Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1. März 1934 D I s 1 i t * Nr. 9 Seite 7 geschäftsmäßig betrieben haben und förmlich oder durch Uebung zum mündlichen Verhandeln vor Gericht zugelassen waren, können Ausnahmen in dem für'. Beamte geltenden Umfange zugelassen werden. Auageschlossen sind u. a. Personen, die als Rechtsanwälte ausgeschieden sind oder als 'Rechtsanwälte nicht.zugelassen werden. Kindergärten und Ariergrundsatz, Hamburg, 21. Febr. Das Landesjugendamt und Jugendamt Hamburg teilte den jüdischen Kindergärtnerinnen (Besitzerinnen von Kindergärten usw.) mit, daß ihnen nach den bestehenden Vorschriften, wonach die Erziehung und Pflege arischer Kinder nur durch Arier geschehen darf, die Erziehung und Pflege arischer Kinder untersagt wird. Bis zum 31. März 1934 müssen die arischen Kinder aus diesen Kindergärten ausgeschieden sein. Oesterreich, Interkonfessionelles Versöhnungswerk österreichischer Frauen. Wien, 21. Febr. Ein Aufruf, der u. a. unterzeichnet ist von Kardinal-Erz'bischof Dr. Innitzer, Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang, der Gemahlin des Bundespräsidenten Frau Leopoldine Mihlas, dem Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrätes, 5 Sektionschef Dr. Viktor Capesius, wendet sich an die Frauen Oestereichs, einem Hilfswerk beizutreten, das die Kluft zwischen Mensch und Mensch überbrücken soll. „Männer haben für uns," — heißt es in dem Aufruf — „geblutet, Frauen müssen die Wunden heilen. Wirksame Hilfe gegen das grausamste Uebel, gegen das Elend der Verlassenheit, kann nur in der persönlichen Fürsorgeleistung, in der Hilfe von Mensch zu, Mensch; liegen. Nur die aus persönlicher Anteilnahme kommende Hilfe kann die in Not Versunkenen wieder mit Lebensmut ausstatten. Hilfe, die die Bande von Mensch zu Mensch wieder knüpfen soll, muß vor allem von echt mütterlichem Sinn getragen sein, muß von der Frau ausgehen." Für die hungernden Brüder in Rußland« Wien, 22. Febr. Vergangenen Sonntag fand auf Einladung des Rußlandhilfe-Komitees im Spiegelsaale des Hotel Continental eine Besprechung über die zu unternehmende Aktion zur Hilfeleistung an die hungernden J u d e n in Rußland statt, an der sich die prominenten Persönlichkeiten der verschiedenen Kreise des Wiener Judentums beteiligten. Neben den vollzählig erschienenen Vertretern der orthodoxen Bethäuser war auch ein großer Teil der übrigen Tempel- und Bethausvereine durch ihre Vorsteher und Rabbiner vertreten. Der Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. D. Feuchtwang, der dem vom Erzbischof Innitzer ins Leben gerufenen interkonfessionellen Rußlandhilfekomitee angehört, sprach über die bereits geleistete Arbeit und über den ausgezeichneten Eindruck, den die Berichte der Herren Univ.-Prof. Dr ,M. E i s 1 e r und Dr. L. Deutschländer über diese Arbeit in dem interkonfessionellen Komitee ausgelöst haben. Dr. Feüchtwang verurteilte in diesem Zusammenhang einen gegen ihn gerichteten Vorwurf im „Häarez", der vollkommen unberechtigt ist. Univ.-Prof. Dr. Max E i s - ler hielt sodann ein Referat über die zu leistende Hilfsarbeit und forderte sämtliche Bethausvorstände auf, die Eingänge aus den Alios und Nedorim am kommenden Schabbos Parschas Schekolim diesem wichtigen Zwecke zuzuführen. Markus Hornstein (früher Kiew), der eine Zeitlang selbst in Sowjetrußland lebte und die dortigen Verhältnisse genau kennt, sprach über die technische Durchführung der Hilfsarbeit. Er schilderte in erschütternder Weise die grenzenlose Not, der die „deklassierten" Juden ausgesetzt sind, und gab der Versammlung Einblick in die aus Rußland bei dem Hilfskomitee einlangende Korrespondenz, aus der die Tragik der russischen Juden, die zum großen Teile buchstäblich dem Hungertode entgegengehen, zu ersehen ist. Di*. Leo Deutschländer sprach ebenfalls über1 die Lage in Rußland Die Woche, Berlin. Nach einer amtlichen Mitteilung ist die