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Der Israelit · 1934-03-08 · Heft 10 (8.3.1934) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 10 (8.3.1934)
Date
1934-03-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 10 Der Israelit 8. März 1934 Da jedoch die Inspiratoren der Reichsvertretung,' denen die „straffe Führung" und die Herausarbeitung eines Einheitsjudentums nun einmal Lebensideal geworden ist, es zu einer solchen Umformung, wohl nicht sobald kommen lassen werden, so müssen die politisch oder weltanschaulich autonomen Gruppen (Orthodoxie, Liberalismus, Frontkämpferbund) den Versuch unternehmen, eine mittlere Linie zu finden, die ihnen gestattet, sich zu ihren Anschauungen — auch im Gegensatz zum Reichsvertretungs-Nationalismus —* sowohl der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit, als auch der Regierung gegenüber frei zu bekennen, dabei aber doch der uns vom neuen Staat auferlegten jüdischen Rassen- und Interessengemeinschaft Rechnung zu tragen. Diese von außen aufgezwungene Einheit fordert gemeinsamen Schutz der jüdischen Rechte und gemeinsame Verteidigung des jüdischen Lebensraumes, fordert aber als Gegengewicht im Innern eine um so nachdrücklichere und selbständigere Vertretung der religiösen Ideen und Forderungen auf allen Gebieten des kulturel- .:d sozialen Lebens der Judenheit, verlangt rr. . anderen Worten — aus dem Ideologischen in.* ' ui\ .nisatorische übersetzt — so dringend wi .'nals zuvor in der Geschichte des deutschen Judentums die Unabhängigkeit der Orthodoxie in Gemeinde, Schule und öffentlichem Leben. Diese Unabhängigkeit des Seins und Verkündens ist die höchste Lie'besleistung, die die Orthodoxieaus der Tiefe ihresj maitf" Gefühls heraus, der jüdischen Gesamtheit zollen kann. Zum Schlüsse erfordert der oben erwähnte Artikel des Hamburger Blattes, so sehr wir mit seinen Schlußfolgerungen übereinstimmen, zwei tatsächliche Berichtigungen. Das Blatt unterstellt u n s die Behauptung, die „Reichsvertretung sei allein vom elenden Mammon, von Geldinteresse beherrscht" und deshalb sei es der unabhängigen Orthodoxie nicht möglich, in einem solchen Rahmen ihre geistige Eigenart zu bewahren! Das ist geradezu eine Fälsch u n g unserer Ausführungen. Wir haben nichts weiter be'tont, als daß neben den geistigen Faktoren, die die Reichsvertretung zwangsläufig zu einem Träger der gefährlichen Vereinheitlichungstendenzen auf weltanschaulichem Gebiete machen, auch das „an sich berechtigte" Interesse an sparsamer Wirtschaft nach der gleichen Richtung (Zusammenlegung von Schulen usw.) wirke. Ferner spricht das Blatt den Verdacht aus, die Attacke des Frontsoldatenbundes gegen die Reichsvertretung sei von der unabhängigen Orthodoxie sozusagen inspiriert und wundert sich über diese seltsame Bundesgenossenschaft. Die Verdächtigung entbehrt jedweder Grundlage und ist eine ganz unmotivierte Beleidigung der selbständigen Denkfähigkeit der Bundesleitung des „R. J. F.". Was aber die „Bundesgenossenschaft" betrifft, so müssen wir allerdings erklären, daß der „RJF." insofern eine sehr geeignete Plattform für das kameradschaftliche1 Zusammenwirkungen orthodoxer und liberaler Juden zur Verteidigung ihrer bürgerlichen Rechte ist, als er keinen religio s-w e 11anschaulichen Ehrgeiz besitzt, keine zionistische Zwangs-Einheitsiend e n z kennt und niemals versucht hat, z u d e n geistigen Gegensätzen oder Nuancen innerhalb der Orthodoxie einseitig Stellung zu nehmen. Unrichtig ist auch die vielfach herrschende Vorstellung, daß der „Bund" Palästina feindlich sei. Daß er seine Kameraden in erster Reihe auf deutscher Erde festhalten und die Heimatsrechte der Juden, die sie sich in zwei Golus-Jahrtausenden redlich verdient haben, bis zum äußersten verteidigen will, kann ihm nur parteiische Engherzigkeit verübeln. Es; ist aber .