Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 2 Der Israelit 15. Februar 1934 lichkeit in der großen Kraft des Glaubens, in den ewigen Werten jüdischer Lehre und jüdischen Gebots liegt, in dem Glücke dessen, der gesprochen hat: Ich habe G'tt, was sollen mir Himmel und Erde! "- * Jehuda Haiewi über Erez Jisral und Galuth. Aus dem Kusari. Der Zionssänger und Dichterphilosoph Jehuda Halewi hat an der Problematik des Galuth sein Leben lang wohl schwerer gerungen als je ein anderer. Seine Bekenntnisse über Erez Jisrael und Galuth sind deshalb von besonderer Bedeutung und sprechen mit so eindringlicher Kraft zu unseren Herzen. Er hat die Glückszeit der Diaspora erlebt, die herrliche Epoche der Juden in Spanien. Gerade aber weil seine Welt die eigentliche Not des Exils nicht kannte, darum drohte ihr die Gefahr, Zions zu vergessen. Um so leidenschaftlicher klammert sich des Dichters Seele an Jerusalem. Weil das. Leben im heiligen Lande damals gefahrvoller, entbehrungsreicher, also ein eigentliches Galuth war, * darum hält er sich für verpflichtet, sich loszureißen und alle Mühsal eines Aufenthalts dort für sich zu erwählen. Gerade weil es das Schwerere war, deshalb wollte er ins heilige Land. Aber darüber vergißt er auch die Rechtfertigung der Gola-Gemeinde nicht, der die Möglichkeit der Heimkehr sich nicht bietet. Nur das Geschlecht des Serubabel hat sich historisch schwer verschuldet, wo die Gesamtheitlsr a e 1 s eine Heimkehr hätte erreichen können, sie aber um ihres Wohlstandes in Babel willen ausschlägt. Das Israel des Galuth aber feiert er als das Herz der Völker, als das kranke, aber dennoch allein gesunde Glied am Organismus der Welt., * , * * Meister : Das Größte und Herrlichste sagten die Propheten und Sänger über diesen Fleck Erde, der Israel zum Erbe gegeben war: es ist G'ttes heiliger Berg, „der Schemel Seiner Füße", „das Tor des Himmels". Von Zion geht die Lehre aus u. a. m. Wie bemühten sich unsere Stammväter, darin zu wohnen! Ja sogar andere Völker, Perser, Inder, Griechen baten, daß man in jenem allverehrten Tempel für sie opfere und bete. Auch jetzt preist man noch das Land, obgleich jetzt die Herrlichkeit G'ttes dort nicht sichtbar ist! Alle Nationen wallfahren dorthin und zeigen Verlangen danach, nur wir nicht, wegen unserer Verbannung und unseres Druckes. Was haben gar unsere Weisen, von den Vorzügen Palästinas gesagt!" Man wohne immer lieber in Palästina, selbst in einer Stadt, deren meiste Bewohner Heiden sind, als außerhalb Palästinas in einer Stadt, die zumeist von Israeliten bewohnt ist; denn wer in Palästina wohnt, hat gleichsam einen G'tt, und wer außerhalb Palästinas wohnt, hat gleichsam keinen G'tt. Und so klagt David bei seiner Verbannung: „Sie haben mich heute vertrieben, daß ich keinen Anteil habe am Besitz des Ewigen." So sehr liebten sie es, daß sie sagten; „Wer vier Ellen weit auf Palästinas Boden geschritten, sei der kommenden Welt gewiß." Kusari: Nun, so +,ust du ja den Pflichten deines Gesetzes Abbruch, wenn du diesen Ort nicht zum Ziele deines Strebens, zu deinem Wohnsitz im Leben und im Tode machst? Dabei betest du: „Erbarme dich Zions, denn es ist das Haus unseres Lebens," und glaubst, daß der G'Uesgeist dorthin zurückkehren werde. Daher finde ich, daß dein Bücken und dein Verbeugen nach ihm hin Heuchelei oder gedankenloser Brauch ist. Ja, eure Ahnen wohnten dort lieber als in ihrem Geburtslande, sie wollten dort lieber Fremde als Eingeborene in ihrer Heimat sein, und das zu einer Zeit, als der G'ttesgeist dort noch nicht sichtbar geworden, als es noch voll Unzucht war; dennoch hatten sie keinen höheren Wunsch als dort zu bleiben. ■ a Meister: Du hast mich beschämt, König