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Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 2 Israelit 15. Februar 1934 Drittel beteiligt ist, daß ihm aber der Hirt haften müsse für die unverminderte Stückzahl der Tiere gegen Krankheit und Seuche, die das Vieh hinwegraffen könnte, eine Kapitalbeteiligung also ohne Risiko, bei der die Schafe gleichsam für den Besitzer aus Eisen sind, allen Fährlich keiten einer Herde für ihn nicht unterworfen sind, bedeutet eine einseitige Sicherung des Geldgebers und ist verboten. Voraussetzung eines jeden er laubten Kreditgeschäfts ist die gleichmäßige Verteilung von Ge winnchance und Ver1us t r i siko auf Unternehmer und Geldgeber. Wie du selbst bei eigener wirtschaftlicher Betätigung nie die Möglichkeit des Verlustes ausschalten kannst, da es kein Geschäft ohne Risiko gibt, so kannst du auch nicht einen andern mit deinem Gelde wirtschaften lassen, ohne mit ihm die Gefahr und das Wagnis des Kaufmanns zu teilen. Ein solches Geschäft, wo Gewinn- und Verlustchancen auf beide Schultern gleichmäßig verteilt sind, heißt ein I s k a. Aber selbst ein solches, obwohl es in sich der Ausdruck echter wirtschaftlicher Solidarität ist, wird vom Gesetz noch nicht als zulässig anerkannt. Denn immerhin ist dabei die Arbeit nicht als das Höherwertige betont, Der Unternehmer, der seine: Arbeitskraft hergibt, darf nicht dem Geldgeber gleichgestellt werden, der nur durch sein Kapital an der Sache beteiligt ist. Das jüdische Gesetz verlangt daher, daß dem Unternehmer noch ein Arbeitslohn gezahlt werden muß. Erst dann ist das Iska gestattet. Jetzt sind Unternehmer und Bankier einerseits gleichberechtigte Teilhaber des kaufmännischen Betriebes, beide gleichermaßen für Verlust und Schaden haftbar, beide gleichmäßig am Gewinn beteiligt. Auf der andern Seite ist der Unternehmer, der seine Zeit und Fähigkeit und Kraft zur Verfügung stellt, gewissermaßen nur der angestellte Geschäftsleiter, der für seine Leistung, wie immer, bezahlt wird. Das ist die Wirtschaftsform, wie sie das jüdische Gesetz will. In dieser Wirtschaftsform kann das Kapital wohl Früchte tragen und dem Besitzer Nutzen bringen. Aber immer bleibt der Finanzier den Sorgen und Zufällen des Marktes: dem Steigen und Sinken der Preise, dem Wechsel von Angebot und Nachfrage, all den Gefahren, die das Ungefähr irdischen Lebens in sich birgt, persönlich mit verhaftet, und immer muß er wissen, daß der Mensch höher steht als jeder Besitz, daß die arbeitende Hand, obwohl sie des Geldes oder der Ware als Werkzeug der Betätigung bedarf, mehr leistet als der ohne sie zum Tode und zur Unfruchtbarkeit verurteilte Besitz. Nur in einem Punkt ist im Iska-Geschäft der Geldgeber schlechter daran, als wenn er sein Kapital in eigener Regie und in selbst geleiteten Unternehmungen nutzbar macht. Er ist auf die Gewissenhaftigkeit, auf den geschäftlichen Eifer seines Schuldners angewiesen. Das Iska- Geschäft involviert letztlich doch eine Ungerechtigkeit in der gleichmäßigen Verteilung von Gewinn und Verlust, denn es hat zur Voraussetzung, daß jeder Unternehmer für sich das ihm geliehene Geld, die Kapitalien Anderer mit derselben Energie und demselben Verantwortungsbewußtsein verwaltet, als wäre es sein eigenes, als arbeitete er mit eigenen Mitteln. Darum billigt das Gesetz dem Bankier das Recht zu, vertragliche Sicherungen mit dem Kreditnehmer zu vereinbaren, die ihn vor leichtsinnigem Spiel mit den von ihm ausgeliehenen Kapitalien schützen sollen und können. Ein solcher Sicherungsvertrag heißt Sch'tar Iska. Darin kann er über das Recht der Verwendung des Darlehens, über die Art