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Der Israelit · 1934-02-22 · Heft 8 (22.2.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 8 (22.2.1934)
Date
1934-02-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 8 Der Israelit 22. Februar -1934 werden . . zumal . . ." Reitan räusperte sich verlegen. „Was zumal?" drängte Reb Schachne. „Mi% kannst Du doch alles sagen!" „Meinetwegen," begann Reitan nach wiederholtem Hüsteln. „Meinetwegen, ich will Dir verraten, was ich eigentlich geheim zu halten mir vornahm. Eine Schwatzzunge, die ich einmal bin, kann ich kein Geheimnis vor Dir haben. Ich habe mich entschlossen, zu heiraten." ,,Zu heiraten!" wiederholte Reb Schachne ganz enttäuscht. „Das ist alles!" „Ja, zu heiraten," erwiderte Reitan. „Ist denn noch nicht die höchste Zeit dazu?" „Ja, ja, schon recht, die höchste Zeit, aber" „Du möchtest wohl wissen, ob ich schon eine Wahl getroffen habe. Das ist geschehen, und welch' eine Wahl! Die ich mir auserkoren, ist hübsch, anmutig, lieblich, wohlerzogen und bringt mir nebenbei zwei große Güter mit in die Ehe. Auch ist sie mir von ganzem Herzen zugetan, ja, ja, Freundchen," fuhr er fort, indem er selbstgefällig seinen Schnurrbart kräuselte, „trotz meiner fünfzig Jahre tue ich es den Weibern noch an, und, bei G'tt, nach meinen vielen Eroberungen darf es mich nicht mehr Wunder nehmen, daß die schöne Elisabeth sich in mich vergafft hat. Ich habe mich ihr bereits erklärt, was sie. freudigst entgegennahm, und habe auch ihren Vater, den alten Querköpf, für mich gewonnen, so daß mir jetzt nichts mehr im Wege steht. Sorge macht mir nur, daß meine Elisabeth jetzt von einer Schar Verehrer umschwärmt ist, von denen mich einer aus der Gunst der Geliebten verdrängen könnte. Schon deshalb möchte ich so rasch als möglich den Dienst des Fürsten verlassen und erwarte seine Rückkehr mit um .so größerer Sehnsucht." „Und wie wäre es, wenn Du den Fürsten schriftlich um Deine Entlassung bittest?" „Wann hat der Fürst jemals einen Brief beantwortet?" „Dann rate ich Dir erst recht, geduldig auszuharren!" (Fortsetzung folgt.) Zwei Masken. Nach dem Jiddischen von J. Majofis. I. , Aron der Träger nannte man ihn deswegen, weil er den ganzen Tag auf der Straße stand und ausspähte, ob es nicht irgendwo etwas anzupacken, zu tragen gab, um dabei ein paar Kopeken zu verdienen. Leider aber gab es nicht immer etwas zu trägen, und die Kopeken waren seltene Gäste in seiner Tasche. Alle liebten ihn wegen seiner Ehrlichkeit und noch mehr wegen seiner Lustigkeit und Fröhlichkeit. Ein besonderer Segen für diese armen Leute! Indes große mächtige Leute stets verdrossen, vergrämt und wortkarg dahergehen, sind oft arme Leute voller Freude und Ausgelassenheit und stecken sogar andere mit ihrer. Heiterkeit an. „Ah was," lachte Aron der Träger, „Das Leben ist gar nicht so schlimm, es könnte viel schlimmer kommen. Es gibt noch einen Vater im Himmel, und es kommt sogar einmal vor, daß es einem gut, sehr gut geht, so gut, daß man jeden Tag ein Stückchen Brot zu essen hat, ein paar Scheite Holz für den Ofen und ähnlichen Luxus mehr, den sich die menschliche Phantasie kaum auszumalen vermag . . ." . Hatte sich Aron den ganzen Tag auf der Straße unnütz und aussichtslos abgequält, flüchtet er sich ins Beshamidrasch, um sich ein wenig auszuruhen und rasch ein paar Psalmen zu erhaschen. „Na, Aron, heute was verdient?" fragt ihn einer der Beshamidraschleute. „G'tt sei's gedankt, heute schon eine ganze Summe verdient." „So, so, woher, woran?" Und Aron , rechnete ihm vor: „Heute in aller Frühe schon gedawent, ein „Borachu" gesagt, eine Menge Omens, eine Keduschoh ... Ist das wenig verdient? Ich habe gar nicht einmal gezählt. Wenn man nicht zählt, ist der Gewinn größer . . ." „Und getragen habt Ihr den ganzen Tag nichts?" * „Was heißt nicht getragen? Gerade den ganzen Tag schwer getragen." „Was zum Beispiel?"