Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450814--80210-2538010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15, Februar 1934 D Israelit Nr. 2 Seite 3 =«= ser'und in jener Welt; wer hingegen die; Verbannung mit Widerwillen erträgt, der : bringt sich leicht um seine Welt und um seine Zukunft . . . Ist aber das geistige Licht Israels nicht beJ reits so untergegangen, daß man sich nicht denken kann, es werde je wieder erscheinen'? Ist es nicht so verloren, daß an ein Wiederbringen desselben nicht gedacht werden mag? '' Meister: Untergegangen;ist es nur in den Augen derer, die uns nicht mit klarem Auge schauen, und die aus unserer Gedrücktheit, Armut und Zerstreuung Beweise für das Erlöschen unseres Lichts, so wie aus der Größe der Andern, ihrer weltlichen Macht und Herrschaft über uns Beweise für ihre Ueberlegenheit und Sieg entnehmen. ... .Kusari: Ich habe mir davon nie einen Beweis bringen wollen. Denn auch die Christen rühmen sich nicht der Könige, der- Helden, der Reichen, sondern der Männer, die Jeschu alle die lange Zeit nachfolgten, ehe sein Glaube feste Wurzel gefaßt; , diese Männer gingen in die Verbannung, mußten sich verbergen, den Tod erleiden, ,wö man sie fand, duldeten für die Befestigung ihres Glaubens unendliche Verachtung und tödliche Leiden; und sie sind es, mit denen sie sich jetzt segnen, deren Aufenthalts- und Leidensort sie verehren, auf deren Namen sie Tempel erbauen. Und so ist es mit denen, welche an dem Aufblühen des ismaelitischen Glaubens halfen; auch sie mußten viel Schmach erleiden, bis sie zu Kräften kamen, und deren rühmen sie sich; deren Niedrigkeit, deren Hingebung des Lebens für Stärkung des Glaubens preisen sie; nicht der Könige, die mit ihrem Gelde und ihrer Macht groß tun, sondern Derer, die sich in Lumpen kleideten und Gerste aßen, ohne satt zu werden. Und das taten sie alle in vollständigster Hingebung zu G'tt. Hätte ich gesehen, daß die Juden so im Namen G'ttes tun, so hätte ich sie über das Königshaus Davids gestellt, weil ich mich erinnere, was ich über den Satz: „G'tt weilt bei dem Zerschlagenen und Demütigen" (Jes. 57, 15) gelernt habe, nämlich, daß das G'tteslicht nur auf den Seelen der Demütigen ruhe. Meister: Du hast Recht, uns den Vorwurf zu machen, daß wir die Verbannung ohne Frucht tragen! Aber ich denke an die Geachteteren unter uns, die diese Verachtung und Knechtschaft durch ein ohne Mühe gesprochenes Wort abschütteln, plötzlich Freie werden, sich über, ihre Bedrücker erheben können, und es doch nicht tun, weil sie ihrem Glauben treu bleiben wollen. Ist diese Hingebung nicht genügend, um Fürbitte und Versöhnung für viele Sünden zu erlangen? Wäre allerdings alles erfüllt, was du von uns verlangst, so würden wir länger nicht in der Verbannung bleiben. Denn du weißt wohl, daß das weise Vorhaben G'ttes mit uns der Bestimmung eines Samenkornes zu vergleichen ist. Man legt es in die Erde, wo es sich scheinbar verändert und in Erde, Wasser, Kot übergeht ünd fast gar nicht mehr wahrzunehmen ist — wie es? wenigstens scheint, w'e n n m an d a.r auf hinsieht, Aber gerade es ist es, welches Erde und Wasser in seine Natur wandelt, und sie von einer Stufe zur höheren erhebt, indem es die Elemente auflöst und in seine eige- Elemente auflöst und in seine eigene Gestalt verwandeltund dann Schalen und Hüllen abwirft. Wenn nur der Keim echt und befähigt war, seine Tätigkeit anzutreten, so bringt der Baum Früchte hervor, gleich denen, von wel c h en sein Same stammt. So wandelt