Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1934)
- Date
- 1934-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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L I 22. Februar 1934 Israelit Nr. 8 Seite 3 lEeichsvertretung1 und unabhängige Orthodoxie [(.Fortsetzung von Seite 1.) Richtung; kultureller und religiöser Vereinheitlichung; unter Erdrosselung1, a 11 'e s eigensinnigen religiösen W a hr h eitsfanatismus — wie soll da eine in Deutschland relativ kleine, ob auch ihrer w a h r h a £ t i g e n geistigen- Verbundenheit mit der jüdischen Geschichte und. b^D klar be , wußte Gruppe, wie sie die unabhängige Orthodoxie darstellt, wie soll die Orthodoxie hoffen; dürfen, innerhalb dieser „ReichsVertretung" sich durchsetzen und ihre feistige;E.igehart bewahren zu. können? Das zu erwarten,, wäre Leichtsinn und Verrat an der eigenen Mstorischen Aufgabe, Wären die Initiatoren des Reichsvertrettmgs- Gedankens,. statt sich den Zionisten zu unterordnen, den natürlichen und bescheidenen Weg der Wahrheit gegangen,, hätten sie die gegebenen W e 11 a n s c h au u rx gs g r trp p en der deutschen Judenheit in völliger Paritat um einen Tisch versammelt,, auf daß sie sich; zur Vertretung der t ihnen wirklich g e m e i n s a m: e n aktuellen jüdischen Interessen,, ihres Rechtes^ ihrer Ehre und ihrer '■■ Existenz zur engsten: Einheit nach außen jjund innen zusammenschließen — es wäre ohne Krisen und Reibungen mehr erreicht worden, als es mit allen Schlagworten: von „Führertum" und ' Disziplin nach einem ganzfährigen inneren Kampfe aller gegen: alle heute der Fall ist , Die verfahrene Situation ist bis: zu eiftem gewissen Grade noch gut zu machen, wenn die Reichsvertretung^ — über den Charakter-Kopf des ehrenwerten Herrn Dr. Seligsohn hinweg — das loyale Angebot der unabhängigen Orthodoxie annimmt und damit de facto, eine auf.Umformierung des. Geistes und der Gewissen verzichtende Instanz für gemeinsame Interessenvertretung schafft. Die unabhängige Orthodoxie wird sich jedenfalls weder durch sittenwidrige Drohungen, wie sie dem edelmütigen Herrn Seligsöhn beliebten, noch durch kränkende Spitznamen von seilen der ihr weltanschaulich nahestehenden,, organisatorisch leider entfremdeten Gruppen in ihrem Bekenntnis zur eindeutigen Wahrheit der Ueberlieferung unterdrücken lassen. Sie ist Haß und Verkennung gewöhnt und führt ihren: Kampf um G ' 11 e s willen für die Kinder und Enkel aller derer, die hr heute noch ebenso verständnislos gegenüberstehen, wie die Väter und Großväter der neuerdings zum Buber-Baeck'schen Einheitsjudentum Bekehrten den unverfälschten historischen Urformen dieses Judentums vor fünfzig und huiir dert Jahren. darauf logischer Weise die noch embryonisch |keimende Idee der einheitlichen, orthoo x - 1 i b e r a 1 e n jüdischen L e h r e r b i lung gefolgt ist, und dem mit unerbittlicher Notwendigkeit die Konzeption der modernen pseudo-historischen deutsch-jüdischen i}:. i n h ei t s - R e 1 i g i o n folgen muß. An der zugehörigen kirchlichen Zwangsorganisation auf judisbh-nationaler Grundlage wird es.' dann nicht [mehr lange fehlen. Herr Dr. Heinrich Stern, einer der wenigen nüchternen Köpfe in der Reichsvertretung, die von. dem neuen- Buber-Baeck'schen Tropfen „refiigio 1934" noch nicht berauscht sind, wird diese zwangsläufige Entwicklung mit so lendenlahmen Erklärungen, wie er sie in der Beirat-Sitzung ibgegeben hat, gewiß nicht aufhalten. Denn für diese unter historischer Begriffsmaske sich