Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 9 Der Israelit 1. März i934 setzt ist, als Zeit der Läuterung und der Rückkehr zum wahren Willen des Weltenschöpfers auffassen. Starker Beifall lohnte die inhaltsreichen Worte des geschätzten Redners. Köln, 19. Febr. In der jüdischen Bevölkerung ist stellenweise Beunruhigung entstanden, weil eine Mittelstandskasse die zukünftige Vergütung auf Rechnungen gewisser jüdischer Aerzte (Nichtfrontkämpfer) durch Aushang und Briefe abgelehnt hat. Inzwischen haben die betr. Kassen selbst diese Handhabung korrigiert und authentisch mitgeteilt, daß die jüdischen Kranken in jedem Falle jeden Arzt ihres Vertrauens aufsuchen dürfen. Es werden ihnen auch in Zukunft anstandslos die zustehenden Sätze auf die Rechnungen aller jüdischen Aerzte — unabhängig von deren Kriegsteilnahme — gezahlt. Etwaige widersprechende Bescheide haben damit ihre Gültigkeit verloren. Darmstadt, 12. Febr. Vor dem Darmstädter Schöffengericht hatten sich zwei 19jährige Handwerker unter der Anklage der versuchten Erpressung zu verantworten. Sie hatten im Juli 1933 dem jüdischen Kaufmann Mainzer in Pfungstadt einen anonymen Brief geschrieben und von ihm die Ablieferung von 1000 Mark verlangt, „widrigenfalls er seines Lebens nicht mehr sicher" sei. In einem zweiten Fall hatten sie ihm Ermordung und Inbrandsetzung seines Anwesens angedroht. Die Polizei, bei der der Kaufmann Anzeige erstattete, gelang die beiden Burschen festzunehmen. Während detl Staatsanwalt Bestrafung wegen versuchter Erpressung beantragte, wurden beide wegen versuchter Nötigung zu je einem Monat Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt. In der Verhandlung behaupteten die Angeklagten, es sei ihnen gar nicht auf das Geld angekommen, man habe nur eine Einschüchterung versucht. Halberstadt, 25. Febr. Der Kulturkreis der Synagogengemeinde Halberstadt veranstaltete am Montag, den 12. Februar, im großen Saale des Restaurants „Vaterland" einen Kammermusikabend des „Mendelssohn-Trio" aus Leipzig, das sich aus hervorragenden Künstlern zusammensetzt. Die Darbietungen, die getragen waren von hohem künstlerischen Ernst und einwandfreier Beherrschung des Technischen, lösten bei der Zuhörerschaft die denkbar beste Wirkung aus, die sich bis zum stürmischen Beifall der fast restlos anwesenden Mitglieder der Gemeinde steigerte. Bad Kreuznach, 25. Febr. Ein erfreuliches Zeichen unserer heutigen Zeit ist . das rege jüdische Leben in unserer Gemeinde. Sämtliche Vereine, an der Spitze der Jugendverein sowie der Frauen-Verein bieten den Mitgliedern in geistiger und geselliger Hinsicht Anregung und Abwechslung als Ersatz für so manches, was verloren ging. Besonders erwähnenswert sind die allwöchentlich wiederkehrenden Kurse in jüdischer Geschichte und Neuhebräisch unter Leitung von Herrn Rabb. Dr. Jakobs, sowie ein Kantoratskurs, die alle regen Zuspruch haben. Der Frauenverein delegierte zur Frauenbundstagung Frau Dr. Jakobs nach Berlin, die als Ergebnis dieser Reise im letzten Heimabend referierte und zu dem Resultat kam, daß die rege Arbeit in unserer Gemeinde sich ganz in der großen Linie bewege, die von der Zentrale vorgezeichnet wird. Auf der gleichen Ebene liegen die Bestrebungen, eine jüdische Schule 7.vl gründen und sind die. Vorbereitungen hierzu in vollem Gange. Frau Dr. Marg. Berent, Berlin sprach aufklärend auch zu diesem Punkte im Rahmen des Frauenvereins vor gut besetztem Hause. Groß-Gerau, 15. Febr. nnnsn cain ms ojaiu» haben die hiesigen Mitglieder der Chewro-Kadischo zu verwirklichen gewußt, indem am Rausch-Chaudesch Adar abends die Generalversammlung und gleichzeitig die Einweihungs-Feier der neu hergerichteten Gerne in destube stattfand. Der erste Gemeindevorsitzende, Herr