auch die Lehre Moses jeden, der nach ihm kommt, in sich um, wenn sie auch scheinbar von jedem verworfen wird. Diese Völker sind die Vorbereitung und Einleitung zu dem erwarteten Messias, der die Frucht ist, und-dessen Frucht sie Alle werden, wenn sie ihn anerkennen, und Alles ein Baum wird. Dann werden sie die Wurzel hoch ehren und achten, die sie früher geschmäht. Nachher ereigne.te es sich, daß der M eis t er beschloß, das Land Kusar zu verlassen, "um nach Jerusalem zu wandern. Dem König von Kusar war die Trennung von ihm leid, er sprach mit ihm darüber^ und sagte zu ihm; Was suchst du denn heute in Jerusalem und dem Lande Kanaan, da ja die Schechina fehlt, und die Annäherung an G'tt überall durch Reinheit des Herzens und starkes Verlangen erreicht werden kann? Meister: Die Auge in Auge sichtbare Schechina, diese fehlt, weil sie nur einem Propheten oder einer g'ttgefälligen Menge an dem bestimmten Ort sichtbar ist. Auf sie hoffen wir nach dem Ausspruch: „Denn Auge in Auge werden sie sehen, wenn der Ewige nach Zion zurückkehrt" und wenn wir im Gebete sprechen: „Unsere Augen mögen sehen, wenn Du nach Zion zurückkehrst". Aber die unsichtbare geistige Schechina ist bei jedem eingeborenen Israeliten, dessen Handlungen rein, dessen Herz lauter, dessen Seele ungetrübt für den G'tt Israels ist. Das Land Kanaan ist nun besonders für den G'tt Israels bestimmt, und die religiösen Handlungen können nur da zur Vollendung gelangen. So regt sich also die Sehnsucht nach dort, und die Seele reinigt sich in ihm, besonders bei dem, der von einem fernen Lande dahin wandert, und ganz vorzüglich bei dem, welcher für frühere Vergehen die Vergebung G'ttes erbittet, und der sich auf den Ausspruch unserer Weisen: „Galuth sühnt die Sünde" stützt, und noch dazu, wenn dieses Galuth an der Stätte der Erwählung ist. K u s a r i : Früher erklärtest du dich für die Freiheit, und jetzt sehe ich, daß du noch mehr Verrichtungen und Pflichten auf dich nehmen willst, Pflichten, denen du nur durch den Aufenthalt in Palästina unterworfen, und von denen du hier frei bist? Meister:- Ich sehnte mich nur nach Freiheit vom Dienste der Vielen, deren Wohlgefallen ich nicht wünsche und auch nicht erlangen würde, wenn ich mich mein ganzes Leben darum , bemühte, und das, wenn ich es erreichte, mir keinen Nutzen brächte; ich meine nämlich den Dienst von Menschen und das Streben nach deren Wohlgefallen.. Aber ich strebe nach dem Dienst des Einen, dessen Wohlgefallen mit wenig Mühe zu erreichen ist, und das in diesem und im künftigen Leben nützt, ich meine das Wohlgefallen G'ttes; sein Dienst ist die wahre Freiheit, die Demütigung vor ihm die wahre Ehre. Kusari : Wenn du von dem Allem, was du sagst, überzeugt bist — nun G'tt kennt ja deine geheimsten Gedanken. „G'tt will das Herz", Er kennt das Verborgene und offenbart das Geheime. Meister: Das ist richtig, wenn die Tat unmöglich ist. Aber der Mensch steht zwischen sich, seinem Wunsch und seiner Tat. Ist die Tat ohne Gedanken oder der Gedanke ohne Tat, so ist nichts davon zu hoffen. Nur wo die Aeußerung des Gedankens unmöglich ist, da hilft das Bekenntnis der Unmöglichkeit etwas. Durch die Begeisterung und lebendige Liebe zu jenem heiligen Orte, wird das ersehnte Ziel, der große Lohn der Zukunft rascher herbeigeführt, „Du, Du mußt aufstehen und Dich Zions erbarmen; es ist Zeit, sich seiner gnädig anzunehmen; die Frist ist gekommen; denn Deine Knechte lieben seine Steine und selbst seines Staubes freuen sie sich." (Ps. 10 , 