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Der Israelit · 1934-03-01 · Heft 9 (1.3.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 9 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der rae Nummer 9 1934 In Todesgefahr, Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Was könnte mich daran hindern, den Posten schon jetzt zu verlassen? Ich werde es schon so anstellen, daß der Fürst jede Spur von mir verliert und vergebens nach mir sucht/" ,,Er wird Deine Spur nicht entdecken? Kannst Du selber daran glauben?! Fürst Radczinski sollte wirklich seinen Willen nicht durchsetzen können? Und wenn Du Dich in der Hölle verkriechst, er würde Dich finden und auf den ersten Baum aufknüpfen lassen. Nachher wird es Dir freistehen, Dich über ihn bei den Behörden zu beschweren!" „So rate Du mir etwas Besseres! Du bist ja sonst so reich an klugen Einfällen und wirst Deinen Freund, der Dich auf den Knieen um Deinen Rat bittet, nicht im Stiche lassen. Ist das der Lohn für meine ausdauernde Freundschaft, die ich so oft schon durch Opfer bewährte für den Schutz, den ich Deinen Glaubensgenossen zu jeder Zeit angedeihen ließ?" Dieser Vorwurf, mehr noch der bittere und anklagende Ausdruck seines Gesichtes traf Reb Schachne tief ins Herz. Der gute Marschall erwies tatsächlich den Juden, welche jeden Tag seinen Beistand brauchten, tausend Gefälligkeiten. Fehlte es an Brennholz für das Badehäus oder für die Synagoge, so erteilte er den Befehl, in den Vorhof der letzteren so viel abzuladen, als der Raum fassen konnte. Fehlte es an Material, um die baufälligen Häuschen wieder aufzurichten, dann war es wieder der gute Marschallik, der Bretter und Ziegel zufahren ließ. VOr allen Feiertagen schickte er an die jüdischen Gemeindevorsteher ganze Ladungen von Mehl, Kartoffeln und Geflügel zur Verteilung unter die Armen, kurz Reitan war zu jeder Zeit ein wahrer Schutzengel für die Juden des Städtchens, die deshalb auch bereit waren, für ihn ins Feuer zu gehen. Reb Schachne mußte sich gestehen, daß der wackere Mann ein doppeltes Anrecht auf seine Hilfe besaß. „So tu doch nicht gleich so böse, Freund Felix!" begann er, die Pfeife zur Seite stellend. „Ich will ernstlicher darüber nachdenken, und es wird sich schon etwas Gescheites finden lassen. Verhalte Dich einige Minuten ruhig und störe mich nicht in meinen Gedanken . . ." Dabei erhob er sich, schob das Kappchen auf den Hinterkopf, glättete sich bald die Stirn, bald den Bart und ging im Zimmer auf und nieder, indem er bald einige Worte zu sich selber sprach, bald irgend eine Weise aus den Gebeten der heiligen Tage vor sich hinträllerte. Seine hohe Stirn legte sich immer mehr in Falten und die Augenlider waren zur Hälfte geschlossen, ein Zeichen, daß er seinen Kopf zu einer größeren Gedankenarbeit anstrengte. Reitan verhielt sich so ruhig, daß er fast den Atem anhielt, und als sein Hund, aufgestört durch das Schlürfen der Pantoffel, das Reb Schachne bei seinem Hin- und Hergehen vernehmen ließ, sich unter dem Tische zu regen anfing, deutete ihm Reitan durch Drohen mit den Fingern an, keinen Ton von sich zu geben, was das kluge Tier auch zu verstehen schien, denn es steckte den Kopf zwischen die Pfoten und fing wieder an zu schlafen. Drittes Kapitel. So mochten etwa zwanzig Minuten verstrichen sein, als Reb Schachne