Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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8. März 1934 Der Israelit Nr. 10 Seite 5 Wochenrundschau. Der Streit um die „Reichsvertretung-" Die bereits Ende Januar beschlossene, jedoch erst vor vierzehn Tagen bekanntgegebene Bildung einer „Vertretu n g der unabhängigen jüdischen Orthodoxie" in Deutschland, hat die öffentliche Diskussion über den Wert und die Kompetenz der ,, Reichsvertretung der deutschen Juden" in Berlin auf der ganzen Linie in Fluß gebracht und schon jetzt das den Uneingeweihten überraschende Ergebnis gezeitigt, daß die in der Beirats-Sitzung vom 11. Februar vorgegaukelte Einigkeit der in der „Reichsvertretung" angeblich fast restlos zusammengefaßten Gruppen und Richtungen ein Traum war. Nachdem der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" durch die in voriger Nummer wiedergegebene feierliche Erklärung seines Bundesführers den Ehrgeiz der „Reichsvertretung", als kulturell-weltanschauliches und politisches Spitzenorgan der deutschen Judenheit zu fungieren, zurückgewiesen und die Beschränkung ihrer Tätigkeit auf rein praktische, soziale Zwecke gefordert hat, schließt sich das Hamburger „Israelitische Familienblatt" in einem . beachtenswerten Leitartikel durchaus den Forderungen der unabhängigen Orthodoxie und des „R. J. F." an. Das Blatt schreibt u. a.: Aber sei dem wie ihm wolle: eines läßt sich nach diesen beiden Angriffen gegen die Reichsvertretung nicht mehr aus der Welt schaffen: Zwei Organisationen innerhalb des deutschen Judentums, jede besonders stark durch ihre einheitliche Weltanschauung, sprechen der Reichsvertretung in ihrer jetzigen Form das Recht ab, sich als Vertretung für die gesamte deutsche Judenheit zu betrachten. Wir deutschen Juden sind nach wie vor in der Lage, uns unsere Führung und Vertretung s e Ib s t zu stellen. Hier dürfen, wir nicht versagen. Haben die bisherigen Bemühungen — wie sich jetzt zeigt — nicht den ersehnten Erfolg gehabt, so darf man sich auf die bisherigen Methoden, zu der so bitter nötigen einheitlichen Zusammenfassung der deutschen Juden, zu kommen, nicht etwa versteifen. Viele Wege führen nicht nur nach Rom! Und manchmal ist ein Weni- Auch bei gelegentlicher Abkehr und Entartung ist das G'ttesbild vom jüdischen Gesichte nicht gewichen Dn,3Q^ *^in 'iv „Und G'tt spiegelt sich in ihrem Antlitz wider." Der Chassidimrabbi Rabbi Boruch pflegte die im Talmud „Gittin" für den Ueberbringer des Scheidebriefes vorgeschriebene Formel orm 'jsai aroi '393 zu übersetzen: „In Mein Antlitz ist es einegschrieben, an mein Antlitz eingezeichnet" — G'ttes Ebenbild. Es bedarf nur des äußeren Anstoßes und Israel findet sich zu seinem G'tte wieder, a'lpn «unsi, „Und Pharao hat Israel G'tt nahegebracht," wie es Moses und die Propheten kaum besser vermocht hätten. Es gilt, immer und ohne Unterlaß an sich zu arbeiten. Zu w tx bemerken die Weisen: Es heißt nicht in Vergangenheitsform, sondern W' für die Zukunft. Niemals bilde sich der Mensch ein, er habe ausgesungen, fertig gelernt und alles erreicht, sondern man singe und ringe weiter, bis zum letzten Atemzuge. Mit hundertundzwanzig Jahren spricht Moses am Tage seines Abschieds: mV»nn nm „Du hast erst a n - gefangen, deinem Diener zu zeigen." Ich stehe erst am Anfang! Die Quelle alles Guten, die Werkstätte, aus der unsere Waffe für den Lebenskampf geschmiedet wird, ist die Familie und innerhalb derselben der gedeckte Sabbattisch. Der Ruf »-K nt ergibt in seinen Anfangsbuchstaben 'H ">itb ]IV>wn itt. „Dieser Tisch ist G'tt geweiht!" ger m e h r als ein Viel! Mit anderen Worten: In Würdigung des Umstandes, daß zwei immerhin nicht unbedeutende Organisationen der deutschen Judenheit sich genötigt zu sehen glaubten, der Reichsvertretung die .bedingungslose Gefolgschaft zu versagen, erscheint uns eine rein wirtschaftliche, soziale, und rechtliche Gesamt Vertretung der deutschen Judenheit immer noch von größerer Stoßkraft und Autorität nach innen und außen zu sein, als eine auf allen Gebieten zwar äußerlich geeint erscheinende Reichsvertretung, die sich aber in ihrem Innern im Kampf um Weltanschauungen aufreibt, welche nun einmal auf die Dauer