Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1934)
- Date
- 1934-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- B^ilaLge Nummer 8 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L. Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. Zweites. Kapitel. „Wünsche nochmals guten Abend, teure Frau Goldele!" keuchte Mendel, der Synagogendiener, indem er im Vorzimmer bei Reb Schachne auf eine Bank niedersank und sich mit dem breitkrämpigen Hute Luft zufächelte. „Ach, ich bin so müde von dem ewigen Hin- und Herlaufen. Keinen Augenblick geben sie mir Ruhe, nicht einmal bei Nacht.Die Füße brechen unter mir zusammen!" „Es ist immer vorteilhafter," sagte mit weiser Gemessenheit die Gattin Reb Schachnes, aus deren schönen Zügen Milde und Herzensgüte leuchtete, „sich nicht so sehr zu hasten. Besser, bedächtig und langsam zu gehen, als atemlos dahin}: urennen." „Und wenn man langsam geht," widersprach Reb Mendel, sich fort und fort den Schweiß vom Gesicht trocknend, „ermüdet man dann nicht noch mehr in dieser brennenden Hitze?! G'tt soll Sie stärken und Ihnen Gesundheit schenken," unterbrach er sich ,indem er das Glas Wasser mit Zitronensaft ergriff, das ihm Frau Goldele reichte. „Ich weiß .wirklich nicht, wie ich Ihnen danken soll," fuhr er fort, nachdem er den kühlenden Trank geleert hatte, „Sie haben mich wirklich am Leben erhalten." „Wahrscheinlich sind Sie gekommen, um meinen Mann zu rufen?" fragte Goldele, indem sie die Flasche in den Speiseschrank stellte. „Zu wem denn, wenn nicht zu ihm?" erwiderte Reb .Mendel. „Ganz Kahl sitzt und wartet. Kann denn überhaupt ohne Reb Schachne eine Beratung zustande kommen?" „Da glaube ich, daß Kahl heute vergebens warten muß," lächelte Goldele, mit behaglicher Gemessenheit sich auf ihren Stuhl niederlassend. „Es tut mir nur leid, daß Sie sich umsonst die Füße wund laufen, denn mein Mann wird aller Wahrscheinlichkeit heute nicht zur Versammlung kommen könenn. Er war schon zum Gehen bereit, als, der Marschallik des Fürsten kam und ihn zurückhielt. Er sitzt drin bei ihm im Zimmer und wird ihn wohl bis Mitternacht zurückhalten, denn wenn der erst ins Schwatzen kommt, wird er so bald nicht fertig." „Ist es denn aber möglich, daß die Versammlung ohne Reb Schachne stattfinden kann?" , „Und warum nicht? Ihr könnt sicher sein, daß er darüber nicht ungehalten sein und zu allem, was Kahl beschließt, gewiß im Voraus seine Zustimmung, geben wird. Was soll denn eigentlich die heutige Versammlung?" „Immer dasselbe,. wegen des Fürsten." „Da kann ich wirklich nicht begreifen, wie. Männer von so viel Einsicht nicht überdrüssig werden, fort und fort Beratungen zu halten über eine Sache, die nicht von ihnen abhängt. Und wenn sie tausendmal Versammlungen zusammenrufen, wird das etwas nützen? Der Fürst will nun einmal nicht kommen, .und wer, kann ihm befehlen, daß er seinen Entschluß ändert? Das Herz der Könige und der Fürsten ist nur in der Hand G'ttes, und wenn G'tt es anders über uns beschlossen hat, was vermag Kahl dagegen? G'tt straft uns gewiß unserer schweren Sünden wegen, weil wir seine Gebote nicht befolgen, nicht mit gehöriger Weihe den Sabbat feiern, nicht mehr so wohltätig sind." „Das. mag schon alles sein," stimmte der Synagogendiener zu, „aber sollen wir deshalb müßig sitzen, ohne etwas zu versuchen? Die Gemeinde gibt dem Rabbiner und den Vorstehern keine Ruhe, sie schreit nach Brot. Bis der