von Kusar. Ja, das ist es, was uns um die vollständige Erfüllung der Verheißung gebracht,- die uns für den zweiten Tempel in den Worten gegeben ward: „Juble und freue dich, Tochter Zions." Der g'ttliche Geist war bereit, sich auf sie niederzulassen, wie früher, wenn Alle darin einstimmig gewesen wären, willigen Herzens zurückzukehren. Aber es kehrte nur ein Teil zurück; die Mehrzahl und gerade die Angesehenen blieben in Babylon, zogen Verbannung und Knechtschaft vor, um sich nicht von ihren Wohnungen und ihren Geschäften zu trennen. Daher erging es ihnen nach der Gesinnung des Herzens und ihre Zustände blieben verkümmert, wie sie selbst es waren. Der g'ttliche Geist ruht nun einmal auf Jeglichem, so viel und so wenig, als er "sich ihm erschließt. Ja, hätten wir uns dem g'ttlichen Geiste gegenüber vollen Herzens und williger Seele gezeigt, so hätten wir von ihm erlangt, was unsere Väter in Aegypten erlangt haben. In der Tat sind unsere Gebete: „bücket euch vor Seinem heiligen Berge"; „bücket euch vor dem Schemel Seiner Füße; gesegnet sei Er, der zurückführt seine Herrlichkeit nach Zion"; nur das Geplapper eines Papageis, da wir nicht denken, was wir hierbei aussprechen, ganz wie du gesagt hast, König von Kusar ... Aus dem Lande Israels und dem Heiligtum auf Zion ging eine doppelte Kenntnis aus: die Kenntnis der Lehre, deren Träger die Priester, und die Kenntnis der Prophetie, deren Träger die Propheten waren; diese waren gleichsam kündige Berater und Warner des Volkes, gleichsam der Kopf des Ganzen. Kusari: Also seid ihr heute ein Körper ohne Kopf und ohne Herz? Meister: Es ist so, wie du sagst. Noch mehr! Nicht einmal ein Körper, sondern verstreute Gebeine, wie die vertrockneten Gebeine, welche Ezechiel sah. Und doch, König von Kusar, sind Gebeine, in denen noch Lebenskraft geblieben ist, und die einst Organe von Kopf) Herz, Geist, Seele, Verstand gewesen, besser als Körper, die man aus Stein und Kalk gebildet mit Köpfen, Augen, Ohren und allen Gliedern, in denen nie Lebensgeist geweilt und auch niemals weilen kann, und die nur menschenähnliche Figuren, nicht aber Menschen sind. Kusari: Wie du sagst, so ist es. Meister; Ja, die „toten" Nationen haben es wohl der lebendigen Nation nachmachen wollen, haben es aber nur bis zum äußeren Schein gebracht. Sie errichteten der G'ttheit Häuser, aber es war kein g'ttliches Zeichen an ihnen sichtbar; sie lebten abgesondert und asketisch, damit an ihnen die Prophetie sichtbar würde, aber sie zeigte sich nicht. Andererseits lebten sie lasterhaft, ruchlos und übermütig, aber kein Feuer vom Himmel fuhr auf sie herab, keine Seuche traf sie plötzlich, was bewiesen hätte,, daß die Strafe ihnen unmittelbar von G'tt komme. Daher konnte auch ihr Herz; d. h. das Haus, zu dem sie sich hinwendeten, zerstört werden, ohne daß sich ihr Zustand änderte; dieser hing vielmehr von ihrer igrößeren oder geringeren Anzahl, ihrer Stärke oder Schwäche, ihrem Geteiltsein oder Zusammenhalten, von natürlichen oder zufälligen Ereignissen ab. Aber wir — wenn ein Unglück unser Herz, d. h. unseren Tempel, traf, so waren wir verloren, und wenn ihm geholfen wird, so ist uns geholfen, ob wir nun viel sind oder wenig, sei auch unser Lenker, König oder Beherrscher, wer er wolle. Der uns aber in diesem Zustande der Zerstreuung und der Verbannung aufrecht hält, ist der lebendige G'tt. Kusari : Dem ist auch so. Denn, es ließe sich sonst gar nicht denken, daß irgend eine Nation eine solche Verbannung ertragen könnte, ohne in eine andere Nation aufzugehen, noch dazu in so langer Zeit. ' M e i s:te r : Und; denke nicht, daß, wenn ich deinen Worten - beistimme,<<darin ein 'Zugeständnis liegt," daß wir ein totes Ding