Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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8, März 1934 Der I s r a e 1 i t Nr. 3 Seite 3 das nicht, was König behauptet. Den Pflanzen, so bemerkt Hirsch in seinem' Kommentar, war. noch kein Wächstum gegeben, das bedeutet' das Wort Siach an dieser Stelle; auf Erden war noch keine Entwicklung wie auf dem Ackerfelde;,, denn dazu gehört Regen und die Arbeit des' Menschen, der noch nicht geschaffen war. Jedenfalls hat den sog. Widerspruch der Midrasch Rabba z. St.* längst bemerkt und ins Licht gestellt, indem er sägt, daß das zweite Schöpfungskapitel die Bedeutung des Menschen in der g'ttlicheu Fürsorge zum Ausdruck bringen will; die ackerbauende, gärtnerische Tätigkeit des Menschen und der dazu erforderliche Regen als ständige Gabe G'ttes seien nicht von Urbeginn an gewesen, sondern erst nachdem der Mensch geschaffen war, ist auch dem Regen seine Rolle auf Erden zuerteilt. Diese/ Bemerkung des Midrasch geht ganz aus der Gesamttendenz des zweiten Kapitels hervor, das die besondere Bedeutung des Menschen und die Fürsorge G'ttes für des Menschen Zukunft beleuchtet; Die Konstruktion eines Widerspruchs bei König ist rein mechanisch, sie will nicht auf die Tiefen des Zusammenhangs eingehen. Wer aber die Bibel liest als das Wort G'ttes, dem wird nach dem allgemeinen Schöpfungsbericht zu Anfang im 2, Kapitel ein neuer Aspekt gegeben, aus dem heraus die Dinge zu verstehen sind. So kommt erst hier die Waltung der Vorsehung im Regen zu ihrer besonderen Hervorhebung. Wir aber fragen: an solchen Argumenten, die jedes Schulkind in ihrer Hohlheit entlarven kann, sollen wir starrköpfigen Traditionalisten zur Einsicht gebracht werden? Nein, so leicht erschüttert man einen Bau nicht, der vier Jahrtausende standgehalten; Papierkugeln zertrümmern die Zyklopenblöcke der Tempelmauer nicht. Es tut uns zwar im Herzen weh, daß wir König in der Gesellschaft der Bibelkritiker sehen, aber er muß sich gefallen lassen, wenn er Kegeln schiebt, daß ihm der Kegeljunge sagt, wieviel er. getroffen hat. Auf welche Tatsachen gründet sich die moderne Peitateochkritik? Wir wollen einmal unsererseits die Frage Königs aufwerfen, die wir als Ueberschrift vorangestellt, Es ist gewiß kein Zufall, daß der Schöpfer der Bibelkritik Spinoza gewesen; er, der philosophisch den persönlichen G'tt leugnete, mußte notwendig fühlen, daß an einem Dokument alle seine Thesen zerscheitern müßten: an der Bibel, der Urkunde der G'ttesoffenbarungen, der historischen Beglaubigung des freien g'ttlichen Willens. Wenn die Erleuchtung der Propheten aus tatsächlicher G'ttbegegnung erfolgt war, wenn die wunderbare Vorsehung eines die Geschichte gestaltenden und leitenden, G'ttes in Israels Vergangenheit beglaubigt war, kurz, wenn die Bibel Wahrheit ist, dann ist eben G'tt nicht eine weltimmanente Kraft, nicht die ewige Notwendigkeit der Natur, nicht die Weltsubstanz, dann ist der Ethik Spinozas der Boden entzogen. Nebeneinander konnte der G'tt Israels und der G'tt Spinozas nicht Wahrheit sein. Darum mußte von ihm dieses Dokument beseitigt, seine Wahrhaftigkeit erschüttert werden. Richtig fühlte er nun in der Thora das wesentliche und entscheidende Buch, dem es den Todesstreich zu versetzen galt. Hier aus dein Pentateuch sprach ebenso gewaltig das G'tterleben des größten Propheten wie die geschichtlichen Erfahrungen eines Millionenvolkes, die in ihrer Einzigkeit überwältigend sind. Wenn Mosche wirklich der Verfasser war, hätte er seinen Zeitgenossen Erlebnisse als von ihnen erlebt vortäuschen können, ohne sich , vor ihnen als Betrüger zu entlarven? Unmöglich hatte er seiner Generation zu sagen vermocht, was in seinem Buche niedergelegt ist, ohne daß es tatsächliches Geschehen: