Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 Der I s raelit 8. März;. 1.934: ist uralt, unbestritten, von allen Bibelerkläre'rn beleuchtet und befragt worden. Jetzt kommt die Bibelkritik und sagt: es erkläre sich durch die verschiedenen Verfasser, aus zweierlei Quellen, die dem Werk zugrundeliegen. Gewiß gründet sich diese Antwort auf jene Tatsache des Widerspruchs. Sie selbst aber bleibt eine Hypothese, eine unbewiesene Annahme; sie würde nicht einmal aufhören, Hypothese zu sein, wenn uns keine andere Erklärung möglich wäre. Sie ist jedoch eine völlig in der Luft hängende, ja höchst unwahrscheinliche Hypothese, wenn Jahrtausende der ernstesten und sachverständigsten Forschung diesen Widerspruch in durchaus befriedigender Weise aufgeklärt, in ihm eine religiöse Lehre, eine aus dem Ganzen geforderte Selbstverständlichkeit dargetan haben. Wenngleich also auf eine Tatsache begründet, stellt sie durchaus nicht, wie durch den Titel der Schein erweckt werden soll, selbst eine Tatsache dar. Sie ist weit entfernt, ein Faktum zu sein. Beispiel: Die Thora hat zweierlei G'ttesbezeichnungen: Elokim und Haschern. Wie kommt das? Astruc und mit Um die ganze liberale Schule sagt: weil hier zwei verschiedene Schriftsteller am Werke waren. Die Bibelerklärer, von Mechilta, Sifra und Sifri angefangen bis zu S. R. Hirsch, David Hoffmann, Benno Jakob u. a. m. in unseren Tagen sehen darin die gewaltigste Konzeption des Judentums. Sie sehen darin die größte Offenbarung über das Wesen G'ttes, daß Er einerseits der allmächtige G'tt der unverbrüchlichen Naturgesetzlichkeit und der ethischen Weltordnung ist (Elokim), andererseits der ewige G'tt der Liebe und Gnade, der Freiheit und der Vorsehung, der Versöhnung und des Wunders, der Offenbarung und Eilösung( Haschern). Was das Christentum nur als zwei Personen im G'ttlichen darzustellen vermochte, hat das Judentum gleich auf den ersten Seiten der Bibel als ein und dasselbe, als die Einzigkeit und Einheit des g'ttlichen Wesens proklamiert. So stehen sich also zwei Erklärungen dieser Doppelheit der Namen gegenüber. Selbstverständlich ist Astruc's These auf eine Tatsache begründet, sie ist aber dennoch eine willkürliche Annahme, oberflächlich in ihrer Konzeption, denn sie setzt voraus, daß die Endredaktion der Bibel von dummen, banausischen Menschen vorgenommen sei, die zwei Quellenschriften so ungeschickt zusammengearbeitet haben, daß ihr Flickwerk sich auf den ersten Blick verraten müßte. Schon diese Annahme, daß der „Redaktor", wie ihn die Bibelkritik nennt, betrügerisch und täppisch mehrere Schriftwerke zusammengestoppelt — nebenbei bemerkt ohne ersichtlichen Grund, denn er hätte sie getrennt uns ebensogut überliefern können, und wir hätten sie genau so als heilige Schriften nebeneinander akzeptiert, wie wir mehrere zeitgenössische Propheten nebeneinander kennen, ohne das geringste Bedürfnis, sie zu einer Einheitsschrift zusammenzuschweißen — ist für uns widersinnig, unverständlich. Die Autorität und Verbindlichkeit gesetzlicher Schriften wie etwa des sogenannten Priesterkodex und des Heiligkeitsgesetzes wachsen nicht dadurch, daß sie .in ein Buch vereinigt sind. Was durch die Jahrhunderte Propheten, ja sogar die Weisen der Mischna und des Talmud dem Judentum gelehrt, befohlen und verheißen haben, wird ebenfalls treu im Judentum beachtet und behütet; und es lehrt der Talmud, daß das Sanhedrin die Kraft habe, ein Gesetz der Thora aufzuheben. Es bleibt also ein Rätsel, warum die* Männer, die den Kanon zusammengestellt, oder der Redaktor, der ein Buch in seiner Endgestaltung uns überliefert haben soll, die Schriften, denen er doch vermutlich in