«benso verständlich, daß die Orthodoxie sich ihre ideologische und praktische Einstellung zu Erez Jisroel ausschließlich von den religiösen Quellenschriften und ihren religiösen Führern und nicht vom „Reichsbuhd jüdischer Frontsoldaten" vorschreiben läßt, der diesen Ehrgeiz auch gewiß nicht hegt. Eine Reformsynagoge in Jerusalem?' „Doar Hajom" schreibt: „Eine Gruppe deutscher Juden plant die Errichtung eines Reformtempels in Jerusalem nach dem Muster der Reformsynagoge in Westeuropa und Amerika. Der Regierung wurden die Statuten des Reformtempels zur Bestätigung überreicht. Man erwartet eine heftige Opposition der orthodoxen Judenheit gegen diesen Plan." Die erwartete heftige Opposition. ist bisher ausgeblieben. Weder in der Misrachi-Presse noch im Aguda-Organ rechts von ihr finden wir ein Wort der Abwehr, eine Auseinandersetzung oder sonst irgend einen Versuch, die vom „Doar Hajom" angekündigte Welle aufzuhalten. Daß man in Palästina selbst solche Bestrebungen nicht ernst nimmt, erklärt sich mit der bisherigen Entwicklung der Dinge im Lande. Es gab einen alten und einen neuen Jischuw, und der Weg zwischen Alt und Neu war so weit wie von einem Stern zum anderen. Der alte Jischuw hat seine Schul, sein Beshamidrasch, seine Jeschiwa, sein Cheder, seine Sprache, seine Tracht, seine Armut und sein Glück, mit einem Worte seine eigene Welt, — unsere alte, ewig neue Welt, mit der der Gedanke einer Reform zu verbinden, geradezu grotesk wirkt. Im neuen Jischuw war die Entwicklung weit über Tempel, Orgel und Chor hinausgeschritten. Nichts ist dem Nationaljuden von links in seinem nationalen Eigenheim, bei allem Bemühen, sich als Volksganzes in den Chor der Völker einzureihen, so zuwider, wie eine Nachäffung und Nachahmung fremder Bräuche im Kultus, den er ja ohnehin für über- Von J. Salomonsohn in Köln.*) Die jüdische Volksschule steht seit einigen Monaten im Brennpunkte des Interesses der Gemeinden und Organisationen, nachdem sie so lange die Rolle des Stiefkindes spielen mußte und von vielen Gemeinden nicht wie das eigene Kind gehegt und gepflegt wurde. Das ist G. s, D. anders geworden. Die jüdische Volksschule findet wieder die ihr gebührende Anerkennung, Die bestehenden Schulen haben einen größeren Zulauf von Kindern, die bisher nichtjüdische Schulen besucht haben, oder soweit es Neulinge sind, nichtjüdische Schulen aufgesucht hätten. Darüber hinaus werden mancherorts Beratungen gepflogen, die über das Maß der Vorberatungen hinaus gediehen sind, ob und inwieweit die Neugründung einer jüdischen Volksschule ' sich ermöglichen läßt. Welcher Gedanke liegt da näher als der, daß in Zukunft der jüdische Lehrer die Ausbildung zum Volksschullehrer erhalten muß, ein Gedanke, der bereits in den jüdischen Blättern propagiert wurde, und der von der Voraussetzung ausgeht, daß für die Folge in allen oder den meisten jüdischen Gemeinden Deutschlands jüdische Volksschulen, soweit sie noch nicht vorhanden sind, *) Die Frage des Fortbestandes des Kölner Seminars als Religionslehrer -Seminar ist von höchst aktueller Bedeutung; wir begrüßen daher den Versuch, die Angelegenheit aus der Stille der Beratungszimmer der jüdischen Verbände einmal der öffentlichen Diskussion zu unterbreiten. wundenhält. Wo und wie sollte hier zwischen den zwei Stühlen im leeren Räume eine Reform Fuß fassen können? So war es einmal, und daß es seit 