der Abrechnung u. a. m. bindende Richtlinien aufstellen, die den Schuldner an seine Verantwortung und Pflicht ketten, die die Möglichkeit eines Verlustes bei irgendwelchen Unternehmungen möglichst eingrenzen. Mittels eines solchen Sch'tar Iska haben deshalb die großen Lehrer der Halacha den Juden die Möglichkeit von Geld-, geschäften innerhalb der modernen kapitalistischen Wirtschaft gestattet. Der Sch'tar Iska ist alsosein e m Wesen nach die echte Form der gegenseitigen Solidarität. Er sagt dem Geldgeber: du kannst niemals für dich verlangen, daß dein Geld dir in der Hand des andern sichereren Gewinn trägt als in der eigenen. Das Geld ist Betriebsstoff der Wirtschaft. Es kann nur unter den Bedingungen dir Nutzen tragen, daß du selbst mit in den Strom der Wirtschaft eintrittst und alle ihre Eventualitäten bereitwillig auch deinem Schuldner in Rechnung stellst. Willst du Gewinn *für dein Geld, mußt du auch das Risiko rollenden Geldes mitwollen. Er sagt aber andererseits dem Schuldner: anvertrautes Gut will doppelt geschützt sein! Er ruft deine ganze Moral und Gewissenhaftigkeit auf, daß ein dir geliehener Pfennig nicht dem Gläubiger verloren gehe. In diesem Sinne ist der Sch'tar Iska die ideale Wirtschaftsform der Zukunft. Jüdische Politik nach dem Pele Joez. Wir haben dem Herrn der Welt zu danken, der immer in unserer Erniedrigung unserer gedacht und es niemals an einem Helfer und Befreier fehlen ließ, wie Er schon uns durch unseren Stammvater Jakob verheißen hat: niemals schwindet aus Juda der Führerstab, bis daß der Messias kommt. Und zu allen Zeiten und in jedem Lande fanden sich immer führende Männer des heiligen Volkes, die in naher Verbindung zur Regierung und zu den herrschenden Kreisen standen. Gelobt sei der, der von seiner Ehre den Frommen einen Teil gibt. Wohl haben unsere Weisen uns gelehrt: „suche keine Bekanntschaft mit der Regierung." Aber das will nur sagen: niemand jage nach Ehre oder strebe danach, Bekanntschaft zu finden mit den herrschenden Männern. Wem es aber so vom Himmel beschieden ist zum Besten Israels, der muß es annehmen. Aber immer sehe er sich vor und schütze sich, daß er erst im Gebete ringt um das, was er in jeweiliger Not tun soll, damit nicht irgendetwas Schädliches von ihm ausgehe, daß er Gunst und rechte Einsicht finde in den Augen aller. Und er gehe nicht nach Würden und Aemtern, die groß und auffällig sind, damit ihn nicht ein Nichtjude beneide. Man verachte niemanden, denn es gibt keinen, dem nicht einmal die Stunde schlägt, besonders bei den Nichtjuden, denen der Aufstieg zur Herrschaft immer „hinter dem Ohre steht." Er denke daran: nicht für die Ewigkeit dauert irdische Macht, und er halte sich den Vers vor Augen: am Tage des Glücks laß es dir wohl sein, aber auch auf den Tag des Unglücks schaue voraus, den die Erklärer dahin gedeutet, daß man schon am Tage des Glückes weise Vorsorge treffe für des Glückes Wechsel, der bevorsteht. Daher soll jeder, soweit es in seiner Kraft ist, Gutes tun mit seinen Glaubensgenossen und mit denen, die anderen Glaubens sind, besonders an all seinen jüdischen Genossen sei groß seine Liebe und Treue. Dann wird Heil und Rettung für Israel durch ihn erstehen. Und er opfere sich auf, jüdisches Leben und Gut vor Unterdrückung und Unrecht zu retten. Besonders wo es sich um Todesgefahr handelt, da ruhe und raste man nicht, bis man die Rettung vollführt, denn wer eine Seele aus Israel erhält, er hat eine ganze Welt an Dasein erhalten. Er halte hoch die Fahne der Thora und widerspreche nicht seinem Lehrmeister und rette den Unterdrückten aus der Hand des Unterdrückers; er mache