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Der Israelit · 1934-03-01 · Heft 9 (1.3.1934) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 9 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Nr. 9 D Israelit 1. März 1934 Im weiteren Verlauf der Debatte nahm der Führer der antisemitischen nationaldemokratischen Par tei Professor R y b a r s k i nochmals das Wort. Er erklärte, seine Partei stehe auf dem Standpunkte, daß Polen einen europäischen Plan zur Lösung der Juden frage, wie er von Oberst Miedzinski gefordert worden sei, nicht brauche. Wir wollen eine polnische Lösung der Frage, erklärte der Redner. Nach Abschluß der Debatte wurde das Budget vom Sejm in dritter Lesung angenommen. Der Klub der jüdischen Abgeordneten enthielt sich der Stimme Lettland. Antisemitischer Anschlag gegen die kulturelle Autonomie der Minderheiten in Lettland abgewehrt. Riga, 20. Febr. Der lettische Sejm hat einen von antisemitischer Seite gestellten Antrag, die kulturelle Autonomie der Minderheiten in Lettland aufzuheben, abgelehnt. Ebenso lehnte der Sejm den später von gleicher Seite gestellten weniger weitgehenden Antrag ab, die staatlichen Beihilfen für die Mittel- und Gewerbeschulen der Minderheiten zu streichen. Tschechoslovakei. Um die Beisetzung von Aschenurnen auf dem Prager jüdischen Friedhof. Prag, 13. Febr. Die Frage, ob die israelitische Beerdigungsbrüderschaft verpflichtet ist, Aschenurnen auf dem Jüdischen Friedhof beizusetzen, hat das Oberste Verwaltungsgericht beschäftigt, eine meritorische Entscheidung ist jedoch nicht gefallen. Das Verwaltungsgericht hat auf Beschwerde der Israelitischen Beerdigungsbrüderschaft in Prag, vertreten durch Dr. Simon Freiberger, die Entscheidung des Schulministeriums, mit dem der Beerdigungsbrüderschaft aufgetragen worden war, eine Aschenurne auf dem Jüdischen Friedhof beizusetzen, wegen Mangelhaftigkeit des Verfahrens aufgehoben. Die staatlichen Verwaltungsbehörden werden demnach abermals über die Sache verhandeln. (ITA.) Italien. Das offizielle faschistische Organ über die Aktualität der Judenfrage. Mailand, 19. Febr. Das von Mussolini gegründete offizielle Organ der faschistischen Partei „II Popolo d'Italia" beschäftigt sich in seiner letzten Nummer im Anschluß" an einen im „Mercure de France" erschienenen Artikel mit der Judenfrage, die das Blatt als von größter Aktualität für ganz Europa bezeichnet. Zu den Bestrebungen, die Judenfrage durch Schaffung eines Nationalheims in Palästina zu lösen, wird in dem Aufsatz im „Popolo d'Italia", als dessen Verfasser in Mailänder politischen Kreisen Ministerpräsident Mussolini selbst vermutet wird, bemerkt, der Begriff „Nationalheim" sei zweideutig und vom politischen Standpunkt aus bedeutungslos. Eine gewisse Lösung hätte die Schaffung eines wirklichen Judenstaates in Palästina bedeutet. Bezüglich der anderen im „Mercure de France" erwähnten Lösungsversuche, wie Zuerkennung der palästinensischen Staatsangehörigkeit, Assimilation usw., heißt es in dem Artikel des italienischen Blattes, derartige Lösungsmöglichkeiten mögen von einem juristischen Standpunkt zutreffend sein, seien jedoch in der Praxis schwer durchführbar. Rumänien. „Wir kennen nur rumänische Bürger gleichen Rechtes." Bukarest, 18. Febr. In der letzten Sitzung der rumänischen Kammer gab Innenminister I. Inculetz als Entgegnung auf eine der üblichen Kampfreden Prof. George Cuzas, des Sohnes des Führers der Liga für national-christliche Verteidigung Prof. A. C. Cuza, eine Erklärung ab, in der er sich in sehr bestimmter Form dagegen wandte, daß die Cuzisten so tun, als hätten sie ein Monopol auf Nationalismus. Alle nationalen Einrichtungen in Rumänien seien von seiner Partei, den Liberalen, geschaffen worden. Im Anschluß daran sagte der Minister: „Was trennt uns von den Cuzisten? Sie sind Antisemiten — wir sind es nicht, sie wollen die Ju