gewesen! Das Problem spitzte sich also dahin zu, ob der Pentateuch von Moses stammte oder nicht. Allen Scharfsinn galt es aufzuwenden, um zu beweisen, daß das Buch Produkt späterer Epochen war, die ihrer Phantasie freien Lauf lassen und über die Vergangenheit ungestraft den Nimbus sagenhafter Verklärung breiten konnten. So gewinnt die Frage der Verfasserschaft des Pentateuch, die an und für sich die gleichgültigste Frage der Welt sein sollte, gegenüber aller mit Spinoza einsetzenden pantheistischen Philosophie eine entscheidende Bedeutung. Die Wirklichkeit der Offenbarung, ein G'tt, der den Menschen anspricht und vom Menschen ange- . sprochen werden kann, hat sich durch die Bibel ein solch einzigartiges Denkmal gesetzt, daß jeder, der G'tt zu einer bloßen Idee, zu einer pantheistischen Weltkraft verflüchtigen will, zu der Entscheidungsfrage gezwungen wird; wie entkräftigst du die Zeugenschaft dieser Urkunde von dem G'tt der Religion? Spinozas Schrift war eine Tendenzschrift, ein „politisch-theologischer" Traktat und schon deshalb in seiner wissenschaftlichen Unvoreingenommenheit höchst verdächtig. Er sollte die Freiheit des Denkens und die absolute Macht des Staates gegenüber seinen kirchlichen Gegnern verteidigen, die sich z. T. auf die Bibel beriefen, um das Primat des Religiösen auch für die Staatsverfassung zu beweisen. Diesen Bestrebungen gegenüber sollte Religion als Weltanschauung, als geistige Macht überhaupt diskreditiert werden, die für ihren geistigen Gehalt eine Autorität nicht beanspruchen könne. Nachdem ich mir hierüber klar geworden war, war es mir nicht schwer zu behaupten, daß die Autorität der Propheten nur in solchen Dingen Gewicht haben könne, welche den Lebenswandel und die wahre Tugend betreffen, im übrigen aber ihre Ansichten uns wenig angehen . . . Auch werde ich zeigen, daß die Art, wie dies in der Bibel gelehrt wird, der Fassungskraft und Denkweise derer entsprach, welchen die Propheten und Apostel das Wort G'ttes zu predigen pflegten, und zwar deshalb, damit es die Zuhörer ohne Widerstreben und mit ganzer Seele beherzigen. (Spinoza: der theologisch-politische Traktat, Reklam Vorrede S. 31 u. 32). Einen Sturm der Entrüstung in allen religiösen Lagern rief diese zunächst anonym erschienene Schrift Spinozas hervor. Es gab nicht einen Theologen, der nicht in vollkommener Erkenntnis, daß hier die Axt an die Wurzel alles Glaubens gelegt war, sie in toto ablehnte. Die Bibelkritik galt zunächst keiner religiösen Richtung als legitime Wissenschaft. Erst als nach der Aufklärungsperiode, nachdem Kant das Primat der. menschlichen Vernunft gegenüber aller Offenbarung siegreich in der Wissenschaft durchgefochten und unter dem Einfluß der Naturwissenschaft der Gedanke einer natürlichen Entwicklung sich eine Skepsis gegen alles Geniale, Intuitive, in großartiger Plötzlichkeit und Einmaligkeit sich abspielendes Geistesgeschehen erzeugt hatte, fühlte sich die Theologie der Universitäten in ihrem Beruf einer Hüterin der Offenbarungen als eines unvergleichlichen singulären Geschehens, als einer Durchbrechung der ewig gleichgestellten Uhr im Gedankenfortschritt der Menschen isoliert und schwach. Sie wollte nicht länger methodisch ein grundsätzlich Verschiedenes sein von den andern Disziplinen der Hochschule. Vom Unglauben angekränkelt, wollte sie das Irrationale rationalisieren, das Außerordentliche alltäglich machen, Himmel und Erde mit gleichem Maße messen. Die Bibel mußte ein literarisches Produkt wie alle sein, Ergebnis einer durch die geschichtliche Stunde, durch kulturelles Milieu, durch geographische Gegebenheiten in allen ihren Teilen bedingten Entwicklung. Da aber die Bibel,, wie sie vorlag, dem nicht entsprach, da ihre Gedanken Zeit und Raum sprengten, ihre