Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Blätter der Jüdischen Selbstbesinnung Unier ständiger Milarbeil von Oberrabbiner Dr_ Joseph Carlebach in Altona 1. Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 3 Die Göttlichkeit der Tiiora und die Auferstehung der Toten, die Voraussetzung des Judentums. Sprüche der Väter IV, 29. Rabbi Elasar hakappar pflegte zu sagen; „Alle Geborenen sind zu sterben bestimmt und die Toten zum Wiederaufleben und die Lebenden zum Gericht, daß sie es wissen und sich zu Gemüte führen, daß Er, G'tt, der Schöpfer, der Wisser, der Richter, der Ankläger dereinstens sie richten wird; Er, vor dem es kein Unrecht, kein Vergessen, keine Parteilichkeit und keine Bestechung gibt. Wisse es, alles unterliegt der Abrechnung. Und es rede dir nicht deine Leidenschaft ein, daß das Grab dir eine Zuflucht sei; denn gegen deinen Willen wurdest du gebildet, gegen deinen Willen geboren, gegen deinen Willen lebst du und gegen deinen Willen mußt du sterben und gegen deinen Willen wirst du dereinst Rechnung legen müssen vor dem König der Könige, gelobt sei Er." Mischna Sanne drin X, 2. Folgende haben keinen Anteil an der kommenden Welt: wer da sagt: es gibt nach Auffassung der Thora keine Auferstehung der Toten, und wer sagt: es gibt keine Thora vom Himmel ... Dazu bemerkt Maimonides; daß die Thora vom Himmel ist, besagt: wir glauben, daß diese ganze Thora, die uns durch Mosche, unsren Lehrer, gegeben ist, ganz g'ttlichen Ursprungs ist, d. h. daß sie ihm gewissermaßen von G'tt zugesprochen ist, wenn wir auch nicht wissen, wie das geschah. Aber Mosche war es, zu dem sie gesprochen ward, und er war wie ein Schreiber,, dem man etwas vorsagte und der dann alles niederschrieb, sowohl die erzählten Ereignisse wie die Gebote. Darum heißt Mosche der „Griffel" G'ttes. Es ist dabei kein Unterschied zwischen Versen wie: die Kinder Hams waren Kusch und Mizraim, oder: der Name seines Weibes war Mehetabeel, oder: Timnah war Nebenfrau, und Versen wie: Ich bin der Ewige, dein G'tt, und: höre Israel! Alles ist aus dem Munde der Allgewalt, alles ist die Lehre G'ttes, die vollkommene, reine und heilige der Wahrheit. Und würde einer sagen, daß Verse, wie die obengenannten, oder die Erzählungen Mosche aus Eigenem hinzugefügt, heißt er bei unseren Weisen und Propheten der schlimmste Leugner und Entsteller der Thora, weil er annimmt, daß es in der Thora einen Kern und eine Schale gebe und diese geschichtlichen Erzählungen wertlos seien und von Mosche selber stammen. Es sagen die Weisen gesegneten Andenkens: wer glaubt, daß die ganze Thora g'ttlichen Ursprungs sei außer einem Vers, den nicht G'tt gesagt habe, sondern Mosche aus Eigenem, auf ihn heißt es: das Wort G'ttes hat er verachtet. Sondern jeglicher Ausspruch der Thora enthält Weisheiten und Wunder für den, der sie ergründet. Und niemals wird erfaßt die ganze Fülle ihrer Weisheit. Weiter als die Erde ist ihr Maß und breiter als das Meer. Jeder wandle in den Spuren Davids, des Gesalbten des G'ttes Jakobs, der gebetet hat: öffne meine Augen, daß ich die Wunder Deiner Lehre schaue. Mosche ist bewährt in seiner Sendung, wie er selbst über sich sagte: hieraus sollt ihr erkennen, daß G'tt mich geschickt hat, all diese Dinge zu tun, und ich sie nicht aus eigenem Herzen tat . . . Maimonides, Hilch. Teschuwa HI, 5—6. Ganz Israel , hat Anteil an der kommenden Welt, auch wer gesündigt hat, wie es heißt: „dein Volk, alle sind sie fromm, für die Ewigkeit werden sie die Welt besitzen," die Welt ist hier im übertragenen Sinn: die Welt des Lebens, d, h. die kommende Welt. Und ebenso haben die Frommen unter den Völkern der Welt Anteil an der kommenden Welt. Nur folgende haben keinen Anteil, sondern sind für immer verloren und gerichtet, ob der Größe ihres Frevels und ihrer Sünde für alle Zeiten, ... die Leugner der Thora und die Leugner der Unsterblichkeit. Das Recht der Pentateuciikritik. eine neuerliche grundsätzliche Fehde. Die großen politischen Ereignisse der Gegenwart haben den Blick von den wissenschaftlichen Streitfragen abgelenkt. Geistige Auseinandersetzungen, die sonst wohl geeignet wären, die jüdische Welt in atemloser Spannung zu halten, bleiben fast unbemerkt. So gibt es wohl kaum eine Frage; die den denkenden Juden so erfüllt hat wie die Entwicklung der Bibelkritik in der Gegenwart, Sie ist für uns eine Frage von Sein und Nichtsein des Judentums, die Frage der Wahrhaftigkeit und Wahrheit unserer weltgeschichtlichen Position, der Religion überhaupt. Wo heute aber die Stimme G'ttes im Sturme zum jüdischen Ohre spricht, wo Elend und Not und nackte Lebensrettung Hände und Herzen in Anspruch nehmen, da verliert die Frage, was die Theologie zur Echtheit unserer