Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 9 Der Israelit 1. März 1934 1. Mä Die österreichische Regierung steht nicht Wien, 23. Februar. Vor anglo-amerikanischen Journalisten hat sich Bundeskanzler Dr. D o 11 f uß über die Stellung der österreichischen Regierung zum Antisemitismus geäußert. Hierzu wird dem Wiener Vertreter der ITA. von maßgebender Regierungsseite erklärt: Bundeskanzler Dollfuß hat gestern vor den anglo-amerikanischen Pressevertretern auf eine Anfrage erwidert, die österreichische Regierung stehe nicht auf dem Rassenstandpunkte und sei auch nicht antisemitisch. Dem kann noch hinzugefügt werden, daß die Befürchtungen, es. könnte bei einem Akkord mit dem nationalsozialistischen Deutschland eine Aenderung in der .Stellung der Regierung in der Judenfrage eintreten, vollkommen unbegründet sind. Ein Akkord mit Deutschland kann nur auf Basis der gegenseitigen Nichteinmischung in die innerpolitischen Verhältnisse zustande kommen. Die Regierung denkt nicht daran, innerpolitisch eine Aenderung im Sinne des nationalsozialistischen Ariersf.andpunktes eintreten zu lassen. Alle Besorgnisse in- und ausländischer Juden wegen der von einer bestimmten Gruppe erhobenen Förderungen erledigen sich dadurch, daß die Regierung fest entschlossen ist, auch dieser Gruppe gegenüber auf ihrem bisherigen Standpunkte zu verbleiben. Und trotzdem Fortdauer der antisemitischen Pressehetze! Auch das Regierungsorgan, die „Reichspost", bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Im Leitartikel ihrer letzten Nummer, der sich mit der Geschichte der politischen Kämpfe in Oesterreich befaßt, macht sie abermals die Juden für die Verschärfung der Gegensätze im österreichischen Nationalrat verantwortlich. Andere Zeitungen haben sich die judenfeindliche Propaganda durch Artikel, Glossen und hämische Bemerkungen geradezu zur Hauptaufgabe gemacht. Man fragt sich in jüdischen Kreisen, wie es zu einer Beruhigung der Gemüter kommen soll, wenn die Bevölkerung dauernd von einer gehässigen Publizistik aufgehetzt wird. Probleme der gemeinsamen Erziehung jüdischer und nichtjüdischer Schüler in den allgemeinen Schulen. Berlin, 28. Februar. Dem „Berliner Tageblatt" wird aus Leipzig gemeldet: In der Sitzung des Hauptausschusses der Leipziger Stadtverordneten wurde ein Antragangenommen, der die vorläufige Suspendierung vom Amte für Oberstudiendirektor Dr. Behrends und für die Lehrerin Vorwerk von der Goethe- Schule zum Gegenstand hatte. Zweck der Suspendierung ist die Eröffnung des Dienststrafverfahrens mit dem Ziele der Dienstentlassung. Dem Antrag lag folgender Tatbestand zugrunde: Frl. Vorwerk hatte im Unterricht einer Schülerin die Deklamation eines Gedichtes von Dietrich Eckart untersagt, weil sie fürchtete, daß dadurch zwei jüdische Schülerinnen der Klasse in ihren Gefühlen verletzt werden könnten. Auf eine Beschwerde des Vaters der betreffenden Schülerin hatte Oberstudiendirektor Dr. Behrends versucht, das Verhalten der Lehrerin zu rechtfertigen und sich gleichsam mit ihr solidarisch erklärt. Eine derartige Handlungsweise von Lehrern und Lehrerinnen könne, so wurde ausgeführt, im nationalsozialistischen Staate unter gar keinen Umständen geduldet werden, und der Hauptausschuß beschloß deshalb in dem obenerwähnten Sinne. Den Stadtratwahlen in Jerusalem entgegen. Die bevorstehenden Stadtratwahlen in Jerusalem haben alle Schichten der. jüdischen Bevölkerung in einer Einheitsfront zusammengeführt, die hoffen läßt, daß die bisherige, der Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung nicht im entferntesten entsprechende Zusammensetzung der Stadtverwaltung und die damit verbundene kommunale Benachteiligung der jüdischen Einwohner für die Zukunft vermieden wird. Obwohl auch dieses Mal bei der Festsetzung des Wahlstatutes viele berechtigte Wünsche der jüdischen Einwohnerschaft und insbesondere der Agudas Jisr o e 1 unerfüllt blieben, so daß letztere nach wie vor sich in Verteidigungsstellung für die kommunalen Rechte der Juden wird sehen müssen, ist doch insofern ein wesentlicher Erfolg zu registrieren, daß auf eifriges Bemühen der Agudas Jisroel viele hunderte von Juden, die bis dahin ohne Wahlrecht waren, nun in die Lage versetzt werden, ihre Bürgerpflicht mit dem Stimmzettel zu erfüllen. Es handelt sich um palästinensische Staatsangehörige, die als Mieter weniger als ein Pfund Kommunalsteuer oder als Bewohner der Kolalimhäuser gar keine Kommunalsteuer zahlen, die jetzt zum erstenmale das Wahlrecht für die Stadtverwaltung auf Grund eines halben Pfundes, das sie oder die offiziellen Hauseigentümer, denen die Steuerpflicht obliegt, im verflossenen Jahre entrichtet haben, ausüben können. Da die Sicherung des Wahlrechtes für diese Kategorie nur mit einiger Mühe und nach vielen Formalitäten möglich ist, haben sowohl die Kanzlei der Agudas Jisroel-Zentrale, wie die der Kehilla der Kneses Jisroel eigene Beratungs- und Vermittlungsstellen eröffnet für alle, die gewillt sind, sich ihr Wahlrecht zu sichern. In wirkungsvollen Plakaten werden diese neuen Wähler wie die gesamte jüdische Einv.