vollziehende „Erneuerung" einer spezifisch deutschen jüdischen Einheits-Religion wirkt nicht nur der starke Antrieb der eben* geschilderten geistigen Lage, sondern auch das Parteiprogramm der mächtigsten Gruppe in der Reichsvertretung, der Zionisten, mit seiner prinzipiellen Bagatellisierung des religiösen Ernstes überhaupt, und endlich — last not least — der elende Mammon, das an ich berechtigte Interesse an f i n a n z i eil e n Ersparnissen; Es ist nämlich viel, viel billiger, liberal-orthodoxe jüdische Rassenschulen zu gründen, sogar liberal-orthodoxe Lehrer- (nicht auch Rabbiner?-) Seminare zu errichten, als so wie bisher. jeder „Richtung" in ihrer dogmatischen, gänzlich unzionistischen Eigenbrödelei Sörider- Subventionen zu gewähren, bloß damit diese Anstalten ihren Kindern oder Jünglingen ehrlich Aufschluß geben können über die uninteressante Doktorfrage — an der für uns doch das Leben hängt — ob das IIönV TWU ^>8 77 Wl buchstäbliche Wahrheit ist oder eine: — nebelhafte Redefloskel!, Wo aber in solchem' Grade geistige Situation, beherrschende P a r teilen denz und Geldinteresse alle nach einer und derselben Richtung weisen: nach der' EWaan oder zu ansis , .erziehen oder über die religiösen Grundfragen dialektisch hinweggehen will. Das nennt man dann „Verzicht auf ideologische Erörterungen" und merkt nicht, daß man damit dem Judentum selbst das Grab schaufelt. — Auch in einem von Dr. Friedrich Brodnitz in Dresden am 27. Januar gehaltenen Vortrage heißt esi „Die Reichsvertretung sieht es als ihre wichtigste Aufgabe an, Menschen nach einem einheitlichen Bildungsideal zu formen und dann in Berufe hineinzubringen." S ü ^l5i WochenrundschavL Auswirkungen der Einwahderüngsbeschränkung in Palästina, Interessant genug, daß die Palästina - regierung den Schaden, den moralischen und wirtschaftlichen, der ihr durch die; drakonischen Einwanderungsbestimmungen und deren Handhabung entstanden ist, sich selbst bestätigt, und zwar in ihrem offiziellen Bericht über die Einwanderung im Dezember 1933. Die . in diesem Monat erreichte Einwanderungszahl beträgt kaum die Hälfte der sonstigen monatlichen. Einwanderung in diesem Jahre. Zu bedenken ist dabei, daß im Dezember, in dem zwar die neuen Bestimmungen schon in Kraft waren, nochsehr viele auf Grund der vorher erhaltenen Zertifikate und, Touristenvisa ins Land gekommen sind. Wie groß das Manko in den kommenden Monaten, über die die Berichte noch ausstehen» sein wird, kann man sich danach selber ausrechnen Es hande.lt sich hier nicht allein um einen Rückgang der Menschen, sondern noch mehr um einen bedenklichen Rückgang der Kapitalkraft und der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dieser plötzliche Stillstand im Zustrom neuer Kräfte muß naturgemäß zu einer wirtschaftlichen Krisis führen, die Zunahme der Arbeitslosigkeit und Sinken der Boden- und Grundstückpreise im Gefolge haben kann. Leider machen sich die ersten Symptome in Tel Awiw, wo vielleicht der Konjunkturfimmel schon, allzukrasse Formen angenommen hatte, jetzt schon bemerkbar. Aber es kann .nicht ausbleiben,, daß eine weitere Stagnation auch da. eintritt, wo in Stadt und Land eine gesunde Entwicklung \\n vollem Gange war. Die Erfahrungen im Jahre 1925 sollten ein abschreckendes Beispiel seih.,.,. Es darf nicht daran gezweifelt werden, daß alle jüdischen Instanzen geschlossen bei der Regierung, intervenieren und- -sie aufgrund ihrer eigenen, Zahlen davon überzeugen, welche Gefahr sie über das Land