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Der Israelit · 1934-03-15 · Heft 11 (15.3.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 11 (15.3.1934)
Date
1934-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 11 Der Israelit 15. März 1934 sondern an Faktoren, die uns allen bekannt, aber darum in nichts verständlicher sind. Daraus entsteht eine doppelte Katastrophe: für die jüdischen Menschen, die nicht über das Mittelmeer zur Arbeit können, und für die Arbeitsstätten in Palästina, die vergebens nach den arbeitenden Händen schreien, und veröden. Nach einem der ITA. zugegangenen Bericht konnte bisher ein Teil der Orangenernte noch nicht eingebracht werden und wird auf den Bäumen verderben, falls es nicht gelingt, Arbeiter in genügender Zahl herbeizuschaffen. Neue landwirtschaftliche Pläne können nicht ausgeführt, städtische Betriebe nicht errichtet oder erweitert werden, weil die Arbeiter dazu fehlen. Petach Tikwah allein könnte im Moment noch 1000 Arbeiter einstellen, die anderen Kolonien weitere Tausende. In Tel A w i w haben sich bereits 200 Arbeiter freiwillig zu den Erntearbeiten gemeldet und sind im Interesse der jüdischen Gesamtwirtschaft bereit, ihre gewohnte Arbeit für eine-Zeit zu unterbrechen, um an der Rettung der Ernte mitzuhelfen. Dies, obwohl auch in den Städten die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht nachgelassen hat. Für die Industrie allein werden 6000 Mann benötigt, davon 4000 in Tel Awiw, wo außerordentlich viele bisherige Industriearbeiter, durch die höheren Löhne angelockt, dem Baugewerbe zustreben. Auf Grund einer Vereinbarung mit dem Waad Leumi wird sich bereits in den nächsten Tagen eine aus mehreren hundert Schülern bestehende Abteilung freiwilliger Erntehelfer der Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Weitere Schülerabteilungen sollen zu diesem Zweck zusammengestellt werden. Wird der Hochkommissar London über diese Zustände informieren und werden von dort neue Instruktionen an Mister Hyamson. ergehen? Hört man die warmen Worte, die in London gelegentlich zum Lobe Palästinas und des jüdischen Volkes erklingen, so fällt es schwer, an dem guten Willen Englands in seinen Besten, das Jüdische Nationalheim ernst zu nehmen, zu zweifeln. Auf dem Jahresbankett des A n g 1 o Palestine Club am 8. März in London sah und hörte man wiederum die prominentesten Persönlichkeiten des e'nglischen politischen Lebens. Sir Austen Chamberlain hatte wieder die schönsten Worte für die Aufbauarbeit in Palästina. Er ist überzeugt, daß eines Tages Juden und Araber einander als Bürger des gleichen Landes anerkennen. Lord Cecil of Chelwood, der Vorsitzende des Verwaltungsrates für das Emigrantenhilfswerk des Völkerbundes, sagt: Hätten Die Sidra spricht zu uns... Den Führern, Moses und Ahron, die, an ihrer Aufgabe schier verzweifelt, mit der bangen Frage im Herzen n/iym rmb> „wozu das alles, hat sich doch die Lage des Volkes verschlimmert und die Errettung ist nicht gekommen?", in die Nacht blicken, wird G'ttes Wort: *D3^> nrn annri/„Blicket auf, zum Sternenhimmel. Der Mond bringt den Lenzesmonat. Aber der Frühling erwacht nicht auf einmal, Hemmungen, Rückschläge und Unterbrechungen bleiben nicht aus und gehören mit dazu. Aber es geht dennoch vorwärts? Auch der Frühling in der Geschichte Israels bricht an, allen Pausen und Rückschlägen zum Trotze. „Dieser Monat sei euch," Vorbild eures Geschickes! Zwischen den vier bedeutenden Sabbaten, die wie Herolde das Fest der Befreiung ankündigen, liegen einige Pausen, genannt mposn- Auch die Pausen, Stillstand und gelegentlicher Rückgang, gehören mit dazu. Wie in der Musik die genau abgewogene Pause sich harmonisch in die Symphonie einreiht, keine Störung, sondern Erhöhung, Bestandteil des Spieles ist. * * * trenn s?tn- Das bürgerliche Jahr beginnt mit dem ersten Tischri, und dennoch ist Nissan der erste der Monate. Ein kalendarisches Kuriosum? Mag sein, die