den zurückdrängen, ja selbst vernichten. Wir lehnen jedwede Vernichtung ab; wir kennen nur rumänische Bürger gleichen Rechtes. Wir wollen, daß unsere Rumänen sich auf allen Gebieten voll entfalten. Sie wenden alle Energien der Jugend durch ihre Haßpropaganda für ein steriles Ziel auf. Aber die Pflicht ist zu lernen und sich selbst eine hohe Kultur zu verschaffen." England. Sir Robert Waley Cohen warnt vor Säkularisierung des Judentums. London, 18. Febr. In einer bedeutungsvollen Versammlung unter dem Vorsitze von Chiefrabbi Dr. J. H. Hertz sprach vorige Woche Sir Robert Waley Cohen, K. B. E. über das Thema „Die Zukunft der United Synagogue und anderer jüdischen Institutionen." Die Darlegungen des Referenten verdienen schon deshalb eine besondere Beachtung, da Sir Robert Waley Cohen Vizepräsident der United Synagogue und eine der prominentesten Persönlichkeiten des englischen Judentums ist. Am Anfang seiner großangelegten Rede behandelte Redner die Position der englisch-jüdischen Gemeinde während des vergangenen Halbjahrhunderts. Auf die heutigen Verhältnisse übergehend, sagte er: „Wir haben viele in unserer Mitte, die den Anspruch erheben, Juden zu sein, die aber wenig von unserer Geschichte oder Literatur wissen und sich wenig um sie oder um Judentum oder, in der Tat, um irgend eine Religion kümmern. Wir haben die zionistische Bewegung mit ihrem Appell an unser R a ssensentiment, die den Titel „Jude" einer ganzen Anzahl von Männern und Frauen, die wenig oder kein Interesse für das Judentum haben, verleiht. Hier, so glaube ich, liegt eine Gefah r." Er, Redner, habe zwölf Jahre lang in nahem Kontakt mit Palästina gearbeitet und kenne und anerkenne die Wichtigkeit des palästinensischen Aufbauwerkes. Unser Enthusiasmus für Erez Isroel dürfe aber nicht zu einem aggressiven Nationalismus degeneriert werden, der den Juden in Palästina keinen Dienst erweist, dafür aber dem großen Körper von denen, die ihr Heim in anderen Ländern haben und einen Teil dieser und jener großen Nationen bilden, von Schaden ist. Redner griff auch den Board o f Deputies an, eine Körperschaft, die durch eine falsche Analogie das „Jüdische Parlament" genannt werde. Diese Körperschaft umfasse Elementei ,die in der englischen Judenheit nicht eine religiöse Gemeinschaft, sondern eine abgeschlossene Rassengruppe mit säkularen Interessen erblicken. „Laßt uns hoffen," so beendigte Sir Robert Waley Cohen sein Referat, „daß in den kommenden Jahren die Führer der Jüdischen Gemeinde in diesem Lande es als ihre Hauptaufgabe betrachten werden, ihre Arbeit unserer großen religiösen Organisationen zu widmen und, während sie so viel Zeit wie möglich der Wohltätigkeits- und politischen Arbeit sowie der Unterstützung der Judenheitsaufgaben in Palästina und anderen Ländern widmen, sie darauf bestehen werden, vor sich und vor unseren Glaubensgenossen das vitale Faktum vor Augen zu halten, daß der Name der Judenheit auf Judentum basiert und daß nur durch das Verlangen, daß unser religiöses Leben seine Vitalität erhält und mindestens seinen gebührenden Anteil zu den geistigen Kräften der Welt beiträgt, wir die Hoffnung hegen können, daß wir unsere Position erhalten werden als eine große religiöse Gemeinschaft, die auf den Respekt des Menschengeschlechtes rechnen kann und die Fähigkeit besitzt, die Unterstützung von den besten Elementen der Menschenmasse in jedem Teil der Erde zu gebieten." E. St. Palästina. Von der Mädchenschule der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel in Tiberias. Jerusalem, 15. Febr. Der Stolz des Palästinaschulwerkes der Agudas Jisroel ist die Mädchenschule in Tiberias, die jetzt mit dem Oberrabbiner, Rabbi Mosche K1 i e r s b"±i ihren treuesten Freund und tätigen Förderer verloren hat. In dem linksstehenden Arbeiterblatl Palästinas, ..Hadawar", lesen wir über diese Schule u. a.: „Gegenüber den 