Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 10 Der Israelit 8. März 1934 erstem, die Anregung, den elektrischen Strom auf seine Brauchbarkeit zur Herbeiführung eines selbständigen Niedersinkens des Schlachttieres zu erproben. Dieser auf jüdischer Seite geborene Gedanke weckte die ganze Fachwelt auf, und die r'olge war die Einführung des elektrischen Verfahrens für die Schweineschlachtung auf zahlreichen Schlachthöfen des In- und Auslandes. Aber sowohl die Beobachtungen beim Schweinebetrieb als die zur spezifischen Prüfung in jüdischem Auftrag an Versuchstieren und später an Rindern vorgenommenen Experimente haben die .. Fülle von Problemen aufgedeckt, von denen einige in Obigem genannt sind. Die seit Jahren schwebenden Versuche mit elektrischen Strömen haben bisher zu einem bestimmten Ergebnis nicht geführt, aber sie sind auch nicht auf der ersten Stufe stehen geblieben. Wichtige Unterschiede konnten festgestellt werden, insbesondere über die am wenigsten Organveränderungen herbeiführende Anlegestelle für die Elektroden sowie über Stromart, Einführungsweise und Dosierung. Daß ebenso wie auf medizinischem Gebiet der Fällung eines wissenschaftlich begründeten Urteils über die Anwendbarkeit eines Mittels Massenexperimente vorangehen müssen, weiß jeder auch nur einigermaßen Vertraute. Diese Forderung wird von allen, ohne Unterschied ihrer optimistischen oder pessimistischen Einstellung zum Betäubungsproblem, gestellt. Es ist aber zu befürchten, daß,.wie bisher, so auch zukünftig, die Vornahme von Massenuntersuchungen auf Schwierigkeiten stoßen wird. Abgesehen von den mit den umständlichen Experimentierungen im Getriebe der städtischen Schlachthöfe hervorgerufenen Störungen und — als ihrer Folge — der Erschwerung ruhigen und umsichtigen Arbeitens, ist die Freiheit i zur Vornahme von Untersuchungen auf Grund der Gesetzgebung nicht uneingeschränkt. Für Deutschland macht sich dieser Umstand seit Jahresfrist in höherem Maße als früher geltend. In Holland hat vor einigen Monaten eine zur Entlastung der Landwirtschaft getroffene Regierungsmaßregel, auf Grund deren außerhalb der regelmäßigen Fleischversorgung eine größere Zahl von Tieren zur Abschlachtung gelangt ist, eine günstige Gelegenheit zu Experimenten gegeben. Sie konnten an etwa 25 Tieren vorgenommen werden, einer allerdings im Verhältnis zum Erfordernis spärlichen Zahl, hinter der die anderwärts im einzelnen Falle erzielten" Summe noch zurückgeblieben ist. Die Resultate der Proben sind nicht an allen Orten die gleichen gewesen. Der Befund in Holland, wo die letzten Versuche gemacht sind, hat bessere Ergebnisse erzielt als Die Sidra spricht zu uns .. - Der Sabbat „Parah" mit dem Kapitel von der „roten Kuh", der als dritter der vier bedeutenden Sabbate das Pessachfest ankündigt, gibt uns Rätsel auf, die zu iösen, der Verstand der Verständigsten nicht ausreichte. Die Anordnung dieser Verlesung beruht auf dem Lehrsatze im Talmud .^na mss ns ^nvb dir 3'ti „Man ist verpflichtet, sich zu rüsten und zu reinigen für die Festtage." Wie nun Schkalim an die Abführung der Schekelspende gemahnt, so gemahnt „Parah" daran, daß nun die Zeit der Rüstung und Reinigung für das Fest gekommen sei. Zur Zeit des heiligen Tempels geschah es mittels der aus der verbrannten roten Kuh' gewonnenen Asche, heute müssen es andere, innere Mittel der Versittlichung, der „Tschuwah", schaffen. Eine sinnige Erklärung zieht in Betracht, daß jede Berührung mit der Gewalt eine darauf folgende Reinigung bedingt. So spricht Jakob nach dem Waffengang seiner Söhne gegen Schchem zu den Seinen; „Schaffet die fremden Götter aus eurer Mitte vinum und r e i n i g t euch {M. 1, Kap. 35, S. 2)". Ob aktiv oder passiv, jede Berührung mit der Gewalt verunreinigt Israels Seele und Körper, die für Höheres geweiht sind. Am Sabbat Sachor und am Purim leuchtet früher. Auf welchen Umstand die Differenzierungen in den verschiedenen Orten zurückzuführen sind, ob auf Abweichungen in der Methode, ob auf Verschiedenheit der Tiergattungen oder der Tierherkunft oder auf anderes, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Die Feststellung muß von neuen Experimenten abhängig gemacht werden. Immerhin darf die Hoffnung gehegt werden, daß weitere Proben namentlich hinsichtlich der Methodik auch eine fortschreitende Herabminderung der Mängel und der Bedenken herbeiführen. Nur wenn es sich ermöglichenläßt, nochhunderteVersuche zu machen, kann genügend Material zur Vorbereitung einer endgültigen r e 1 i g i o n s g e s e t z 1 i c h e n Entscheidung durch die maßgeblichen Autoritäten beschafft werden. IV, Die Verantwortlichkeit der zur Entscheidung Berufenen. Die große Reihe von halachischen Einzelfragen, deren Beantwortung für die Zulässigkeit der Betäubung wesentlich ist, kann im Rahmen dieser Darstellung nicht angeführt werden, weil sie talmudisches Fachwissen voraussetzt. Die vorangehenden Ausführungen werden aber eine gewisse Vorstellung von dem vielgliedrigen Problemkomplex geben, ohne dessen Klärung in der Betäubungsfrage eine Entscheidung nicht getroffen werden kann. Sie werden auch die Wucht der Verantwortlichkeit erkennen lassen, unter der die Rabbiner ihre Entschließung zu fassen haben. Nicht darum allein wird die Entscheidung so schwer, weil sie nicht der Ausführungsweise einer Bestimmung menschlicher Gesetzgebung gilt, sondern der einer Vorschrift des g'ttlichen Gesetzgebers. Das Menschengesetz verdankt seinen Ursprung dem autonomen Verstand, es ist hervorgegangen aus den allgemein menschlichen Grundlagen, Formen und Gesetzen des Denkens, Dem klaren Denker liegen eines menschlichen Gesetzes Sinn und Bereichsfeld, Ursprung und Ziel offen und übersichtlich vor Augen. Nicht in gleicher Weise beim G'ttesgesetz, sobald es ohne Einzelbegründung, ohne Erläuterung des Sinnes seiner Einzelbestimmungen, offenbart worden ist. Zur Speisegesetzgebung hat uns die Heilige Schrift freilich belehrt über ihren ethischen Charakter, über ihren sittlichen Innenwert und ihr sittliches Hochziel für unser Seelenleben (Schmaus 22, 30, Wajikro 11, 45; D'worim 14, 21). Aber warum aus dem Sittlichkeitszweck jede der Vorschriften sich ableitet und die Modalitäten ihrer Ausführung erhalten hat, das wissen wir nicht. Diese der biblischen Gesetzgebung überhaupt innewohnende Eigentümlichkeit erschließt etwas wie Machtgier auf, die Freude über Niederringung roher Gewalt. Man hat von Kampf und Gegenkampf gesprochen, und schon ist uns innere und äußere Reinigung mit „Parah" auferlegt. In diesem Zusammenhange ein schönes Wort: Wir lesen in Jirmejahu (Kap. 9, S. 22) /in tnasna wnn Wnn» bs „Es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit und es rühme sich nicht der Held seiner Heldenkraft, auch rühme sich nicht der Reiche seines Reichtumes, sondern damit rühme sich, wer sich rühmen will, daß er Weisheit gewonnen und mich erkannt hat." In diesem Satze ist der Charakter der ersten drei bedeutenden Sabbate genau gezeichnet und festgelegt. Am Kapitel der „roten Kuh" scheiterte die Weisheit des Weisesten, auch des Königs Salomo, darum innana aan bbnv b&- Am Sabbat „Sachor" zeigte es sich mit der Niederlage Amaleks, wie wenig die Heldenkrone des Helden bedeutet, darum bbnrr Vr nnmaja -vm- Schkalim aber bringen uns die Lehre der Gleichheit, nach der der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger gibt und ist, darum nwsn -pwn ^nn,> bs- Man kann den Gedanken in Verbindung mit dem Nachsatze dahin ausbauen, daß die Weisheit, auch die Kraft und auch die Reichtümer wohl etwas bedeuten, aber nur dann und allsolange, als sie das vir yn'i bsvti nicht außer Acht lassen und unter dem Gesichtspunkte von G'tterkennen zum Segen für die Menschheit verwendet werden. Denn nur zu diesem Zwecke hat uns G'tt Gaben und Eigenschaften, irdische und geistige Besitztümer, verliehen. aber noch nicht die Besonderheit der