Weite über alle menschliche Bedürftigkeit und Enge hinauswies, so mußte sie vergewaltigt und alle ihre Angaben, die Ordnung ihrer Bücher, der Rhythmus ihrer Gedankenschritte auf den Kopf gestellt werden. Diesen Dienst^ leisteten ihr die W e 11 h a u s e n, G r a f f, G u nk e 1 u. a. Sehr leicht ging es allerdings nicht. Cornill klagt in seiner „Einleitung in das Alte Testament" (1896) über die großen Differenzen in der Ansetzung der einzelnen Stücke des Pentateuch. Aber er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Zeit nicht mehr fern sei, wo die Ansetzung des Priesterkodex sich der nämlichen allgemeinen Billigung erfreue wie heutzutage die Ansetzung des Deuteronomiums. Und er fügt hinzu: „Und viel und Großes steht auf dem Spiele. Denn es handelt sich dabei um nichts Geringeres, als darum, ob uns überhaupt ein Verständnis der israelitischen Religionsgeschichte möglich sein soll, ob G'tt in der nämlichen Weise, in welcher er sich immer und überall in der Geschichte offenbart und betätigt, sich auch in ihrer größten und bedeutsamsten Erscheinung, eben der israelitischen Religionsgeschichte, offenbart und betätigt h a b e.1) Man mache doch endlich Ernst mit dem Worte des Apostels, daß G'tt nicht ein G'tt der Unordnung ist, und lasse das Geschrei über Darwinismus in der Theologie, wenn wir uns bemühen, in der Geschichte der Offenbarung eine höhere (!) Ordnung und ein organisches Werden zu erkennen und nachzuweisen. Natürlich und naturalistisch ist zweierlei: sollte es wirklich G'ttes unwürdig sein, wenn es natürlich hergeht, und ist nicht schließlich das Natürliche selbst das größte Wunder?'" Der Wunsch als Vater des 'Gedankens spricht sich hier ganz unverblümt und einfach aus. Bibelkritik beruht auf der Tatsache, daß die Forscher aus philosophischer Voreingenommenheit die rationale Entstehung der Bibel erzwingen wollten. So ergibt sich uns als erste Antwort auf unsere Frage: auf welcher Tatsache die Pentateuchkritik sich gründet? Auf der Tatsache des blinden, durchgängigen,' ilachen Rationalismus. Inzwischen hat sich der Gesichtspunkt verschoben. Immer deutlicher trat es in den Vordergrund, was man mit allen bibelkritischen Konstruktionen wollte: den Nachweis führen, daß der „Judaismus" den Niedergang der Religion bedeute, daß die Propheten zwar einen großen religionsgeschichtlichen Aspekt eröffnet hätten, aber dann durch Esra der Verfall ins „Jüdische", in das Gesetz und in den Kultus gekommen sei, von dem erst das Christentum die Befreiung gebracht habe. Darum mußte der in dieser Richtung genügend appretierte Priesterkodex immer später angesetzt werden, darum mußte Esra der geistige Vater des „im Gesetzlichen erstickenden" Judentums werden, darum wurde das Judentum ein Begriff, den man nicht ohne Beigeschmack charakterisieren konnte. Unbewußt war diese Tendenz natürlich auch schon den Vätern unserer Generation der Bibelkritik zu eigen. Auch hierin, im blinden Haß gegen das Judentum und seiner böswilligen Verleumdung, ging Spinoza der Bibelkritik zielgebend voran: „Die Liebe der Hebräer zu ihrem Vaterlande war also keine gewöhnliche Liebe, sie war Frömmigkeit, welche zugleich mit dem Haß gegen die andern Völker durch den täglichen G'ttesdienst (!) so gehegt und genährt wurde, daß sie zur zweiten Natur werden mußte.. Denn ihr täglicher G'ttesdienst war nicht bloß ganz anderer Art als der G'ttesdienst der andern Völker, (woher es auch kam, daß sie eine ganz eigentümliche und scharf abgesonderte Stellung unter allen Völkern einnahmen,) sondern geradezu gegen diesen gerichtet. Aus solcher täglich wiederkehrenden feindseligen Erwähnung mußte ein dauernder Haß entstehen, der tiefer als irgend etwas in der Seele wurzelte; denn es war ein aus großer G'ttt) Von uns gesperrt.