Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1934)
- Date
- 1934-02-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 8 Der Israelit 22. Februar 1934 Ein Wort der Würdigung« Von Woli S. Jacobson in Berlin. 1. Das.. neue Deutschland traf die deutschen Juden seelisch völlig unvorbereitet. Der Ruf. „Zurück zur Judenheit!" fand zwar weithin hörbares Echo, es waren aber doch mehr die Dinge von draußen als innere Erkenntnisse, die dieses Echo weckten. Der Ruf: „Zurück zum Judentum!", zurück zum reinen, eindeutigen, unverfälschten Judentum, zurück zum Gesetz, zu seiner Jeden verpflichtenden Kraft, zurück zur Lehre, zu ihrer Jeden angehenden Mahnung, Jeden angehenden Zielweisung, dieser Ruf fand wenig geöffnete Herzen! . Wir Orthodoxen spreche- Wo? vor der Oeffentlichkeit aus, ganz gevif a cat, um uns zu überheben. Nein, wir wissen a. .schuldig wie die anderen. Denn wir selbst; _,;:rten auf das große Geschehen in einer Weise, die weit entfernt ist von echter Umkehr, von reiner Tschüwoh! Wir sprechen es aus, nicht um zu klagen, um anzuklagen, uns und die andern, nur deshalb, um aus dem Bekenntnis unseres und des allgemeinen Versagens die Feststellung abzuleiten: Noch hat die jüdische Gemeinschaft Deutschlands den großen Ruf, den der G'tt der Geschichte an sie ergehen ließ, nicht verstanden, sie hat sich an den Verhältnissen orientiert, statt daß sie sich die Verhältnisse zum großen Erwecker werden ließ. Unsere Jugend geht auf „Hachschara", d. h. Instandsetzung einer neuen Zukunft — kaum ist etwas zu verspüren von einer Vorbereitung der Seele und des Gewissens auf die neuen Verhältnisse, auf das neue Leben —^ unsere Kunstbeflissenen finden sich zusammen in einem großen jüdischen „Kulturbund" — kaum ist etwas davon zu merken, daß man der Quelle aller jüdischen Kultur, der Thora, heißere Liebe, emsigeres Studium entgegenbringt — unsere Menschen wandern aus, gehen hin ins heilige Land — wenig berechtigt bisher zu der Hoffnung, daß die drüben Einwandernden — von geringen Ausnahmen abgesehen — helfen wollen, die Heiligkeit dieses Landes zu erhöhen — in allem haben wir versagt, wir deutschen Juden — und mit uns die Juden der Welt, die doch aus unserem Schicksal hätten lernen müssen — nur in Einem — in einem Großen allerdings — darin hat sich die deutsche Judenheit, darin hat sich die Weltjudenheit bewährt, darin' hat sie den alten jüdischen Namen bewährt; in dem Willen zur Hilfe und zum Aufbau! 2. Und dieser Wille zur Hilfe und zum Aufbau hat sich in der . K a n t s t r a ß e 1 5 8-ein Denkmal gesetzt, von dem wir hier sprechen wollen. Dieses Haus, das als Domizil der Z. W. St. (Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden) und als Heim des ,,Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände" dem in öffentlicher jüdischer Arbeit Stehenden von jeher vertraut ist — das als Stätte des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden für die selbständige Orthodoxie Gegenstand vielfacher Ueberlegungen und Sorgen ist, — dieses Haus birgt nun in seinen Parterreräumen den „Zentralausschuß derdeutschen Juden für Hilfe und Aufbau" und in seinem obersten Stockwerk die „Reichsvertretung der deutschen Juden"! Wenn auch manches, was in diesem Haus geschieht, die Billigung der Orthodoxie nicht finden kann — wir kommen darauf zurück — Eines kann nicht hoch genug gerühmt werden: der Begriff der jüdischen Zedokoh, mit aller Wärme, die ihm zueigen ist, -losgelöst von der Starrheit, die berufsmäßiger Fürsorge oft anhaftet, dieser Begriff ist hier