Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1934)
- Date
- 1934-02-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands in=nns=girwiQs I I I olöllojl o^—o l|o|[ö|[c> Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) A. Hirschberg Vst. Am 3. Adar ist er von uns gegangen. Obwohl wir wochenlang auf das Ende vorbereitet waren, hat es uns dennoch erschüttert wie eine plötzliche traurige Kunde. Er stand uns zu nahe. Seit der Gründung unseres Bundes hat er als Schriftführer die Hauptarbeit geleistet. Mit seltener Gewissenhaftigkeit, die jeder an ihm kannte, kam er seinen ehrenamtlichen Pflichten nach. Er war, um mit einem Wort Sch'lomohs zu sprechen, ein rmiftx vs, ein Mann vielfältiger Treue. Er hielt treu zu G'tt, treu zu Seinem Wort, treu zu den Worten unserer Weisen und treu zu all den Pflichten, die er sich selbst auferlegte. Darum gehörte er an leitende Stelle in unserem miöN pwn Und darum genoß er auch den Segen, den rmbv dem rmiBK kündet (Mischle 28, 20,): „Er war ein mala a-i Das heißt nach einem Wort des xmrnrv daß er reichen Segen ausströmte. Weil er in vielfältiger naiMK wurzelte, gab G'tt ihm die Kraft, Segen zu spenden, wenn er ein Werk begann. Und das Bewußtsein, segensreich zu wirken; ließ die roia auf ihn zurückströmen. Nicht in irdischen Gütern sah er den Segen, sondern in der Gnade G'ttes, die ihm Kraft verlieh, für andere zu leisten. Diese Kraft stellte er jahrzehntelang unserem Bund zur Verfügung. Viele wissen nicht, was er für sie geleistet hat. Wir wollen dem maia ai heute danken für all das, was er uns gewesen ist. Wir wollen weiter zusammenhalten im nain« pvn, gleich ihm verwurzelt in jeglicher Art der nawfc. so daß sein Vorbild auch jetzt noch nana ausstrahle und sich in Wahrheit erfülle naia^ p'tx nai- Der Vorstand: I. A. . Münk. Unsere Stellung zu den Richtlinien und ihre Verwirklichung in der Adass Volksschule. Von M. Sinasohn, Rektor in Berlin. Sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen, sehr verehrte Gäste! Infolge der Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Lage der deutschen Juden hat sich der Gedanke, eigene jüdische Schulen zu errichten, auch in den maßgebenden jüdisch-liberalen Kreisen durchgesetzt, und in vielen Städten ist die Möglichkeit gegeben, bestehende kleinere Schulen gesetzestreuer oder zionistischer Tendenz zu solchen allen jüdischen Kindern zugänglichen Schulen zu erweitern, oder neue Schulen für alle Kinder ins Leben zu rufen. Dieses Streben zu unterstützen und allen jüdischen Schulen ein gemeinsames Charakteristikum außer der Tatsache, daß sie von Nichtariern besucht werden, aufzudrücken, hat den Erziehungsbeirat der Reichsvertretung der deutschen Juden veranlaßt, Richtlinien für die jüdischen Volksschulen herauszugeben, deren Befolgung der Schule erst die Eigenschaft, jüdische Volksschule zu sein, erwirken kann. Ich setze voraus, daß Ihnen die Richtlinien im Großen und Ganzen bekannt sind, und werde sie nur in den notwendigsten Fällen zitieren. Die Jüdische Rundschau, der Israelit, die C. V.-Zeitung und das Hamburger Familienblatt haben eingehend Stellung zu ihnen genommen. Meine heutigen Ausführungen sollen mehr ins Einzelne gehen, ohne sich in kleinliche Kritik zu verlieren. Es wird sich nur darum handeln, zu zeigen, wie weit die Richtlinien uns ge-> setzestreuen Lehrern tatsächlich als Richtschnur dienen können, wo aber wir selbst eigene Wegmarkie- . rung vornehmen müssen, um unseren durch unsere Weltanschauung vorgeschriebenen Weg unverblendet und unbeirrt zu wandern. Man hat mir gesagt, ich hätte dieser Absicht auch im Thema Ausdruck geben sollen. Wenn von der Verwirklichung der Richtlinien in der Ad aß-Schule gesprochen wird, so bürgt Tendenz und Ruf der Adaß -Schule an sich dafür, daß es sich nur um die Durchführung im traditionellen, thoratreuen Geiste handeln kann, soweit die Richtlinien erst noch bei uns realisiert zu werden brauchen. Meine Damen und Herren! Beim oberflächlichen Lesen der Richtlinien kann der Lehrer jeder religiösen oder