Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15- März 1934 Der Israelit Nr. 11 Seite 3 Feste in unserer Zeit? (Fortsetzung von Seite 1.) ihnen in selbstverständlichen Grenzen entgegenzukommen undi.die manchmal sehr subtilen Regungen in angemessener Weise zu regulieren, statt sie bis zum' Ueberfließen „zu stauen oder in unübersichtliche Kanäle sich verlieren zu lassen. Deshalb auch können wir jenem Beschlüsse nicht beipflichten. Alle, die ähnlich denken wie seine Väter, verlassen die ihnen Anvertrauten in dem Augenblicke, wo sie ihnen beistehen müßten. Er ist aus dem gleichen Geiste geboren wie — ein ganz anderes Beispiel ~ die Anordnung, daß das Jugendheim einer Gemeinde mit Rücksicht auf den Inichtjüdischen 'Hausverwalter an christlichen Feiertagen geschlossen bleiben muß, also gerade dann, wann die jüdische Jugend ihres Heimes am dringendsten bedarf. In der Kundmachung eines vortrefflichen Gedankens besteht die einzige positive Wirkung des Manifestes. Es ist nichts Anderes als eine äußerliche Demonstration: eine Fahne auf Halbmast für die Zeit unserer Diffamierung; ein Flor der Trauer, wie Paris ihn trug wegen des Verlustes von Straßburg nach 1870, an dem das Leben vorbei und weiter flutet . . . - Was die Ueberlegüng gut heißt für die kleinen Abwechslungen und Amüsements des Alltags und der weltlichen Ruhetage, das muß das Gefühl und unsere jüdische Auffassung vom Leben uns sagen für Purim. Wir wissen wohl, ein schweres Jahr liegt hinter uns, und über die Zukunft breitet sich ein gütiger Schleier. Aber soll denn dies unser Trauerjahr nicht einmal, nicht einen Tag lang ein Ende nehmen? Uns dünkt, keiner hätte das Recht, über den deutschen Ghettojuden den Stab zu brechen, wenn sich ihm die in Herbheit starren Züge seines Gesichts für ein paar Stunden lösen. Und hat nicht ein weiser Gesetzgeber ihm befohlen, sich an seinem Feste zu freuen, Freude zu häufen im Adarmonat, trotz allem, was kam, ging, wiederkommt und wieder geht? Aber es spürt; sie nur derjenige und erlebt sie vollkommen, der den Zyklus des jüdischen Jahres von Anbeginn bis zu seinem Ausgang mit der Gemeinde durchschreitet, der den grünen Vorhang sieht im jungen Jahre, den weißen in seiner hohen Zeit, den herbstbunten, wenn es sich neigt, und den riackten Schrein in der Stunde der Ohnmacht. Und eigentlich auch nur er erwirbt den Anspruch auf diese Freude, die er sich nicht rauben lassen will und darf, auch heute nicht. Wir haben leider nicht die Kraft, uns gänzlich aus dem Geschehen auszuschalten; dafür berührt es uns zu sehr und drängt sich mit Gewalt in unseren Gedankenkreis. Wir werden feiern, nicht so wie vor zehn und zwanzig Jahren, aber auch nicht so wie zwölf; Monate zurück. Es wird eben so wenig wie je sinnlose Ausgelassenheit bei Unserer Freude herrschen; das hindert der enge Zäun des Gesetzes und die fast zwei Jahrtausende alte Erinnerung an die; Zerstörung unseres Heiligtumes, die wir bei all unseren Freuden zu Gast haben. Wir werden die,'. die in allen Synagogen zuhause sind und ganz hinten ihren Platz haben, die Armen und die Fremden, an unserer Freude teilnehmen lassen. Aber auch Dich, der Du neben mir sitzest und mir gewohnt bist, der Du mit mir zusammen am neunten Aw auf niedrigen Schemeln gesessen bist und Dein Gebet mit meinem vereint emporschicktest am zehnten Tischri, auch Dich möchte ich bei mir sehen am Tage unserer Freude, oder wenn es