keine Gemeinschaft mit Schlechten, sondern zerbreche die Klauen des Bösen nur mit den Mitteln, die die Thora gewährt, und auf seine eigene Einsicht verlasse er sich nicht, Er verlange nicht Größe, er begehre nicht Ehre, er werfe nicht das Joch der. Thora und der Gebote von sich ab, so wie es viele der Reichen, aber Ungebildete getan, die sich die G'ttesfurcht nicht vor Augen hielten. Er beschäme keinen Menschen, sei nicht rachsüchtig und nachtragend, er tue nicht Spitzeldienste, um seinen Brüdern Schaden zuzufügen. Denn furchtbar ist die Schuld des Denunzianten; er hat sein Leben verwirkt. Sondern immer gehe er den Weg der Wahrheit und der Bescheidenheit und des Rechtes. Und wenn er hochkommt im Leben, so denke er immer an den Tag seines Sturzes und halte sich selbst den Todestag vor Augen. Ja, das führe sich der Lebende zu Herzen in der Stunde seines Aufstiegs, damit sich nicht überhebe sein Herz und er nicht seiner hohen Stellung wieder verlustig gehe, sondern er vollziehe alle Dinge in Gerechtigkeit, in Wahrheit und Redlichkeit, Und dadurch wird dauern und groß sein seine Stellung, er wird geliebt sein oben und angenehm sein unten. Aber auch das Volk soll ihn ehren und emporheben, da der Weltenkönig, der alle Aemter, auch das kleinste, zuerteilt, an seiner Auszeichnung Gefallen hat. Und man reize ihn nicht, da der Große leicht zum Trotze neigt, wenn man ihn nicht ehrt und erzürnt, Dann liegt es allzunahe, daß er Vergeltung üben und Böses tun will, soweit es in seiner Kraft liegt, indem er denkt: wenn ihr nicht mich achten wollt, so werdet ihr sehen, was ich kann, um so Furcht vor sich zu erwecken. Darum sei jeder Mensch bedacht, den Andern zu ehren, besonders den, dem Ehrung gebührt, sei es aus Achtung vor seiner Person, sei es aus Anerkennung seiner Macht. Der Zwang. Aus den Zionsliedern Jehuda Halevis. Uebertragen von Franz Rosenzweig s. A.*) Schon schwoll mein Herz / zum Hause der / hohen Zeit, doch graute michs / noch vor der Heim- / losigkeit. Da schuf, der reich / an Rat, mir Grund, / heimlos zu sein; so fand für Ihn / den Sinn ich mir / wohlbereit. Drum falle ich / an jeder Rast / aufs Angesicht, dank' Ihm den Schritt, / jeglichen, den / vor ich schreit. Aus der Anmerkung Franz Rosenzweigs: Und dennoch, trotz aller Pilgersehnsucht ist die Angst um das, was er aufgeben muß, um das Leben, in das ihn mehr als fünfzig Lebensjahre heimatlich verwurzeln ließen, das Grauen vor der Heimlosigkeit, noch stärker. Da geschieht etwas, was ihm das gibt, was ihm noch fehlte: den Zwang. Nun geht er gern. Was das ist was geschah, das verrät er nicht. Wir wissen es nicht, welches Ereignis ihm das Verlassen der Heimat lieb oder gar zur Notwendigkeit gemacht hat. Es ist schon beinahe wunderbar, daß er auch nur soviel verrät. Denn dies ist etwas, worüber die Menschen meist schweigen, obwohl vielleicht jeder es einmal erfährt. Denn es verletzt im tiefsten ihren Stolz. Der Mensch sucht seine Ehre in der Tat. Aber es gibt in ieder solchen Tat einen Augenblick, wo dem Menschen der Mut ausgeht, grade weil er ihn ganz darangesetzt hat. Wenn an diesem Punkt nicht ein Zwang käme, welcher der Tat dennoch zur Geburt hülfe, so erblickte sie niemals das Licht der Wlet. Aber dieser Zwang, kommt. Der Mensch hat ein Recht darauf, das von G'tt anerkannt wird. Alles Beten ist letzthin ein Beten um diesen Zwang, alles Danken ein Danken für? ihn. Aber die Scham, die das Gebet umgibt, hat hier ihren Grund. *) Aus Bd. 2 der prächtigen Bücherei des Schocken Verlages In Berlin (Jehuda Halevi, Zionslieder. Kart. Mk. 1.25).

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