Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Blätter der fücliscfoen Selbstbesinnung Unter ständiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebacri in Altona 1. Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 2 Der schwere Weg» Ein Wort der Selbstbesinnuno. Wenn wir Menschen vor der bangen Wahl zwischen zwei Wegen und Werten stehen, zwischen Pflicht und Pflicht die Entscheidung treffen müssen, wenn ein ideeller Konflikt mit seinem Ernst und seiner Hoheit vor uns sich stellt, und das Herz, nach beiden Seiten gebunden und interessiert, in uns schwankt, was sollen wir in solch quälendem Zwiespalt, der restlos sich nicht lösen läßt, tun? Wenn ein Sohn zwischen den Wunsch der Eltern und den Ruf der Welt oder die Stimme seines Herzens gestellt ist; wenn dem tätigen Manne zwei Wirkungskreise sich darbieten, jeder von Bedeutung und reicher Möglichkeit, wie kann er je welches Entschlusses immer froh werden? Gibt es allgemein einen Fingerzeig, einen Ratschlag, den Widerstreit der Gefühle zu schlichten? Es gibt auch im Idealkonflikt einen immer gültigen Kompaß, der auf jedem Scheideweg, auf allen Kreuzungspunkten der Lebensbahnen gültig ist. Wähle das Schwerere! Wähle das, was dir die größte Entsagung, die größere Arbeitslast, die höhere Verantwortung aufbürdet, was deinem Egoismus, deinem Ich weniger schmeichelt. Dann hast du die Gewißheit, der höheren Stimme in dir gefolgt zu sein, dann magst du desto mehr des g'ttlichen Segens für deinen Entschluß versichert sein. Ich war in früheren Jahren oft Zeuge* 6er Diskussionen über Palästina und Galuth, wo um die Seelen der Menschen gekämpft wurde, wo die einen die Einfügung in die Welt Deutschlands, die anderen die Alija ins heilige Land forderten. Da griff ich in die Debatte ein und sagte; Lassen wir einmal alle blassen Ideologien bei Seite! Fragen wir uns: was bieten uns die Streitenden? Der eine: unbegrenzte Karriere in Wissenschaft, Wirtschaft und Staat, das satte, volle Leben einer hochstehenden Zivilisation. Und was der andre? Ein Leben voll Mühsal und Arbeit unter glühender Sonne, auf steinigem Boden, Verzicht auf alle Annehmlichkeit kultivierten Daseins. Wer hat da Recht? Gewiß der zweite. Welche hohen seelischen und sittlichen Güter muß er mir gewährleisten können, wenn er solch Schweres von mir verlangt! Wer den Mut hat, große Opfer zu fordern, muß des großen Gehaltes seiner Lehre gewiß sein. Das niedere Gut bedarf keiner inneren Gegenwerte; mit Geld und Gold, mit Wohlstand und Behaglichkeit, mit Ehre und Erfolggewißheit findet jeder sich von selbst ab. Die kannst du jedem ohne viel umständliche Empfehlung darreichen! Der Hände genug werden darnach greifen. Nur wer Schweres verlangt, der muß viel zu verheißen haben; er kann nur an die große Seele appellieren, an den hochstrebenden Sinn sich wenden, und muß gewiß sein, daß er diese Seele nicht hungrig lassen, diesen Sinn nicht enttäuschen wird. Warum muß die jüdische Religion Wahrheit sein? Weil sie Schwereres fordert als alle Religionen der Welt. Warum muß innerhalb des Judentums die Gesetzestreue die echte und reine Form bedeuten? Weil sie von ihren Anhängern Opfer auf Opfer heischt, weil sie niemandem nach dem Munde und nach der Tasche redet, weil sie von jedem die Preisgabe irdischen Vorteils, die Bezwingung der liebsten Neigungen und Gewohnheiten, die unablässige dauernde Bereitschaft zur Selbsthingabe fordert. Welche Werte des Gemütes, welchen seelischen Reichtum, welch g'ttliches Heil und innere Beglückung muß das Judentum der Gesetzestreue haben, wenn es durch alle Zeitenläufe hindurch solch starke übermenschliche Forderung zu stellen gewagt hat! Wieso vermochte die Menschheit im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte, an der Seichtheit des Liberalismus, an der philosophischen Oberflächlichkeit des Monismus, an all den einander sich jagenden Theoremen einer flachen und halben Weltorientierung sich genüge tun? Nur weil eine Periode relativen Wohlstandes und Glückes durch die Erschließung der fremden Erdteile, durch die Triumphe der Technik ihnen geschenkt war, weil die sanften Wellen des Lebens sie trugen und kein sicherer Schutz im Herzen notwendig war, um das leichte Spiel des Lebens mit anzusehen, Erst die Gegenwart, i n der die Tragik menschlichen Seins ihr Medusenhaupt enthüllte und das Blut erstarren machte, wo der Tod mit tausend Augen und die tägliche Not mit ihrem fahlen