Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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- Tiberias 4× ep/1048138
- Riga 1× ep/1000826
- Safed 1× ep/1046078
- Slonim 1× ep/1000502
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Seite 8 Nr. 10 Der Israelit 8. März 1934 autorität ist und in jeder Beziehung für dieses Amt prädestiniert erscheint. Im großen Jeschiwa-Saale fand eine Prüfung von 50 Talmidim der Lubliner Jeschiwa statt, welche noch zu Lebzeiten des Lubliner Raws dazu ausersehen waren, den Titel pm» «mijt zu erhalten. Die Prüfung ergab ein überwältigendes Resultat. Interessant ist ein Vorschlag, der vom Kosiklower Raw bei dieser Zusammenkunft in Lublin gemacht wurde und sich auf die Vervollkommnung des D a f J o m i bezieht. Bekanntlich sollte der Gedanke des Daf Jomi, der vom Lubliner Raw in die Welt gesetzt wurde, dazu führen, daß auch der Durchschnittsjude, der im Erwerbsleben steht, auf einfache Weise ganz S c h a s s durchlernen kann Nun wurde aber in Wirklichkeit ganz Schaß nicht gelernt, denn die beiden Sedorim „Seroim" und „Taharos" bestehen ja zum größten Teile aus Mischna und waren deswegen bisher in den allgemeinen Daf Jomi nicht einbezogen. Es wurde also eine Erweiterung des Daf Jomi in dem Sinne vorgeschlagen, daß täglich außer dem fälligen Blatt Gemoro auch eine Mischna aus „Seroim" und „Taharos" gelernt werde. Der Antragsteller hat gleich ausgerechnet, daß man mit der Verwirklichung dieses Vorschlages am 7. Adar beginnen müßte, um genau am Tage der programmäßigen Schaßbeendigung auch diese beiden Sedorim beendigt zu haben. Der Vorschlag wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Eine weitere yerschärfung im Touristenverkehr von Polen nach Palästina. Warschau, 2. März. Das englische Konsulat in Warschau weigert sich in letzterer Zeit, auch gegen Entrichtung der bisher üblichen Kaution von 1800 Zloty und den Nachweis des Besitzes von vierzig Pfund bei der Landung in Palästina Touristenvisa zu erteilen. Als Grund gibt er an, daß solche Touristen, die nicht durch Vermittlung einer Touristenorganisation, sondern sich direkt ans Konsulat wenden, auch bei Erfüllung obiger Bedingungen immer noch im Verdachte stehen, im Lande bleiben zu wollen. Es könne angenommen werden, daß in solchen Fällen eine Touristenorganisation keine Verantwortung für die Rückkehr der Auswanderer übernehmen wollte. Eine Krisis in der Lodzer Kehillaverwaltung? Lodz, 2. März. Durch die zionistische Presse wurden Gerüchte verbreitet, daß der bekannte tatkräftige Präses der Kehilla, Herr Münzberg, mitsamt aller seiner agudistischen Gesinnungsgenossen, die zu 75 Proz. in der Kehillaverwaltung vertreten sind, demissioniert hätten. Daß hier der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ist klar. Aber etwas ist, wie auch das „Jüdische Togblatt" zugeben muß, nicht in Ordnung in der Lodzer Kehilla, wo die Aguda im Gemeindeparlament wie im sozialen Leben dominiert und dennoch ganz unverständlicherweise die eigentlichen Agudainstitutionen nur vegetieren. So ist sogar das Agudalokal schon seit Wochen geschlossen und die Agudisten sind ihrer Heimstätte beraubt. Das kommt daher, weil die mit Hilfe der Aguda gewählten Ratmänner, also die eigentlichen Vertreter der Aguda, von der großen Gemeindepolitik ganz absorbiert werden, so daß ihnen keine Zeit noch Sinn für die engere Agudaarbeit übrig bleibt. Der Vorsitzende des A. C. der Agudas Jisroel, Rabbi Fischel Liebermann, erklärte mit Rücksicht auf die Passivität in den „hohen Kreisen" seinen Rücktritt, und damit trat die Stagnation in der ganzen Agudaarbeit ein, just zu einer Zeit, da die kommenden Stadtratwahlen und der Ausbau der Chinnuchinstitutionen zur gesteigerten Arbeit rufen. Eine Ausnahme bildet allerdings die Aktion zur Aufbringung der Million für Ker.en Haj i s c h u w , die nach wie vor in vollem Gange ist. Aber sollte eine ernstliche Krise vermieden werden, mit