigt werden. Der Herr Einsender glaubt, die in Holland bisher festgestellten Ergebnisse auf Veränderung der Stromart zurückführen zu dürfen. Damit nimmt er etwas vorweg, was unter Fachbeurteilern als durchaus unentschieden angesehen wird. Aus der Darstellung des Einsenders kann der Leser den Eindruck erhalten, als ob in Holland mit einer Stromart gearbeitet sei, wie man sie bis dahin noch nicht angewendet hätte. Obwohl ich mich bestrebt habe, im Artikel nur gesicherte Tatsachen anzuführen, habe ich mich nochmals informiert. Hierbei wird mir bestätigt, daß die in Holland angewandte Art, Stärke und Dauer des elektrischen Stromes von der Mehrzahl der früheren , Versuche nicht abweicht. Auch das Einführungstempo, sowie die Anlegestellen für die Elektroden stimmten mit der Mehrzahl der vorangegangenen Fälle überein. Wohl aber waren die Ergebnisse, wie bereits im Artikel gesagt, günstiger, aber doch nicht, wie Einsender annimmt, ganz zweifelsfrei hinsichtlich der Bewertung. Daß ferner bisher noch ungeklärt ist, worauf denn dieser Unterschied in den Ergebnissen zurückzuführen sei, ob auf klimatische Verhältnisse oder andere, auch das ist im Artikel schon gesagt. Unter diesen Umständen wird gewiß auch der Herr Einsender es nicht billiger wollen, daß etwa nur die holländischen Feststellungen „nun zur Grundlage der Entscheidung gemacht werden sollen," und, wie hier hinzugefügt werde, können. Jedenfalls aber werden die Gedaulim es vermeiden, daraufhin allein ein Urteil sich zu bilden. Hier durch weitere Forschung Klarheit zu schaffen, muß eben versucht werden. Was die Zahl der zu erprobenden Schlachttiere betrifft, so wird die halachische Autorität, auf die sich der Herr Einsender bezieht, gut tun, ihre Meinung den Gedaulim bekannt zu geben. Es handelt sich aber hierbei noch gar nicht um eine ,.halachische Einzelheit", sondern um die rein wissenschaftliche, experimentelle V o r b e *■ r e i t u n g zur Uhterbreitung gesicherten Tatsachenmaterials für die Beratung der Gedaulim. Hier scheint doch eine Verwechslung von großer Tragweite vorzuliegen. Wenn der Herr Einsender des ferneren den Hinweis auf Differenzierungen, mit denen durch den Feuchtigkeitsgehalt, der Luft gerechnet werden muß, als „Nebensächlichkeit" moniert, dann führe ich das zurück auf eine mangelnde Vertrautheit mit den räumlichen Verhältnissen im Schiachhofbetriebe. Denn in zahlreichen Schlachthöfen werden erst unmittelbar vor der Schlachtung die Tiere über einen freien Weg hinweg der Schlachtstelle zugeleitet, auch bei Regen und Schneefall. Glaubt der Herr Einsender, daß „die heutige Handhabung des Apparates" imstande sei, die für den Stromgang so; wesentliche Nässe der Haut und Haare zu paralysieren? Wie bereits im Artikel, so vermeide ich auch an dieser Stelle alles, was die Auseinandersetzung halachischer Einzelgesichtspunkte vor dem Leserkreise erfordern würde. Ich will versuchen, in persönlicher Unterhaltung dem Herrn Einsender diese Punkte klar, zu machen und glaube, daß es gelingen wird. Einig sind wir alle1 in dem Wunsch'e," nach Kräften den Weg zu suchen, der" den Tausenden unserer leidenden "Brüder und Schwestern ihr Los erleichtert. Gefährdete Heiligtümer. Von Rabb. Dr. A. Neuwirth in Berlin. Wir leben in einer Zeit der Not und demzufolge auch in einer Zeit des G'ttsuchens. Viele Juden, die bis nun völlig abseits von jüdischem Wege standen, sind unliebsam wachgerüttelt worden und suchen nun allmählich den Weg zum Judentum zurückzufinden. Viele der Zurückgekehrten greifen nach der vieltausendjährigen, jüdisch-sinaitischen Lebensform: Sie legen- Talis und Tefillin an und an ihrer Türe erscheint das jüdische Symbol der Mesusoh. So hat die Not der Zeit Tefillin, Mesusoh und Zizith in den Augen Vieler an Bedeutung steigen lassen. Aber auch bei denjenigen Juden, die bis nun auch schon diese Gebote G'ttes ausgeführt, haben diese drei Mizwos an Bedeutung, Wichtigkeit und Verinnerlichung vielfach gewonnen. Es ist eine alte jüdische Sitte, ein alter jüdischer Brauch, bei jedem Leid, bei jedem Schmerz und bei jedem erschütternden Erleben zuerst Tefillin, Mesusoth und Zizith auf ihre Richtigkeit und Zuverlässigkeit genau zu prüfen oder prüfen zu lassen. So werden auch diese drei sinaitischen Symbole vor einem jeden Rausch haschono und Jaumkippurim genau geprüft, ob sie alle ri*T31 plD sind. So heißt es auch: „Wer Tefillin an Arm und Haupt legt, in ein Kleid mit Zizith sich hüllt und ari seine Tür das jüdische Wahrzeichen der Mesusoh anbringt, der wird nicht so leicht die Gebote G'ttes übertreten oder sie irgendwie verletzen." ' Welche Gefahren jedoch grade diesen göttlichen Einrichtungen von vielen Seiten drohen, möchten wir in. folgenden Zeilen besprechen und die Frage prüfen, wie diese Gefahren zu beseitigen wären. Es