heraufbeschwört, das zu betreuen^und zu fördern, England von der Geschichte, ausersehen ist. Am der Lewante-Messe in Tel Awiw beteiligen sich die meisten Staaten Europas.. Soll aber diese Messe nicht nur eine Warenschau bleiben, sondern der Ausgangspunkt von internationalen Handelsbeziehungenwerden, dann, darf dem Lande durch, kleinliche Bestimmungen die treibende Kraft für eine wirtschaftliche Entwicklung nicht abgeschnitten werden; das Kapital und die Arbeit. Es wird aber sowohl am Gelde zu neuen Unternehmungen wie an HändexE zur Äufrechterhaltung cieyUnternehmungen fehlen, wenn man Touristen verwehrt, sich im Lande umzuschauen und jüdischen Arbeitern, bisr auf ein paar GnadenzertiSfeaiej. den Weg. zurjüdischen Arbeit versperrt. Bürgerkrieg und Bürgerrecht in Österreich. Die Welt außerhalb Oeslerreichs ahnte es kaum, daß während in Wien und. anderen Städten Oesterreichs Regierung und. Schutzhündler sich mit Bomben und Granaten bewarfen und sogar mit Kanonen um die Macht rangen« abseits die österreichische Judenheit einen stillen, aher darum nicht weniger verzweifelten Kampf um ihre bedrohten Rechte führte. Es ist weiter nicht verwunderlich,, daß in den Tagen der Wirren, da die Donaustadt vom Donner der Geschosse widerhallte;, auch allerlei übertriebene Aengste in den überhitzten Hirnen und Herzen entstanden/ die vielleicht auch zu etwas, verfrühten Gegenmaßnahmen führten. Man kann auch im Zweifel sein,, ob. es von der Jü dl sehen Telegraphen-Agentur in Berlin, richtig war, gleich all die schwirrenden Gerüchte aufzugreifen und'sie; in alarmierender Aufmachung an die jüdische Presse der Welt hinauszuposaunen. Was wir in dieser Sache an erster Stelle unserer jüngstem Nummer brachten, war nur ein kleiner Extrakt jener in die Welt hinausgesandten Alarmnachriehten.. Der Himmel hat sieh inzwischen in Wiem ein bißchen aufgeklärt und damit kanm eine, ruhigere Bewertung der Dinge auch in' ihrer Auswirkung auf die jüdische Rechtslage in\ Oesterreich Platz greifen. Daß jene Befürchtungen vollkommen der Grundlage entbehrten, kann leider auch jetzt nach dejt neuesten Berichten, nicht behauptet werden. Wahr ist, daß die. Heimwehren und die anderen, nunmehr mit ihnen verbündeten Rechtsparteien, in Bezug auf das jüdische Recht Wünsche und Pläne haben, die sehr weit über die Intentionen; der auch ihrerseits nicht gerade judenfreundlichen C h r i s 11 i c h-S ozialen, aus deren Reihen Bundeskanzler Dollfoß hervorgegangen ist, hinausreichen.. Aber es ist auch klar, daß diese Parteien noch genügend mit sich zu tun haben und daß sie die. Liquidation der blutigen Fastnacht noch lange genug in Anspruch nehmen wird, bevor sie daran denken können, den | Sieg in der Innenpolitik auszuwerten. Dann wird es sich zeigen, ob der Druck der rechts'.vor .den 'Christlich-Sozialen stehenden Parteien wirklich so stark ist, daß sich ihnen Dollfuß, all den gegebenen Versprechungen zum Trotze, beugen müßte . . . Inzwischen wird direkt aus Wien berichtet, daß eine jüdische Delegation im I n - n e n mini s t e r i u m vorstellig war und um eine unzweideutige Aeußerung über die von der Regierung geplante Judenpolitik bat. Sie erhielt die lakonische Erklärung, daß die Regierung keine gegen die Juden speziell gerichtete Maßnahme plane. Demgegenüber wird in einem Communique des Jüdischen Frontkämpferbundes konstatiert, daß eine unterschiedliche Behandlung jüdischer Frontkämpfer gegenüber den Mitgliedern anderer zum Schutze der Regierung herangezoge-