religiös-politischen Partei das seiner persönlichen Anschauung Gemäße in ihnen finden: Den Gesetzestreuen erfreuen, schöne Worte über die religiöse Erziehung der Kinder für Haus und Synagoge, Erarbeitung des religiös und kulturell bedeutsamen Schrifttums, Stellung der gesetzlichen Teile der Bibel in den Vordergrund der Behandlung, den Zionisten begeistern die Forderungen, einzutreten für jüdische Kultur, hebräische Sprache, Palästinakunde und Pflege des hebräischen Liedes. Der Liberale, besonders der immer noch Deutschtümelnde, ist einverstanden, mit der Berücksichtigung der Wechselwirkung von deutschem und jüdischem Geist, mit der gleichmäßigen Entwicklung des jüdisch und deutschen Grunderlebnisses der Kindesseele usw. Diese Eigenart der Thesen, jedem etwas zu geben, ihre Abfassung in so allgemeinen Ausdrücken, daß jeder herauslesen kann, was ihm zusagt, macht sie gewiß nicht geeignet, eine Einhelligkeit des jüdischen Schultyps zu schaffen. Wir müssen Eindeutigkeit fordern, damit die jüdische Schule eine wahrhaft jüdisch fühlende und denkende Generation erziehen hilft. Wir müssen eine Ergänzung der Richtlinien ausarbeiten und veröffentlichen, damit der Lehrer unserer religiösen Weltanschauung und der Kollege, der durch die Ereignisse des letzten Jahres sehend, gläubig und positiv jüdisch geworden ist, einen klar gekennzeichneten Weg vor sich sieht. Das eine ist jedenfalls auch im liberalen Lager Forderung der Stunde geworden, nämlich, daß in die jüdische Schule nur der religiöse Lehrer gehört. Das ist von liberalen Persönlichkeiten in nicht mißzuverstehender Weise in Wort und Schrift erklärt worden, das schreibt auch in der bereits zitierten Nummer des Hamburger Familienblatts der Vertreter der liberalen Lehrerschaft, Robert Hirschfeld. Er sagt: Es muß besonders dem liberal-jüdischen Lehrer gegenüber betont werden, daß sie eigentlich (!) nur dann in einer jüdischen Volksschule unterrichten dürfen, wenn sie sich mit ganzem» Herzen dem Standpunkt des Jüdisch-Religiösen anschließen. Meine Damen und Herren! Nicht nur der areligiöse und der religiös indifferente Lehrer sind unfähig und schädlich für die jüdische Schule, sondern auch der liberale, ganz gleich, ob er politisch der zionistischen oder der Erneuerungspartei angehört. Der Lehrer, der der Jugend den Glauben an die g'ttliche Allmacht, an die Schicksalsmeisterung im Leben des Volksganzen wie des einzelnen Individuums frevelnd zerstört, der Lehrer, der die mündliche und schriftliche Lehre nicht für sie hals richtunggebend anerkennt und nichtin der Erfüllung der Mizwoh beispielgebend ist, kann nie und nimmer an einer Schule wirken, die wie die Richtlinien wünschen, „von einem sich selbst begreifenden jüdischen Geist durchdrungen sein soll." Niemals wird der Schüler des liberalen Lehrers „sich des Namens Jude freuen lernen mit allem Stolz und aller Entbehrung, die damit verbunden sind." Woher soll das Kind die Kraft nehmen, Entbehrungen freudig oder demütig auf sich zu nehmen? Kann die Not seiner Seele das G'ttvertrauen wieder herstellen, das in der Schule in seinem Keime geknickt, das nicht gepflegt wurde, und das ganze Sein des jungen Menschen erfüllt hat? Es gibt in der Erziehung keine Halbheiten, wenn nicht taube Früchte der Lohn der Arbeit sein sollen. Wenn Punkt 2 der algemeinen Richtlinien u. a. besagt: Lebendiges Verständnis für die Ewigkeitswerte der jüdischen Religion und für das jüdische Leben der Gegenwart* insbesondere für das Aufbauwerk in Palästina, sollen im Kinde geweckt und gepflegt werden, damit es seine Aufgaben in Haus und Synagoge, in der Gemeinde und der jüdischen Gesamtheit zu erfüllen in den Stand gesetzt wird, so muß unsere erste Forderung lauten: Die jüdische Schule kann nur das im Punkt 2 der Richtlinien angeführte allgemeine Ziel erreichen, wenn der Erzieher und Lehrer auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums steht. Unsere zweite Forderung: Die jüdische Schule erkennt als ihre vornehmste Aufgabe die Erziehung der Jugend zu thoratreuen, glaubensstarken