-olinersch?.ft Jerusalems autgefordert, sich ihre Berechtigung zur Wahl rechtzeitig bestätigen zu lassen und sich geschlossen an der Wahl zu beteiligen, um auf diese Weise den jüdischen Anteil an der Stadtverwaltung, wie er prozentual gerechtfertigt ist, zu erlangen. Es ist bezeichnend für die Einmütigkeit des Vorgehens, daß im Aufruf der Agudas Jisroel auch auf die Informationsstelle des Kneseth Jisrael und umgekehrt im großen Plakat der Knesseth Israel auch auf das Informationsbüro der Agudas Jisroel in Meah Shearim hingewiesen wird. Das faschistische Welt-Aktionskomitee gegen Antisemitismus. Rom, 26. Februar. Unter dem Vorsitz des Deputierten Eugenio Coselschi wurden soeben in Rom die C o - mitati d'Azione per la Universalit'a d i Roma (Aktions-Komitee zur Verbreitung der römischen universellen Idee) gebildet, denen die einflußreichsten politischen Persönlichkeiten des faschistischen Italien angehören. Coselschi erklärte dem ITA-Vertreter auf dessen Frage nach der Stellung der neuen Organisation, die jetzt daran geht, Zweigorganisationen in anderen Ländern zu schaffen, zur Juden frage und zum Rassenproblem u. a.: : ^C^ä^fhs&in si * ■,;<?,, Ma^$aiäbQiacii2/ ~, 'i^^i^mmmmm^m „Die europäischen Völker müssen zur Ueberwindung der ökonomischen, der moralischen und der politischen Krise vertrauensvoll zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit findet ihren harmonischen Ausdruck am besten in dem römischen Kulturgedanken, der seit Jahrhunderten eine zivilisatorische Funktion übt und auf verschiedene Kulturen und Traditionen eingewirkt hat. Unser Begriff „romanitä" ist eine Synthese von Gerechtigkeit, Harmonie und starkem Staat, die sich gegen jede Exklusivität, gegen jede Ausschließung irgend eines Volkes oder irgend einer Rasse wendet. Wenn wir den Gedanken der Universalität Roms (universalitä di Roma) in der Welt verbreiten wollen, so arbeiten wir damit nicht auf die Herrschaft einer bestimmten Rasse über alle übrigen hin. Die Einheit des alten Rom war keineswegs dadurch gestört, daß verschiedene ethnische Gruppen dort ihre freie Entwicklung und ihre Intentionen pflegen konnten. Die einzelnen Völkerschaften waren autonome Stämme. Das eben machte die Größe des alten Rom aus, und dies beeinflußt auch heute unsere Stellung; zu der Judenfrage." Fiasko der Sowjet-Judenkolonisation Moskau, 27. Februar. Dem soeben veröffentlichten Bericht über die jüdische Siedlung in Biro-Bidschan ist zu entnehmen, daß im Jahre 1933 im ganzen 3190 jüdische Seelen, davon 622 Familien und 892 Einzelpersonen, nach Biro-Bidschan eingewandert sind. Nach dem allgemeinen Siedlungsplan für Biro-Bidschan hätten im vergangenen Jahre 25.000 jüdische Seelen nach Biro-Bidschan kommen sollen, später wurde im Plan die Einwandererzahl auf 17.000 herabgesetzt, in der zweiten Hälfte 1933 fixierte man die Zahl der Einzuwandernder: auf nur 7000 Menschen. Noch im letzten Jahresviertel war geplant, neue 3000 Einwanderer bis Jahresende ins Land zu bringen, es kamen aber stattdessen nur 498 Menschen. Von den erwähnten 3190 im Jahre 1933 eingewanderten Personen kamen 2373 aus der Ukraine, 491 aus Weißrußland, 96 aus den Westprovinzen, 204 aus den übrigen Teilen der Sowjetunion, 26 aus dem Auslande. 40 Familien wurden in Moskau als ungeeignet für das Siedlungswerk in ihre Ursprungsorte zurückgeschickt,, ebensoviele wurden aus Biro-Bidschan zurückgeschickt, andere Familien sind freiwillig zurückgewandert oder haben sich andere Punkte im Fernen Osten zum Wohnsitz gewählt. Die Moskauer Zeitung „Emeß" macht für die Mißerfolge die Siedlungskommission Ozet verantwortlich, die sich nur um die Zahl, nicht aber um die Qualität der Einwanderer kümmerte. In Biro-Bidschan selbst wurden die Neusiedler schlecht aufgenommen und nicht nach ihrer Eignung oder ihrem bisherigen Beruf plaziert. Auch wurden die Neusiedler nicht entsprechend mit Wohnung und Nahrungsmitteln versorgt, wodurch eine Rückwanderungsstimmung gefördert wurde. Die Leiter von Ozet und Komzet in Kamenetz-Podolsk, Uman, Tolna, Odessa, Tultschin, Nieschin,-Winiza und in anderen Städten wurden zu gerichtlicher Verantwortung gezogen. Für das Jahr 1934 ist geplant, 10.000 bis 12.000 Juden nach Biro-Bidschan zu bringen. Es wird mitgeteilt, daß Maßnahmen getroffen wurden, um die Siedlungsaktion in diesem Jähre in Ordnung sich vollziehen zu lassen.