Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. 1. März 1934 14. Adar 5694 Nummer 9 Verhandlungen wegen Bildung eines einheitlichen Oberrabbinats für Palästina- Palästinensische Blätter melden, daß seit einiger Zeit Verhandlungen zwischen Kneses Israel und Agudas Israel über die Möglichkeiten zur Bildung eines einheitlichen Oberrabbinats für Palästina schweben. Von gut unterrichteter Seite wird uns dazu folgendes mitgeteilt: Die Verhandlungen, die in der Tat schon ziemlich weit fortgeschritten sind, gehen auf eine Anregung zurück, die der sf ardische Oberrabbiner von Tel Awiw, Rabbiner U s i e 1, bei einem Zusammentreffen mit dem politischen Leiter der palästinensischen Agudas Israel, Rabbi Mosche Blau, in Genf gegeben bat. Geplant ist die Bildung eines aus 9 Rabbinen, 6 von der Kneses Israel und 3 von der Agudas Israel, gebildeten Oberrabbinats unter dem Präsidium der Oberrabbinen Kuk , Jacob M e i r und Duschinsky. Voraussetzung für das Zustandekommen des Planes wäre, daß in den zwischen der Kneses Israel und Agudas Israel strittigen organisatorischen Prinzipierifragen keine Majorisierung stattfindet, und daß die innere Kompetenz des Rabbinates Kük-Meir einerseits und des Rabbinats Duschinsky andererseits für die der Kneses Israel angehörigen bezw. die der Agudas Israel angehörigen Juden unberührt bleibt. Letzthin ist ein detaillierter Vorschlag für die Verfassung dieses gemeinsamen Oberrabbinats von Seiten der Agudas Israel dem Waad leumi überreicht worden. Was noch aussteht, ist insbesondere die persönliche Zustimmung der Oberrabbinen Kuk, Meir und Duschinsky zu dem Plane, dessen Verwirklichung zweifellos eine gewaltige Stärkung des religiösen Lebens und des rabbinischen Einflusses auf die Gestaltung der Dinge im heiligen Lande, zugleich auch den Auftakt zu einer inneren Befriedung der thoratreuen Judenheit bedeuten würde. Aus dem Inhalt: Verhandlungen wegen Bildung eines einheitlichen Oberrabbinats für Palästina ........... Seite 1 Fiasko der sowjetischen Judenkolonisation ......... Seite 2 Faschismus und Antisemitismus Seite 2 und Seite 8 Zum Problem der Schulerziehung in Erez Jisroel ........ Seite 4 Zur Frage der handwerklichen Ausbildung ...... Seite 5 Joachim Prinz als Schriftsteller . . Seite 5 Für die hungernden Brüder in Rußland ..... Seite 7 Rassenbewußtsein und Judentum Seite 10 Zum Andenken an den Historiker Wolf Jaawez ........S »eite 10' Dr. Lipman Schlesinger b'"!! ■ ■ ■ Seite 12 1 ern! In die Freude des Purimfestes, die uns in steigender Linie zum Feste der Erlösung hinüberführen soll, dringt ein schriller Ton. Es ist die Stimme unserer Brüder in Rußland, die mit Hinblick auf die kommenden Pessachtage noch einmal ihre letzte Kraft zusammennehmen, um ihre Not in die Welt dringen zu lassen. Hätten wir ein Anrecht auf das Minimum von Freude, das uns das harte Leben noch beläßt, wollten wir jene Stimme überhören? In Palästinäblättern veröffentlicht Rabb. M. .Aronson/ein bekannter Vorkämpfer für die Sache der russischen Juden, einen Aufruf, der kein flammender Appell ist, sondern mit dürren Worten sagt, w a s ist. Daraus ersehen wir, daß die im vorigen Jahre in Rußland grassierende Hungersnot dieses Jahr abgenommen hat, daß aber für die tausenden jüdischen Familien keine Erleichterung eingetreten ist. Rapid geht der geistige und religiöse Ruin der Gemeinden und besonders der Jugend vor sich. Schon ist es den Kulturträgern der Sowjetunion gejungen, •durch Ausmerzung und Ausrottung jeder religiösen — auch jüdisch-nationalen — Regung und Bewegung eine jüdische Generation großzuziehen, die vom - Judentum keine blasse Ahnung hat, Vater und Mutter nicht kennt und alles Jüdische genau