Juden, Z U D'ÖW »XV- Und unsere dritte Forderung: Die Jugend ist an die freudige Erfüllung der Mizwoth zu gewöhnen, damit die künftige Generation wieder durch die bewußt geschaffene Unterscheidung zwischen sich und der Umwelt — allen äußeren Stürmen zum Trotz — in sich stark und unerschüttert bleibt, in ihren Trieben beherrscht, in ihrem Willen gekräftigt, aus der Erfüllung der Mizwoth, aus der täglichen Verbundenheit mit dem Meister der Welt, stetig neue Kraft und neues Hoffen, Trost und Seelenruhe schöpft. Diese Forderungen, meine Damen und Herren, sind unsere Hauptbedingungen, die wir gesetzestreuen Juden als die wesentlichsten an die Aufstellung von Richtlinien, an die Führung einer, jüdischen Schule stellen. Sie sind ihr Charakteristikum, über das nur eine Meinung herrschen kann. Alles Uebrige sind verschiedene Mittel zur Erreichung des Zieles, über die wir verschiedener Meinung sein können, wie etwa über folgende Ansichten: Wenn es im Punkt 1 der allgemeinen Ziele heißt: „Die jüdische Schule erfährt ihre besondere Prägung aus dem doppelten Urerlebnis, das jedes in Deutschland lebende jüdische Kind in sich trägt: dem jüdischen und dem deutschen. Diese beiden Grunderlebnisse sind gleichmäßig zu entwickeln und ins Bewußtsein zu heben," so muß ich bekennen, daß ich kein Verständnis für die gleichmäßige Entwicklung der beiden Seeleninhalte habe, weil die Zeit vorbei ist, da beide Erlebnisse gleich stark das Seelenleben der Kinder erfüllten, oder da sogar das deutsche Element oft das Vorherrschende war. Zur Zeit ist es jedenfalls so, daß der jüdische Seeleninhalt der intensivere ist, der freudig aufgenommen und verarbeitet wird, während das deutsche Element instinktiv zurückgedrängt und uninteressiert reproduziert wird. Wer mit der Jugend lebt und sie beobachtet und die natürliche Entwicklung der jugendlichen Seele — frei von politischer Tendenz, — wünscht, wird mit mir, ganz abgesehen von den Problemen jüdisch-religiöser oder national-jüdischer Erziehung, darin übereinstimmen, daß unsere Forderung lauten muß: das Jüdische ist das Primäre. D. h. unsere Unterrichtssprache wird deutsch sein, unsere Gesinnung aber, unsere Weltanschauung jüdisch. Ich gebe zu, daß es für Viele von uns einen schweren, bitteren Kampf gegeben hat, sich zu dieser Entscheidung durchzuringen. Wir haben auf deutschen Schulen eine andere Erziehung genossen, wir waren' mit unserer deutschen Umgebung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich stark verknüpft. Wir tragen unsere Kriegserlebnisse unauslöschlich in unserer Seele, wir haben deutsche Kultur genossen, gepflegt und gefördert, kurz, wir waren so stark assimiliert, daß wir das Adjektiv „deutsch" vor ..jüdisch" stellten, bis wir jäh geweckt wurden, bis wir uns wieder auf unser Selbst, auf unsere Eigenart besannen, und mit uns und viel schneller als wir, und ohne Sentiments unsere Jugend. Wir werden deutsche Kultur gewiß nicht verachten, wir werden pflegen, was deutsche Kunst in Wort und Schrift, in Ton und Bild an edlen Werten biette, aber erst laßt uns unseren Altar errichten, dann das Zelt zum allgemeinen Wirken aufstellen. Klar bleibt unsere Losung: dem Jüdischen der Vorrang. Und weiter heißt es in den Richtlinien: „Das jüdische Kind muß fähig gemacht werden, den seiner wartenden besonders schweren Lebenskampf aufzunehmen und zu bestehen, daher wird eine sorgfältige körperliche Erziehung, insbesondere die Pflege von Turnen und Sport zu den wichtigsten Aufgaben der Schule, gehören, Der notwendigen Berufsumschichtung wird durch die Pflege manueller Ausbildung (Zeichnen, Nadelarbeit, Werkunterricht) die Bahn bereitet werden. Um der besonderen Situation der deutschen Judenheit gerecht zu werden, soll den Volksschülern auch die Möglichkeit geboten werden, mindestens eine moderne westeuropäische Fremdsprache, sowie ganz besonders auch das Neuhebräische zu erlernen." Die Wünsche, die hier ausgesprochen werden, sind durchaus berechtigt, aber praktisch nicht durchführbar, und zwar aus folgenden Gründen: