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Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr, 7 Der Israelit ' I 15. Februar 1934 Aber es begannen bald traurige Tage, Tage der Not, der Sorgen und des bittersten Mangels. Urplötzlich wurde dem Fürsten sein Palast in N . . der immer sein Lieblingsaufenthalt gewesen war, überdrüssig, er floh ihn für längere Zeit, um aufregenden Vergnügungen, Hetzjagden und wüsten Zechgelagen nachzugehen, oder sich unstät ohne Rast und Ruhe weit in der Welt herumzutreiben. Seitdem der Fürst seinem Palaste in N . . . fernblieb, wich aller Wohlstand aus dem Städtchen, und bald stellten sich Not und Elend ein. Handel und Verkehr, die bis jetzt die Bevölkerung nährten, waren einzig und allein dem Fürsten zu verdanken, der während seiner Anwesenheit Festlichkeiten aller Art veranstaltete und ein ganzes Heer von verarmten Edelleuten, Höflingen und Schlemmern, welche die Brocken unter seinem Tische auflasen, und viele andere Müßiggänger, die seinen Hofstaat bildeten, um sich versammelte. Solange daher die schwarzweiBe Reichsfahne auf der Turmspitze des Palastes wehte,' war das Städtchen der Tummelplatz eines bunten Lebens, eines regen Verkehrs, die Straßen wimmelten von einer Menge verarmter Edelleute, entlassener Offiziere und ähnlichen Gelichters, welche die Gast- und Schankhäuser füllten, namentlich an den Tagen, an welchen dem Fürsten von den Aerzten strenge Ruhe und Mäßigkeit empfohlen wurden, weil er bei den Festmahlen, die er seinen Gästen gab, des Guten zu viel getan hatte. Dann trieben sich die Gäste in ihren abgeschabten, fadenscheinigen Kostümen, darum aber nicht weniger stolz sich aufblähend, von Gasthaus zu Gasthaus umher, und da die Juden ihre Bezahlung vom Fürsten bezogen und nicht aus der schwindsüchtigen Tasche dieser armen Edelleute, waren sie ihres Geldes auch sicher. Verschwand jedoch die Fahne von der Turmspitze dse Palastes, als Zeichen, daß der Fürst abwesend war, dann schwand auch alles Leben aus dem Städtchen, die Läden schlössen sich, in allen Häusern gähnte der hohläugige Mangel, und die armen Juden klagten über die Not der schweren Zeiten. Wovon sollten sie auch ihren Lebensunterhalt beziehen? Und nun waren bereits zwei Jahre verstrichen, seitdem der Fürst abwesend war. Die Not wuchs und wurde immer unerträglicher. Von Zeit zu Zeit versammelten sich die Vorsteher und die Aeltesten in der Gemeinde in der „Kahlstube", um Beratungen abzuhalten, wie dem wachsenden Elend zu steuern wäre, und eine solche Beratung war auch für den Abend bestimmt, von welchem wir erzählt haben. (Fortsetzung folgt.) Schleiermacher und die jüdische Religion- Die Wiederkehr des hundertsten Todestages des Theologen und Philosophen Schleiermacher, der nach der Wende des 18. Jahrhunderts, also gerade im beginnenden Emanzipationszeitalter mit seiner Fundierung der Religion auf das reine Gefühl tiefgehende Wirkungen auch auf das Reformjudentum jener Zeit ausübte, gibt mehreren jüdischen Blättern Anlaß zu Jubiläumsbetrachtungen. In einem dieser Blätter wird der seltsame Versuch gemacht, ohne nähere Begründung auch der „westlichen Orthodoxie" Abhängigkeiten von Schleiermacher'schen Gedankengängen in die Schuhe zu schieben, offenbar um damit der heute üblichen literarischen Mode Rechnung zu tragen, die Samson Raphael Hirsch s. A. mit Gewalt als eitie Art von besseren Assimilanten abstempeln will. Gegenüber diesem Versuch seien im folgenden einige Sätze aus einem 1862 erschienenen Aufsatz Hirschs wiedergegeben, die offensichtlich ganz und gar gegen die damals gerade in jüdischliberalen