Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1. März 1934 Der Israelit Nr. 9 Seite 3 Heilige, die hungern! (Fortsetzung von Seite 1.) Eine Tragödie in dieser Tragödie aber bildet die Lage der Rabbinen, die die Fahne der Thora in den Friedenszeiten getragen und sie auch in den Tagen der Not nicht aus der Hand gelassen haben. Von all den Nöten und Leiden, die die russische Regierung über ihre Bürger bringt, erhielten ein gehäuftes Maß d i e Juden und unter diesen sind es die Rabbinen, die den Löwenanteil davon abbekommen. Doppelt schlimm aber, daß die J udenheit in der Welt sich mit diesen Dingen so gut wie abgefunden hat und das Martyrium der russischen Juden mit einer Ruhe und Gleichmut trägt, die den Unglücklichen auch jenen minimalen Trost nimmt, daß' die jüdische Gesamtheit ihr hartes Los mittrage und an ihrem Schmerze teilnehme. Es steht aber zu hoffen, daß wenn die Rabbinen und jüdischen Führer in der Welt sich zu-; sammentuh und die Herzen und Gewissen, wecken, unseren unglücklichen Brüdern in Rußland doch daraus reiche Hilfe entsteht. Es ist; eine dringende Notwendigkeit, daß sich alle zusammentun und alle Mittel angewandt werden, um. zu retten, was noch zu retten ist, herauszuholen aus dem Wochenrundschau. Reichs Vertretung und jüdische Organisationen. >!r . ' '•,;; j. Der Bundesführer des , R e i c h s b u n d e s jüdischer, Frontsoldaten ,'-.Hauptmann a. D. Dr. Löwenstein., veröffentlieht in der letzten Nummer der Bundeszeitschtif t; „Der Schild" eine Erklärung, die von grundsätzlicher Bedeutung für die ganze Stellung der, Reichsvertretung in ihrem Verhältnis zu den sie tragenden jüdischen Organisationen ist. Dr. Löwenstein weist zunächst auf die prinzipielle Grundlage der Arbeit des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hin, die sich in einem nicht wegzuleugnenden Gegensatz befinde zu den grundsätzlichen Anschauungen anderer maßgebender Organisationen, die in der Reichsvertretung zusammengeschlossen sind. Er fährt dann fort: „Von diesem Standpunkt erscheint es uns ausgeschlossen, mit jüdischen Organisationen, die auf einem anderen Standpunkt stehen, in Fragen, bei denen die Gestaltung des Verhältnisses zur deutschen Umwelt, zum deutschen Volk und Staat in Betracht kommt, zusammenzugehen. Es erscheint uns daher auch unmöglich, daß die Reichsvertretung eine Gesamtvertretung der deutschen Juden auf diesem Gebiete.übernehmen,' kann, solange in ihr bei. der Behandlung dieser Fragen verschiedenar t i g, ja entgegengesetzt eingestellte Richtungen gleicherweise Einfluß ausüben können." Wir freuen uns, in dieser offenen Erklärung eine willkommene Unterstützung des Standpunktes erblicken zu können, den wir an dieser Stelle in unserer letzten Nummer bei der Erörterung des Verhältnisses der unabhängigen Orthodoxie . zur Reichsvertretung eingenommen haben. Kein objektiver Beurteiler'wird es; der Orthodoxie als Vertreterin eines ausgeprägten religiösTweltanschaulichen Gedanken- und Lebenssystems verdenken können, wenn sie es mit der gleichen Entschiedenheit wie der ,.Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" ablehnt, in einer Reichsvertretung die Ges am t ,y e r t r e t u n g der deutschen Juden schlechtweg zu erblicken, solange inner- Lande der' Not Talle, die herausgeführt werden können, und den Anderen Kraft und Mut zuzuführen, daß sie ausharren, bis auch ihnen die Stunde der Erlösung geschlagen hat." In Erez Israel ist manches für Rußland geschehen. Nicht in den offiziellen und zionistischen Kreisen, sondern in den altfrommen Bet - und Lehrhä u s e r n , deren Besucher nicht gerade zu' den Reichsten gehören, sind ganz ansehnliche Summen gesammelt worden. Aber das reicht nicht. Die jüdische Welt muß in Bewegung gesetzt werden. Jeder Jude in den Ländern, wo Sammlungen keine Schranken gesetzt sind, muß wissen, daß der Sederspruch: ,,Wer hungert, komme'jjund esse, mit" allen Sinn und Inhalt verliert, wenn er nicht vorher und rechtzeitig für den im Zeitalter des Flugzeugs und Rundfunks 'gar nicht so fernen Bruder gesorgt hat, daß auch er Pessäch feiere und Seder halte. ' :;'|T Ti Gerade 'wir .in Deutschland müssen in einer Zeit, da. sich^alle Welt mit unserem Schicksal befaßt, dieser-Welt zurufen: Vergesset übei unserer N o t derer nicht, die ungleich me.hr leiden und der Hilfe noch dr in g 1 i c h e r b e d ü r f e n. halb dieser Reichsvertretung verschiedenartig, ja entgegengesetzt eingestellte weltanschauliche Richtungen gleicherweise Einfluß ausüben können. Wir , stimmen aber auch darin mit dem „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" vollkommen übereih,! daß, wie die Erklärung Dr. Löwensteins weiter; ausführt, in praktischen Dingen wie Berufsumschichtung, soziale Fürsorg ei, wirts c h aftliche- Hilfe, Unterstützung dere,r, die auswandern müssen:, ja darüber hinaus auch in den Fragen der äußeren Rechts Vertretung der deutschen Juden eine Zusammenarbeit in irgend welchen annehmbaren Formen notwendig ist. Hoffen wir, daß die Formen sich finden lassen. Sinai odqr zionistische Organisation? In Anbetracht der vor kurzem, wie berichtet, von der „ H i s t a d r u t h " getroffenen Abmachung : mit der Palästinaregierung zugunsten der jüdischen Hafenarbeiter aus Saloniki und auf Kosten des Sabbat, gewinnt folgende Aeußerung eines prominenten Misrachiführers, Rabbiner Amiel, Antwerpen in hebräischen Misrachiblättern erhöhtes Interesse: Auf die Frage, ob es Vater oder Mutter mehr liebe, wird;jedes vernünftige Kind .die Antwort geben: „Vater und Mutter, beide gleich." Leben aber!^ Vater und Mutter getrennt voneinander, da könnte es schon dem Kinde schwer werden, die richtige' Antwort zu geben. In'solcher Kalamität5[befindet sich zur'1 Zeit der" Misrachi, der mit seinen dreißig Jahren' noch nicht die für dieses Alter in''den „Sprüchen der Väter"- in Aussicht gestellte K r a f t erreicht hat. Jeder Mjsrachist liebt ganz gewiß die Thora und liebt auch Erez Israel, ohne daß ihm je die Frage aufgekommen wäre, ob er die eine oder das andere mehr liebt, bis der letzte Kongreß kam und ihn vor diese Entscheidung stellte. Auf dem, 18. Kongreß gab die zionistische Organisation der Thora und allen jüdischen Heiligtümern gleichsam den S c h e i id e b r i e f , indem sie es ablehnte, auf die Klagen und Anklagen des Misrachi über die religiöse Verwilderung im Lande auch,'nur einzugehen. Aber auch jetzt kann die F&age „Thora oder zionistische Organisation?" dem Misrachisten kein Kopfzerbrechen machen. Die.. Antwort wurde uns-vor dreitausend Jahren am Sinai gegeben. Und seitdem wissen wir, daß der Aufbau des Landes bei all seiner Bedeutung sich nicht über den Sabbat hinwegsetzen kann, ja selbst der Bau des B e s H a - mikdasch mußte am