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Der Israelit · 1934-02-22 · Heft 8 (22.2.1934) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 8 (22.2.1934)
Date
1934-02-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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22. Februar 1934 Der Israelit INr. ö aeite 3 . Aber selbst wo die zur Entscheidung stehende Frage von. den großen Dezisoreh der Vergangenheit und Gegenwartverschieden beurteilt vird, wo also das Gewissen des einzelnen A.abbiners spricht, darf da noch eine andere In-;tanz entscheiden; als eben sein Gewissen? Wie .ingerecht ist doch das Publikum! Wenn zwischen Zwei ärztlichen Autoritäten eine Differenz obwaltet, kann da. etwa der behandelnde Arzt ,vider sein besseres Wissen dem Kranken etwas gestatten, was nach seiner Auffassung gefahroringend oder -schädlich ist, weil andere Mediziner die Sache für harmlos halten? Wenn es Jar der Hausarzt isl, der den Kranken seit langen Jahren kennt und nun aus seiner gesamten Erfahrung heraus eine Diät vorschreibt; wer will es wagen, ihm einzuwenden: der andere Arzt habe im analogen Fall nicht so strenge Vorschriften gemacht? Wenn aber ein Rabbiner in Würdigung der Verhältnisse seiner Gemeinde eine Entscheidung nach seinem Gewissen gibt, ist man da berechtigt, ist es sinnvoll und logisch, deshalb ihm einen Vorwurf zu machen? Der Talmud sagt: wenn einer eine halachische Entscheidung trifft, dann sehe er das Gehinnom vor sich aufklaffen. Entscheidet er nicht nach dem objektiven G'ttesgesetz und seiner untrüglichen Gewissensstimme, dann soll er wissen, daß er damit sich selbst ins Gehinnom stürze. Wer kann verlangen, daß ein Rabbiner leichthin für das Gehinnom plädiere! Ich möchte eine dramatische Szcme ins Gedächtnis rufen aus der jüngsten Geschichte unserer deutschen Judenheit, als in den Jahren 1910—12 der deutsch-israelitische Gemeindebund eine Organisation aller deutschen Juden herbeiführen wollte und die Gemeindevertreter nach Berlin zusammenrief, um ein Statut, von Justizrat Makower entworfen, zur allgemeinen Annähme zu bringen. Dieser Organisationsentwurf sah keinerlei Rechte für den Rabbiner vor, sondern entschied, daß die Gemeindevertretungen allein in religiösen Fragen das letzte Wort zu sprechen hätten. Als Vertreter des Allgemeinen Rabbinerverbandes erhob sich damals der verstorbene liberale Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin und erklärte diesen Entwurf für unannehmbar, denn da die Majoritäten in den Gemeindegremien wechseln, so müßte ja der Rabbiner je nach Ausfall der Wahl sein religiöses Gewand tauschen. Ein Vertreter der Großgemeinden wandte sich erregt gegen ihn. „Wollen denn die Rabbiner alles haben? Ist die Gemeinde gar nichts? Wo bleibt das Recht der jüdischen Gemeinde?" Die Situation spitzte sich außerordentlich zu. n^era zeigt uns das Wunder am Meere, also den Charakter der letzten Pessachtage. hat die Gesetzgebung am Sinai im Mittelpunkte, also das Schwuausfest. D,>us'zm erinnert an den gütlichen Richter und an — osffna T>ar>; avrt .— die Tage, an denen Er über uns zu Gericht sitzt, also an Rosch Haschanah und JomKippur. ' iwnnführt uns die Stiftshütte vor Augen und die Ehrenwolke G'ttes, die sie füllte. Für die eine wie für die andere ist unsere Laubhütte am Sukkaus Symbol. mx/i spricht' im ersten Abschnitt vom reinen O e 1 und dem heiligen Lichte in der ewigen Lampe und weist somit auf Chanukkah hin. wn •o endlich bringt die Lehre des halben Schekel, der Hamans „zehntausend Kikar" aufwiegt und damit den Purimgedanken veranschaulicht. Vielleicht ist das mit ein Grund, daß in vielen Gemeinden in einem Schaltjahre (in manchen orientalischen Gemeinden auch im einfachen Jahre) gerade die im Zeichen dieser Sidraus stehenden Wochen zur Buße und Selbstbesinnung durch Gebet und Fasten (n~n D'aat«?) benutzt