seien, Im Geigenteil, wir stehen noch in Verbindung mit jenem g'ttlichen Geist durch unsere g'ttlichen Gebote, die Beschneidung und den Bund des Sabbat, .den Bund , der Väter und "den Bund d.er Ihora. Also nicht dem Toten sind wir zu vergleichen, sondern einem schweren Kranken, an dessen Heilung alle Äerzte verzweifeln, während er selbst von einem' Wunder, von eine'm außergewöhnlichen Ereignisse Heilung hofft! So sägt Jesaja: „Sieh da, nun endlich siegt mein Knecht, er ein Mann der Krankheit und dem Leid vertraut." Kusari: Wie kann das aber ein Gleichnis . für Israel sein, da es ja weiter heißt: „Unsere Krankheit hat er getragen," und Israel hat, was es gelitten, nur in Folge seiher eigenen Schuld gelitten? Meister: Israelist u n t e r d e n V ö'lkern, wie das Herz unter.den Gliedern, es ist das kränkeste von allen und zugleich das g es ü n d e s t e. Es leidet mehr als alle. Denn es verhält sich derg'ttliche Geist zu uns', wie die Seele zum Herzen. Daher heißt es: „Nur euch'habe Ich erkoren aus allen Geschlechtern der Erde, darum ahnde Ich an euch alle eure Sünden"' (Arnos 3, 2), und diese sind unsere Krankheiten.' Israels Gesundheit aber liegt darin, daß Er, wie unsere Weisen sagen, die Sünden seines Volkes sofort, immer die je erste hinwegnimmt. Denn Er läßt unsere Sünden sich nicht anhäufen, bis sie unser völliges Verderben herbeiführen. Und wie das Herz von den übrigen Gliedern Krankheitsstoffe erhält, von Leber, Magen und Zeugungsorganen,' von deren schlechten Ausscheidungen, so werden die Israeliten von Leiden heimgesucht, wenn sie den Völkern ähnlich werden, gemäß dem Worte: „Sie vermischten sich mit den Völkern und lernten von ihren Taten". Also sei es dir nicht auffallend, wenn es heißt: „Unsere Krankheiten trägt er". Denn während wir in Not sind, befindet sich die Welt in Ruhe; die Leiden, die uns treffen, tragen dazu bei, unsere Lehre zu befestigen, uns zu läutern und die Schlacken von uns auszuscheiden; durch unsere Lauterkeit und Förderung haftet aber der g'ttliche Geist an der Welt . . . Wer sich das zum vollkommenen Bewußtsein gebracht hat, der wird sich so befinden, wie man von Nachum Isch Gamsu erzählt, der zu Allem, was ihn traf, sagte: „Auch dies wird zum Guten sein; der wird stets im Gefühl der Geborgenheit leben, und die Leiden werden ihm leicht vorkommen; ja, er wird sich vielleicht'derselben freuen, wenn er sich einer Sünde bewußt ist, wie einer, der seine Schuld abträgt und sich der ihm gewordenen Erleichterung freut, und froh der uns verheißenen Vergeltungszukunft entgegensehen; er wird sich freuen, daß er den Menschen Geduld und Anerkennung der Gerechtigkeit G'ttes lehrt. So bei Leiden, die bloß ihn betreffen, so aber auch bei allgemeinen Leiden. Und wenn irreführende Betrachtung und falsches Urteil seinem Herzen die Länge der Verbannung, die Zerstreuung des Volkes, idas Elend und die geringe Zahl, zu der es herabgesunken, vorhalten, so wird er sich zuvörderst durch die Anerkennung der Gerechtigkeit G'ttes trösten, aber auch durch den Gedanken unserer Läuterung von Sünde, durch den Hinblick auf die künftige Welt und die Verbindung mit dem g'ttlichen Geiste schon in dieser Welt. Undwenn ihm der Zweifel diesen Trost nehmen will, indem er sagt: „werden wohl diese Gebeine wieder auferstehen?" weil wir so sehr herabgesunken und unsere Geschichte vergessen ist, wenn es ihm scheint: „unsere Gebeine seien vertrocknet und unsere Hoffnung vernichtet, wir seien verloren", dann denkt er zurück an den Auszug aus Aegypten, und an die unzähligen Wohltaten G'ttes gegen uns. Kusari : Auf diese Weise lebt er selbst in d«r Verbannung ein Leben der Geborgenheit, und es wächst die Frucht seines Glaubens in die-,