Sabbat stillhalten nach der klaren Vorschrift der Thora: „Meine Sabbate sollt ihr hüten und — dann erst — mein Heiligtum ehrfüchten." Lieber ohne Heiligtum als eine Sabbatentweihung! Um wie viel mehr muß das in Fällen gelten, wo der Sabbat dem Aufbau gar nicht im Wege steht und sich ohne jegliche Kollision beide Pflichten leicht erfüllen, lassen. Ist doch im Gegenteil die Sabbathut der wichtigste Faktor beim Aufbau des Landes. Nicht Erez Israel hat der Thora den Scheidebrief gegeben, sondern die zionistische Organisation war es, die die Trennung von der Thora vollzogen hat. Und nun sollte es bei uns jemand geben, dem die seit einigen Jahrzehnten bestehende Organisation mehr bedeutet, als die Sinaiorganisation, die uns über dreitausend Jahre bereits erhalten hat? Wir haben dem nichts hinzuzufügen. Heldengedenken und Volkstrauer. Am jüngsten Sabbat ist wohl in allen Synagogen Deutschlands die Liste derer verlesen worden, die, gute Söhne der Gemeinde, ihr junges Leben für das Vaterland gelassen haben. Unzählige stehen auf den Listen nicht, weil sie verschollen sind, in Massengräbern ungenannt schlummern, oder irgendwo am Rande als unbekannte Soldaten kein gepflegtes Grab gefunden haben. Könnte man all die Namen, die an diesem Sabbat in den deutschen Synagogen verlesen wurden und die nicht verlesen werden konnten, zusammennehmen, die Gesamtsumme würde wohl hinter der vom „Reichsbunde jüdischer Frontsoldaten" angegebenen Zahl von 12 000 nicht weit zurückbleiben, höchstwahrscheinlich sogar noch diese übertreffen. Trotzdem hört man immer und immer wieder noch das beschämende Feilschen um die Zwölftausend. Als ob es so genau auf die Zahl ankommt. Es hat keiner von den Kriegern, auch die Helden und Führer, den Tod gewünscht oder gesucht, leben wollten sie und kämpfen und ihrem Vaterlande mit Arm und Hirn, nicht mit ihrem Opfertode dienen. Wer hingemäht wurde, schied aus der Kampffront aus und kann, gleichviel welcher Rasse und Religion er angehörte, auf ein stilles dankbares und wehmutsvolles Gedenken rechnen. Was kommt es da auf die Zahl der Toten an? Entscheidend ist die Zahl der Juden an der Front, in den Kasernen und auch auf den Posten hinter der Front, auf die sie das Vaterland gestellt, damit sie ihm nach Maßgabe ihrer geistigen oder körperlichen Kraft dienen. Die Milchmädchenrechnungen, die man sich heute hüben und drüben präsentiert, gehören gewiß nicht zu den erhebenden Dokumenten jener Heldentage. Immerhin wird man nicht ohne Interesse und Rührung die im Organe des R. J. F. veröffentlichte Liste der g e f a 11 e n e n'j ü d i s c h e n Offiziere lesen, weil diese Liste nicht darauf ausgeht, etwas zu beweisen oder zu überzeugen, sondern ebenfalls wie ein stilles Gedenken sich dem in den G'tteshäusern anreiht. Aber die Zahlen, Daten und Nummern, mit denen die Namen versehen sind, bieten eine gute Handhabe all denen, die die Gesamtangaben des R. J. F. in seinem Gedenkbuch bezweifeln zu müssen glauben. Im übrigen soll es nicht Klage noch Anklage sein, wenn das Blatt es in einem andern, dem Heldengedenktag gewidmeten Artikel ausspricht: „Gerade am Volkstrauertage wollen wir dem gesamten deutschen Volke sagen, daß wir unwürdig unserer toten jüdischen Kämeraden wären, wenn wir unsere Ausschaltung aus der deutschen Volksgemeinschaft hinnehmen wollten als etwas, was wir verdient haben."