Jul. Kahn, übergab nach einleitenden Worten das Gemeindezimmer seiner Bestimmung. Hierauf ergriff der erste Vorsitzende der Chewro, Herr Markus Schott, das Wort und dankte allen Mitgliedern, die dazu beigetragen haben, daß dieses Zimmer hergerichtet werden konnte. In großangelegtem Aufbau hielt unser Kantor und Lehrer, Carl Hartogsohn, die Einweihungsrede und wies darauf hin, daß der neu hergerichtete Raum nunmehr der Jugend Gelegenheit geben werde, sich ganz besonders in echt jüdischem Sinne zu betätigen, vor allem das jüdische Wissen zu verbreiten und zu vermehren. Die in allen Teilen harmonisch verlaufene Feier hielt die Mitglieder noch bis zur Mitternachtsstunde zusammen. Bad Homburg, 20. Febr. Im Talmud-Thoraverein sprach dieser Tage Redakteur S. Herz vor einem großen Hörerkreis über das Thema „Das Judentum in der satirischen Illustration", in dem mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die Geschichte des europäischen Judentums, von der Perspektive des Karikaturisten aus betrachtet, aufgerollt wurde. Referent verstand es, seiner Gemeinde durch kulturhistorische Betrachtungen zu fesseln und das Interesse für das Thema durch zahlreiche Bildvorführungen noch zu steigern, so daß er abschließend stärksten Beifall ernten konnte. Fulda; 25. Febr. Am 5a März 1934 besteht die Firma S. S t i e b e 1, Fulda, feine Herrenbekleidung, 100 Jahre. Begründet, im Jahre' 1834 von dem Schneidermeister Seligmann Stiebel, dem Urgroßvater des jetzigen Inhabers, befindet sich die Firma nunmehr vier Generationen in der gleichen Familie. Der derzeitige Besitzer ist der Sohn des im Jahre 1931 verstorbenen Josef Stiebel, der in unermüdlicher Wirksamkeit bestrebt war, die Tradition des Hauses hochzuhalten und insbesondere, wie es noch heute der Fall ist, nach streng jüdischen Grundsätzen — -Sabbat und jüdische Feiertage geschlossen — zu führen. Gerade deshalb aber kann mit besonderer Befriedigung, anläßlich des 100jährigen Bestehens der Firma darauf hingewiesen werden, daß dieselbe sich nicht nur in jüdischen Kreisen, sondern bei allen Konfessionen durch ihre Reellitäi die Achtung weitester Kreise errungen hat. I Treuchtlingen (Bayern), 3. Febr. Auf Einladung unseres Herrn Rabbiners Dr. Mannes, Schwabach hielt Sonntag, den 21. Januar im Anschluß an den Abendg'Uesdienst Herr Rabbiner Schwab aus Ichenhausen in hiesiger Synagoge einen Vortrag über Israels Aufgabe. Redner verstand es, durch vorzügliche Ausführung die Anwesenden zu fesseln. Er führte uns zurück in die alte Zeit vor 150 Jahren, wo Thora und Mizwotat bei unseren Vätern die beste Pflege fanden, dann zur Emanzipation, in deren Gefolge die Assimilation so viel Unheil in Israels Mitte anrichtete, — Er forderte in beredter Sprache, an Hand treffender Bibel- und Talmudstellen zur Rückkehr auf, daß wir alle zu einer Aguda werden. Herr Rabbiner Dr. Mannes dankte dem Redner für die begeisternden Worte. Paris, 14. Febr. Eine Anzahl von Wurstlereien, die nicht der Aufsicht des Pariser Rabbinats unterstehen, verkauften Trefo-Produkte, obgleich sie nach wie vor an allen Läden und Aushängeschildern die Bezeichnung „Koscher" anbrachten. Auf Veranlassung des Konsistoriums erhob die Polizeipräfektur Klage wegen Täuschung des Publikums. Das Urteil der X. Pariser Strafkammer wurde am 8. Februar verkündet. Jede der angeklagten Wurstlereien wurde zu 25 Franken Geldstrafe verurteilt und zu einem Franken Schadenersatz gegenüber jeder der an der Klage beteiligten Zivilparteien, nämlich dem Konsistorium und der Gesellschaft „La Cachere". In diesem Zusammenhang sei bemerkt, daß es in Pariser jüdischer Kreisen unliebsames Aufsehen erregt, wie schamlos von einer Anzahl aus Deutschland hier eingewanderter Wurstlereien, Metzgereien, Restaurationen usw. der Sabbat entweiht werde. „L'Univers Israelite" bemerkt nicht mit Unrecht: „An Juden, die den Sabbat entweihen, fehlte es uns auch bisher schon nicht. Dazu bedürfen wir keiner Einwanderung." Amsterdam, 25. Febr.