Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 9 Der Israelit 1. März 1934 Zum Problem der Schulerziehung in In einem Augenblick, in dem das Problem einer thoratreuen Kindererziehung für die aus Westeuropa einwandernden orthodoxen Kreise im heiligen Lande zu einer wahrhaft brennenden Lebensfrage geworden ist, scheint es uns besonders wertvoll, die bisher auf diesem Gebiete gemachten Erfahrungen immer wieder zu registrieren, um vor falschen Wegen und den damit unvermeidlich verknüpften Fehlschlägen zu warnen. In dieser Hinsicht halten wir eine Darlegung für bemerkenswert, die wir in einer der letzten Nummern der in Tel Awiw erscheinenden Zeitschrift H a j e s s o d finden. Die Zeitschrift vertritt einen streng orthodoxen Standpunkt, steht aber dem Oberrabbinat sowohl wie dem Misrachi und dem Zionismus überhaupt durchaus positiv und wohlwollend gegenüber. Das Zeugnis, das von ihr über die Ergebnisse des in den Misrachi-Schulen angewandten Systems der Bildung und Erziehung abgelegt wird, scheint uns daher durchaus objektiv und unverdächtig zu sein. Das Blatt schreibt: „Die Frage ist uralt und man behandelt sie nicht erst seit gestern. Sie hat mehr als eine Furche in das Hirn derer gegraben, die sich mit ihr ernstlich beschäftigten, die Frage nämlich, ob die Schulen des Misrachi, in die soviel Geld und Energie des jüdischen Volkes hineingesteckt worden ist, wirklich den goldenen Faden fortspinnen, der vom Sinai und von Nahardäa zu uns herabreicht, oder nicht, ob sie Juden heranziehen für die Synagogen und die Lehrhäuser, oder umgekehrt ob die mit Thora und Mizwos geschmückten Kleinen, die in diese Erziehungsanstalten eintreten, nicht sie verlassen, leer an diesen geistigen Besitztümern der Nation? Wir wissen aus der Erfahrung, daß die letztere Seite der Alternative richtig ist. Wir wissen, daß die Schulen des Misrachi auf die Kinder der Talmud Thoras eingewirkt haben wie Hagelkörner auf ein Ackerfeld. Gibt es nun auch Anzeichen der entgegengesetzten Wirkung? Der Schreiber dieser Zeilen hatte eine vorzügliche Gelegenheit, die Dinge in der Nähe zu sehen, Gelegenheit aus nächster Nähe die betrübende Beschaffenheit der zarten Kinderherzen in einer der besten der Misrachischulen zu beobachten, der besten eine vom religiösen Standpunkt aus, da dort die Bestrebungen der Schule von dem guten W;llen gläubiger Eltern unterstützt wurden. Und trotz- Die Sidra spricht zu uns ... -ui bxiw 'ja rmm „Und es hüten die Söhne Israels den Sabbat usw." (Kap. 31, S. 16/17.) Es fällt auf, daß das erste abtv1? in Satz 16 voll (mit Wow), während das andere im Satze 17 obvb ohne Wow (ton) geschrieben ist. Der Wilnaer Gaon, der in seinen Erklärungen kaum an einer Variation im Texte oder in der Melodie (ma'aa) vorübergeht, weiß, in die Sätze den Inhalt einer ganzen, bekannten talmudischen Abhandlung hineinzustellen. Im Traktat Sabbat wird die Frage aufgeworfen: Wenn Jemand in der Wüste herumirrt und das Gefühl für die Zeit und für die Tage der Woche verloren hat, wie und wann müßte er Sabbat halten? Nach einer Ansicht zählt er von dem Tage an, da ihm das Bewußtsein der Zeit verloren gegangen ist, sechs Tage und feiert den siebenten als Sabbat. Die andere Ansicht geht dahin, daß er gleich am ersten Tage Sabbat halte und die folgenden sechs Tage als Werktage betrachtet. Für die erste Ansicht spricht die Reihenfolge der Schöpfung, die sich auf sechs Arbeitstage erstreckte mit einem darauffolgenden Sabbat. Für die andere Ansicht zeugt die Erschaffung des Menschen, der sein Dadem sind die Früchte schließlich unbefriedigend. Die Schule hat Jungvolk herangezogen für die profanen Jugendorganisationen, für die Gymnasien und Seminare, nicht für die Stätten, für die sie es hätte tun müssen, für die Jeschiwos und Talmud Thora-Schulen. Was ist die Ursache dieser Erscheinung? Man braucht nicht übermäßig in die Tiefe zu schauen, um