hier in Rede stehenden Fragenreihe. Im allgemeinen wird in Religionsdingen eine negative, also eine die Unzulässigkeit aussprechende Entscheidung vielleicht enttäuschen, aber doch in der Regel keine tief einschneidenden Wirkungen für weitere Kreise hervorrufen. Mit Beziehung auf die Betäubung darf aber der Rabbiner nicht außerachtlassen, wie bittere, tragische Folgen die Verneinung auszulösen droht. Welche Gründe für den einzelnen Konsumenten auch bestimmend sein mögen, wir müssen uns vor Augen halten, daß Glaubensbrüder — wer weiß, in wie großer Zahl — trotz der Einführungsmöglichkeit aufhören könnten, den Haushalt koscher zu führen. Ist es doch heiligste, höchste Pflicht, jede einzelne jüdische Seele, wo und wann auch immer,, zu „retten", d. h. dem G'ttesgesetz zu erhalten, sobald nur ein Weg zur Rettung sich darbietet. Wer in der Betäubungsfrage das Nein spricht,, und er hätte nicht zuvor die drohenden Folgen in ihrem ganzen Vollgewicht abgewogen, der hätte sich versündigt an der jedem Juden auferlegten Pflicht der Verantwortung für ganz Israel, der Bürgschaft für den Klall-Kol Jisroel Arewim. Und das Ja? und die Entscheidung: „Erlaubt"? Die Verantwortung ist nicht kleiner. Sitzen wir doch zu Gericht über die Ausführung einer g't fliehen Vorschrift!: Soll aber Mizwo nicht zu Awero werden, so darf sie in keinem ihrer Teile eine Gestaltung erfahren, die nicht in ihr selbst gestützt, die nicht mit: vollster, restloser Gewißheit aus den sie tragenden, überlieferten Gesetzesbestimmungen gerechtfertigt ist. Darum würde der Rabbiner, der, alle Folgen des Nein vor Augen, in klarer Erkenntnis des Für und Wider, die Zulässigkeit der Betäubung nicht als feststehend anerkennen kann, zum Verbrecher an seinem Volk werden, wenn er nicht mit Entschiedenheit einer Handhabung der Mizwo Widerstand entgegensetzen würde, die er vor seinem Gewissen, vor dem himmlischen Gesetzgeber nicht verantworten kann. Wer von der Fülle der Probleme, von dem Stand der wissenschaftlichen Forschung in Fragen der Elektrizität und endlich der Weite uv" Wucht der Verantwortlichkeit sich unterrichtet hat —, könnte er dann noch reinen Gewissens den tadeln, der nach peinvoller Forschung das Nein seinen Lippen abringt, mag auch ein Gleichgesinnter — ebenso verantwortungsbewußt, ebenso ehrlich, ebenso tiefforschend — das Ja hat sprechen können? Wenn wir Glaubensbrüder in Gewissensdingen nicht einander gewähren lassen, gegen wen in der Welt dürften wir dann noch Klage erheben? Zwischen den Zeilen. Die chassidischen Schriften lieben es, bis auf den Grund des Schrifttums hinabzusteigen, um Perlen herauszuholen. Es scheint oft gewagt, aber das Wagnis ist geglückt, wenn man sich vor Augen hält, daß jene Lehrer gewiß nicht daran dachten, den nackten Wortsinn umzudeuten, sondern an sich herrliche und weithin leuchtende Gedankenperlen an bekannte Sätze zu hängen, damit sie wie diese ewig unverwischbar bleiben. Hier einige solcher Proben: lay- «pT nittxy /ir nvn npvi „Und Moses nahm die Gebeine Josephs mit sich." miasy heißt auch Wesensart, Charakter und Eigenschaft, (von Dsy). Danach könnte der Satz bedeuten: Und Moses nahm sich die Eigenschaften Josephs zum Muster. Jener trug nicht nach und versöhnte sich mit seinen Brüdern, auch Moses suchte immer und" immer wieder die Versöhnung und Wiedervereinigung, nach der Egelverirrung sogar bis zur Selbstaufopferung. Denn, man kann sich selbst Bindungen auferlegen, dem Leben und seinen Freuden versagen, aber esdarf nicht auf Kosten des Volkes gehen. 1331 m "iior'T Zwängt man auch seinen Körper (für 331 im Sinne von Körper gibt es Belege) in Entbehrungen' ein, ny npb inj? iwv so hat man doch sein Volk auch mit hin auszunehmen; der Gedanke an die Gemeinschaft darf in einem geistigen Eirisiedlertum nicht verblassen. Als Moses angesichts des goldenen- Kalbes sein Zelt außerhalb des Lagers aufschlug, befahl ihm G'tt, in Israels Lager zurückzukehren. ♦ « *