425 Knaben der Talmud Thora-Schule besuchen nur 140 Mädchen die Mädchenschule, die vor zehn Jahren von der deutschen Aguda gegründet wurde und sich heute noch unter ihrem Schutz befindet. Die Leiterinnen der Schule kamen fast alle aus Deutschland und bezogen von dort auch ihr Gehalt. Der religiöse Charakter ist der Schule nicht nur durch den Lehrstoff, sondern auch durch die Lebensart von Lehrerinnen und Schülerinnen aufgeprägt. Die Zahl der sephardischen Mädchen ist hier geringer als in anderen Schulen dieser Art. Diese weibliche Jugend wurzelt vollkommen in Religion und Tradition." Der Artikel ist, wie die Redaktion bemerkt, aus der Feder einer deutschen Dame, die der Agudas Jisroel vollkommen fremd und fern steht. Ein uns von der derzeitigen Leiterin, Frl. Malca Blechmann, zugestellter Lehrplan bestätigt jene Darstellung in allen Teilen und besagt noch viel mehr: nämlich, daß diev Mädchen bei Einführung in alle Wissensgebiete, die zur Ertüchtigung für das Leben notwendig sind, durch treuliche Pflege aller jüdischen Disziplinen so stark im jüdischen Heimatboden verwurzelt werden, daß sie, ähnlich wie die Beth Jakob-Schülerinnen in Polen und Galizien, noch weitere Kreise um sich ziehen und viel zur Verbreitung des jüdischen Lebenseim Lande beitragen werden. Ein nicht zu übersehender Punkt ist der, daß in einer Stadt wie Tiberias, wo die Sephardim und Aschkenasim, und selbst die einzelnen Observanzen innerhalb der Aschkenasim und Sephardim, nie zusamenkommen konnten, die Schule, die Kinder aus allen Schichten und Landsmannschaften in sich vereinigt, der verbindende Pol wurde. Auf dem Wege über die Kinder werden sich auch die Eltern finden in?khp' nana- Tief zu bedauern ist nur, daß von den vielen hunderten Mädchen in Tiberias nur 150, und von den vielen tausenden im Lande nur einige hundert erfaßt werden konnten. Möge der Segen des nun heimgegangenen Rabbi auf dem Werke, das er so geliebt und gefördert hat, ruhen, daß es wachse und gedeihe und durch die tätige Unterstützung der Golah bald imstande sei, seinen Segen all denen zu erschließen, die nach ihm lechzen. Abdul Medschid hält an dem Widerruf seines Geständnisses fest. Jaffa, 20, Febr. Trotz eindringlichster Befragung durch den Verteidiger Horace Samuel blieb Abdul Medschid auch in der am 12. Februar durchgeführten Verhandlung fest bei seiner Behauptung, das von ihm seinerzeit abgegebene Geständnis sei falsch gewesen. Allerdings mußte er unter dem Kreuzverhör des Verteidigers Einzelheiten seiner früheren Angaben richtigstellen. So mußte er zugeben, daß er am Mordabend nicht einen blauen Anzug getragen hat, wie er in seiner vor dem Leiter der Kriminalabteilung Hauptmann Rice gemachten Aussage angegeben hatte, sondern einen braunen. Einen anderen Widerspruch zwischen den verschiedenen Aussagen des Zeugen stellte R.-A. Horace Samuel bezüglich der Zeit fest, zu der Abdul Medschid Dr. Arlosoroff zum letzten Mal gesehen haben will. Während er im Geständnis angegeben hatte, dies sei um 10.45 Uhr abends, also etwa zu der Zeit, da Dr. Arlosoroff ermordet wurde, der Fall gewesen, ist in dem mit ihm aufgenommenen polizeilichen Protokoll die Zeit 7 Uhr abends angegeben. Das Kreuzverhör, dem Abdul Medschid durch den Verteidiger Horace Samuel unterzogen worden war, hat zu dem Ergebnis geführt, daß Abdul Medschid eine Erklärung abgab, in der er bekannte, daß der Anklagevertreter Kommissar Shitreet ihn bei seiner zweiten polizeilichen Vernehmung auf eine Anzahl" von Widersprüchen zwischen seinen Aussagen und den Bekundungen Frau Arlosoroffs aufmerksam gemacht hat. Ein hierauf vom Verteidiger Samuel gestellter Antrag, die arabische Mittelsperson zu vernehmen, die die Verbindung zwischen den Angeklagten und den arabischen Mithäftlingen hergestellt hat, wurde von Richter Bodilly abgelehnt.

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