Kreisen emporwuchernden Blüten der Schleiermacher'schen Religionsauffassung gerichtet sind und ihre Schwächen treffend geißeln. Es heißt da: „Als man im Beginn des zweiten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts die aus den Fugen gegangene europäische Welt wieder in ein „ordentliches" staatliches Gefüge zu bringen für notwendig erachtete, da hielten die Leiter des neuen Baus es doch für gut, denselben mit dem, was man „Religion" nannte, als zusammenhaltendem Kitte zu versehen. Hatte doch der Sturm, den man endlich beschworen zu haben glaubte, seinen Ausgang in einer Zeit genommen, in welcher eben dieses „religiöse Moment" zum Spielball und Gelächter der Welt, und „Religionsverachtung" zum vollgültigsten Stempel der Bildung und der „Geistes-Stärke" gerade in den höchsten,..leitenden Schichten der Gesellschaft geworden war! Kann man es verdenken, daß man dem Schwinden eben dieses „Kitts" den Zusammenbruch so vieler Throne und Staaten vornehmlich zuzuschreiben sich berechtigt glaubte?! Allein, wo eine neue Fundgrube für diesen staatenbindenden Mörtel entdecken? Mit andern Worten, wie eine „Religion" erfinden, die es wagen dürfte in den hochgebildeten Kreisen des Jahrhunderts zu erscheinen, die überhaupt vor dem Forum der „Aufgeklärten" noch eine Berechtigung des Daseins in Anspruch zu nehmen geeignet und imstande sein könnte, sich irgendwo und irgendwie als einen Mitfaktor in der Summe der geistigen Errungenschaften und Besitztümer zu produzieren? Hatte man doch die Himmelshöhen und die Erdentiefen durchforscht und nirgends einen leeren Raum entdeckt, der Stätte für den alten Gegenstand der alten Religion, der eine Stätte für das zu bieten vermochte, was das alte Herkommen der Menschen „G'tt" zu nennen gewöhnt worden war! Es vollendete ja der Alles „zermalmende" Verstand die Konstruktion der Welt und konstruierte immerfort seine kleine Welt in diese große Welt hinein ohne G'tt, und wurde ganz munter mit der großen und kleinen fertig ohne alle jene Voraussetzung, die ein „überwundener" Standpunkt zu Allem, zum Größten und Kleinsten, so sehr nötig zu haben glaubte, daß selbst — der kleinste Krämer, der auf falscher Wage gefälschte Ware verkaufte, und der vornehmste Großhändler, der die Welt mit Anstand im Großen berückte, ihre großen und kleinen Hauptbücher und Strazzen nicht anders als „Mit G'tt!" beginnen zu dürfen vermeinten. — Woher und wozu „Religion" in einer Welt, die der Verstand über Alles, und auch über den großen Grundirrtum der alten Menschheit „aufgeklärt" hatte, den man „G'tt" genannt, als dessen Verneinung man nunmehr die ganze objektive Welt der Tatsachen erblickte, damit aber Grund und Gegenstand der „Religion" zugleich eingebüßt hatte?! Da hatte schon früher der feine Genius hochgebildeter Geister eine Region entdeckt, die dem Kalkül und dem nichts ohne zureichenden Grund gelten lassenden Verstände unzugänglich, gleichwohl in eigener Tatsächlichkeit ihr Vorhandensein unabweisbar in die Reihen der Tatsachen dahinstellt, die imstande ist, unbekümmert um die Resultate einer schaffenden und zertrümmernden Verstandeswelt, in die Welt ihrer eigentümlichen Erscheinungen, ihr stillseliges Embryonendasein durchzuleben, die daher eine sichere Zufluchtsstätte für Alles darbieten zu können schien, das vor den Sonnenpfeilen des blitzenden Verstandes zu flüchten genötigt wurde, ja die ein Feld triumphierender Auferstehung Allem zu eröffnen bereit stand, was der siegestrunkene Verstand bereits als* lächerliche Leiche zu Boden geworfen zu haben vermeinte. Diese Region war keine andere, als