sich schweratmend in seinen Stuhl sinken ließ und begann: „Jetzt sollst Du es mir aber zugestehen, Freund Felix, daß ich was Rechtes ausfinden kann. Aber vorerst lasse mich nur ein wenig verschnaufen!" Das Antlitz Reitans verklärte sich vor Freude. Anfangs wollte er seinem Freunde um den Hals fallen, doch seine letzte Ermahnung hielt ihn zurück, so daß er an sich hielt, bis er den Plan erfahren. „Nun," nahm Reb Schachne, sich gemächlich den Bart streichend das Wort, „mein Rat geht dahin, daß Du Dich unter dem Vorwande, daß Du krank bist, zu Bett legst und unaufhörlich ächzst und stöhnst. Wir, das heißt eigentlich nicht wir, sondern Marcus der Barbier wird Dich in feuchte Tücher wickeln und mit allerlei Kuren plagen. Aber er erschöpft sich umsonst in Medikamenten, und wir schicken deshalb zwei Eilboten ab, den einen nach Stolowicz zum Arzt, und den zweiten nach Bielsk in den Palast des Fürsten, um Herr Gopsukewicz hierher zu dirigieren, der Dich in der Zwischenzeit vertreten soll." „Und was weiter?" „Den Arzt werde ich in unser Geheimnis einweihen; er wird bescheinigen, daß Deine Krankheit sehr bedenklich und so ansteckend sei, daß sie sich leicht auf die Umgebung verpflanzen könnte. Das wird genügender Grund für ihn sein, Dich so schnell als möglich aus der Gegend fortzuschaffen. Dem Fürsten wird Goprukewicz schon zu antworten wissen, um dann von ihm als Lohn für sein korrektes Vorgehen Deine Stelle zu erhalten!" „Was Du doch für ein Schlaukopf bist, Freund Schachne!" rief Reitan außer sich vor Freude. „Du bist ein wahrer Zauberer. Wie soll ich Dir dafür danken?" „Möglich, daß Du just Gelegenheit dazu hast," erwiderte Reb Schachne mit pfiffigem Augenblinzeln. ,,So nenne es rasch!" schrie Reitan, aufspringend. „Für Dich gehe ich ins Feuer." „Das verlange ich nicht von Dir, nur einen guten Rat." „Ich sollte Dir einen Rat erteilen? Und in welcher Angelegenheit?" „In Angelegenheit meiner Sabbatmütze!" „Ach, die alte Geschichte!" erwiderte Reitan, sich mutlos wieder auf seinen Sitz niederlassend. „Wenn es Dir nicht gelingen wollte, Deine Sabbatmütze aus den Händen des Fürsten wieder zu erobern, wie sollte es m i r gelingen?" Mit der Sabbatmütze hatte es folgende Bewandtnis. Während der Faschingszeit, in welcher Fürst Radczinski als frommer Katholik die lauten Zechgelage einstellte und mehr stillen, häuslichen Vergnügungen nachging, war sein liebster Zeitvertreib das Schachspiel, und Reb Schachne mußte jeden Tag im Palaste erscheinen, um dem Fürsten als Partner zu dienen. In der Regel bot der Fürst einige teure Gegenstände, silberne Armleuchter, Brillantringe, oder sonst einen kostbaren Gegenstand, während der Jude nach seinen Verhältnissen irgend ein Ding von geringem Werte einsetzte. Da geschah es eines Tages, daß der Fürst von seinem jüdischen Partner die Sabbatmütze als Einsatz verlangte, mit der Bedingung, daß er sich im Falle des Verlustes keine andere ohne Erlaubnis des Fürsten anschaffen, sondern an Fest- und Sabbattagen die gewöhnliche Kopfbedeckung tragen würde. Reb Schachne trug im Bewußtsein seiner Ueberlegenheit kein Bedenken, auf diese Bedingung einzugehen. Leider verließ ihn aber diesmal sein Glück, und die Sabbatmütze fiel dem Fürsten zu, der in unbändiger Freude, seinen Juden besiegt zu haben, die Sabbatmütze tagelang wie eine Siegestrophäe