Dir gefällt, wirst Du mich zu Dir einladen. An Speis' und Trank und „guten Worten" soll kein Mangel sein. Und wenn wir unser Mahl beendet haben, möchten wir am liebsten aus unseren Häusern und Cliquen in den größten Saal der Stadt strömen, uns dort zu gemeinsamer heiliger Freude zu verbinden. Für die Philister jedoch, die da meinen, uns das Frohsein verbieten zu können, weil sie die Seele ihres Volkes nicht kennen, werden wir nur einen Blick der Verachtung übrig haben. Denn wir wollen und wir sollen zwar nicht rauschende Feste feiern, aber wir wollen und sollen fröhlich sein, nicht um zu vergessen und nicht weil uns der Schuh nicht drückte, sondern weil wir jung sind und Juden dazu. Weil wir Ja sagen zum Judentum, Ja sagen zum Lebe n." Soweit unser Fest-Anwalt. Zuschriften von anderer Seite belehren uns, daß diese Ansicht nicht aus der Seele der Leser in ihrer Mehrheit heraus gesprochen ist. Manche reden von einer „Festepidemie", einem Freudenrausch, in dem alle guten Vorsätze, wie sie vielleicht zu Anfang der neuen Aera zu reifen schienen, untergehen. Wahr ist, daß die jüdischen Zeitungen sich Woche für Woche der Flut von Festankündigungen und Berichten über allerlei Veranstaltungen künstlerischer, geselliger, ja auch karnevalistischer Natur gar nicht mehr erwehren können, Wo ist die Grenze? Hieße die Problemstellung: „Kopfhängerei oder Kopf hoch!?" wir würden keinen Augenblick zögern, uns mit gutem Gewissen für die letztere Losung zu entscheiden und könnten uns dabei auf Präzedenzfälle in tausend Jahren jüdischer Geschichte berufen. Hätten sie hinter den Ghettomauern mit ihrer Festesfreude auf gute glückliche Zeiten gewartet, sie hätten nie Feste gefeiert, hätten das Lachen für alle Zeiten verlernt. Aber das Ghetto konnte auch lachen, zwischen Welle und Welle der Verfolgung sprudelte das lebendige Leben voll Freude und Vertrauen, Kraft und Zuversicht. Die Tränen unserer Vorfahren sind in wenigen dünnen Slichoth- und Kinnothbüchlein aufbewahrt, für die Werte, die uns die Kraft und die Freude in den vergangenen Jahrhunderten in dicken Bänden gegeben, reichen alle Regale unserer Bibliotheken nicht aus. Aber zwischen der Kopfhängerei und Lebensabkehr, die unser verehrter Mitarbeiter mit Recht verurteilt, und der Häufung von. Freudenfesten, die er mit weniger Recht empfiehlt, gibt es gewiß einen Mittelweg, eine Grenze, die strikte eingehalten werden muß, wenn uns nicht J e s a j a s , wie schon einmal einer innerlich zerrütteten, äußerlich bedrohten und dabei festfrohen Zeit, wieder zurufen soll: /"i^ nnizn tax nnacn ymv. mm "m mnas n m?1! „G'tt rief uns an, mahnte zur Einkehr , . . Und siehe: nur Wonne und Freude, Schlemmen und Zechen . v ." (Jesajas 22, 14.) Vielleicht ist es heute noch nicht so schlimm, aber wenn gut jüdisch eingestellte Menschen „karnevalistischen" Veranstaltungen im jüdischen Salon das Wort reden, so ist das für uns ein bedenkliches Symptom dafür, wie sehr manchen Kreisen schon der Sinn dafür abgegangen ist, daß die Assimilation, die sich, weil sie' draußen geschlossene Türen findet, ins jüdische Haus zurückzieht, doch immer noch Assimilation i s t und vielleicht noch grotesker wirkt. Schreiber dieses denkt an ein kleines Erlebnis in diesem Winter. Ort: Kleinstadt in Hessen. Zeit: Sonntag nachmittag. Das Gemeindehaus neben der Synagoge ist voller Menschen,. Männer und Frauen. Vortrag oder Gemeindeversammlung? Nein, die