die Region des Gemütes mit seinen dunklen Gefühlen und Ahnungen. In diese aller Demonstration überhobene, weil unfähige, und nur an das subjektive Innewerden und Innegewordensein eines jeden Einzelnen appellierende Region des menschlichen Geistes griff man hinein, und wies unter den mannigfachen Erscheinungen des Gefühls und der Ahnung insbesondere auf ein Abhängigkeitsgefühl hin, dasallen Menschen angeboren innewohnen und die Wiege und der unzerstörbare Quell des G'ttbewußtseins und der Religion der Menschheit sein solle. Fortan ward „Religion" und „Glaube" zum indemonstrabien Mysterium des Gefühls, das auf die Tatsache innerer Erfahrung sich zu berufen vermochte, wenn das Raisonnement des auf die vermeintlichen empirischen Ergebnisse , einer Erforschung der Außenwelt pochenden Verstandes das Nichtdasein alles G'ttlichen" und das Nichtberechtigtsein alles „Religiösen" behauptete. Diese Religion des Gefühls und des „gläubigen: Ahnens" mochte immerhin ihre Berechtigung für alle „Religionen" gev/inrnui. die sich überhaupt als Erzeugnis menschlicher Geistesentwicklung von innen heraus geben, oder ' sich als solche doch in Mitte aller anderen Schöpfungen des Menschengeistes darstellen ließen, für jede Religion, die überhaupt mehr ein „Innerliches" zu sein .beansprucht, sich bescheidet, keinen Einfluß auf Gestaltung der konkreten Welt zu üben, ja diese Welt bald verachtet und flieht und sich ihr mit dem stolzen Worte, „ihr Reich sei nicht von dieser Welt" überhebt, oder in der Anschauung der Welt als G'ttestat das ahnende G'ttgefühl zu gewinen und in diesem Gefühl des eigenen Aufgehens in den Unendlichen inne zu. werden, damit aber jene Anbetung zu üben und jene Seligkeit zu genießen strebt, die die „Religionen" ihren „gläubigen" Jüngern verheißen und gebieten. Freilich hat man auch für diese Kreise übersehen, daß man mit dieser gläubigen Gefühlsreligion dem Glauben an G'tt unvermerkt den Glauben an ein eigenes Inneres so sehr substituiert, daß endlich, als der spekulative Verstand sodann Religion und . Religiöses auf Grund dieser Religionen, in das Bereich der von ihm zu würdigenden „Erscheiriurigen des .Geistes" zog, G ' i t,. das Objekt aller Religionen und der objektive Grund alles Seins, alle Objektivität, d. h. alle wirkliche und wahrhaftige Wesenheit, alles wirkliche und wahrhaftige außermenschliche Sein verlor, seine ganze Existenz nur als Erscheinung der inneren Welt des Menschen behielt, der angeblich als „Menschheit" in immer vollkommener Entwicklung ganz eigentlich den „G'tt" in ewig fortschreitender Vollendung zu produzieren habe, also, daß, während die alte Einfalt damit begann, G'tt als den Schöpfer des Menschen zu verehren, die modernste Weisheit damit endete, den Menschen als den Schöpfer G'ttes zu glorifizieren — eine Verirrung, die schon der alte Weise mit den Worten geißelt: ~'n^n D~ab d-jkh ^a man bs 'aba was ich sann in meinem Herzen über das Vorgeben der Menschen, als hätten sie den G'tt immer geläuterter zu produzieren," und ihr schon das Prognostikon stellte, daß sie mit vollendetem, entsittlichendem Materialismus enden, daß sie damit enden werde: mb nan nana dtis? nimS zu sehen, daß sie, nachdem sie G'tt aus der objektiven Welt gestrichen, auf sich selbst hingewiesen, endlich zu der großen Einsicht gelangen, in dem Menschen nichts als ein höheres „Vieh" zu erblicken, Dn^> nan nana nnv /nmVii Wenn aber dieses Aufrichten einer gläubigen Religion neben einer skeptischen Wissenschaft schon die verderblichste und verwerflichste Lüge selbst in einem religiösen Gebiete wäre, das überhaupt nur