Juden ihr Nationalheim, wie es einmal angestrebt war, dann hätten sie ihre Interessen in einer für sie so vielfach gefährlichen Zeit anders und besser vertreten können. Heute sind sie einzig darauf angewiesen, den Schutz in den erhabenen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit der Regierungen zu suchen. „Ich habe," sagce Lord Cecil, „oft empfunden, wie schwierig die Lage der Juden überall in der Welt ist. Sie bilden einen Stamm, dessen Geschichte so groß ist, wie diejenige irgend eines anderen. Seine Traditionen sind ebenso ruhmreich, die Vaterlandsliebe seiner Angehörigen ebenso tief, wie die anderer Menschen, und doch waren die Juden in allen Ländern verlassene, hin und her getriebene Geschöpfe. Das ist ein beklagenswerter Zustand, und ich kann die Begeisterung verstehen, mit der die Aussicht, ihr Nationalheim wiedererlangen zu können, von den Juden überall in der Welt begrüßtworden ist." In ähnlichem Sinne sprachen auch Sir Herbert Samuel, Lord M e 1 c h e t t u. v. a. Colonel Wedgewood ging ausführlich auf die Palästinaeinwanderung ein. Er sagte u. a. wörtlich: „Wir sollten dafür sorgen, daß mehr deutsche Juden die Erlaubnis zur Einwanderung nach Palästina bekommen. Ueberau in der Welt herrscht heute Unkenntnis in Bezug auf Wirtschaftsfragen und überall glaubt man, daß ein Einwanderer nicht einen Segen, sondern eine Last bedeutet. Ich glaube, daß ein Einwanderer mehr Arbeit schafft, als er wegnimmt. Ablehnung von Einwanderung mag in England oder Amerika entschuldbar sein, da dort die Gewerkschaften und der gewerkschaftliche Geist gegen neue Konkurrenz eingestellt sind. Wie aber vermöchte man eine solche Haltung im Falle Palästinas zu rechtfertigen, wo die Gewerkschaften selbst die Einwanderung kategorisch verlangen?" Gelänge es, nur einen Teil dieser schönen Worte in Taten umzusetzen, so könnte damit das Problem des Arbeitermangels in Palästina, aber noch eine Reihe anderer sich aus der Einwanderungspolitik ergebenen Probleme mit einem Federstrich gelöst werden. Ein Industriegesetz und seine Folgen. Suchte man ein Schulbeispiel dafür, wie sich oft auch ganz fernab von der Judenfrage liegende Gesetze am Ende und in erster Reihe gegen Juden auswirken, das neue Industriegesetz in Polen würde es erbringen. Das neue Geaber gewiß eine höhere Wahrheit und Weisheit, eine jener Wahrheiten und Weisheiten, für die der jüdische Kalender tiefste und unversiegbare Quelle ist. Wie der Tag im Heiligtume (bei dem Dienste im Bes Hamikdasch), nicht wie im profanen Leben von Abend bis Abend, sondern von Morgen bis Morgen geht, worauf sich auch das Verbot des Uebernachtenlassens des Opferfleisches stützt, so zählt auch das höhere Jahr, das Jahr G'ttes, das Jahr im Heiligtume des Herrn, von Nissan bis Nissan. Am ersten Nissan mußte das „beständige Opfer" der jüdischen Gesamtheit schon von den neuen Liebesspenden der Nation bestritten werden. Stichtag für den neuen Jahreszyklus im Heiligtume des Herrn ist der erste Nissan. Der Tag unseres kleinen, menschlichen Lebens geht a-i» is n-H>n»von Nacht bis Nacht. Aus dem Dunkel entsprießt das irdische Leben, steigt mühsam zum Morgen der Jugend, zur Mittagssonne des Mannesalters auf, um sich dann rapid wieder dem Abende zuzuneigen und in der Nacht zu versinken. „Aus dem Dunkel kommt es, um im Dunkel zu versinken." ••^*> i^mi X3 *]5?na Mit Herbst und Winter beginnt das menschliche Leben. Aus Schmerzen geboren, kämpft es sich durch Leiden und Prüfungen zu einem kurzen Frühling und einem spärlichen Sommer, um dann, von Herbstwinden empfangen, beim Fallen der Blätter, der Winterstarre entgegenzuwandeln. Der Weg führt von Tischri zu Tischri. Anders das höhere Leben, im Heiligtume G'ttes, unser geistiges Leben, das Dasein unserer Seele, so wir ihr mit unserem Leibe und Leben eine Wohnstätte schaffen wie dem Licht den Leuchter. Dieser unser höherer Tag, dieses unser im Heiligtume verlaufende Dasein, sie gehen von