Leben, tägliches, lebendiges Le ben geworden! '■' , : Und wenn Zedokoh weiterhin. „Gerechtigkeit" bedeutet und besagen will, daß die Leistung erfolgt", ohne daß nach der Beziehung des Begünstigten zum Geber, nach der persönlichen »Einstellung der Partner zueinander gefragt wird, dann darf nach,unseren Erfahrungen auch in diesem Sinne die Leistung, die von diesem Haus in mannigfachster Form ausgeht, als Zedokoh bezeichnet werden. Die : verantwortlichen Menschen' hier fühlen sich durchaus als Treuhänder, Treuhänder der deutschen, Treuhänder der ausländischen Gebebereitschaft, selbst in solchen Fällen, in denen ihre persönlichen Ideale auf dem Gebiete der Politik und Religion ihnen leicht eine parteiische Haltung nahelegen könnten,; Und da, wo Meinungsverschiedenheiten entstehen, .werden sie sich in den meisten Fällen aufklären! lassen — und wenn es um Prinzipien gehen sollte, dann muß die offene Auseinandersetzung zum Ziele führen.;; . i \ Es gib,t wohl kaum ein Gebiet der jüdischen Hilfe, der Fürsorge, des Aufbaus und der Wohlfahrt, das nicht in diesem Hause bearbeitet wird. Im Zentralausschuß sind die großen Organisationen, Hilfsverein der deutschen Juden, C, V., Zionistische Organisation, Frauenbund, .Jüdische Gemeinde Berlin, ZWSt. usw. vertreten, auch die selbständige Orthodoxie durch einen ständigen Vertreter — und dadurch, .daß diese Organisationen mit, neben und unter dem Z. A. ihre Arbeiten leisten können, kann sich, auch der Fernerstehende eine ungefähre Vorstellung. davon machen, was hier an Arbeit, die der Devise: Hilfe und Aufbau gerecht wird, an Beratung und Beeinflussung entfaltet wird. t '." Aus dem Gebiet der Z. W. St.: Jugendwohlfahrt und -Fürsorge, Arbeits- und Berufsfürsorge, Wanderfürsorge, Arbeitsnachweise, Gesundheits- und Wirtschaftsfürsorge, 'Anstaltswesen usw., aus dem Gebiet desBilfs Vereins: Emigrantenfürsorge in größtem Stile, ■ aus dem Gebiet der zionistisch ein Organisation: Palästinawanderung und Hachscharah, aus dem Gebiet des Frauenbundes: Fürsorge für das Alter und das Kind. Dazu kommen Fragen der Siedlung in Fühlung mit dem „Ort" und die Finanzierung der Dinge, die vom Erziehungsausschuß der Reichsvertretung an den Z. A. gelangen: die Erhaltung des. bestehenden Schulwerkes und seine Erweiterung, insbesonr dere auf dem Gebiet der Volksschule. Fünf Geschäftsführer, von denen1 zwei' als Ge.- neralsekretäre fungieren, einer die allgemeine Verwaltung, ein weiterer das .Pressedezernat und der fünfte das Kulturdezernat versehen, teilen sich in die große, vielgestaltige Arbeit; der engere geschäftsführende Ausschuß, dem Rabbiner Dr. Leo Baeck präsidiert, und der weitere Zentralausschuß, zu dem die Organisationen ihre, Vertreter entsandt haben, tragen die Verantwortung mit, entlasten die Geschäftsführung durch Uebernahme besonderer Missionen und bilden in gewisser Weise den Aufsichtsrät der ganzen Unternehmung. Mittel fließen dem Z. A. vom In- und Ausland zu und es scheint mir wichtig, daß auch wir, die selbständige Orthodoxie, mit starker Kraftanspannüng uns an der Aufbringung der Mittel beteiligen, wie ja auch s6hon bei früherer Gelegenheit die Organisationen der selbständigen Orthodoxie durch Pauschalbeiträge an den Z: A. ihrer Verbundenheit mit seinem Wollen und seiner Leistung, soweit sie im Einklang mit der Thora erfolgt, Ausdruck verliehen haben. In diesem Zusammenhang sei ein" Wort an uns, an unsere eigenen Menschen im- Lände gerichtet: Man hört so,oft die .Frage, ob es für die Sprecher der Orthodoxie nicht deprimierend, sei, im Kreise