Blick,, sie anschaute, ließ die . weltanschauliche Selbstbesinnung aufdämmern. Erst die Trümmer ihres äußeren Glückes zeigte ihnen auch die Ruinen ihrer Philosophie. Erst als sie auf dem Meere des Lebens Schiffbruch erlitten, kam ihnen die Frage: wer bin ich, wohin gehe ich, welches ist der Sinn meines Daseins? Und mit einem gewissen Neide blickte die Menschheit auf die Wenigen, deren Sterne am Himmel bei keinem Sturm verlöschen wollten. Was mußten sie für seelische Werte besitzen, wenn das Licht dieser Sterne durch alle Stürme von Wind und Wolken hindurchdrang. Die Not des Lebens ist die große Bewährerin der Weltanschauungen. Aber das Martyrium der großen Vertreter ihrer Weltanschauungen, der Propheten und Religionsstifter, überhaupt aller derer, die, vom Fanatismus des Neuen erfaßt, für eine Idee sich hingaben, vermögen einen letzten Beweis noch nicht zu liefern. Immer packt das Neue den Sinn, erscheint im rosigen Glanz des Morgendämmers, berauscht die Anhänger mit suggestiver Macht zu erhabener Selbstvergessenheit. Aber dann kommt das Leben, das Leben mit seiner Alltäglichkeit, die Geschichte mit ihrem Wechsel und ihrer Unstetheit; über den Glanz des Neuen legt sich der Staub der Gewohnheit, und das Götterbild ist entstellt. Wie eine erste junge Liebe hatte die Konzeption, der neue große Gedanke die Anhängerschaft beglückt, aber sie kann nicht immer grünen bleiben die schöne Zeit der jungen Liebe. Erst dann ist der Wahrheitsbeweis durch die Ueberlegenheit über alle Not und alle Niedrigkeit des Lebens für eine Ideenwelt erbracht, wenn sie durch die Jahrtausende hindurch, durch alle Veränderung der historischen Umstände, gegenüber allen Reizen neuer Lebensmöglichkeiten, gegenüber aller Verfolgung und Gewalt in ihren immer wechselnden Gestalten bei dem Einzelnen wie bei der Masse, bei den Großen wie bei den Kleinen sich bewährt hat. Diesen Wahrheitsbeweis hat vor allem, was auf Erden an Großem und Erhabenem ist, nur das Judentum, nur die Religion vom Sinai erbracht. Nie war jüdischer Mund voll des Lachens. Wenn ein Auge dem Juden strahlte, weinte das andere, Ni,e konnte ein Augenblick begründeter Lebenssicherheit ihn über die Problematik des Lebens hinwegtäuschen. Immer schien die Welt ihn Lügen zu strafen, die Tatsächlichkeit der Entwicklungen sein Ideal als Phantasma zu widerlegen. Nicht mit dem Zauber einer neuen Illusion konnte ihn seine religiöse Welt locken. Immer belehrte ihn ein schlichter Blick in die Wirklichkeit über die verhängnisvolle Tragweite seiner Situation. Und dennoch hat er den schwereren Weg gewählt, hat ihn ohne eine Spur quälenden Zweifels gewählt. Und dennoch hat er gelacht, war in sich befriedigt und beglückt und ohne Neid nach außen, und dennoch hielt er an diesem schwereren Weg fest. Alle Pfeile der Welt trafen sein Herz, und dennoch blieb dieses stark und in sich unverwundbar fest. Dieses einzigartige historische Faktum ist die Legitimation des jüdischen, des schwereren Weges. In der gleichen Linie liegt auch die Legitimation eines echten Führers, eines echten Lehrers. Wer soll Führer sein? Wer das Schwerste verlangt. Wessen Stimme ist die Stimme der Wahrheit? Wer dir sagt; ich fordere von dir und deinen Kindern in aller Ewigkeit das dauernde Opfer, Opfer des Leibes und Opfer der Seele, Opfer des Willens und Opfer des Intellekts. Welcher Gruppe im Judentum, oder wie wir es heute nennen, welcher Richtung sollst du dich zuwenden, erschließen und anschließen? Nicht der, die dir den breiten Pfad der Heeresstraße weist, sondern den steilen Pfad der schwersten Pflichten. Dort allein brauchst du die herben Enttäuschungen des wetterwendischen Lebens nicht zu fürchten, dort allein bist du gewiß, das Köstlichste zu finden, was Menschen kennen: den ewigen Sinn und die volle Beglücktheit jüdischer Existenz. Fragen wir von dieser Warte aus die Frage, die heute so Viele stellen: soll ich um der größeren Lebenssicherheit willen, um des befriedeteren Glückes willen meine Zelte abbrechen, in andere Länder oder gar ins heilige Land übersiedeln? Wir können nur eine Antwort geben: wähle das Schwerere, wähle das, was dir den geringeren Vorteil bringt, wohin deine Selbstsucht weniger lockt. Gehe den Weg der Tränen, damit du Anderer Tränen trocknen kannst. Gehe den Weg der Verfolgung und Schmähung, damit du durch deinen Zuspruch andere aufrichten kannst. Gehe den Weg, dessen einzige e x i s t e n z i e 11 e M ö g -