Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 Der Israelit 8, März 1934 Ausschreitungen gegen Juden in Polen. Warschau, 6. März. Indes' in Sejm und Senat die Auseinandersetzung über die Judenfrage lebhaft weiter geht, betreiben die Agitatoren in der Presse und auf der Straße eine Propaganda der Tat, die bereits bedenkliche Blüten gezeitigt hat. Im Senate hielt der Referent für das sanitäre Budget, Senator Sobeljewski, dem J ü - disch-iiationalen Klub eine scharfe Moralpredigt, weil dieser, obwohl die polnische Regierung auch im Auslande für die "Wahrung der Interessen der polnischen Juden eintrete, die Palästinabestrebungen unterstütze und Terrorakte gegen die Juden bekämpfe, es für gut hielt, bei der Abstimmung über das Budget der Regierung sich der Stimme zu enthalten. Daran knüpfte der nationaldemckraüsche Senator Koszgeki eine regelrechte Hetzjude gegen die Juden an, mit der Aufforderung, die jüdischen Rechte möglichst zu beschränken. Das war dem Referenten Sobeljewski, der zu diesen Ausfällen das Stichwort gegeben hatte, denn doch zu viel und er erklärte, die Regierungsmehrheit werde nie das Judenprogramm der Nationaldemokraten akzeptieren. Das Echo dieser Verhandlungen auf der Straße blieb nicht aus. Es begann mit einer Demonstration im Warschauer Stadttheater bei der Aufführung des „Kaufmann von Venedig" indem bei den entsprechenden Stellen der Sprechchor mit „Schlagt die Juden nieder!" einsetzte In der Vorstadt P r a g a stürmte zur gleichen Zeit eine gut bewaffnete Gruppe eine zionistische Purimveranstaltung, wobei vier Fsetgäste schwer verletzt wurden. Die Unruhen erlebten ihren Höhepunkt an der Warschauer Universität, wo die natio naldemokratischen Studenten ihrem Aerger über die Streichung des Arierparagraphen aus ihren Statuten durch die Universitätsbehörden Luft machten. Viele jüdische Hörer wurden mehr oder weniger ernstlich verletzt und die Vorlesungen wurden unterbrochen. Erst die vom Rektor herbeigeholte Polizei konnte die Ruhe wieder herstellen. Ueber Ausschreitungen wird ferner aus Pachjaniks, wie aus Jaroczin in der früheren Provinz Posen berichtet. In L e m b e wurden 17 nationaldemokratische Studenten, die jüdische Passanten überfielen, in Haft genommen, Da die Behörden überall den guten Willen zeigen und auch durchgreifen, so ist zu hoffen, daß dieser durch gewissenlose, den Juden wie der Regierung überwollende Agitatoren künstlich entfachte Sturm bald vorüber sein wird. Regierung und Opposition in Rumänien lehnen antisemitische Politik in jeder Form ab. Bukarest, 5. März. In der Rumänischen Kammer gab im Namen der Regierung Minister N i s t o r bei der Debatte über das „Ueberfremdungsproblem" eine Erklärung ab, die antisemitische Tendenzen zwar ablehnte, aber die jüdischen Deputierten noch nicht befriedigte. Als im weiteren Verlauf der Debatte Professor Catuneaunu von der Cuzistenpartei sich in Ausfällen gegen die Juden erging, stand Unterstaatssekretär Alexander M a v r o d i auf und erklärte, die Parteien, denen die Mitglieder der heutigen Regierung angehören, wendeten sich, wie sie es immer getan haben, gegen jede Art von Klassen - und Rassenkampf. Die rumänische Nation sei stark genug, ihre Interessen zu wahren, ohne dabei antisemitische Methoden anzuwenden. Bezeichnend und interessant in diesem Zusammenhange ist die auf einer Versammlung in Czernowitz abgegebene Erklärung des Vorsitzenden der radikalen Bauernpartei, Grigore J u - n i a n , des früheren Justizministers und jetzigen Führers der Opposition gegen die Regierung, in Rumänien sei Platz für alle Minderheiten, e s müsse daher möglich sein, Klassen- und Rassenhaß zu beseitigen und ein harmonisches Z'usammenleben der einzelnen Bevölkerungsteile zu bewirken. Wenn Regierung und Opposition sich in diesem Punkte treffen, so kann man das Beste hoffen. Leider finden aber auf dem platten Lande die cuzistischen Agitatoren mit ihrem hundertmal widerlegten Märchen, die rumänische Regierung beabsichtige, 150.000 Juden aus Deutschland in Rumänien hineinzulassen oder sogar anzusiedeln, immer noch Glauben. Auf dieses Märchen soll sich, dem Vernehmen nach, auch der Urheber des Attentates auf den Ministerpräsidenten Duca berufen haben. Doch darf man hoffen, daß, wenn den Erklärungen von Regierung und Parlament Taten folgen, sich auch in diesem Punkte das Volk belehren läßt. Oesterreichiche Volkszählung ohne Rassen- Volkszugehörigkeitsklausel. und Wien, 5. März. Die für den 22. März vorgesehene Volkszählung in