14). Jerusalem wird erbaut werden, wenn alle Israeliten von äußerster Sehnsucht danach ergriffen sind, so daß sie sogar dessen Steine und Staub lieb haben. K.u s a r i; Nun, dann ist es Unrecht, dich zurückzuhalten, ja eine Pflicht dich zu fördern. G'tt stehe dir in deinem Vorhaben bei, lasse dir Glück zuteil werden nach deinem Wunsche und nach deiner Bemühung, sei dir Hilfe und Stütze, lasse dir reichen Lohn zukommen für die Lauterkeit deines Herzens und deiner Gedanken, Er ist der Geber des Glücks, der G'tt der Liebe und der Vergeltung; kein G'tt außer Ihm, kein Fels als Er. Er tue dir, wie Allen, welche deine aufrichtige Gesinnung gegen Ihn mit dir teilen, nach Seiner Gnade, in Seinem Erbarmen. Aus „Kusari" 2. Buch (20—24; 28—33; 34—44); 3. Buch (11); 4. Buch (20—23); 5. Buch (22—28). Der Sch 'tar-Iska als jüdische Wirtschaftsform. Das Zinsverbot der Bibel hat ein für allemal eine kapitalistische Wirtschaftsordnung mit ihren Gefahren und Entartungen für den jüdischen Kreis unmöglich gemacht. Zwei Gesichtspunkte sind es hauptsächlich, die für das Zinsverbot, maßgeblich sind. Einmal das Prinzip: „es soll dein Bruder leben können mit dir," der Gedanke der Brüderlichkeit, der Bereitwilligkeit, auch dem Anderen Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen. Zweitens das Prinzip: Arbeit ist höher zu bewerten als Geld. Der erste Gedanke lehrt ganz eigentlich die wirtschaftliche Solidarität. Alle sind aufeinander angewiesen. Niemals kann man seine Wirtschaftsexistenz auf den Verfall des Andern aufbauen. Dein Bruder kann nur leben in der Solidarität mit dir, aber auch du nur in der mit ihm. Dein Bruder verfällt ohne deine stützende Hand, aber sein Verfall zieht den deinen nach sich. Dennoch hat das jüdischeGesetz das Kapital nicht zur Unfruchtbarkeit v e r u r t e i 11. Es ist aber im höchsten Grade bezeichnend für Geist und Tiefe der jüdischen Wirtschaftsordnung, wie die Wirksamkeit des Kapitals im Ganzen des ökonomischen Lebens gedacht ist. Alle Gesetze der Bibel, die das Zinsverbot zum Thema haben, sprechen vornehmlich von dem Darlehen an den Armen. „Wenn Geld du leihst in Meinem Volke dem Armen in deiner Lebensgemeinschaft," heißt es im Bundesbuch; „wenn dein Bruder verarmt und zu fallen droht, nimm ihn an die Hand, selbst den Fremdling und den Beisassen, daß er mit dir lebe, aber nimm von ihm keine Zinsen!", sagt das Heiligkeitsgesetz. Es ist also zunächst an das Wohlfahrtsdarlehen gedacht, an das, was der jüdische Volksmund ein G e m i 1 u s C h e s s e d nennt. Und hier hat auch die religiöse Praxis immer mit aller Strenge jede Verzinsung, jeden Vorteil des Besitzenden von dem gewährten Darlehen als unsittlich abgelehnt. Anders der bankmäßige Kredit, die Finanzierung wirtschaftlicher Unternehmungen. Welche Vorschriften sind hier maßgebend? Ein Vertrag, der dem Geldgeber ganz unabhängig von dem Erfolg und der Rentabilität des von ihm finanzierten Unternehmens Zinsen für das gewährte Kapital sichert, ist selbstverständlich nach jüdischem Recht ungültig. Aber auch ein Abkommen, geber nur die Unversehrtheit garantiert, ist unzulässig. Ein heißt mit dem talmudischen Ausdruck: Zaun bar sei, pecus ferreum, eisernes Vieh. Der Name stammt noch aus der Agrarperiode unseres Volkes. Wenn jemand dem andern eine Herde zur Weide anvertraut und mit ihm abmacht, daß er am Wurf der Tiere, an dem, was die Schur erbringt, zur Hälfte oder zu einem das dem Geldseines Kapitals solches Geschäft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.