der grotesken Tatsache, daß unter agudistischer Verwaltung in Lodz die Aguda zu einem Nichts zusammenschrumpft, so wäre es höchste Zeit, daß das Agudalokal geöffnet und die interne Agudatätigkeit, ähnlich wie in Warschau, mit neuer Kraft wieder aufgenommen würde. Litauen. Litauischer Innenminister verspricht Schutz gegen antisemitische Boykottpropaganda. K o w n o , 26. Febr. Eine Abordnung des Rabbinerverbandes besuchte den Innenminister Oberst D u s t a j k o und forderte von ihm Abhilfe gegen die in verschiedenen Gegenden Litauens betriebene gefährliche Judenhetze. Als Beispiel führte die Abordnung an, daß in S i a d der Leiter der Ortsschule die Schulkinder an einem Markttag vor jüdische Geschäfte postierte, damit sie die den Markt besuchenden Bauern daran hindern, bei Juden zu kaufen. Der Innenminister versprach Einleitung einer Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen. Zunächst wurde die Versetzung des Lehrers, von dem die Boykottpropaganda ausging, veranlaßt. Lettland. Einbau des Minderheitenrechtes in die lettländische Verfassung beantragt. Riga, 2. März. Im Zusammenhang mit den Vorarbeiten für eine Aenderung der lettländischen Verfassung wurde in der zuständigen Sejmkommission ein Antrag auf Einbau des Minderheitenrechtes in die Verfassung gestellt. In einem besonderen Punkt der Verfassung soll die Sicherung nationalkultureller Auionomie für die Minderheiten Lettlands gewährleistet werden. Bisher enthielt die lettländische Verfassung eine derartige Bestimmung nicht. Die den Minderheiten gewährte Autonomie auf dem Gebiete des Schulwesens hielt sich im Rahmen der Bestimmungen des geltenden Gesetzes über Volksbildung und Unterricht. England. Englische Juden iür notleidende Oesterreicher ohne Unterschied der Konfession. London, 22. Febr. Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz hat an die englische Judenheit einen Appell gerichtet, in dem er sie auffordert, sich an der vom Oberhaupt der römischkatholischen Kirche in England, Kardinal Bourne, eingeleiteten Hilfsaktion zugunsten der infolge der jüngsten Ereignisse in Oesterreich notleidend gewordenen Familien zu beteiligen. Chiefrabbi Hertz erklärt in seinem Aufruf, er habe, noch bevor die Nachrichten von der schweren Notlage mancher Teile der österreichischen Bevölkerung eingetroffen waren, dem tiefen Mitgefühl Ausdruck gegeben, das die Judenheit ebenso wie die übrigen großen religiösen Gemeinschaften angesichts dieser menschlichen Tragödie für die Betroffenen empfunden habe. Die jetzt von Kardinal Bournes so beredt zum Ausdruck gebrachten Gefühle brüderlicher Menschenliebe würden gewiß in jedem jüdischen Herzen ein Echo wecken. Die Führer der großen jüdisch-religiösen Verbände Englands, Lionel de Rothschild und Sir Robert Waley Cohen, hätten sich mit ihm zu diesem Aufruf vereinigt, der sich an alle richte, die willens und in der Lage seien, die Not dieser von schwerem Leid betroffenen Bevölkerung ohne Rücksicht auf Rassenzugehörigkeit, Bekenntnis oder politische Einstellung zu lindern. Kardinal Bourne hat an Chiefrabbi Dr. Hertz ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Mit aufrichtiger Freude haben wir vernommen, daß Eure Menschen bereit sind, an der Linderung der Not mitzuhelfen. Möge G'tt Eure Großmut vergelten!" Palästina. Das verwaiste Tiberias. T i b e r i a s , 2. März. Zu dem Ableben unseres Raw, Rabbi Mosche Kliers, über das Sie bereits eingehend berichteten, sei hier noch folgendes nachgetragen. Rabbi Kliers wurde im Jahre 5636 in Safed geboren und erwarb sich in jungen Jahren, als Ilui bekannt, auch in den litauischen Thorazentren, u. a. beim Brisker Raw Rabbi Chajim Soloweitschik, die Rabbinatsautorisation, Er war gerade in Slonim und erst einigeundzwanzig Jahre alt, als ihn der Ruf auf den Rabbinersitz in Tiberias erreichte, dem er nur auf Drängen der litauischen Gaonim folgte. Sofort gründete er. dort die Jeschiwa „Or Thora" am