den Grund zu erkennen: die Schulen des Misrachi widmen praktisch — nicht etwa programmäßig — nicht viel Zeit dem Lernen der Thora. Der größte Teil der Stunden wird für profanen Unterricht verwendet. Und auch das T n a c h , obgleich es eine zentrale Stellung im Unterricht einnimmt, ist ein Tnach ohne Fortsetzung, ohne Talmud und als solches nicht geeignet, uns die g'ttliche Thora darzustellen. Es ist nun einmal so: die Thora in ihrem umfassenden Sinn ist in diesen Schulen nicht vorhanden. Man lernt keine Thora". Um wieviel weniger gibt es dort eine Atmosphäre der Thora, wie sie uns umfängt in den Chadorim und Jeschiwos. Kälte herrscht in diesen Schulen, Kälte wie in der nördlichen Zone. Die Führer des Misrachi sprechen imposant über die ,,Thora Israels" und vor einiger Zeit wurde in dem Parteiorgan ein ausgezeichneter Aufsatz veröffentlicht über den Wert des Thoralernens. Aber dies geht nicht über den Bereich schöner Worte hinaus. Praktisch ist der Begriff „Thora", wie er dem j ü - dischen Volke in Fleisch und Blut übergegangen ist, und wie er zu seiner wahren, jedermann wahrnehmbaren Wirklichkeit wurde, praktisch ist die Kraft dieses Begriffes in den Erziehungsanstalten des Misrachi überaus schwach. Sie entschuldigen sich damit, daß die Finanzverhältnisse es nicht ermöglichen, mehr Lehrer anzustellen. Schön, wir gestehen zu, daß die Sache Anstrengung erfordert. Wenn es hier aber um die Lebensseele des religiösen Chinnuch geht, wie viel wert wäre doch eine solche Anstrengung. Es ist eine zwingende Notwendigkeit, besondere Lehrer anzustellen für den vornehmsten Unterricht in einer religiösen Schule: den Talmud. Man muß sich die Wesensart solcher Lehrer genau ansehen. Für diesen Thoraunterricht muß man Lehrer wählen, die noch nicht religiös abgekühlt sind in den Seminaren, sondern solche, die vom Scheitel bis zur Sohle im Geist" der Thora leben und weben, man muß dafür Jeschiwah -Jünger wählen. Denn täuschen wir uns doch nicht: ein wirklicher sein mit einme Sabbat begann, um dann sechs Wochentage zu zählen. Gegen beide Anschauungen werden die Bedenken erhoben, daß der Wanderer an jedem seiner Werktage sich doch eigentlich aus Furcht, gerade dieser könnte Sabbat sein, der Arbeit enthalten müßte, und es wird zum Schluß entschieden, daß er wirklich an jedem Tage, wie auch an seinem siebenten, nur alsoviel Arbeit verrichten darf, als unbedingt für seine Lebenserhaltung notwendig ist. Auszeichnen kann er den siebenten Tag, seinen Sabbat, nur höchstens durch Kiddusch und Hawdalah. Die Halacha entscheidet nach der ersten Ansicht, nämlich daß man sich in solchem Falle nach der Erschaffung der Welt zu richten hätte, also sechs Werktage zählen und am siebenten Sabbat durch Kiddusch und Hawdalah halten müsse. Der Wilnaer Gaon macht darauf aufmerksam, daß ein solch irrender Mensch, an Wochentagen nicht richtig arbeiten und am Sabbat nicht richtig ruhen kann. Er schafft in der Woche nur das für seine Lebensfristung Notwendigste, und sein Sabbat ist durch gleiches Minimum an Arbeit, (die er am Vortage wegen ^irrt> nzvn ]'3» nicht verrichten kann) gestört. Kann ein solches Sichvergessen ohne eigenes Verschulden eintreten? Bei jüdischen Menschen, die stets und immer des Sabbats eingedenk sind, ganz gewiß nicht. Darum mahnt das vierte Gebot, "in -nai, sei stets und beständig eingedenk des Sabbat, dann kann es dir nicht passieren, daß du an Wochentagen deine Arbeit reduzierst und am Sabbat deine Ruhe verminderst, sondern "«n o1»' ■jmRba S>a n'ffsn du verrichtest in den sechs Tagen deine ganze Arbeit, nat6a Va nvyn xV '»»apn ovai und brauchst am siebenten Tag gar keine Arbeit zu machen. Talmudist im eigentlichen Sinne des Wortes ist nur in der Jeschiwah zu finden. Man möge uns nicht antworten: der größte Teil der Seminaristen seien ja Jeschiwahjünger. Der wahrhaft orthodoxe Lehrer ist doch der, dessen Fuß. die