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Der Israelit · 1934-03-08 · Heft 10 (8.3.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 10 (8.3.1934)
Date
1934-03-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 9 1934 >% xjt : ' »v-«i<j «Mi In Todesgefahr- Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. C-,, (Fortsetzung.) Deine Verschwiegenheit kenne ich, drum höre: Der Fürst entbrannte in leidenschaftlicher Liebe für die Tochter eines armen Edelmanns und wollte sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin erheben. Sie jedoch, die in treuer Liebe an einem andern hing, wies, den Antrag des Fürsten zu rück, und von rasender Wut erfaßt, schwur dieser, sie mit Gewalt zu entführen. In dunkler Nacht befahl er mir, fünf Pferde satteln zu lassen und drei der handfestesten Knechte .mitzunehmen. So ritten wir dem Landgut jenes Edelmannes zu, und hier entstand bald ein wütendes Handgemenge zwischen unseren Knechten und denen des Edelmannes. Da trat plötzlich das Fräulein aus dem Schlosse, um ihrem Vater beizustehen. Als der Fürst sie gewahrte, schlang er die Arme um ihren Nacken, in der Absicht, sie gewaltsam mit sich zu schleppen. Doch das Mädchen entwand sich seiner Umarmung, und als sie die Hände frei hatte, versetzte sie dem Ahnungslosen eine schallende Ohrfeige. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, kehrte der Fürst nach seinem Palaste zurück, den er schon am anderen Morgen verließ, um seit der Zeit unstet von Land zu Land zu ziehen. Aber überallhin begleitet ihn das Bild der Geliebten, welche er seit jener Zeit noch rasender liebt, so daß wohl keine Frau der Welt für ihn mehr Interesse hat . . . Was ist das?", unterbrach sich Reitan und horchte nach der Straße hinaus, von wo sich in diesem Augenblicke der langgezogene Ton einer Trompete vernehmen ließ. „Zweifellos ist ein Eilbote vom Fürsten angelangt, und ich muß schnell in den Palast, Sollte etwas Wichtiges vorgefallen sein, so wirst Du es noch heute erfahren." Dabei kleidete er sich rasch an und stürmte mit eiligem Gruße aus dem Zimmer. Viertes Kapitel. Reb Schachne durchmaß mit großen Schritten, in Gedanken verloren, das Zimmer, während er eine der Melodien des Versöhnungstages vor sich hinträllerte. In seinem Hingrübeln hörte er es nicht einmal, wie seine Frau ins Zimmer trat, um den Tisch abzuräumen. Erst als sie bei der Türe war, wendete Frau Goldele den Kopf und fragte: „Wie lange wirst Du noch im Zimmer hocken? Geh' lieber ins Freie, damit Dein Kopf nicht wieder zu schmerzen beginnt." „Köpf?", fragte Reb Schachne und starrte seine Ehehälfte verblüfft an. „Welcher Kopf?" „Welcher Kopf?.!" wiederholte sie lachend. „Nun? Deiner, aber warum siehst Du mich so befremdet an? Erkennst Du mich denn nicht?" „Ah, Goldele!" rief Reb Schachne freudig, wie wenn er sie wirklich erst jetzt erkannt hätte „Was hast Du gesagt, Goldele?" „Daß Du ein wenig ausgehen sollst, um frische Luft zu schöpfen." „Recht hast Du, Goldele, Du bist wirklich gescheit. Laß mir nur Mütze, Rock und Gürtel bringen!" Reb Schachne legte die gewünschten Kleidungsstücke an, nahm seinen Stock und verließ das Haus, gefolgt von seinem Bedienten Jekel, einem stämmigen Burschen, der sich immer putzte und seine schwarzen Schläfen-Locken kräuselte. Reb