Herrschaften, die nicht mehr ins Cafe können oder wollen, versammeln sich allsonntäglich hier, um unter sich zu bleiben und — spielen Karten, bis in die. tiefe Nacht hinein. Soll das die einzige Tschuwah sein, daß man all die Auswüchse und all die Banalitäten einer oberflächlichen Gesellschaft, weil man sie in Anschluß an die Welt nicht mehr üben kann, in den eigenen PCreis verpflanzt? Konnte der Finger G'ttes, der sich seit tausend Jahren kaum deutlicher und dringlicher gazeigt hat, bei der jüdischen Masse nicht mehr erreichen als ein Zurück zum eigenen Kartentisch auf dem Lande, zum eigenen Fest- und Tanzsaal in der Stadt? ... Insofern müssen wir mit unserem Mitarbeiter und mit allen, die Ja zum Leben und Judentum sagen, übereinstimmen, daß wir unsere traditionellen Feste, die ganzen wie die Halbfeiertage, heute mit mehr Intensität und Innigkeit denn je feiern sollen, ja mit einer Freudigkeit, die uns selbst und der Welt ein Zeugnis von der Unverwüstlichkeit des jüdischen Lebenswillens ablegt. Bis zum vernünftigen Maße haben auch die künstlerischen wie die geselligen Veranstaltungen ihre Berechtigung, zumal sie abgebauten Künstlern Brot verschaffen. Daß aber e i n Fest das andere jagt, daß Fidelität mit Tanz und Tand die Menschen von Rausch zu Rausch treibt, und, kaum daß das Finale des einen Konzertes verklungen ist, schon die alarmierende Ankündigung des nächsten erfolgt, daß, um ganz konkret zu sprechen, eine jüdische Gesellschaft in einer deutschen großen Provinzstadt im Monat Februar allein nicht weniger als sechs große Veranstaltungen auf dem Programme hat, um in den dazwischenliegenden Abenden den Platz und die Zeit für andere Vereine, Gesellschaften und privaten Unternehmern freizuhalten — das ist doch etwas viel des Guten und kann eben so wenig zur Steigerung unserer Kraft nach innen wie unserer Ehre nach außen beitragen. Zerstreuung, Erholung, Ausspannung hinter den Kulissen des harten Tages? Eine geistige Winterhilfe muß es in der Hauptsache mit Vorträgen und Kursen, mit einer Lehrtätigkeit, die unser Wissen um uns und die Welt vermehrt, schaffen. Zwischendurch auch einmal eine gesellige Veranstaltung mit Kunstniveau, aber in bescheidenem Rahmen. Und für die weitere Aufrichtung von Körper und Seele haben wir unsere Freitagabende, unsere Sabbate, unsere Feste! „Den Juden wurde Licht und Freude, Wonne und Würde," so teilt uns die Estherrolle mit, nachdem ihnen alle Lichter erloschen waren. Unsere weisen Lehrer, die besten Kenner unseres Volkes, wissen aber zu melden, daß sie ihr Licht im Thorastudium, ihre Freude und Wonne an ihren Feiertagen und bei Familienfesten wiederfanden. Und am wichtigsten scheint uns die Würde, die sie bei alldem bewahrten ... Das müßte, wie vieles aus jenem ewigen Buche, auch heute noch gelten. Wochenrundschau. Arbeitsmangel in der Welt, Arbeitermangel in Palästina, und was die englischen Diplomaten dazu sagen. Ein zionistischer Führer tat einmal den Ausspruch: „Gebt das Land ohne Volk dem' Volke ohne Land!" Bei der Ausführung dieser Parole ergaben sich doch einige Schwierigkeiten, die in den bald vierzig Jahren, die seitdem verflossen sind, kaum geringer geworden sind. Daß aber England in seinem Mandatslande Palästina sich nicht entschließen kann, nach dem Grundsatze: „Menschen ohne Arbeit in das Land der Arbeit ohne Menschen!" zu verfahren, liegt nicht an natürlichen Widerständen, / i