Ueberlieferung zu sagen hat, stark an Aktualität. Aber nur scheinbar. Denn, das von Zweifel aufgewühlte Herz, das in das verhüllte Antlitz des Schicksals schaut, muß eine Deutung seines Erlebens finden, um über sein eigenes Verhalten Rechenschaft, um für alle Zukunft eine Weisung zu haben. Warum hat uns G'tt gestraft? Worüber zürnt Er? Worin müssen wir eine Neugestaltung unseres Lebens vornehmen? Ist es wirklich die Thora, um deren Vernachlässigung willen uns die züchtigende Hand getroffen hat? Aber ist denn die Thora wirklich von Mosche, sollte die Kritik, die ihren mosaischen Ursprung immer wieder bekämpft hat, Unrecht haben? So gehen die Zweifel hin und her, und der Einzelne schaut nicht tief genug hinter die Kulissen der stolzen Wissenschaft, die sich ihm als Inbegriff der Wahrheitsliebe darstellt, xmd so wagt er eine Antwort auf sein Erleben nicht, die sowieso großen Opfermut von ihm fordern würde. Entwicklung und Recht der negativen Kritik haben daher immer noch oder jetzt mehr denn je ein aktuelles Interesse. So möchten wir an einer Fehde nicht vorübergehen, die das Thema der Pentateuchentstehung noch einmal vom Grunde aufgerührt hat und die jedem, der noch Augen hat zum Sehen, den geistigen Star stechen müßte. Der Kampf ging von christlicher Seite aus, vom Kreise des protestantischen Bibelbundes. In dessen Namen schrieb Pastor Willi. Möller in Rackith a. Elbe ein Buch „Die Einheit und Echtheit der fünf Bücher Mosis".1) 1931. Bad Salzuflen. Selbstverlag des Bibelbundes, der bereits in zahlreichen wertvollen Schriften die ,,falschberühmte" Scheinwissenschaft der Bibelkritik bekämpft hat. Dieses Buch, die Frucht 36jähriger Arbeit, sollte kein religiöser Mensch ungelesen lassen. Trotz seiner stilistischen Mängel ist es ganz erschütternd zu lesen. Es ist in zweifacher Hinsicht aufschlußreich: nicht nur in allem, was dort zur Sache selbst dargeboten wird, sondern ebensosehr was wir über die Echtheit des Wahrheitsstrebens, über die . Objektivität der Forschung und die voraussetzungslose Wissenschaftlichkeit der Träger bibelkritischer Arbeit erfahren. Aus diesen Bekenntnissen eines frommen Pfarrers mag sich jeder davon überzeugen, daß in den Fakultäten der Theologie ein blinder Dogmatismus, ein Fanatismus bibelkritischer Negation herrscht. Ll Wer an der Bibelkritik seinerseits Kritik übt, wer an ihren Zweifeln zweifelt, ihrer Skepsis, ihrer Zerstörungsarbeit die Argumente der Bestätigung und Bekräftigung der Tradition entgegensetzt, der ist a priori gerichtet und kann in die lichten Höhen des amtlichen theologischen Paradieses nicht eingehen. Aber weit bedeutsamer und für die Frage wesentlicher sind die Ergebnisse seiner unermüdlichen Forscherarbeit, die Möller in diesem Buche vorlegt. Alle Argumente, die gegen die Einheit des Pentateuch geltend gemacht wurden, sowohl die sprachlichen Differenzen als die sogenannten Dubletten oder Wiederholungen, die religiösen Widersprüche und Unstimmigkeiten, wie vor allem die Verschiedenheit der G'ttesbezeichnung, alle diese Hinweise auf getrennte Quellenschriften werden Punkt um Punkt unter die Lupe genommen und als völlig haltlos dargetan. Bei der Theologie galt immer das Prinzip; die Masse muß es bringen. Jedes einzelne Argument für sich wurde immer als schwach empfunden, aber die unendliche Fülle von Material, die auf den Leser erdrückend wirkte, sollte anstelle des wirklich beweiskräftigen Zeugnisses dienen. Möller unterzieht sich noch einmal der Mühe, jedes Einzelargumeni als null und nichtig zu erweisen. Aus noch so vielen Spinnefäden aber läßt sich ein Seil nicht flechten. Die Kampfansage Wilh. Möllers, der selbst von der Bibelkritik herkommt, hat offenbar selbst in den hermetisch sich gegen die kalte Luft von außen verschließenden Bezirken der Theologie ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Das beliebte Verfahren des Totschweigens war wohl in diesem Falle nicht ganz möglich. Als Kämpfer wurde eine der sympathischsten Gestalten, der Senior der Bibelgelehrsamkeit, vorgeschickt; Professor Eduard König aus Bonn, der mit einer Schrift von ganzen 51 Seiten Möller abtun will.2) Er betitelt dieses Büchlein: „Ist die moderne Pentateuchkritik auf Tatsachen begründet?" Hier stock' ich schon. Diese Problemstellung ist offenbar eine ganz unmögliche, sie ist — wir finden keinen anderen Ausdruck — ein Sophismus. Worauf sollte sie sich denn sonst gründen als auf Tatsachen? Nehmen wir ein Beispiel: eine Stelle A in der Bibel steht mit einer Stelle B in Widerspruch oder scheinbar in Widerspruch. Das ist eine Tatsache. Es fragt sich, wie ist dieser Widerspruch zu' erklären? Das Faktum, einer Diskrepanz zwischen A und B '-) Ch. Beiser. A.-G. Verlagsbuchhandlung. Stuttgart 1933.