* forschen die Jünger, die sich inzwischen alle um ihn gesammelt haben, weiter. „Nun, was soll ich getragen haben, natürlich mein Päckchen Zoraus und Daagaus (Leiden und Sorgen). Was sonst?" „Ist wohl sehr schwer zu tragen?" „Unsinn, gar nicht so schwer. Schwer ist nur, wenn man Nachts mit leeren Händen nach Hause kommt und Frau und Kinder keinen Witz verstehen ..." Einmal im Jahre ist aber A^oh der; Träger ganz in seinem Elemente. Am Purim, am Tage der Freude und Ausgelassenheit, ist er der König dieser Freude und Ausgelassenheit, Schon morgens nach dem Beten beginnt esj Auf dem.Tische liegt seine königliche Garderobe ausgebreitet: ein alter grauer Soldatenmantel mit blitzblanken Messingknöpfen, eine goldene Krone, kunstvoll aus Pappdeckel und Goldpapier ausgearbeitet, ein blinkendes Szepter, ein paar Sporen und ähnliche Dinge, die für den König unentbehrlich sind, Aron spielt in der von Haus zu Haus gehenden Purimkapelle die Hauptrolle. Er ist König Achaschwerausch. Es ist nicht allein des Verdienstes wegen, es ist sein Metier, seih Herz gehört dem Spiel, der Lustigkeit, Und wenn er in den königlichen Kleidern steckt und vor das Gesicht die Maske gebunden hat, die einen russischen oder polnischen Panie mit dicken roten Backen, mit fettem glattrasiertem Kinn, wütenden Augen und einer knallroten Nase — diese soll die Neigung des Achaschwerausch zum Trünke andeuten — vorstellt, so möchte Aron der Träger mit einem wahren König kaum tauschen, " " II. ' : " "-'-<....' . Aron gegenüber wohnt in einem guten Hause Osip Gerosimowitsch, der in jungen Jahren Joske der Knacker geheißen hatte. Er ist aber inzwischen auf unbekannte Art zu Geld gekommen und heißt jetzt Herr Osip Gerosimowitsch. Obwohl keiner Ursache hätte, ihm besonders zu schmeicheln. Er lebt nur seinen Freuden und seinen Genüssen, sieht wohlgemästet aus und läßt nie einen Armen oder einen rJoten in Gemeindesachen über seine Schwelle- Weib und Kind hat er auch nicht, obwohl er schon dreißig Jahe alt ist. So kann er sein ganzes Interesse seiher lieben Persönlichkeit widmen. Er kleidet sich stets nach der neuesten Mode, führt sich die besten Speisen zu Gemüte und versäumt kaum einen Ball oder sonst eine Gelegenheit zum Amüsement. Nun rüstet sich Osip für den Fastnächtsb'all, von dem er sich ungeheuer viel verspricht. Eine originelle Idee, ein Apachen ball, ein Lumpengesindel wird zusammenkommen. Und wenn er erst aus seinen Lumpen und . seinem Bettelsack die kostbare goldene Uhr herausholte und seiner Anuschka reichte , , , In diesen Phantasieen schwelgend steht er vor seinem Garderobentisch: ein alter verblaßter Rock voller Löcher und Flecken, ein zerbeulter Hut, wie ihn die Landstreicher aufhaben, Schuhe mit aufgerissenen Mündern, Und dazu die Maske: gelbe eingefallene Backen, tiefschwarze Ringe unter den Augen, ein schütteres Kärtchen unter einem spitzen1 gelben Kinn, Ein Blick in den Spiegel ringt ihm einen Freudenruf ab. Vielleicht, vielleicht aber sind es gar keine Masken, vielleicht ist der eine genau so ein echter Lump, wie der andere ein w i r k 1 i c h e r König ist , , . . : ' Purim, das Fest der Armen. Von'Moses Katz. •■•f DievfLäden sind' geschlossen, die Stuben.hell ~erleuchte,i?und die Tische sind vollbelegt und-.bestellt mit Früchten, Kuchen und Flaschen, Am gedeckten Tisch sitzt der^Va.ter.^im seidenen Kaftan und; der Pelzmütze und stapelt' einige Reihen kupferne und silberne Münzen auf,. Der Bruder sitzt vertieft in ein Buch, Die Mutter und die Schwestern sind am Kochen und Fertigstellen der Schlachmonaus, die ich wegbringe, \ Wie die Mädchen am Freitagnachmittag mit dem Schalet laufen die Jungen durch die Gäßchen mit . den! Schlachmonaustellern, die mit weißen Tüchern verhüllt sind. Das ganze Städtchen riecht nach Ku- - chen. und Südfrüchten. Hie und da tauchen die verkleideten Purimspieler auf. Bald habe ich die Gänge hinter mir und beginne mit denen zu den heimlichen und unheimlichen Armen, „Nehme nur kein Trinkgeld an," sagt die Mutter. Nach drei Stunden Laufens habe ich 18 Teller weggeschafft. Das Schlachmonaus zu den Verwandten bringen die, Schwestern weg.'