kürzlich erschienene G e s c h i c h t e der Stadt Lüneburg von Professor Dr. Reinecke auf Veranlassung des Geheimen Staatspolizeiamts Harburg-Wilhelmsburg beschlagnahmt worden, und zwar wegen der Ausführungen über die Ju denfrage am Schlüsse des zweiten Bandes. Amsterdam. In einer Versammlung holländischer Revisionisten haben diese beschlossen, aus der zionistischen Vereinigung in Holland auszutreten. Brüssel. An der Landestrauer anläßlich des Todes König Alberts haben alle jüdischen Verbände und Organisationen in eigenen Kundgebungen teilgenommen. Als Vertreter der belgischen Judenheit wohnte Oberrabbiner Dr. .^Joseph Wiener den Begräbnisfeierlichkeiten für den verstorbenen König bei. Gleichzeitig fand in der Großen Synagoge zu Antwerpen eine Trauerfeier statt. Budapest. In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch drangen unbekannte Täter in die orthodoxe Synagoge im 13. Bezirk ein, plünderten die Sammelbüchsen und führten eine vandalische Zerstörungsarbeit durch. Von den silbernen Tempelgeräten nahmen sie nichts mit, sondern zertrümmerten sie und warfen die Trümmer auf den Fußboden. Die eingeleiteten Erhebungen verliefen bisher ohne Ergebnis. Warschau. Am 21. Februar haben sich siebenhundert Juden, in der Hauptsache Chaluzim;und Mittelstands-Angehörige, mit Zerjtifikaten nach Palästina begeben. Gleichzeitig reisten dreißig Chaluzim aus Litauen mit. — Die Synagoge des Städtchens K o d n i a im Kreis Brest-Litowsk ist vollständig abgebrannt. Die Thorarollen konnten nicht mehr gerettet werden. Grodno. In der Militärkommandantur hat General Litwinowicz in feierlicher Zeremo1 nie dem 80jährigen Juden. Jankel B o j a r s k i aus Mosti das Verdienstkreuz angeheftet. Der Greis, Pächter der Ueberfahrt über den Njemen, hatte Im Juli 1920 mit seinem Sohn unter der Kanonade der sowjetrussischen Artillerie ein von den Bolschewisten verfolgtes .polnisches Regiment samt Train übergesetzt und es so vor dem Untergang bewahrt. In der Kanzlei des Regiments in Grodno hängt seither Bojarskis lorbeerumkränztes Bild. Moskau. Bei dem Untergang des großen russischen Eisbrechers „Tscheljuskin", der von Eismassen erdrückt wurde, konnte sich die 103köpfige Besatzung retten, nur einer kam um: das Mitglied der Forschungskommission Mogilewitsch, ein Jude. Da ihm die Ueberwachung der Ausbootung der Lebensmittelvorräte und der Forschungsbehelfe oblag, verließ er als letzter das Schiff, wurde (aber dabei von zusammenstürzenden Brettern erschlagen. Sofia. Im Dorfe W a s s i - 1 o w z i entstand infolge einer Ritualmordlegende eine bedenkliche Judenhetze. Das jüdische Zentralkonsistorium trat mit Hilfe der Behörden der Hetze gleich entgegen. Zu diesem Zwecke wurde auch der Bevölkerung ein Gutachten des Heiligen Synods der bulgarischen Kirche von 1897 zur Kenntnis gebracht. — Auf die Synagoge in K j u s t e nd i 1 wurde ein B o mb enan schlag verübt. Verluste an Menschenleben sind nicht tend. Die Urheber des Anschlags wurden verhaftet, Jerusalem.'' Der „Dawar" beklagt sich darüber, daß arabische religiöse Gesellschaften hart an arabische religiöse Gesellschaften hart an der Westmauer einen Kinderspielplatz anlegen, ' zu dem der Zugang über die Gebetstätte vor der Mauer führt. Die Zeitung erblickt darin eine Verletzung der getroffenen Abmachungen. Tel - Awiw. Mosche Smilanski, ein bekannter landwirtschaftlicher Fachschriftsteller, der als Vorsitzender des „Verbandes jüdischer Landwirte" emsig auf Anbahnung guter Beziehungen zwischen Juden und Arabern hinarbeitet, war am 22. Februar, anläßlich seines sechzigsten Geburtstages, Gegenstand vielfacher Ehrungen. Smilanski hat seinen Wohnsitz in der Kolonie R e - c h o h o t h. Newyork. Als neuer amerikanischer Generalkonsul in- Jerusalem wurde Herr Ely Palmer, ein bekannter Palästinafreund, ernannt. Auf einem Abschiedsbankett in Newyork versprach er, alles zu tun, um das Interesse der Vereinigten