des Z. A. wohl fast immer; als* Fordernde auftreten zu,,müssen. Soweit ich die Ehre habe, namens der Orthodoxie zu sprechen, habe ich diese Empfindung nicht verspürt;:Organisationen, die Schulen, die Stätten des Lernens und Lehrens ^umal, ,für. die wir-fordern,■ d as sind die Stätten, au s d e n e n. d i e s e e - Fische Kraft jenen e r w a~c"n s e n ist, die heute in den großen Organis at i o n e n f ü h r e n , — i h n en oder iji'ren Vätern und V.o rvätern. ' Das-orthodoxe Judentum darf .in, diesem Kreis, auch wenn es geldlich der mehr empfangende als gebende^ Teil ist, sein''Recht'; ja, sein Erstgeburtsrecht behaupten ,un,d wer es ihm streitig, macht, pflegt in der' 'Regel idas Andenken des eigenen Vaters — es kann oft schön der Urahne sein — zu schmälern. Diese Behauptung hält fast ausnahmslos der Nachprüfung stand! - Und wenn man sich jetzt auf die jüdische Schule besinnt, auf jüdische Art und Lebensform und wenn man da vorsichtig und tastend nach Linien und Formen sucht, auf die alle sich einigen könnten, dann wissen die Ernstbewußten in. allen Lagern es genau — und wenn sie unter sich sind, dann sprechen sie es auch aus: Ganzes, erfülltes Judentum ist nur bei der Orthodoxie möglich. Daß die Wirklichkeit nicht immer das Mögliche erfüllt, ist uns er Mangel, .unter dem das .von uns Vertretene nicht leiden .kann. Aber auch nach der anderen Seite hin muß einmal eine Irrmeinung beseitigt werden, . die Forderungen aufstellen läßt, als wären die Mittel der Z, A. bezw, der mit ihr kooperierenden Reichsvertretimg unerschöpflich! Man tut den Menschen, die in völliger Selbstverleugnung arbeiten, bitter unrecht, wenn man, wie es so oft geschieht, das Nicht-Helf en-K ö n n e n mit Nicht- Helfen-W ollen gleichsetzt. Mehr braucht zu diesem Thema nicht gesagt zu werden! 5. Die Frage, ob die selbständige deutsche Orthodoxie in der R. V, vertreten sein darf oder nicht, ist eine Frage von weittragender religiöser Bedeutung, deren Entscheidung dem Ermessen unserer berufenen religiösen Führer überlassen ist — sie werden die Entscheidung getroffen haben, die für die ihrem Wort Verpflichteten die einzig richtige sein" kann! / Der Sinn und die Absicht dieses Berichtes ist jedoch, wie schon oben hervorgehoben, die orthodoxe jüdische Oeffentlichkeit mit Nachdruck auf die Notwendigkeit ihrer Mitarbeit beim Zentralausschuß aufmerksam zu machen. Nun ist es zwar mißlich, wenn man für eine Sache wirbt, zugleich auf ihre Mängel hinzuweisei, aber höher als die Propaganda muß uns die Wahrheit stehen, und sie. gebietet un's, zu sagen, daß vieles, was im und: durcfrden Z.'A. geschieh^ religionswidrig, ist; . » '; 1 Dies steht im Zusammenhang mit dem, , was wir. einleitend sagtenidaß die; neue Periöde in der Geschichte, der deutschen' Juden uns nicht als n e,u e , dem alten Judentum aufgeschlossene Menschen fand. Darum werden „Hachscharah" und „Kultur" und „Emigration" und„Siedlung" usw. von hier aus gefördert, ohne daß man dabei auf die Erfüllung dessen sieht, was uns das Wichtigste,, das alles Bedingende ist. Wir fühlen uns verpflichtet, dies auszusprechen. Denn,. wenn; die unmittelbare Lebensgefahr, die der. Gesamtheit und vielen ihrer Institutionen droht, dem orthodoxen Juden Recht- und Pflicht, der Mitleisfung,;an dem allgemeinen Werk des Z, A, trotz der geschilderten Umstände nahelegt, so soll er doch daran denken, > daß er an die Erstattung seines Beitrages eine Bedingung knüpft: die Verwendung nur für solche - Zwecke, die das orthodoxe Judentum5 mit 'Ver- antworten kann. .;:'•<'