- •- Endlich sitzen wir alle am Tisch, auf dem nun: vier Kerzen in Leuchtern brennen. Wir dürfen essen und trinken nach Herzenslust, denn es ist ein „Mejogen lessimcho", eiii Uebergang von Trauer in die Freude. Der Vater, schneidet die Rosinenchale durch, die eine halbe Elle lang ist und bei der die Mutter beim Auflegen der Rädchen, Vögelchen und anderer Tierchen aus Teig fünf Stunden beschäftigt war. Eigenartig wirken die Münzenstempel neben den Leuchtern auf der Festtafel. Wir sitzen artig, etwas steifer wie sonst, weil wir den Aufmarsch der Armen erwarten ... Endlich geht die Türe auf. Als erster der zu erwartenden langen Reihe erscheint der Schornsteinfeger, schwarz wie ein Mohr. Er ist bereits halbbetrühken; denn jeder schenkt ihm ein Schnaps, ein Stück Chale und ein paar Kopeken. Auch hier erhält er alle drei Dinge. Dann kommen zwei angesehene Juden. Des einen Hand ist in weißes Tuch gehüllt; mit dieser nimmt er die Nedowo entgegen. Man weiß, 'daß die „verborgenen Arme" Geld sammeln und sie bekommen die große „Taxe". Jetzt ' ist es Hochbetrieb. Zwei Juden kommen, zwei Juden gehen. Es. sind Abgesandte der Wohlfahrtsvereine. Ernste Gesichter, eilende Juden im Dienste der Allgemeinheit. Sie sagen nur: „Guten Purim", strecken die Hand aus und ziehen weiter. Jetzt kommen zwei verkleidete Menschlein in die Stube Das eine hat einen langen, weißen Bart und ' trägt den ' Rock mit dem Futter nach außen. Das andere ist als Weibchen verkleidet und trägt einen langstieligen Besen. „Gut Jomtow", rufen sie, und stimmen folgendes Liedchen an: v „A giten Pirim malech — wie ich gei fall ech; Di burt is me lang — dus weib is me krank." „Ich weiß, wer es war," sage ich, als sie fortgegangen sind, Der Vater verwies mich scharf. „Beinahe hätte sie es gehört . , ," Arme Leute, die das ganze Jahr zu betteln sich schämen, erwarten den Purim wie die Bauern eine gute Ernte. Unter der Maske können sie leichter die Hand ausstrecken . . . Beim Gesang der „Schomrim" vergesse ich den Verweis. Sie sind mit Holzschwertern und -Gewehren gerüstet und tragen hohe Zylinderhüte. Sie sammeln Geld für „Jischuw Erez Israel". Endlich kommt auch das „Trester", eine Gruppe verkleideter Juden. Der Rabbi, Misnaged, Rosche und Bauer stehen im Vordergrund. Der Rosche beginnt: „Ich bin sich mode miswade un klap mir in harzen al chet. Di alle wus weißen awada as ich hob oif dem Rebben geref. Ausm heiligen Rebben hob ich stendig gelacht und vin Chsidim gemacht zi blotte. Heint hob ich mir git betracht und hob oif alles chrote." ].;Chor: „Tschidirata—ta—ta—ta—ta, Tschidiridi— di—di—böm." Rosche: „Rebbeniu ech mis dich mechile beten, ech hob moire far ,mein bische. Ci Rebbeniu, Rebbeniu mechile beten, .ech hob moire far eier, keddisjche."; Chor: „Tschidirata-—ta—ta—ta—ta, Tschidiridi— di—di—bom!"! Rabbi: „Ai, ai, ai, ech frei mich asoi, ssis gut asoi Bim, bam bim — far meine Chassidim." Wir sitzen schon drei Stunden am Tisch, aber die Reihe ist noch nicht zu Ende. Unendlich lang ist sie. Je später es wird, desto seltener kommen sie, die Wanderer und die Bettler. Die Lichter sind längst erloschen, ausgebrannt. Die Jüngsten haben sich in ihre | Betten zurückgezogen. Die Mutter schläft mit der „Techina" in der Hand am Tisch. Ich kneife mit' 'den;Augen: Es ist zwölf Uhr. Abef;.der Vater sitzt wach und chassidische Melodien brummend' am Tisch. Die Tür darf'noch nicht, geschlossen werden; denn vielleicht kommt noch ein Armer, der keinesfalls eine geschlossene Tür vorfinden soll. Erst nachdem der Vater eine Stunde vergebens am Tisch gesessen hat. schließt er die „Schalter" und — nach einem Ausblick in den Flur — auch die Tür ...

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