ein „Bekennen" gewisser „Heileswahrheiten" und ein „Anerkennen" des Inhalts gewisser Bkeentnisschriften fordert, somit überhaupt nur einen Einfluß auf das Innere des Menschen in Anspruch nimmt: um wieviel verderblicher und verwerflicher und von vornherein als Lüge gerichtet," muß ein solches Ansinnen erscheinen, wenn es seine Geltung auf einem . Gebiete wie dem des Judentums erringen will, das ganz eigentlich seine Mission in Zerstörung der Götter des Wahns und des Glaubens anerkennt, das mit aller Entschiedenheit nicht eine „Religion" aus dem Innern des Menschen, für das Innere des Menschen gebären, sondern durch die Erkenntnis und Anerkenntnis objektiv dokumentierter G'tteswahrheit die Religion vermittelst hellster Sinnes- und Ver- •. standes-Erkenntnis dse Geistes i n das Gemüt des Menschen pflanzen will, damit dann von dort aus die eine und dieselbe Wahrheit Geist und Gemüt, Leib und Leben bis in die äußerste Aeußerlichkeit des körperlichen Seins und der materiellsten Tätigkeit gestaltend beherrsche!! Wer auch auf dem Gebiete des Judentums eine Scheidung des Glaubens von der Wissenschaft und der. Wissenschaft von dem Glauben statuieren möchte, wer auch die „jüdische Religion", wie man es nennt, zu einem Hegen und Pflegen innerlicher Gefühle und dämmernder Gläubigkeit machen will, die mit der Wissenschaft und mit welcher die Wissenschaft nichts zu tun haben soll, der muß erst all die historischen Tatsachen nationaler Erfahrung, auf welche, und all die lebengestaltenden Gesetze, für welche G'tt sein Judentum gebaut, über Bord werfen, und vom ganzen Welten- und Lebenskomplex des Judentums nichts übrig lassen, als höchstens den G'tt-Einheits g 1 a u b e n und die G'ttes anbetung, die man allenfalls mit der ahnenden Gefühlsgläubigkeit in Verbindung setzen, aus der ahnenden Gefühlsgläubigkeit'heraus konstruieren und innerhalb einer ahnenden Gefühlsgläubigkeit zur Verwirklichung bringen vermag. Was auch in aller Welt hätte eine ätherisch dämmernde Gefühlsregion mit Tatsachen so konkreter Wirklichkeit wie ,t|iD a-> nyip »naian yn ^n-nn ]tm .onxn nwitv auf welche, und Gesetze für eine so konkrete Wirklichkeit, wie nnios m^asa ,nm? /mVpwa pix /rvai n-ye^usw. für welche G'tt sein Judentum gebaut,, zu schaffen; wie ließen sich solche Tatsachen aus der Geburtsstätte ahnender Menschengefühle erzeugen, oder solche Anforderungen innerhalb der Sphäre ähnenden Fühlens und Glaubens vollbringen??! Auf diesem hellen historischen Grund von der konkretesten Erfahrung ein^r ganzen Nation getragener Fakten steht das Judentum in Wissenschaft und Leben. Da ist nirgends Raum für faselndes, phantastisches Träumen und Fühlen, da soll nicht das Gemüt mit dem Kopfe davon laufen, sondern durch das, was die hellen Sinne erfahren, der klare Verstand erfaßt, der denkende Geist in Grund und Folge gewürdigt und stets aufs neue für die treue und Immer treuere Verwirklichungzu denken, zu begreifen und für die Würdigung eines jeden gegebenen Momentes als Maßstab im Geiste zu konstruieren hat, soll das Gemüt ergriffen.'-das Herz bestimmt und der ernste kräftige Wille erzeugt werden, das irdische Leben nach jenem zum Verstände gesprochenen G'ttesdiktat zu gestalten. Klarer Verstand und tatkräftiger Wille, das sind die Potenzen, auf welche die „jüdische Religion" rechnet; Herz und Gemüt sind ihr nur die Vermittler des Verstandes zur Tat. Nicht „Glauben", sondern „Wissen", nicht „Fühlen", sondern „Wollen und- Vollbringen", das sind die Energien, in welchen die „jüdische Religion" zutage tritt.

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