Fürst sich überlegt, hierher zurückzukommen, wird alles vor Hunger umgekommen sein, daß sich G'tt erbarme!" „Und wie wollt Ihr es bewirken, daß der Fürst zurückkommt?" „Ja, wenn wir das nur wüßten! — Sie meinen also, Frau Goldele, daß wir heute Reb Schachne vergebens erwarten werden?" „Ich glaube es beinahe sicher!" „So leben Sie mir wohl, Frau Goldele, und G'tt gebe Ihnen eine gute Nacht!", sagte der Synagogendiener, indem er seinen breitkrämpigen Hut wieder aufsetzte und sich zum Gehen anschickte. „Gehen Sie mit G'tt, Reb Mendel," erwiderte Goldele und erhob sich langsam. „Doch gut, daß ich mich erinnere," unterbrach sie sich, indem sie in die Tasche griff. „Da haben Sie etwas Kleines, kaufen Sie dafür Süßigkeiten für Ihre Kinder." Dabei händigte sie ihm einige Silbermünzen ein. „Vielen Dank, teure Frau Goldele, G'tt schenke Ihnen dafür Gesundheit und langes Leben," rief der Synagogendiener, indem seine Augen freudig aufleuchteten. „Nicht Süßigkeiten werde ich dafür kaufen, sondern etwas für den heiligen Sabbat, dessen Bedürfnisse ich noch nicht gedeckt habe." Dabei küßte er die Mesusa und ging freudigen Herzens seines Weges.----- Ueber den Fürsten und sein so langes Wegbleiben sprachen an demselben Abend noch zwei Personen in Reb Schachnes Arbeitszimmer. Dieses, ein großes, weiträumiges Gemach, das zugleich die „gute Stube" und das Bibliothekszimmer seines Besitzers war, zeichnete sich durch ebenso einfache, wie geschmackvolle Einrichtung aus. Die eine Wand war mit breiten, schönpolierten Fächern bedeckt, die mit großen, in schwarzes Leder gebundenen Folianten gefüllt sind. In diesen Büchern lernt Reb Schachne, der allzusehr von Geschäften in Anspruch genommen ist, nur sehr selten, was jedoch nicht hinderte, daß ihre Zahl sich immer vergrößerte. Zu jener. Zeit bildeten der Talmud und die sich ihm anschließenden Bücher den Schmuck und die Zierde eines jeden jüdischen Hauses. Die anderen Wände in dem Arbeitszimmer Reb Schachnes sind fast ganz von Glasschränken verdeckt, die teils mit Silbergeräten, teils mit Geschäftsbüchern gefüllt sind. In einem abgesonderten Winkel steht ein schwarzpolierter Schreibtisch, der auf allen Seiten mit kunstvollen Schnitzereien verziert und mit unzähligen Schubladen, offenen und versteckten, versehen ist, ein wahres Meisterwerk der Holzschnitzkunst. Fast nie bediente sich Reb Schachne bei seinen Arbeiten dieses Schreibtisches, den er vom Fürsten als Ehrengeschenk bekommen hatte, als er ihm ein Rätsel aufgelöst, mit welchem er seine Umgebung länger als zwei Monate fast zu Tode geplagt hat. Niemand durfte diesem Kleinod nahe treten, nicht einmal Frau Goldele. Mehrere Male im Tage stäubt Reb Schachne den Schreibtisch fein säuberlich mit einem Seidentuche ab, das eigens zu diesem Zwecke dort aufliegt. Mitten im Gemache steht ein hübscher Eichentisch, umringt von vier Fauteuils mit hohen Lehnen. Ein mit Eisen beschlagener Kassakasten, eine Schwarzwälder Uhr und ein kleines, zierliches Rauchtischchen bilden das übrige Mobiliar des Zimmers. In dieser Nacht war der Tisch mit einer kostbaren Serviette überdeckt, auf welcher zwei massive Silberleuchter mit brennenden Talglichtern, eine Porzellanvase und darauf eine große silberne Kanne mit Met standen. Zwei Silberbecher, die zur Hälfte geleert waren, legten Zeugnis ab, daß die Kanne nicht bloß als Schaustück dastand. In der Tat war sie schon sehr häufig von