Grabe von Rabbi Meiir baal Haneß, die bald zum Zentrum des Thoralebens in Galiläa wurde. Im Jahre 5664 erschien sein Werk psn Tino über Geschichte und Bedeutung der Stadt Tiberias. Das talmudisch und wissenschaftlich bedeutende Buch ist bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Als vor einigen Jahren ein reicher Amerikaner sich bereit erklärte, eine Neuauflage zu finanzieren, überredete ihn der Rabbi, den Betrag lieber seiner Jeschiwa zukommen zu lassen. Vor zehn Jahren etwa erschien der erste Teil seines großangelegten Werkes pRfl min über die Vorschriften, die mit dem Palästinaboden verbunden sind. Der zweite Teil lag vollkommen druckfertig, als der Rabbi plötzlich die Augen schloß*. Seit 1929, da sein ältester Sohn, wie so viele, von Mörderhand umgekommen war, zehrte am Rabbi eine Herzkrankheit, die sich durch die späteren Sorgen um der Bestand der Jeschiwa noch steigerte. Der Tod trat plötzlich ein, als er abends gerade im Bette das Schma-Gebet verrichtete. In einem hinterlassenen Schreiben bittet er, von He spedim und großen Nachrufen in den Zeitungen abzusehen und sein Andenken nur durch Lernen und Unterstützung seiner Jeschiwa zu ehren. Die Bestattung gestaltete sich zu einer gewaltigen Trauer- und Ehrenkundgebung, bei der fast alle Rabbinen Jerusalems zugegen waren. Nur Oberrabbiner Duschinsky durfte ein paar Worte sprechen, die die Menge in Ergriffenheit anhörte. Tiberias war bisher die einzige Stadt, deren Rabbiner vollkommen selbständig und unabhängig vom ■ Oberrabbiner in Jerusalem seines Amtes waltete. Man darf hoffen, daß die Einheit und Geschlossenheit des Thorajudentums in Tiberias auch für die Zukunft gewahrt bleibt. - Purim in Tel Awiw. Tel Awiw, 4. März. Noch bunter und intensiver denn sonst machte sich dieses Jahr am Purim das lustige Treiben auf den Straßen bemerkbar.' Die Beteiligung hatte mit 100.000 Menschen aus dem ganzen Lande einen Rekord erreicht. Die Polizei schätzt sogar die Zahl der Menschen auf der Straße noch weit höher, konstatiert aber zugleich, daß sich das Fest in musterhafter Ruhe und Ordnung bei einer beispielhaften Selbstdisziplin der Massen abwickelte, so daß sich nirgendwo Anlaß zum Einschreiten bot. Es gab keine Zusammenstöße und keine Ausschreitungen, man sah auch keinen Betrunkenen unter der Menge. Die einzige Anzeige, die bei der Polizei vorliegt, stammt von einem amerikanischen Touristen und betrifft den Verlust einer Brieftasche mit 1000 Dollar. Der F e s t z u g , der dieses Mal, wie zu erwarten war, vielfach Motive der neuen deutschen Einwanderung zeigte, aber, wie üblich, auch alle Wünsche. Nöte, Forderungen und Hoffnungen in Stadt und Land in Bild und Karikatur zum Ausdruck brachte, wurde sehr bejubelt.' Die einzelnen Kolonien und Kwuzoth reihten wie immer ihre herrlich geschmückten und mit Mustern ihrer Produkte reich beladenen Wagen in den Festzug ein. Ungeheuren Jubel lösten die prachtvollen Kindergesichter auf einzelnen Wagen, echtes p«n mxw, aus. Bei allem Festtrubel auf der Straße waren am Mittwoch abend wie Donnerstag morgen alle Synagogen vollgefüllt. Das große Armenheer, das aus dem ganzen Lande an diesem Tage der jüdischen Wohltätigkeit in der neuen Stadt zusammengeströmt war, hatte reiche Ernte. Im Gewühle der Straße sah man sehr viele Araber, die besonders aus dem nahen Jaffa gekommen waren, um friedlich und freundriachbarlich das Fest der Juden mitzufeiern. Und denn doch Zusammenstöße! Tel Awiw, 5. März. Nach Purimausgang und ganz unabhängig von den festlichen Veranstaltungen ' gab es doch noch einen blutigen Zusammenstoß, und zwar zwischen dem „Hanoar Hazioni" und dem revisionistischen „Brith Trumpeldor". Es gab auf beiden Seiten Verletzte, 24 von diesen wurden im Hospital behandelt, zwei Schwerverletzte, unter' ihnen Josef S t a v s k y4, ein Bruder des Abraham Stavsky, müssen sich einer längeren Spitalsbehandlung unterziehen, Zwei Personen wurden verhaftet.