- Wie der Amsterdamer ITA- Korrespondent erfährt, werden die ersten zehn agudistischen Chaluzim, die in der agudistischen Hachscharahstätte in Enschede ausgebildet wurden, im März aus Holland nach Palästina abreisen. Sodann sollen weitere 24 Jugendliche aus Deutschland in Enschede eintreffen, um dort ihre berufliche und geistige Ausbildung für Palästina zu empfangen. Amsterdam, 26. Febr. Das Hilfskomitee für emigrierte deutsche Professoren teilt mit, daß es bis jetzt 36 deutsche Professoren, worunter 18 jüdische Gelehrte sind, an 31 amerikanischen Universitäten Anstellung verschafft habe. Groningen, 26. Febr. Das Groninger Hilfskomitee zur Unterstützung deutsch-jüdischer Gelehrter, dessen Aufgabe darin besteht, einigen jüdischen Gelehrten Gelegenheit zu geben, an der Groninger Universität ihre wissenschaftliche Arbeit für einige Jahre fortzusetzen, hat nun mit Hilfe des Amsterdamer Akademikerfonds drei Gelehrten hierzu Gelegenheit geboten: 1. Professor H. Pleßner, der seine Arbeiten am Laboratorium von Prof. Buitendyk fortsetzt; 2. Dr. Gert Rathenau, der am Laboratorium von Prof. Coster und Dr. Kurt Mahler, der bei Prof. van der Corput weiterarbeiten wird. Sofia, 25. Febr. Als der Attentäter, der. gegen die Synagoge und jüdische Schule in Kjüstendil (Bulgarien) eine Bombe schleuderte, bei deren Explosion schwere Schäden angerichtet wurden, ist der Metallarbeiter Wassil Krestess festgenommen worden. Er erklärte, die Bombe aus Haß gegen die Juden geschleudert zu haben. Tel-Awiw, 19. Febr. In Tel-Awiw ist der bekannte Schriftsteller Heinrich York-Steiner im 75. Lebensjahr gestorben. York-Steiner, der zu dem engsten Kreise der Mitarbeiter Theodor Herzls gehört hatte, hatte in der ersten Zeit des politischen Zionismus eine hervorragende Rolle gespielt. Nach Herzls Tod hatte sich York-Steiner nicht mehr aktiv in der zionistischen Bewegung betätigt. Die jüdische Literatur verdankt ihm vor allem die Novelle „Der Talmud- Bauer", in der er den Typus des mit Boden und Lehre gleich verwurzelten neuen jüdischen Menschen Palästinas schilderte. 1928 erschien sein großes Werk über die Judenfrage „Die Kunst, als Jude zu leben (Minderheit verpflichtet.) Die Frankfurter Woche- Trauer im Hause unseres Gemeinderabbiners. Tiefe Trauer zog in das Haus unseres Gemeinderabbiners, Josef Horovitz, ein. Wiewohl nicht unerwartet, löste doch die Kunde, daß der älteste Sohn der Rabbinerfamilie, Samuel, im Alter von zehn Jahren sein junges Leben und sein in schwerer Krankheit mit einer weit über die Kräfte eines Kindes hinausgehenden Liebe und Geduld getragenes achtjähriges Martyrium beendet habe, tiefe Bestürzung in der ganzen Gemeinde aus. Früh vollendet war dieses junge Leben, fast zu gut und zu zart für eine harte Welt von heute. Auf seinem Kranken- und Schmerzenslager - sah man das Kind vertieft in heilige Bücher, wie einen der Glaubenshelden seines Stammes Linderung im Studium suchend und alle Leiden als r.ans bt> ■pno' hinnehmend. Höchstes Glück •bedeutete es für ihn, wenn er sich mit seinem Vater in Pausen zwischen Schmerz und Leid über jüdische, oft auch tiefgehende talmudische Probleme unterhalten und sich von ihm über all die Fragen, die ihm in den Fieberträumen aufgestiegen waren, belehren lassen konnte. Er war der Liebling aller Aerzte und Krankenschwestern, die alles aufboten, seine Leiden zu lindern und das junge kostbare Leben zu erhalten. Ihnen allen entbot der Vater an der Bahre seines Kindes in einer alle Herzen aufwühlenden, erschütternden und zugleich zu Mussar höhen sich erhebenden Rede heißen Dank. Wohl die ganze Gemeinde nimmt Anteil am Schmerze ihres geistigen Führers und brachte dieses tiefe Mitfühlen durch die Massenbeteiligung an der Bestattung am Sonntag vormittag in einer Weise zum Ausdruck, die dem Herrn Rabbiner und seiner Familie ein wenig zum Tröste gereichen mag. Möge die mint» napj dieses Kindes den Seinen und uns allen "u?r> ybn sein. .