ist merkwürdig, daß der fromme Jude beim Einkauf von Fleisch und anderen Lebensmitteln, die selbstverständliche größte Vorsicht walten läßt, dagegen bei der Versorgung mit Tefillin, Mesusoth und Zizith oft jedwede Vorsicht außer Acht läßt. Ein jeder Händler scheint ihm hierbei zuverlässig und vertrauenswürdig zu sein. Es ist aber auch für den unhaltbaren Zustand und geradezu für den großen Wirrwarr auf diesem Gebiete ebenso charaktefistisch und vielsagend, daß viele, viele fromme Rabbinen, die die Kaschruth- Verhältnisse von Tefillin, Mesusoth und Zizith in Deutschland genau kennen, ihrer religiösen Pflicht damit Genüge getan zu haben meinen, wenn sie für sich und ihre Kinder Tefillin, Mesusoth und Zizith bei einem zuverlässigen Saupher im In- oder Ausland besorgen; die Masse des Volkes wird ihrem eigenen Gutdünken, ihrem eigenen Urteil überlassen. Zunächst möchten wir die einfache feststehende Tatsache, die aber den meisten Juden unbekannt ist, registrieren: die wenigsten Sauphrim in Deutschland schreiben die Parschioth der Tefilin und Mesusoth selber. Ebenso wenig gibt es meines Wissens eine Zizithspinnerei in Deutschland. Fast alle Tefilin, Mesusoth und Zizith werden aus dem Ausland bezogen. Ein Paar Tefillin müßten, wenn sie im Inland hergestellt würden, statt 8—10 Mk. 25—30 Mk., eine Mesuso statt 70 Pfg. 2—3 Mk., ein Bündel Zizith statt 40—60 Pfg. 1,50 Mk. kosten. Das Ausland hat nicht nur billigere Arbeitskräfte, billigeres Rohmaterial zur Herstellung dieser Ritualien, sondern, was das Ausschlaggebende bei der Preisbestimmung ist, unzählige Arbeitskräfte. Es ist sehr traurig", aber' leider wahr, daß in Polen viele h u'n' d e r t e Kinder für die Herstellung von Massenwaren von Tefillin und Mesusoh verwendet werden. Noch trauriger ist, daß Leute, die das jüdische Gesetz öffentlich durch Chillul Schabboth verletzen, ihr Brot mit Schreiben von Tefillin und Mesusoth verdienen. Fromme Sauphrim in Deutschland, die aus dem Osten stammen und die Verhältnisse dort genau kennen, haben diese Beschuldigungen und Anklagen gegen die Schreiber von Tefillin und Mesusoth in Polen erhoben. Zuverlässige fromme Leute, :die längere Zeit im Osten waren, bestätigen diese Angaben. : Wie Tefillin und Mesusoth, die von Kindern und Sabbatarbeitern hergestellt werden, aussehen, braucht nicht erst erwähnt zu werden.. Selbst Druckerschwärze und Papier, statt Pergament findet Verwendung. Daß derart hergestellte religionsgesetzlich unbrauchbare Tefillin und Mesusoth für billiges Geld zu haben sind, braucht nicht wunderzunehmen. Diese unbrauchbare Ware wandert in Massen nach den Westländern und auch nach Amerika. Wir sprachen: einen frommen und von der jüdischen Welt allgemein anerkannten Saupher und dieser erklärte offen und ehrlich: er müsse billige Tefillin und Mesusoth zum Verkauf haben, weil ein paar Häuser von seinem Geschäft entfernt, dieselbe billige, d. h. unzuverlässige „Ware" zu haben sei. Der Kunde will nur wenig Geld ausgeben und dafür können eben richtig koschere Tefillin und Mesusoth nicht geliefert werden. Man mag über die Gewissenhaftigkeit eines derartigen Sauphers sehr verschiedener Meinung sein; die Tatsache bleibt, daß er leider keine Ausnahme bildet; da& Geschäftsinteresse wiegt manchem . Saupher höher als die Zuverlässigkeit des Kaschruth. Daß nun die Buchhändler, die neben dem Saupher den Verkauf von Mesusoth und Tefillin besorgen, mehr Wert auf die Zuverlässigkeit diesesDDkVö Q*>atP' legen, ist wohl kaum anzunehmen. Wie traurig sind die diesbezüglichen Verhältnisse in Berlin; wie fühlt sich das religiöse Gefühl aufs äußerste verletzt, wenn man ein wenig Einblick in die Gesbhäftspraxis bestimmter Tefillin- . und Mesusothhändler gewinnt. Wieweit es mit der Zerstörung thoraheiliger Institutionen gekommen ist,.,ersieht man daraus, daß selbst Erez Isabel von unbrauchbaren Tefillin, Mesusoth und1 Zizith, überflutet ist. Wie DnaiD ''rtüiawie der Frankfurter, Berliner und Leipziger nsiü einwandfrei feststellten, werden ausgesprochen posele min "HD0 'P^sn undrilTITB — teilweise eingeführte Ware aus Polen — nach der Golah versandt und die Golah meint wiederum, alles, was aus Erze Isroel kommt, trägt an und für sich schon die Gewähr sicherer ritueller Zuverlässigkeit in sich. Wir selbst haben verschiedene?130 mnri'die aus Erez Isroel in jeder Weise als zuverlässig bezeichnet wurden, von nnoiö 'D1D prüfen lassen, und dabei feststellen müssen, daß hunderte Fehler, darunter ganz andere Worte, als der Text sie forderte, in ihnen enthalten waren; Noch in den letzten Jahren bemühte sich Oberrabbiner Chaim Sonnenfeld ^"ST' in Jerüscholajim, hierin " etwas Wandel zu schaffen; wieweit das Unternehmen diesem Gaon gelungen ist, wissen wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.