Ehrfurcht und Demut gegenüber gestanden hat, so eigenmächtig und zerstörerisch miteinander verquickt haben. Dahingegen ist die Deutung, daß die beiden G'ttesnamen aus ihrer religiösen Bedeutung heraus, aus innerer Notwendigkeit so und nicht anders lauten müssen, eine geistige Erleuchtung 'des Menschen ohnegleichen. Wenn man will, enthält sie im Kern alles, was das Judentum zu lehren hat: den Inbegriff und den höchsten Ausdruck seiner religiösen Weisheit. Wir begreifen sehr wohl, daß die Theologie diese von selbst sich darbietende, aus allen Teilen der Bibel von neuem belegte Deutung der beiden G'ttesnamen nicht anerkennen mag, daß ihr deshalb die Astruc'sche Hypothese besser gefällt. Diese ist deshalb aber nie eine Tatsache und nicht auf Tatsachen begründet, solange nicht die beiden Quellenschriften uns aus Archiven hervorgeholt und präsentiert werden, solange vielmehr alle vorhandenen Handschriften und Targumim der Bibel, sowie die Zeugnisse über die heiligen Schriften seit den ältesten Tagen ihre Einheitlichkeit uns in die Ohren gellen. ' Eduard König ist in einer besonders peinlichen Lage; er gehört nicht zu den sogenannten radikalen Bibelkritikern Wellhausen'scher Prägung, gegen die Möllers Pfeile sich hauptsächlich richten. Von Haus aus religiös gestimmt, wollte König den reißenden Sturzbach negativer Kritik regulieren und als ruhigen Kanal durch das Gefilde der Religion hindurchleiten. Er hat selbst sich bemüht, über die naturalistisch aufklärerische Voreingenommenheit der Radikalen hinwegzukommen und wenigstens Etwas aus der erhabenen Größe der jüdischen Vergangenheit zu retten. Wir haben das, immer dankbar anerkannt. Aber diese Mittelstellung Königs ist eben unhaltbar. Er steht mit ihr selbst isoliert; die Wellhausen, Ed. Meyer, Gunkel, Marti und wie sie alle heißen, sie w o 1 l e n einfach nicht, daß dem Judentum sein erhabener Rechtstitel verbleibe, seit Urzeit Träger des abrahamitischen Segens und der reinen, unverfälschten G'ttesoffenbarung zu sein. Und so ficht König eigentlich für eine Position, die er selbst nur halb vertreten kann. Das, was er neu ins Treffen führt, ist aber derartig schwach, daß wir uns eines Lächelns nicht erwehren können. Der Talmud soll plötzlich Bibelkritik getrieben haben, indem er' sagt, daß die letzten Verse der Thora von Josua oder von Mosche selbst mit einer Träne geschrieben worden seien. Verdient ein solches Argument überhaupt ernst genommen zu werden? Gewiß hat der Talmud im echten religiösen Sinne Bibelkritik getrieben. Keine Fragestellung, auf die sich die Herren Theologen etwas zugute tun, ist den Weisen des Talmud entgangen. Die Fragen der Kritik sind nicht falsch, nur ihre Antworten, ihre Lösungen. In jeder Auffälligkeit, durch die die Theologie ihre mechanische Zerpflückungsarbeit rechtfertigen will, stecken ernste, sachliche Probleme, die religiös.'gesehen, von ihrem eigensten Bezirk aus beantwortet, erst die ganze Herrlichkeit der Offenbarung sichtbar machen. Darin erblicken wir schon eine Unredlichkeit bibelkritischer Forschung, daß sie dem Leser immer vorenthält, wie der Widerspruch, von dessen Unlösbarkeit sie angeblich ausgeht, bisher von den religiösen Geistern verstanden und gedeutet worden ist, die an wissenschaftlichem Ernst und an religiöser Tiefe es wahrlich mit den Herren von der aufklärerischen Schule haben aufnehmen können. Sie gebärden sich immer, als wenn sie Amerika entdeckt hätten, als wären alle ihre Vorgänger blind, die Ueberlieferer der Bibel zum mindesten naive, ungeschickte Baumeister gewesen, deren haltloser Bau ein Windhauch erschüttern könnte;. Der ganze Talmud ist weiter nichts als solche ständige, aber