so grimmig haßt, wie es ihre Erzieher tun. Gestrichen sind die Sabbate und Feiertage aus Kalender und Herzen; der jüdische Buchstabe ist aus Kultur und Literatur verschwunden. Das Kind wird nicht mehr in den Bund Vater Abrahams eingeführt, und Ehen werden ohne religiösen Segen geschlossen. Freilich bestätigt sich die Verheißung von der Unvernichtbarkeit des letzten jüdischen Restes auch hier. Unter der Asche glimmt noch schwach der jüdische Funke. Noch gibt es Zehntausende unter der Million, die offen oder im Geheimen treu zur Thora und Tradition halten und dabei ein Martyrium ohne Gleichen in der Geschichte auf sich nehmen. Womit sollen sich diese deklassierten, außer Recht und Brot ge-. setzten Menschen ernähren? Wie sollen sie sich noch die letzte Kraft bewahren, letzte Hüter des Judentums im Lande zu sein, das früher die ganze jüdische Welt geistig ernährt hat? Was soll aus den Rabbinern dort werden, die, dem Hunger ausgesetzt, immer noch auf ihrem Posten stehen, um das Letzte zu hüten und zu retten? r:' Nicht allein in den traditionstreuen Blättern, auch im radikalzionistischen „Haarez" kann ein Augenzeuge bei der Schilderung eines Kol Nidre- Abends in der Synagoge zu Minsk diese Frage nicht unterdrücken. Der alte ehrwürdige Rabbiner, bleich und abgehärmt wie alle Beter, sprach nur die wenigen Worte: ,,Wer heute noch bei uns Jude ist, der ist wahrer Jude. Ein kleines Häuflein, aber eine erlesene Zahl der Echten, und ein Memento für alle Zeiten! . . ." Und der Berichterstatter fügt hinzu: „Wir Freigesinnten hatten stets an den Rabbinern etwas zu mäkeln. Die Rabbinen in Sowjetrüßland, denen ich in Stadt.und Land begegnete, sind Heilige, wie sie nur die ganz alten Zeiten kannten und wie sie heute keine andere Partei und Richtung im Judentum kennt. Nichts haben sie, nichts nennen sie ihr eigen, es sei denn ihr Herz, und dieses geben sie für ihre Brüder he r." So weit ein früherer Bundist, der es nach jenem Kol Nidre-Abend in Minsk vielleicht nicht mehr ist. Was tun w i r aber für diese heiligen Märtyrer, die für uns alle tragen? Was haben wir für diese Echten getan, für diese großen Schweiger, die von uns keine Ruhmeskrone, keine Gloriole verlangen, sondern nur ein Stückchen Brot für den Tag? Wo ist die jüdische Weltpresse, die Dolmetsch werden könnte jener Menschen, die selbst kaum noch die Kraft haben, zu reden und zu schreien? Das Pessachfest rückt heran. Alles Gesäuerte ist längst aus den Häusern der Unglück-, liehen geschwunden, auf M a z z o t h aber bis jetzt keine Aussicht. Es sind jüdische Menschen, die in früheren Zeiten vielleicht Dutzende von Armen als Gäste an ihrem Sedertische bewirteten, denen jetzt die Festtage zu Fasttagen werden, und das Kind wird ein trauriges ,,Mah Nischtanah" anstimmen: „warum haben wir heute Abend weder Chomez noch Mazzbh?" Wollen wir es darauf ankommen lassen, wollen wir die Sorge für unsere Brüder in Rußland dem bundistischen Schriftsteller überlassen, daß er daraus ein Feuilleton mache, das man mit Rührung liest und schon bei der nächsten Lektüre vergessen hat? ... Aus einem Berichte, der auf einer Versammlung in Jerusalem zur Beratung über die Lage in Rußland erstattet wurde, seien hier folgende Stellen wiedergegeben, die zwar zu unserer Darstellung wenig hinzufügen, aber doch bezeichnend sind für die Lage und die Stimmung: „Nach den Berichten, die aus Rußland einlangen, ist die jüdische Lage in diesem Lande eine geradezu verzweifelte. Das Judentum befindet sich dort in einer langsamen Agonie und windet sich in körperlichen und seelischen Schmerzen zugleich. Die Seele vergeht, indes der Leib noch sein armseliges Leben fristet. (Fortsetzung auf Seite 3.)