im Paläste umhertrug und allen seinen Edelleuten zeigte. Der arme Reb Schachne fühlte sich durch diesen Verlust wie vernichtet. Er, der fromme Reb Schachne, dem die Sabbatmütze mehr als alles galt, würde, nicht mehr in die Synagoge kommen, nicht mit den andern Vorstehern, wie üblich, dem Rabbiner am Sabbat die Ehrenvisite abstatten dürfen, denn wie konnte er ohne sabbatliche Kopfbedeckung sein Gesicht der Oeffentlichkeit zeigen? Mußte er nicht von aller Welt verhöhnt und verspottet werden? . . . Wiederholt bot er dem Fürsten alle die kostbaren Gegenstände an, die er ihm im Schachspiel abgewonnen, als Lösegeld oder für die Erlaubnis, sich eine andere Sabbatmütze anschaffen zu dürfen, doch der Fürst blieb unerbittlich. „Es war Bedingung, Pane Chochanku," erwiderte er regelmäßig, „und Bedingungen müssen eingehalten werden. — Ist er ein ehrlicher Mann, oder nicht?" „Ein ehrlicher, mein allergnädigster Herr!" „Auch ich bin ein ehrlicher Mann, und ehrlichen Leuten geziemt es nicht, ihr Wort zu brechen." Vergebens warf sich Reb Schachne seinem Gebieter zu Füßen und flehte um Erbarmen. Bei allem Wohlwollen für seinen Juden blieb er diesmal unerbittlich, und das betrübte Reb Schachne so sehr, daß er manchmal sein Glück und seinen Reichtum verwünschte. Nur ein tröstender Gedanke beruhigte ihn, daß der Fürst endlich doch nachgeben würde, und eben deshalb ersehnte er mit doppelter Ungeduld die Rückkehr desselben, zumal da die Zeit der Trauung der schon lange verlobten Tochter herannahte, deren Hochzeit er der Sabbatmütze wegen immer wieder hatte verschieben müssen. Wie war es möglich, daß er seine Tochter in einer gewöhnlichen Werktagsmütze zum Trauhimmel führe? Er müßte ja unter der Wucht dieser Schande umkommen. Und würden es ihm die Eltern des Bräutigams jemals verzeihen, daß er ihnen eine solche Schmach bereitet? . . . Wenn der Fürst, G'tt behüte, bis zum Läubhüttenfest nicht zurückgekommen war, dann könnte gar die Partie noch aufgelöst werden! Und war eine solche Partie so bald wieder zu finden? Mit dem Sohne des großen Rabbiners aus Brisk! Ist das eine Kleinigkeit? Wieviel Mühe und wieviel Geld hatte er darauf verwendet, bis er die Verlobung fertig gebracht, und jetzt sollte das alles zunichte werden? Länger als höchstens zwei Monate wird die Hochzeit sich nicht mehr aufschieben lassen, und was dann? Solche und ähnliche Gedanken wühlten in Reb Schachne und bereiteten ihm schwere Pein. Einmal war er schon entschlossen, seine Tochter aus Sluzk, wo sie sich im Hause seines Bruders befand, abzuholen, bei dieser Gelegenheit eine Sabbatmütze zu kaufen und die Hochzeit zu feiern, so lange der Fürst nicht da war. Aber bald mußte er einsehen, welche schwere Gefahren ihm daraus erwachsen mußten, wenn der Fürst davon Wind bekäme, daß er ohne seine Einwilligung die Sabbatmütze getragen habe. Deshalb blieb er entschlossen, die Rückkehr seines Gebieters abzuwarten, den er durch Bitten und Vorstellungen doch noch zu erweichen hoffte, zumal, wenn dieselben durch seine Tochter unterstützt wurden, und diese selbst den Fürsten anflehte, ihr Lebensglück nicht zu zerstören. Hatte ja der ritterliche Radczinski noch niemals den Bitten einer Frau sein Ohr verschlossen! Allerdings mußte sich Reb Schachne gestehen, daß darin

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