und bei allem guten Willen zur Arbeit auf der mittleren Linie nicht zu überbrücken sind. Hier darf es keine Sieger und Besiegte geben, hier soll nicht um Nachgeben gefleht, sondern in klarem Erkennen der Sachlage, wie sie nun einmal ist — w i r nennen und nannten das schon immer: T a c h - Iis! — mit aller Energie versucht werden, zu einer Einheit auf einer dem weltanschaulichen Kampf entrückten Basis zu gelangen. Das ist der einzige, auch in diesen Blättern immer und immer wieder propagierte und als einzig richtig gepredigte Weg, endlich zu einer wirklichen und wahren und vom Vertrauen der jüdischen Gesamtheit im Reiche getragenen Reichsvertretung zu kommen. Und ist diese erst geschaffen, dann wird ganz von selbst mit der Zeit sich auch eine vernünftige Annäherung der weltanschaulichen Gegensätze anbahnen." Damit nicht genug. Auch die „Jüdisch-liberale Zeitung", das Organ der liberalen Mehrheit in der Berliner Großgemeinde, zollt dem Schritt der orthodoxen Organisationen als Ausdruck des Mutes und der weltanschaulichen Ehrlichkeit Anerkennung und äußert sich wie folgt: Am allerschwierigsten liegen die Dinge bei dem anderen Zweig innerjüdischer Arbeit, den die „Reichsvertretung" zur Ueberraschung Vieler übernommen hat. Gerade weil für die Gründer feststand, daß die einheitliche Zusammenfassung der deutschen Juden — das Wort sei wiederholt — nur zu praktischen Zwecken erfolgen könne, wurde jeder Versuch zur Herstellung eines Weltanschauung sskompromisses bei der Gründung von vornherein als unehrlich abgelehnt. Religiöses Judentum und Nat i o n a 1 judentum, Orthodoxie und Liberalismus — das sind Gegensätze, die sich nicht auf eine „gemeinsame Linie" bringen lassen. Um so überraschender war es? daß die „Reichsvertretung" nun doch eine kulturelle Arbeit versucht und dabei — es konnte nicht anders kommen — ihr Ansehen aufs Spiel gesetzt hat. Die von ihr herausgegebenen „Richtlinien für die Aufstellung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen" haben ja in der Tat ein wahres Trommelfeuer von links und rechts' gegen die Reichsvertretung entfesselt, weil sie den Versuch machen, allen Richtungen gerecht zu werden. Gewiß gibt es hüben und drüben superkluge Leute, die bei der Auslegung dieser Richtlinien emsig bemüht sind, ihre Rosinen aus dem Kuchen zu pflücken. Aber im ganzen hat dieser Versuch, „durch Vieldeutigkeit der Formulierungen dem Streit der Richtungen vor- Kleines Feuilleton. Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Das neueste Heft dieser seit einigen Monaten nicht mehr erschienenen wertvollen Zeitschrift der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden" (Jahrgang 4 neue Folge, Heft 5—6) enthält einen wertvollen Aufsatz über die aktuellen Probleme der jüdischen Wohlfahrtspflege, in denen mit Recht darauf hingewiesen wird, daß die spezielle Wohlfahrtspflege für die in den wirtschaftlichen Produktionsprozeß auch beim besten Willen nicht mehr einzuordnenden alten, kranken oder sonst nicht mehr leistungsfähigen Personen nicht hinter der heute aktuellen Wirtschaftshilfe, für die sich das Ausland besonders interessiert, zurücktreten dürfe. Der Aufsatz wendet sich auch gegen die vielfach hervortretende Praxis der größeren und großen jüdischen Gemeinden, sich gegen den Zuzug aus den kleinen und kleinsten Gemeinden, der nun einmal heute naturnotwendig ist, zu wehren. Der Verfasser steht im übrigen auf dem Standpunkt, daß zusätzliche Leistungen der jüdischen Wohlfahrtspflege zu den Leistungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege in der heutigen Zeit nur in Ausnahmefällen zu rechtfertigen seien. In einem weiteren Aufsatz wird die „Stellung der Nichtarier in der öffentlichen Fürsorge" behandelt und dabei klargestellt, daß gerade auf dem Gebiete der Fürsorge keinerlei Differenziezubeugen", in Wirklichkeit den Streit der Richtungen erst neu entfacht.' Der „Bildungsverein der deutschen Juden", eine der Berliner Jüdischen Reformgemeinde nahestehende Organisation, hat in einer großen Kundgebung, in der Prediger Dr. Rosenthal, ^Studienrat Dr. Wachsner und Rabbiner Dr. Gottschalk 'referierten, eindeutig gegen die Richtlinien Stellung genommen. In unserer „Jüdisch-liberalen Zeitung" hat der Stuttgarter Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger die den Richtlinien unbewußt zugrundeliegende „Zweiseelentheorie" bloßgelegt. Auf der Beiratstagung hat Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Vorsitzende der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum sich dagegen wenden müssen, daß nun — nach dem „neutralen" Programm für die Schulen — auch der Versuch einer „Neutralisierung" der Lehrerbildung gemacht werden soll. Mit der gleichen Energie aber wie Heinrich Stern wendet sich gegen diese Ueberschreitung der der „Reichsvertretung" gegebenen Kompetenzen auch die unabhängige Orthodoxie. Sie hat nicht nur in einem groß angelegten Leitartikel ihres .Zentralorgans „Der Israelit" auf alle diese Dinge hingewiesen, sondern sie hat auch die Konsequenzen gezogen und gehandelt, indem sie sich eine eigene öffentliche Vertretung geschaffen hat. Die offizielle Notiz darüber hat folgenden Wortlaut: (folgt die Veröffentlichung in Nr. 8 des „Israelit"). Aus alledem mag man entnehmen, daß wir von der wahren und dringend notwendigen Einigkeit der deutschen Juden noch immer sehr weit entfernt sind. Schuld daran ist aber i^;smal nicht die oft beklagte Selbstherrlichkeit jüdisejier Einzelgruppen, sondern die Ursache ist darin zu.suchen, daß man die Einigkeit auf Gebiete erstrecken will, wo sie unmöglich ist, weil sie nicht besteht. Zu der Unehrlichkeit, sie vorzutäuschen, zeigen sich die deutschen Juden erfreulicherweise nicht fähig. Erst wenn alle lernen, die Vereinheitlichung auf die rein praktischen Gebiete zu beschränken, und wenn alle den Mut aufbringen, in allen anderen Fragen klare und — nötigenfalls — harte Entscheidungen zu treffen, anstatt wie bisher ihnen aus dem Wege zu gehen —: erst dann werden wir unser Schicksal meistern." Hält man alle diese Aeußerungen zusammen, so ergibt sich, daß die „Reichsvertretung" sich in ihrer heutigen Zusammensetzung und Arbeitsweise eigentlich nur des Vertrauens der Zionisten und derjenigen Kreise des „Zentralvereins" erfreut, die — aus durchaus zu respektierenden Gründen — unter den heutigen Verhältnissen einem Kampf mit den Zionisten aus dem Wege gehen wollen. Denn die liberalen Persönlichkeiten in der Reichsvertretung haben offenbar die Fühlung mit den Kreisen verloren, deren Exponenten sie sein sollen. Die logische Konsequenz dieser Tatsache wäre an sich eine völlige Umbildung der Reichsvertretung zu einem aus wirklichen Delegierten der Verbände bestehenden lockeren Gefüge, das auf politisches und weltanschauliches Schöpfertum und Führertum verzichtet und sich ganz und gar auf praktische Aufgaben beschränkt. rung zu Ungunsten der Juden in der deutschen Gesetzgebung oder Verwaltungspraxis vorhanden sei. Die einschlägigen Bestimmungen werden dargestellt und insbesondere darauf hingewiesen, daß in der öffentlichen Fürsorge auch diejenigen besonderen Bedürfnisse gesetzliche Berücksichtigung finden müssen, die durch die Religion bedingt werden. Die öffentliche Fürsorge darf daher einen jüdischen Hilfsbedürftigen, dem die Befolgung der Speisegesetze Gewissenssache ist, beispielsweise nicht auf Massenspeisungen, die rituelle Kost nicht abgeben, verweisen. Sie wird ihm in der geschlossenen Pflege rituelle Beköstigung ermöglichen müssen, sofern sie nicht überhaupt einem Wunsche auf eine nicht teurere und gleichwertige Unterbringung in jüdischen Krankenhäusern oder anderen Anstalten stattgibt. Nach einer großen Arbeit von mehr theoretischem Interesse über „Lebenserwartung und Sterblichkeit im Deutschen -Reiche vor und nach dem Kriege", folgt noch eine interessante Wiedergabe der von Bolduan und Weiner in New York sowie dem New Yorker Dr. Nascher veröffentlichten Arbeiten über die Todesursachen bei den Juden New Yorks. Das Ergebnis ist, daß auf diesem Gebiete alle Schlußfolgerungen in der Luft schweben und nicht ernst zu nehmen sind, da es zunächst noch an der ausreichenden kritischen Prüfung des Zahlenmaterials und auch am Zahlenmaterial selbst fehlt. Briefkasten. B. in M. Ffs. 100.— für Abonnement eingegangen. S. W. Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Postscheckkonto Ffm. Nr. 53 900.