werden. Kleines Feuilleton- (Verlagsbuchhandlung Louis Lamm in Amsterdam.) Der bekannte Verleger und Buchhändler Louis Lamm, dessen Unternehmen seit 1903 besteht, hat seinen Betrieb von der Reichshauptstadt nach Amin diesem Moment erhob sich eine der markantesten Gestalten unter den deutschen Rabbinern, : Di-. Werner aus München, ein Mann von einzigartiger Beredsamkeit und sonorem Organ, und sagte nach meinem Gedächtnis ungefähr folgende Worte: „Ich stimme dem Vorredner, der den Gemeinden das souveräne Recht der Entscheidung zubilligen will, Punkt für Punkt zu. Ich bin völlig damit einverstanden, daß Vorstand und Repräsentanz allein alle, Fragen, welcher Importanz immer, unter sich entscheiden. N u r eine kleine Bedingung habe ich zu stellen,5 die gewiß den Herren ohne weiteres annehmbar erscheinen -wird. Da zum Entscheiden doch ein bestimmtes Vorwissen gehört, so sollen die führenden Herren der Gemeinde nur die Hattoras Haurooh,. das Rabbinatsdiplom, sich erworben haben. Sonst verlange ich nichts. Wenn Sie diese Kleinigkeit erfüllt haben, bin ich völlig bereit, auf jedes Vetorecht der Rabbinen Verzicht zu leisten. Denn dann werden die Herren eben entscheiden können. Solange aber diese kleine Bedingung nicht erfüllt ist, muß es schon dabei bleiben, daß der einzige Fachmann in der Gemeinde, der . einzige, der vor dem Forum der jüdischen Wissenschaft, der jüdischen Tradition und jüdischen Weltanschauung seine Entscheidung verantworten kann, daß der Rabbiner die maßgebliche Endentscheidung zu geben hat. Wollen Sie, daß Ihre Rabbiner Lumpen werden? schleuderte er mit gewaltiger Kraft in den Saal hinein. Wissen Sie nicht, daß die Thora sagt: jüdische Menschen sollen nicht verkauft werden, wie man einen Sklaven verkauft? Soll etwa ein Rabbiner bei jeder seiner Entscheidungen vor den materiellen Konsequenzen, die sie für seine Stellung hat, zittern müssen oder vor dem Konflikt zusammenschrecken, daß seine Gemeinde ihm ein Wort des Gewissens verargt und deshalb in Feindschaft verfolgt?!" Diese Rede Werners war es nicht zum wenigsten, die den Gesamtentwurf zu Fall brachte. Sie ist immer aktuell, und das jüdische Publikum sollte sie sich immer wieder erneut ins Gemüt führen. Gerade in der letzten Zeit haben wir an allen möglichen Beispielen erlebt, daß die Oeffentlichkeit gewissermaßen eine Entscheidung ertrotzen will, und es liegt im Interesse der öffentlichen jüdischen Moral, daß diesem Zustand ein Ende bereitet wird. Der Rabbiner muß frei sein in seiner Entscheidung. Er darf niemals unter dem Druck der Oeffentlichkeit zu einem Psak halacha kommen. Er muß mit derselben Ruhe für Ja wie für Nein, für erlaubt wie für •verboten, für zulässig und für unzulässig seine sterdam verlegt und vor einigen Tagen dort in besonders großzügig ausgestatteten Räumen seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Louis Lamm, dessen Vater Max Lamm in Buttenwiesen vor mehr als einem halben Jahrhundert den bekannten und in aller Welt verbreiteten Lamm-Heller'schen' Wochenkalender geschaffen hat, ist dem Leserkreis des „Israelit" gut bekannt, oft schon hat er Buchbesprechungen für unser Blatt geliefert und erst vor wenigen Jahren veröffentlichte er in diesen Spalten interessante Schilderungen einer Afrikareise. Aber auch als Buchhändler mag er den meisten unserer Leser wohl bekannt sein: denn wer in den letzten Jahrzehnten auf irgendeinem Spezialgebiet von Judaica und Hebraica einen Wunsch gehabt hat, konnte überzeugt sein, daß er bei Louis Lamm, der über ein erstaunliches buchhändlerisches, historisches und — last not least — jüdisches Wissen verfügt, Rat und Hilfe findet. Mit all den Größen jüdischen Geisteslebens, von denen hier nur der Altmeister jüdischer Bibliographie Steinhardt erwähnt sei, verband oder verbindet LoUlS Lamm persönliche Bekanntschaft. Der kurze Hinweis auf den