~!"3S3n Dr. Lipman Schlesinger ^J"2tt. Eine Persönlichkeit von höchster Eigenart und seltenem menschlichem und jüdischem Werte ist am Todestage Mosche Rabbenus, dem 7. Adar, um die Mitternachtsstunde heimgegangen zu ihren Vätern. Ein Sohn des berühmten Schülers von R. Jakob Ettlinger y*'T, des Hamburger Klausrabbiners Rabbi Getschlik Schlesinger b"si — im Volksmunde als Reb Getsch bekannt —, hat Dr. Lipman Schlesinger fast vier Jahrzehnte im Lehrkörper der Hamburger Talmud Thora-Realschule als Fachlehrer für Mathematik und Naturwissenschaften gewirkt, vor allem aber Generation nach Generation durch seinen glänzenden, auf tiefster, umfassender Thorakunde aufgebauten Gemoro-Unterricht zum echten „Lernen" und zu echter G'ttesfurcht erzogen. Nachdem er vorübergehend auch das stellvertretende Direktorat der Schule versehen hatte, trat er vor einigen Jahren in den Ruhestand, um zuerst in Berlin, dann in Frankfurt a. M. seinen Lebensabend unter der Fürsorge seiner Gattin, einer Tochter des unvergeßlichen Wolf Wreschner b'"*i' und im Kreise liebender Kinder zu verbringen. Schweres physisches Leid umdüsterte diese letzten Lebensjahre, aber es vermochte die Kraft und Klarheit seines Geistes, die Lebenszugewandtheit seines starken Willens und das unerschütterliche G'ttvertrauen, das von ihm ausstrahlte, nicht zu brechen. Bis zur letzten Sekunde bei hellem Bewußtsein, ist er np^on nri'aa ohne jeden Kampf lautlos hinübergeschlummert, da die Stunde seiner Erlösung gekommen war. Nur zagend wagt sich der Betrachter, der das Leben dieses großen Toten überblickt, an die Analyse seines Wesens heran — denn über das Innerste seiner Persönlichkeit war der Schleier der tiefsten Keuschheit gebreitet. So wie der Strahl der Jiras Schomajim auf seinem Antlitz ruhte, so durchglühte sie alle Seiten seines intellektuellen Wesens, seines reichen Gefühlslebens und seines Wollens und Wirkens. Er war ein Talmid Chochom im echten Sinne des Wortes, mit einer gründlichen, weitumfassenden Quellenkenntnis dvois» csfh ausgestattet, die kein Halbdunkel und keine Unklarheit, kein Schwanken und Raten kannte, die Frucht eines phänomenalen Gedächtnisses, eisernen Fleißes und durchdringender logischer Geistesschulung. Und diese selbe Schärfe und Gründlichkeit des Denkens war es, die ihn auch zu einem Wissenschaftler ersten Ranges auf dem Gebiete der Mathematik und Naturwissenschaften werden ließ und zu einem Pädagogen, der, aufgeschlossen für jeden methodischen Fortschritt, der echten Wissenschaft mit tiefer Ehrfurcht gegenüberstand. Und in dieser — theoretisch niemals restlos aufzuklärenden — Synthese einer geradezu klassischen, altjüdischen Emunas Chachomim mit modernster wissenschaftlicher Durchbildung lag das Geheimnis und die Größe seines Charakters als Denkers und Lehrers. Höchste erkenntniskritische Besinnung ließ ihn aus der Wissenschaft nur diejenigen hieb- und stichfesten Elemente in die Tiefe seines geistigen Wesens aufnehmen, die sich in, dienender Harmonie dem jüdischen Traditionsgut und der lebendigen Gläubigkeit seiner reinen, g'ttbewußten Seele einordneten. So gewann er jene unnachahmliche weltüberlegene Gemütsruhe, die ihn ein ganzes Leben Tag für Tag und Stunde für Stunde zu einem 'fortgesetzten G'ttesdienst gestalten, die ihn