Schachne's Haus lag in der Hauptstraße, der schönsten und breitesten des Ortes, den sie in seiner ganzen Länge durchzog von der Ostseite bis zum Palaste des Fürsten, der von einer Anhöhe in stolzer Pracht herniederblickte. Mitten durch die Straße zog sich eine schattige Baumallee, die zu beiden Seiten von schmucken, gleichförmig gebauten Häuschen eingesäumt war und sich auch durch den Vorzug großer Reinlichkeit vor den anderen Straßen auszeichnete. Der eigentliche Verkehr konzentrierte sich in einem anderen Stadtteile, in dem die Jahrmärkte abgehalten wurden, die Gasthäuser, Weinstuben, Kramläden und Handwerkerbuden lagen. Nur an Sabbat und Festtagen zeigte die Hauptstraße regeres Leben, wenn die Juden dort lustwandelten, die Hände behaglich auf den Rücken gekreuzt, mit vollen Zügen die frische Luft einatmend und an dem Anblicke des schönen fürstlichen Palastes sich ergötzend. Um so mehr mußte es Reb Schachne, als er aus seinem Hause heraustrat, auffallen, daß an diesem Abende ein buntes Gewimmel die Hauptstraße durchflutete. Die Bewohner des Städtchens, Männer, Frauen und Kinder waren von allen Seiten herbeigeströmt, standen in Gruppen zusammen und besprachen das unerwartete Ereignis, das sie zu so ungewohnter Stunde versammelte. „Guten Abend, Reb Schachne, guten Abend!" begrüßte die Menge den „Gewir", indem sie zur Seite drängte, um ihm Platz zu machen. „Gut Jahr, liebe Leute, gut Jahr!" grüßte der „Gewir" zurück, indem er nach allen Seiten mit dem Kopfe nickte und behäbigen Schrittes mitten durch die sich ihm öffnende Straße dahinging. „Was hat Euch denn heute Abend so zahlreich hier versammelt, daß Ihr in so später Stunde noch wach seid?" „Wer kann denn in einer so mondhellen Nacht an Schlafen denken?" erwiderte einer aus der Menge. „Mit knurrendem Magen schläft sichs nicht gut," schaltete ein buckliges Männlein ein, indem es auf die harten Zeiten anspielte. Reb Schachne seufzte bei diesen Worten schwer auf und schritt weiter. „Wissen Sie schon, daß soeben ein Kurier in den Palast ritt?" fragte ein anderer und trat vor den „Gewir" hin. „Ja, das weiß ich!" „Kommt er vom Fürsten?" „Das weiß ich nicht, aber es ist möglich." „Ein sehr wichtiger Bote," berichtete jener „er blies auf einer Trompete und trug eine Reisetasche auf der Brust." „Nein, glauben Sie ihm nicht, Reb Schachne", widersprach der Bucklige. „Er trug keine Reisetasche auf der Brust; ein Futtersack hing an seinem Sattel, sonst nichts" ... „Nicht ein Futtersack, sondern eine Reisetasche". „Nein, eine Reisetasche und kein Futtersack!" „Bin ich denn blind?" „Und habe ich keine Augen?" „Einen großen Buckel hast Du, keine Augen". „Und Du zwei feiste Backen, die bald mit meiner Hand Bekanntschaft machen werden!" „Wißt Ihr nicht, liebe Leute, ob die Versammlung schon zu Ende ist?", suchte Reb Schachne dem Gezanke ein Ende zu machen, das nahe daran war, in ein Handgemenge auszuarten. ,Schon lange," wurde ihm erwidert. ,Nein, sie hat noch nicht geendigt!" schrie ein anderer. Reb Schachne bog in eine Seitengasse ein, die auf einen Platz führte, auf welchem mehrere kleine, traurige Häuschen eng zu einem Haufen sich zusammenrückten, wie wenn sie auf einander sich stützen wollten, um nicht zusammenzustürzen. Diese Gasse nannte sich „das Judenviertel" oder „der Synagogenhof''. Kaum hatte Reb Schachne einige Schritte zurückgelegt, als sich hinter ihm mehrere Stimmen vernehmen ließen: „Reb Schachne, schauen Sie doch hin! Vom Palast her kommen eine Menge Reiter!" Der Angerufene wandte sich wieder der Hauptstraße zu, durch welche soeben einige Reiter im schnellen Galopp dahinsprengten. „Eins, zwei, drei, vier, fünf!" zählte die Menge. „Fünf Reiter! Fünf Boten zu Pferde! Das muß etwas bedeuten! Gebe G'tt, daß es nur zum Guten wird!" „Amen! Amen!" erwiderten die Umstehenden und seufzten still vor sich hin. Wer konnte wissen, ob das unerwartete Ereignis Gutes oder Böses bringen werde? In der ganzen, vor wenigen Augenblicken noch von vielen Stimmen widerhallende Gasse herrschte jetzt feierliche Ruhe, so daß man in der Ferne das Getrabe der Pferde vernehmen konnte. Die „Menge" Reiter, welche das Volk so sehr aufregte, gab auch Reb Schachne zu denken. „Jekel", wandte er sich zu seinem Bedienten, „laufe rasch in die Kahlstube und sage dem Rabbiner und den Vorstehern, daß ich sie bitte, mich in meiner Wohnung zu erwarten. Ich gehe in den Palast und werde in einer Stunde zurück sein." Dabei glättete er seinen Bart, setzte sich die Mütze zurecht und lenkte die Schritte dem Palaste zu, dessen bunte Scheiben im Mondlichte glitzerten, so daß er das Aussehen eines in der Luft schwebenden Zauberschlosses hatte. „Platz machen! Platz machen!" schrieen mehrere Stimmen aus der Menge, die sich teilte, um Reb Schachne einen Durchgang zu gewähren. „Unser Reb Schachne — G'tt schenke ihm langes Leben! — geht in den Palast, von wo er uns mit G'ttes Hilfe freudige Botschaft bringen wird". „Mög' es so kommen!" stimmten alle ein, während sie sich zusammendrängten, um dem „Gewir" Platz zu machen. „Es ist höchste Zeit, daß sich G'tt unserer erbarmt!" In dem Hofraume vor dem Palaste herrschte reges Leben. Die ganze Dienerschaft, vom Kammerlakai bis zum geringsten Stallknecht, tummelte sich hastig, im geschäftigen Durcheinander. Die Stallknechte sattelten die Pferde, die Kutscher untersuchten die Wagen, die Eisenschmiede liefen mit ihren Hämmern und Zangen von Stall zu Stall, wo es überall Arbeit in Fülle gab . . , Reitan stand auf dem Balkon, das Oberkleid über die Schulter geworfen, in der rechten Hand eine Reitpeitsche schwingend und erteilte seine Befehle, deren Ausführung nicht rasch genug zu gehen schien. Immer wieder stampfte er mit den Füßen und knirschte mit heiserer Stimme: „Schnell, tummelt Euch! Wie' das kriecht! Saumseliges Gesindel, macht, daß Ihr vorwärts kommt!" „Was ist denn los?", fragte Reb Schachne, nachdem er sich zwischen den hin- und herlaufenden Dienern bis zum Balkon durchgearbeitet hatte. „Schachne, Freund, ich kann kaum mehr atmen," ächzte Reitan, sich wie verzweifelt den Hinterkopf krauend, „ich stecke bis an den Hals in Arbeit. Der Kopf geht mir wie ein Mühlrad. Mit diesem saumseligen Gesindel ist nicht fertig zu werden!" „Was ist denn vorgefallen?" „Geh* nur auf mein Zimmer! Dort findest Du auf dem Schreibtisch zwei Briefe, die Dir über alles Aufschluß geben werden. Ich muß hier bleiben, denn ich habe noch so viel Arbeit vor mir, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll," (Fortsetzung folgt.)

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