Autor und Verleger Louis Lamm muß durch den auf den Antiquar und Bibliophilen ergänzt werden. In seiner jahrzehntelangen Tätigkeit hat sich der Verleger ganz besondere Kenntnisse des jüdischen Buchwesens aller Zeiten nud Länder erworben und manch köstlichen Schatz hat er auf seinen Reisen — besonders auch in Italien — der Vergessenheit entrissen. Viele wertvolle Bibliotheken von Gelehrten, Rabbinern und nicht jüdischen Theologen hat Louis Lamm als Einheit erworben und dadurch verhütet, daß mühsam gesammel- Stimme geltend machen können. Wer ihn ob seiner freien Entscheidung angreift, wer ihn gegen sein Gewissen zu handeln zwingen will, macht ihn zum Lumpen und degradiert die jüdische Gesamtheit/ Es kann, kein Mensch von aufrechtem Charakter, von redlichem und ehrlichem Willen mehr Rabbiner sein, wenn aus einer Gewissensentscheidung ihm ein Strick gedreht werden darf. Halachische Entscheidungen sind Rechenexempel, die , nach Adam Riese ausgerechnet werden müssen, aber nicht ein fertiges Resultat vorher haben. Auch bei ihnen kann niemals 2 mal 2 eine 5 ergeben. An und für sich muß der Rabbiner in uninteressierter Gemütsruhe darüber sein, wie das Resultat seines Nachdenkens ausfällt. Nicht das Resultat bestimmt das Gewichtseiner Entscheidung,sondern die Gründe, die halachischen Quellen, die wissenschaftlichen Momente, die er heranzieht. Wollt ihr religiöse Führer haben, sorgt dafür, daß nicht ihr Denken verzerrt, ihr Blick schielend, ihre Meinung käuflich ist!;J . Unter den größten Verfallserscheinungen in Israel rechnet die Mischna auch die auf: „Führer des Geschlechts sind wie Hunde." Man hat das gedeutet: der Hund läuft immer voran, aber er schaut sich jeden Augenblick nach seinem Herrn um. Das dürfen echte Führer nicht tun, ihre Blickrichtung muß einzig und allein durch die ewigen, jüdischen Ideale und die unabänderliche jüdische Tradition gegeben sein. Deshalb wird doch immer der Gedanke an Kampf und Not, an Sorge und Bedrängnis der jüdischen Gesamtheit auf dem Rabbiner bei all seinen Entscheidungen lasten, denn das Gesetz selbst nimmt darauf Rücksicht, und für die halachische Praxis spielen — wie überall das Judentum rein menschlich ist — die Konflikte des Lebens, die Schwierigkeiten und Verwicklungen des Augenblicks wesentlich mit hinein. Sie gehen als objektive Momente mit in die Entscheidung ein, aber sie sind nicht die einzigen Faktoren. Ihre Tragweite und Berechtigung ist in der Halacha selbst begrenzt, und kein Rabbiner von Moral und Wissen kann ihre Grenzen weiter abstecken, als wie es die Halacha tut. Was uns fehlt in unserer armen Gegenwart, sind nicht Leute, die dem Publikum nach dem Munde reden. — deren gib! es sogar unter den Rabbinern genug —, wes wir bedürfen, sind Männer unbestechlicher Wahrhaftigkeit, hohen Verantwortungsgefühls vor der Ewigkeit des Judentums mit dem starken Führerwillen, unsere Jetztzeit über Krisen und Nöte hinweg kraftvoll zu besseren Zeiten hin zu geleiten. tes wertvolles Gut wieder in alle Winde zerstreut werde. * Louis Lamm, den wir als stets mutvollen Bekenner des Judentums zu dem Kreis unserer nahen Gesinnungsfreunde rechnen dürfen, hat sein Unternehmen nun nach Amsterdam (Amstel 3) verlegt; wenn er so räumlich getrennt von uns lebt, bleibt er doch uns geistig nahe und unsere herzlichen Wünsche begleiten ihn in seinen neuen Wirkungskreis. Wochenkalender. Vom 24. Febr. b. 3. März 1934 / Vom 9. — 16. Adar 5694 ■•ÖV ep Samstag Feb. 24 9 l'TJ a11 tot 's msn Sonntag 25 10 1? . Montag 26 11 T» Dienstag 27 12 1ü Mittwoch März 28 nx 13 TB -mos n'jsn Donnerstag 1 14 f D ■> 1 1 s Freitag 2 15 m rrns \ow Samstag 3 16 B» rtpGDrt K»n ">a Briefkasten. K. L., Lehrer in H. Barmizwoh wird: I. Junge am 20. Dezember 1934 'tt't rrno," II. Junge am 20. April 1935. nos wnn bm nae>.

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