Morgen zu setz sieht vor, daß jeder Handwerker, Gewerbetreibende, Kaufmann oder Industrielle einen Nachweis über.seine Qualifikation für den von ihm ausgeübten Beruf zu beschaffen hätte. Ein Gesetz, dessen Nützlichkeit für die Rein- und Gesundhaltung von Handel und Industrie keiner bestreiten wird. Und dennoch ist die Beunruhigung, die dieses Gesetz in die nach Millionen zählende jüdische Bevölkerung Polens getragen hat, nur allzu begreiflich, wenn man bedenkt, daß die unteren Orgarie in der Provinz und besonders auf dem platten Lande, die zu den Hütern des Gesetzes bestellt sein werden, bei seiner Handhabung weniger unter den hohen Gesichtspunkten verfahren werden, die den Warschauer Gesetzgebern vorgeschwebt haben. Zu den vielen kleinlichen Schikanen, denen die Juden auf dem Lande vielfach ausgesetzt sind, käme damit noch neue Unsicherheit, die ihnen das ohnehin schwere Ringen um das tägliche Brot noch erschwerte. Das haben die Juden sofort empfunden, daher auch die Unruhe, der Protest und die rechtzeitigen Versuche, dem neuen Damoklesschwert auf irgend eine Art die Schärfe zu nehmen. Und hier, wie schon so oft, wirkte es sich wohltuend aus, daß die Vertreter der Agudas Jisroel im Parlament immer, bei aller aufrechten Haltung in Sachen des jüdischen Rechtes, mit der Regierung gingen und sich so bei ihr einen gewissen Resonanzboden für die Wünsche und Interessen der jüdischen Bevölkerung schaffen konnten. Eine Delegation unter Führung von Oberrabbiner Lewin und Dep. M i n z b e r g war bereits beim zuständigen Ministerium vorstellig und erhielt in mehrstündiger Konferenz vom Präsidenten S 1 a w e k die feste Zusage, daß der Gesetzentwurf, der erst den Senat passieren und auch die Genehmigung der Handelskammern haben muß, von diesen Instanzen so geändert werden wird, daß allen von der jüdischen Bevölkerung befürchteten Härten von vornherein der Boden entzogen wird. Damit ist die Gegenwehr der jüdischen Führer aus der Agudafraktion noch keineswegs erschöpft. Ein Permanenzausschuß, bestehend aus den jüdischen Deputierten, den A. C.-Mitgliedern der Agudas Jisroel und Vertretern der jüdischen Kaufmannschaft, behält die Sache dauernd im Auge und unternimmt alle Schritte, das drohende Verhängnis abzuwenden oder zu mildern. Es wird von der gesamten jüdischen Bevölkerung Polens nun eingesehen werden müssen, daß nicht der vom nationalen Jüdischen Klub eingeschlagene Weg zum Ziele führt, sondern nur die vielverschrieene „Opportuni- Morgen, von Frühling zu Frühling. Lichtgeboren ist unsere Seele und Licht ihre Ausstrahlungen in einem thorageweihten Leben. Heil geht dieses höhere Leben an Nacht und Not, an Stürmen und allen Unbillen des Winters vorbei, um, ganz wie der Dienst im Heiligtume, in einem neuen Morgen, in einem neuen Frühling zu landen. Von Nissan bis Nissan! * * Ein Midraschwort: Wir begegnen noch öfters in Geschichte und Schrifttum der Bezeichnung prKl- Wie hier der Nissanmonat, so wird auch G'tt selbst wiederholt fitfRi genannt, ("im '3k)- Auch Israel und das Heiligtum auf Morijah werden so bezeichnet Jiiwn) 'iai '1133 "»aa |Y»5tW' Und zuletzt wird sogar Edom-Rom jwm genannt, nämlich JlffRin RS'i- Was hier festgestellt werden soll, ist nur, daß das Wort ttff»n das Primäre bezeichnet, Ur- und Grundquelle im Guten wie im Bösen. Und nun die weite Perspektive: Es kommt der •pPXT (G'tt), zieht zur Rechenschaft den yiwn (Edom- Rom}, erlöst den jwm (Israel) und erbaut den "|1PK"» (heiligen Tempel), am ]1Pm (am ersten der Monate des Jahres.) Gute Worte. Als vor hundertfünfzig Jahren der Sturm um den Chassidismus den Höhepunkt bis zum Cherem erreicht hatte, ging der Brisker Raw, Rabbi Abraham Katzenellenbogen, auch an Rabbi Salman von Wilna mit der Bitte heran, er möge das im Sinne des Wilnaer Gaon abgefaßte Edikt gegen die neue Bewegung mit unterschreiben. Als sich Rabbi Salman weigerte, wunderte

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