den beiden Männern bedacht worden, die am Tische saßen. Beide sind inetwas vorgerückten Jahren,' untersetzt und wohlbeleibt, beide tauchen jedesmal ihre mit weißen Haaren durchwirkten Schnurbärte in die vollen Becher, und beide füllen dieselben immer von Neuem mit dem feurigen Naß. Einer dieser beiden ist der Hausherr, Reb Schachne, der „Gewir" der Gemeinde, der Günstling des Fürsten, der zweite ist Herr Reitan, der einflußreiche Hofmarschall, Die beiden Männer sind 'seit vielen Jahren in inniger Freundschaft einander zugetan, so daß sie sich duzen. Das kräftige Getränk, welches ihnen die Abendschwüle noch unerträglicher machte, hatte sie veranlaßt, sich von ihren Oberkleidern und Stiefeln zu befreien. Reitan saß mit gelockertem Hemdkragen, den Kopf in beide Hände gestützt, in Gedanken verloren, da, während ihm zu Füßen sein großer, feister Hund sich lagerte, ohne den er nie einen Schritt tat. Es war eine Pause in der Unterhaltung eingetreten, so daß man nur das Ticken der Uhr und das Schnarchen des Hundeshörte. „Nun," begann Reitan endlich, „warum schweigst Du?" Ich bin ja eigens zu dem Zwecke hergekommen, um Deine Ansicht zu hören. Solltest auch'Du, der kluge Schachne, um einen Rat verlegen sein?" „Ich habe Dir schon gesagt — sei geduldig," erwiderte jener, sich bedächtig den langen, schwarzen Bart glättend. „Immer: sei geduldig," fuhr Reitan auf. „Nein, das ist es nicht, was ich von Dir hören will! Ich soll also wieder einige Jahre warten, bis es zu spät ist. Nein, Freund, das geht nicht! Der Fürst reist jetzt von Paris nach Marienbad, und, wie man mir schreibt, wird er in Marienbad länger als zwei Monate bleiben. Von dort nimmt er die Richtung nach Konstantinopel und dann nach Rom, wo er wahrscheinlich den Karneval zubringen wird. Mir aber ist jeder Tag kostbar, denn es ist die höchste Zeit, daß ich auch für mich sorge, daß ich mir selber gehöre, meine eigenen Güter verwalte, die mir von Tag zu Tag mehr verwahrlosen!" „Nun, so lasse Dich in der Zwischenzeit durch ehrliche und zuverlässige Leute vertreten!" „Ehrliche und zuverlässige Leute — das ist leicht gesagt! Wo sind sie aber zu finden? Gauner, Tagediebe sind sie alle. Nein, für mich ist kein anderer Ausweg vorhanden, als den hiesigen Posten aufzugeben. Aufrichtig gestanden, ■ ich habe den Dienst satt.. Die Launen des Fürsten werden mir mit jedem Tage unerträglicher!" „Sie sind aber auch lohnend," fiel Schachne lächelnd ein, „die drei großen Landbesitzungen, die Du im Laufe dieser Zeit Dir erworben hast, sind keineswegs zu verachten!" „Drei Landbesitzungen," wiederholte der Marschall mit einem geringschätzigen Achselzucken. „Was ist da Großes? Verteile sie nach dem Verhältnisse meiner Dienstjahre, die jetzt schon in das zwanzigste gehen — was entfällt da auf jedes Jahr? Habe ich denn der Ehre .wegen bei diesem Wildfang mich halb zu Tode gearbeitet? In was stehe ich denn den anderen Edelleuten nach? Unter der Regierung des Stephan Batodi gehörten meine Ahnen zu den Angesehensten des Reiches, und mütterlicher Seite stamme ich von dem großen Hetmann Herkowitz ab. Es ist also für mich gar keine so große Ehre, beim Fürsten Radczinski Marschall zu sein. So lange ich übrigens noch jung war, konnte ich seine verrückten Launen noch ertragen, aber, Freundchen, ich fange an alt zu werden! Noch zwei Jahre, und ich komme ins fünfzigste. Es ist Zeit, daß ich endlich anfange, selbständig zu