Staaten für den Aufbau Palästinas wach zu erhalten. und richtete in eindringlichster Weise an die Versammelten die Aufforderung, mit besonderer Energie diese Aktion durchzuführen. Oberrabbiner Jesaja Fürst gedachte der leidenden Brüder in Rußland und bat die versammelten Vertreter in innigen, von Herzen kommenden Worten, „nicht stille zu stehen bei dem Blute unserer Brüder." Er gab der Hoffnung Ausdrück, daß die Leiden der russischen Juden sich in unseren Herzen einprägen und daß wir unsere Pflicht gegenüber unseren Brüdern erfüllen werden, bis der Allmächtige uns allen die ersehnte Erlösung bringen wird. Der Präsident der Adas-Jisroel-Schiffschul, Komm.-Rat Siegmund B o n d i, gab namens der Adas-Jisroel die Erklärung ab, daß sich diese selbstverständlich an der Hilfeleistung für die russischen Juden beteiligen werde. Er bat die Versammlung, ebenfalls für diese heilige Sache tätig zu sein. Es sprachen noch der Obmann des Verbandes der Wiener Tempelvereine, Dr. Leo Landau, und Rabibiner Dr, Frankfurter, die technische Fragen behandelten. . (Siehe Leitartikel.) Holland. Koscherileisch iür jüdische Arbeitslose in Holland. Amsterdam, 25. Febr. Die Regierung hat angeordnet, das Fleisch der zur Entlastung der Landwirtschaft geschlachteten Tausend Stück Vieh zu konservieren und allmählich an Arbeitslose zu verteilen. Zahlreiche Tiere wurden koscher geschlachtet; es wurden Koscherkonserven erzeugt, damit auch' die jüdischen Arbeitslosen und Bedürftigen bedacht werden können. Eine 2 Pfund- Koscherfleischbüchse wird an Arbeislose zum Preise von 35 holl. Cents abgegeben. Polen. „Zuviele Juden in Polen". Warschau, 15. Febr. Während der Debatte über die Staatsmonopole bei Behandlung des Budgets im polnischen Sejm erregte es außerordentliches Aufsehen, daß ungeachtet der wiederholten Erklärungen der Regierung, daß sie jede Judengegnerschaft bekämpfen will, der Sprecher der Regierungspartei Oberst Miedzinski als Generalreferent für das Budget eine die Juden verletzende Rede hielt. Zunächst trat er wohl den radikalantisemitischen Ausführungen des Nationaldemokraten Rybarski entgegen, dann aber sagte er: „Als wir die Macht in Polen übernahmen, fanden wir hier bereits 2.700.000 Juden. Gewiß hätte man in Polen leichter regieren können, hätten wir nicht 30 Proz. Minderheiten und unter ihnen eben die 2.700,000 Juden. (Zwischenruf jüdischer Deputierter: „3,300.000 Juden!") Gut: 3.300.000. Es ist bedauerlich, daß es so viele sind. Aber wir haben eben eine Verfassung, die allen Bürgern Gleichberechtigung gewährt. Auch Ihr Nationaldemokraten habt, als Ihr an der Macht wäret, die Zahl der Juden nicht verkleinern können. Gebt uns ein anständiges europäisches Programm zur Lösung der Judenfrage, wir werden es verwirklichen. Aber wir müssen kategorisch erklären: die Art, mit der Ihr die Judenfrage lösen wollt, können wir nicht akzeptieren!" Der Sprecher der jüdischen Orthodoxie, Abg. Min.zberg, wies, nach, > daß die Juden in Polen, die weit über ihre Kräfte zum Staatsbudget beitragen, die gesamten Lasten für die Erhaltung der Gemeinden, der jüdischen Schulen und der jüdischen Wohlfahrtsarbeit tragen müssen, ohne von der Regierung auch nur einen Teil der verfassungsmäßig ihnen zustehenden Staatszuschüsse zu erhalten. Juden werden nicht zu Staatsämtern und zur Teilnahme an öffentlichen Arbeiten, auch nicht zu den vom staatlichen Arbeitsfonds unternommenen Krisenarbeiten, zugelassen. Die Zwangssonntagsruhe drückt schwer auf die religiöse jüdische Bevölkerung. Die Steuerreform, die die jüdische städtische Bevölkerung irgendwie entlasten könnte, läßt immer noch auf sich warten. Dennoch haben wir religiösen Juden Zutrauen zur Regierung Pilsudski, daß diese das Prinzip, daß nicht Abstammung oder Religion bei der Behandlung der Bürger eine Rolle spielen darf, wahren wird. Die 3.300.000 Juden in Polen sind staatstreu und arbeiten für Polens Wohl.