1933 mit der Welle der deutschen. Einwanderung anders geworden ist, haben noch nicht alle gemerkt, am wenigsten* diejenigen, die im Lande wurzeln. . Wir in Deutschland wissen die Gefahr richtiger einzuschätzen. Wir. haben in Berlin eine Allianz zwischen religiösem Liberalismus und jüdischem Nationalismus mehr als in einer,Form erlebt. Die Glorifikationen, die die „Jüdische Rundschau" seinerzeit für den Weltkongreß des liberalen Judentums in Berlin hatte, sind nicht einmalig geblieben, und der Zionismus in Deutschland wußte die neue Lage für die Stärkung und Vertiefung der liberal-nationalen Gemeinschaft weidlich auszunutzen. Wenn, wie die palästinensischen; Zeitungen klagen, bereits in mancher Hinsicht der Kurfürstendamm nach Tel Awiw verpflanzt wurde, so ist nicht einzusehen, warum es diesen Herrschaften, die, im Gegensatze zu den Radikalen aus dem nationalen Lager, immer noch etwas Bedürfnis nach „musikalisch gehobener Andacht" und gelegentlich auch ein Interesse an einer Seelenf eier haben, nicht gelingen sollte, in einer der vielen Gassen von Jerusalem auch die Johannisstraße in Geist und Form unterzubringen. Der Unterstützung der in London residierenden Weltzentrale des liberalen Judentums und damit des Entgegenkommens der Regierung kann das: neue Unternehmen sicher sein. Daß damit eine neue Aera geistigen Niederganges anbricht und neue Gefahren — mehr für den neuen als für den alten Jischuw — heraufziehen, muß nicht erst gesagt werden. Hundert Jahre deutsche Assimilation in der Form kultischer Anpassung sollten ausreichende Warnung sein. Darum sollte die öffentliche Meinung in'Erez Israel an diesen ersten Versuchen nicht achtlos vorübergehen, wollte das jüdische Erez Israel nicht in der Geschichte den Vorwurf auf sich laden, an einem neuen bOTft D^S durch mangelhafte Abwehr passiv mitgewirkt zu haben. entstehen werden. Hier ist der Wunsch der Vater dse Gedankens. Von den vielen hundert jüdischen Gemeinden innerhalb des deutschen Reiches werden nur wenige, hauptsächlich solche, die sich in Großstädten befinden, in der Lage sein, falls ein solcher Wunsch bei ihnen besteht,, ihn in die Tat umzusetzen, teils weil die genügende Anzahl von schulpflichtigen Kindern nicht vorhanden ist, teils aus materiellen Gründen. Diese Gemeinden, die — man mag es bedauern, — in der weitaus größeren Mehrzahl sein werden, bedürfen durchaus nicht eines Lehrers,, der die Volksschulbildung nach staatlichen Grundsätzen genossen hat, sondern für sie kommt in erster Linie der Religionslehrer in Frage, der gleichzeitig das Kantorat mit übernimmt. Dieser Religionslehrer erschöpft seine Tätigkeit nicht darin, daß er eine gewisse Anzahl'von Religionsstunden den dafür in Betracht kommenden Kindern erteilt; da es sich zumeist um Gemeinden handelt, die des Rabbiners entraten müssen, hat er vielmehr einen großen Teil der Obliegenheiten zu erfüllen, die sonst dem Rabbiner zufallen. Er hat nicht nur die" Kinder seelsorgerisch zu betreuen, sondern er muß die Thora der ganzen Gemeinde in' Theorie und Praxis vorleben: er ist in des Wortes schönster Bedeutung der Seelsorger der ganzen Gemeinde. „Von der Wiege bis zum Grabe" ist er der Ratgeber eines jeden einzelnen, und er hat in Freud und Leid jedem Gemeindemitgliede nahe zu stehen und es die Wege der Thora zu lehren. Es gibt kein Ereignis in der ganzen Gemeinde, dem der Religionslehrer sich entziehen kann; alles tritt an ihn heran und er soll in jeder Hinsicht der Gemeinde als Vorbild dienen. Daß er befähigt sein muß, Pre- Um die Zukunft der jüdischen

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