Oesterreich wird, wie die ITA. mit aller Sicherheit zu berichten weiß, im Gegensatze zur früheren Volkszählung, keine Rubrik für Rassen- und Volkszugehörigkeit enthalten. Anzugeben sei auf dem Fragebogen nur die sprachliche Zugehörigkeit, wobei nur eine Sprache genannt werden darf, und zwar diejenige, deren Kulturkreis der Ausfüllende sich zugehörig fühlt. Wie man weiter hört,, ist diese Festsetzung der Fragen das Resultat langer Erörterungen im Ministerrate. Die österreichischen Deutschnationalen insbesondere möchten den Juden das Recht absprechen, sich zur deutschen Volkszugehörigkeit zu bekennen, und wollten diesen ihren Standpunkt auch im Fragebogen sichern, was aber an der Meinung der Mehrheit im Kabinett scheiterte. Unter den Juden selbst ist man über die Nützlichkeit dieser Form geteilter Meinung. Es wird allgemein mit Genugtuung empfunden, daß nach der Rassenzugehörigkeit nicht gefragt wird, doch hätte man es besonders in nationalen Kreisen gerne gesehen, wenn man dem Juden das Bekenntnis zur Volkszugehörigkeit offen gelassen hätte. Allein auch die Ultranationalisten dürften sich nicht verschweigen, daß unter den heutigen Umständen die vom Kabinett beschlossene Fragestellung die beste Lösung darstellt. Die Anfechtung arischjüdischer Mischehen. Zu dem vom Oberlandesgericht in Karlsruhe vor kurzem gefällten Urteil, durch das die Auflösung einer arisch-jüdischen Mischehe wegen Irrtums über die Bedeutung des Rasseprinzips und der Rasseverschiedenheit ausgesprochen wurde, erfährt man, daß das Urteil nochnicht rechtskräftig ist; das Oberlandesgericht habe vielmehr wegen der grundsätzlichen Bedeutung seiner Entscheidung die Revision und damit eine abschließende Entscheidung dse Reichsgerichts zugelassen. Aus der Urteilsbegründung sei folgendes wiedergegeben: ,,Man hat heute erkannt, daß die jüdische Rasse hinsichtlich des Blutes, des Charakters, der Persönlichkeit und der Lebensauffassung etwas ganz anderes ist als die arische Rasse, und daß eine Verbindung mit einem Angehörigen dieser Rasse nicht nur nicht wünschenswert, sondern verderblich, unnatürlich und widernatürlich ist, weil sie den Arier als einzelnen, namentlich aber auch in seiner Eigenschaft als Volksgenossen in die Gefahr bringt, seiner Rasse und seinem Volkstum fremd zu werden und darüber hinaus artfremde Kinder zu erzeugen. Der Gegensatz der Rassen, wie er heute erkannt ist, ist ein so tiefgehender, daß er kaum noch zu einer Ehe zwischen Ariern und Nichtariern führen wird." Die „Frankfurter Zeitung" bemerkt dazu, die Bezeichnung „widernatürlich" gehe über all das hinaus, was bisher zu diesem Thema gesagt worden ist und führt eine im Dezember vom Reichsinnenminister Dr. Fr ick der Presse übergebene Erklärung an, in der er sich gegen im Ausland verbreitete alarmierende Gerüchte über die deutsche Rassengesetzgebung wandte. Landwirtschaftliche Ausbildung deutsch - jüdischer Jugend in Holland. Die holländische Regierung beabsichtigt, die landwirtschaftliche Ausbildung jüdischer Jugendlicher aus Deutschland dadurch zu fördern, daß sie Grund und Boden für landwirtschaftliche Ausbildungsstätten, sowie Baracken zur Unterbringung der Landwirtschaftslehrlinge zur Verfügung stellt. Die Einrichtung der ersten derartigen" Ausbildungsstätte soll noch im Monat März erfolgen. 120 jüdische Jugendliche, zum größten Teil solche, die später nach Palästina gehen sollen, werden auf dieser Lehrfarm Aufnahme finden. Die Ankündigung dieses Plans der holländischen Regierung hat den bekannten holländischjüdischen Philanthropen van den Berg bewogen, einen Betrag von 50 000 holl. Gulden für die Bestreitung des Lebensaufwands der aus Deutschland erwarteten Landwirtschaftslehrlinge zur Verfügung zu stellen. Auch die großen jüdischen Hilfsorganisationen haben sich bereit erklärt, zur Finanzierung dieser Aktion beizutragen. Die holländische ,, Agudas Jisroel" hat schon vor längerer Zeit Schritte unternommen, um bei der beabsichtigten Aktion die ausreichende Berücksichtigung der religiösen Interessen zu sichern. Der Entjudungsprozeß in Sowjet-Rußland. Von den „Arbeiterkorrespondenten" (Arbkors) einer Reihe jiddischer Fabrikszeitungen wird die Forderung nach Ausmerzung der Hebraismen aus der jiddischen Sprache erhoben. Die Zeitung „Der Odessaer Arbeiter" ist bereits dazu übergegangen, die hebräischen Ausdrücke durch russische Lehnwörter zu ersetzen. Auch die großen jiddischen Tageszeitungen befassen sich mit dieser von den Arbeiterkorrespondenten aufgeworfenen. Frage.