Schwelle des Seminars niemals überschritt. Ich habe gesagt, daß die Luft in den Erziehungsanstalten des Misrachi kalt sei. Hier eine Tatsache: die Lehrer des Misrachi halten vor den Kindern Reden zu den Jubiläen aller profanen Schriftsteller der hebräischen Welt. So haben sie z. B, den 60. Geburtstag Bialiks in verschiedenen Schulen des Misrachi gefeiert, und ais der Chofez Chajim starb, jenes originale Urbild des großen Judentums, der Chofez Chajim, hat sich da auch nur eine einzige Volksschule im Rahmen des Misrachi-Erziehungssystem gefunden, deren Lehrer die Größe dieses Verlustes vor seinen Schülern gewürdigt hätte? Und ferner, wer der Schule des Misrachi nahesteht, wird sich über folgende seltsame Tatsache verwundern: in den Lehrbüchern findet man Hymnen auf die Ueberwinder des Emek und alle möglichen Ehrenbezeichnungen für Nahalal, aber nicht mit einem Worte wird der Mängel in dem freireligiösen Leben dieser Kreise gedacht. Eine so zwiespältige Erziehung, die mehr Schatten als Sonne aufweist, kann keine guten Juden großziehen und es ist nicht zu verwundern, daß das Erziehungssystem des Misrachi — seine Früchte legen Zeugnis dafür ab — einen vollkommenen Bankrott erleben mußte. Ob wohl seine Leiter die gebührenden Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache ziehen werden?" Wir haben dieser offenbar auf gründlichster Kenntnis und vorsichtigster Urteilsbildung beruhenden Darstellung wenig hinzuzufügen. Allerdings scheint uns ein Moment bei der Feststellung der Ursache des Versagens der Misrachierziehung hier übersehen zu sein, der Gegensatz, in dem die Misrachischulen nun einmal von vornherein zu den rabbinischen Führern des alten Jischuw stehen. Es ist unmöglich, Kinder zu echten Jehudim zu erziehen, sobald von vornherein die revolutionäre Auflehnung gegen die Träger der Thora und ihre Anschauungen — mag man diese in jeder Einzelheit unterschreiben oder nicht.— als ein geheimes Gift schon in die psychologische Grundlegung des ganzen Erziehungsbaus eingeht und dort mit Naturnotwendigkeit immer weiter fressen muß. Ein orthodoxer Chinnuch in Erez Jisroel wird immer nur in voller Harmonie mit den rmnn "^VU denkbar sein. Auf gleichem Geleise liegt nach Erklärung des Gaon die Abweichung von sbo zu "ion in den angeführten Sätzen unserer Sidrah. Im Satz 16 ist die Rede von Sabbat, der „ein ewiges Bundeszeichen für die Welt ist," daher „voll". Der folgende Satz 17 spricht von dem Wüstenwanderer, dem der Sabbat verloren gegangen ist. abv ist so viel wie verheimlicht, verschollen (abzmb ^am xV) Der Sinn dieses Satzes im Zusammenhang wäre dann: "Iii 'J3 J'ai M>a „Ein Zeichen ist es für den, dem der Sabbat verloren gegangen ist, obyb K'n niK, daß er es halte wie G'tt bei der Weltschöpfung, d. h. daß er sechs Tage zähle, "1:1 O'»"1 nw» 'a, und erst am siebenten seine Ruhe hält, vbvi na» 'j>a»n nvai- Daß. die Egelsünde in vielen Kommentaren, so in Nachmanides und erst recht Ma 1 b i m , nicht in der Schwere dargestellt wird, wie sie uns auf den ersten Blick erscheint, ist bekannt. Gewiß war es in erster Reihe die Liebe zu Israel, die jenen Kommentatoren die Feder geführt hat, als sie die Verteidigung und all die mildernden Umstände niederschrieben, etwas von jener sich opfernden Liebe, die Moses, den ersten Führer, flehen läßt: "psoa m »an» „Tilge mich aus deinem Buche, aber erhalte das Volk! .. ." Nach Malbim dachte das Volk nicht im geringsten daran, G'tt die Treue zu brechen; ein Symbol, ein Emblem, Fahne und Farbe, wie sie den anderen Völkern bei ihren Umzügen vorausgetragen wurden, wollten sie haben, ein Wappen, in dessen Zeichen sie sich alle zu jeder Zeit finden könnten. Moses selbst war bislang das Zeichen, Wappen und Sammelhorh zugleich. Nun war er fort und kam, ihrer Meinung nach, nicht wieder. Darum soll es nicht mehr ein Mensch sein, der sterblich ist, sondern ein Wappenzeichen,