religiös e Kritik, „Hier heißt es >so, dort heißt es anders; wie ist; das 211 erklären? Hier steht dieser Satz, dort steht er ein zweites Mal.. Was soll uns die Wiederholung lehren? Hier wird der Ausdruck gegenüber einer anderen Stelle verändert, was können wir daraus ersehen?" So geht es im Talmud immer von neuem. Und so wirft-der Talmud, den König nicht versteht, auch die Frage auf — aber natürlich als religiöses, nicht als rationalistischliterarisches Problem —': wie konnte Mosche, der Mann der Wahrheit, die Tatsache seines Todes berichten, bevor sie eingetreten? Er antwortet darauf: entweder ist dies eine Nachschrift, die dem Josua aufgegeben ward, oder Mosche hat sie noch nicht endgültig aufgeschrieben, nicht mit Tinte, sondern mit einer Träne, so daß einerseits die Thora abgeschlossen war, andererseits die letzten Worte von andren für die Dauer aufgezeichnet würden. (Siehe Maharscha z. St.. Baba Bathra 16 a!) . Um den Ernst der Argumente Königs uns im Speziellen zu illustrieren, wollen wir auf zwei Beweise eingehen, die König offenbar als ganz ' besonders schlagend an den Anfang seiner Untersuchungen stellt. Daß eine Entwicklung im Judentum stattgefunden, habe, davon „werden sich auch die starrköpfigsten Traditionalisten überzeugen müssen, wenn sie endlich solche Tatsachen beachten wollen, wie beispielsweise diese, daß die Aufnahme von Verschnittenen in die G'ttesgemeinde einerseits durchaus verboten ist (Deut. 23, 2) aber anderwärts (Jes, 56, 3) sein Eintritt mit lauten Worten begrüßt wird." Wir fragen ganz bescheiden: was bedeutet es bezuglich' der Einheitlichkeit des Pentat euch, von welcher allein Möller 'handelt, wenn in Jesajas etwas stehen sollte, was mit dem Pentateuch nicht übereinstimmt? Wer hat je behauptet, daß die Aussagen'dieser beiden Bücher übereinstimmen müssen? So sagt der Talmud, gewiß einer von den „starrköpfigsten Traditionalisten", (Makkoth 24a): „vier Anordnungen hat Mosche über Israel getroffen, und dann kamen vier Propheten und hoben sie wieder auf" usf. Aber untersuchen wir die beiden Stellen, so sehen wir, wie furchtbar oberflächlich selbst ein Mann wie König vorgeht. Die Thora schreibt vor: ein Verschnittener darf nicht kommen in die G'ttesgemeinde, d. h. er darf eine Ehe mit einer Angehörigen der jüdischen Gemeinde nicht eingehen. Das beweist die von Ibn Esra angeführte Anwendung des Verbots in Kön, I, 11, 2, ferner die Parallelstelle: es soll nicht ein Bastard kommen in die Gemeinde G'ttes oder ein Edomiter oder Aegypter, bei dem erst im dritten Geschlecht die Heirat mit Juden gestattet ist, wo also bis dahin Proselyten untereinander heiraten müssen. Was steht aber in Jesajas? ,,Es sage nicht der Verschnittene: siehe, ich bin ein vertrocknet Holz! Nein, Ich will ihm in Meinem Hause Namen und Denkmal geben." Wo ist da überhaupt ein Widerspruch? Die Klage der Verschnittenen kann - doch nur dahin gehen, daß sie kinderlos sind, so daß der Prophet ihnen sagt: G'tt werde ihnen einen Lohn geben, besser als Söhne und , Töchter. Ein Widerspruch ist überhaupt nicht vorhanden, er wird vorgetäuscht, indem man die Aufnahme in die G'ttesgemeinde so deutet, als könne er gar nicht Jude werden. Was aber ist chinn mit dem, der als Jude geboren ist? Mit geradezu lächerlicher Flüchtigkeit ist die ganze Stelle im Deuteronomiüm behandelt, bloß um einen Widerspruch gegen Jesajas zu konstruieren. Oder König sagt: kann „derselbe Erzähler geschrieben haben, daß die Erde anfänglich von einer Wasserflut umtost wurde (Gen. 1, 2) und daß sie an demselben Anfange wegen Wassermangel keine Pflanzen ernähren konnte (Gen,; •2, 5)?"' In Wirklichkeit aber steht in Vers 2r5";