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Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- T\ _ T_-Ä _ _ 1 «Jj, Nummer 7 Beilage Oer Israelit 1934 In Todesgefahr. Aus dem Russischen des L, Lewando frei übersetzt von Nathan Samuely. Erstes Kapitel, Die glühende Julisonne geht zu Rüste, und mit dem beginnenden Abend kühlt ein säuselndes Lüftchen die mit Staub geschwängerte Atmosphäre. Ein saphirklarer Abend wölbt sich über dem litauischen Städtchen N . . ringsum ist kein Wölkchen zu sehen. Auf den Moosbänken vor den Häusern ruhen die Bewohner von des Tages Hitze aus und schlürfen die labende Kühle, welche "die Abendluft ausströmt. Die Türen und Fenster sind der Gasse zu weit geöffnet und .werden auch zur Nachtzeit nicht geschlossen. Wozu auch? Mit Ausnahme der Bewohner des Palastes, der in stolzer Abgesondertheit außerhalb der Stadtmauern liegt, sind alle, die hier wohnen, Juden, und die wenigen Bauern, welche für die jüdische Gemeinde allerhand Dienste verrichten, haben sich von Kindesbeinen an so an Juden gewöhnt, daß sie in Sprache und Sitten kaum von ihnen zu unterscheiden sind. Der sprechendste Beweis dafür ist Reb Michele! Dieser, der Badeheizer bei der jüdischen Gemeinde, trug einen langen, weißen Bart von höchst ehrwürdigem Aussehen und sprach den jüdischen Jargon mit solcher Fertigkeit, daß er sogar hebräische Brocken einmengte und deshalb von allen Kindern der Stadt mit keinem anderen Namen tituliert wurde, als „Reb" Michele. Versäumte eines derselben dieses ehrende Prädikat hinzuzufügen, dann geriet er in ernsten Zorn, der sich in der Regel in folgender Zurechtweisung Luft machte; „Du Scheigez, der Du nicht Thora und nicht Derecherez in Dir hast, ich bin sicher, daß Du Dich noch schmadden wirst." Nur in einer Beziehung unterschied sich Reb Michele von den Juden, darin, daß er von Zeit zu Zeit betrunken war. Das geschah aber nur an Sabbattagen und auch da ohne sein Verschulden, denn^ an diesen Tagen erhielt er für seine Dienstleistungen, wie den Ofen heizen oder die Lichter auslöschen, in jedem Hause ein Stück Sabbatkuchen und ein Gläschen Schnaps. Ersteren versenkte er in den Hemdschlitz vor der Brust, wo er sein Brotmagazin hatte; für das Schnäpschen jedoch blieb ihm kein anderer Weg, als es in den offenen Mund verschwinden zu lassen, und was war dann natürlicher, als daß er ein wenig „angeheitert" wurde. Von diesem kleinen Fehlerchen abgesehen, ist Reb Michele aber ein ehrlicher, verläßlicher Mensch, der sich nie an fremdem Eigentum vergriffen hat, und da dasselbe von den anderen Bauern und Bäuerinnen, die hier wohnen, gilt, hatten die Juden keine Veranlassung, ihre Häuser zu schließen. An diesem Abende — es war der vor dem Fasttage des siebzehnten Tammus — ging es sehr lebhaft in den Straßen zu. Die meisten Bewohner strömten im Synagogenhofe zusammen, wo sich neben mehreren kleineren und größeren Häusern ein schmales, grüngestrichenes Häuschen, das die Gemeindestube enthält, ganz besonders bemerkbar macht. Lange bereits war das Abendgebet zu Ende, aber niemand schickte sich an, nach Hause zu gehen, sondern Alles staute sich vor jenem grünangestrichenen Häuschen. Die Hochgewachsenen versuchten es, sich auf die Zehen zu stellen und mit lang vorgestrecktem Halse in die Fenster des niedrigen Stockwerkes hineinzublicken. Den Eingang der Türe bewachte Mendel, der Synagogendiener, der seine liebe Not hatte, um mit seinen beiden Gehilfen die herandrängende Menge abzuwehren. Kaum verscheucht, stürmten die neugierigen Gassenjungen immer aufs Neue heran und trieben die schweißtriefenden Synagogendiener schier zur Verzweiflung. „Was!" knirschte Mendel, indem er einen der Rangen packte und unbarmherzig schüttelte. „Was?!" Hast Du auch etwas in der Kahlsstube zu suchen? Wart', ich will Dich Mores lehren!" „Reb Mendel," ließ sich in diesem Augenblicke von oben eine Stimme vernehmen, während gleichzeitig ein rothaariger Nacken, auf dem ein großes samtglänzendes Käppchen saß, sich durch das Fenster vorbeugte. „Was?" fragte der Synagogendiener, den Hals emporstreckend. „Seid Ihr schon bei Reb Schachne gewesen?" fragte die Stimme durch das Fenster. „Wie soll ich nicht gewesen sein? Weiß ich denn nicht, was ich zu tun habe?" „Und was hat Reb Schachne geantwortet?" „Daß er im Augenblicke kommen wird!" „Schöner Augenblick das! Der Rabbiner und der ganze Vorstand warten schon länger als zwei Stunden! Laufen Sie doch noch mal zu ihm hin!" Der Synagogendiener murmelte ein zorniges Wort in seinen struppigen Bart, und fuhr sich über das schweißige Gesicht. Das nochmalige Laufen zu Reb Schachne, der in der Nähe des fürstlichen Palastes wohnte, wollte ihm gar nicht behagen — aber was blieb ihm übrig? Reb Ge~ dälje, der Gemeindeschreiber, blickte noch immer durch das Fenster auf ihn herab, und mit dem unerbittlichen Despoten war nicht gut anbinden. Er übergab daher einem der Gehilfen seinen Lederriemen, setzte seine Mütze zurecht, ergriff den Stock und machte sich auf den Weg. Wer ist dieser Reb Schachne, auf den ganz „Kahl" mit dem Rabbiner an der Spitze so lange wartete? Keineswegs einer von den gewöhnlichen Sterblichen, sondern der Krösus des Städtchens, der Vornehmste, ja, der „Gewir" der Gemeinde. Als Geschäftsmann hatte sein" Name weit über das Weichbild des Städtchens hinaus einen guten Klang. Bei seinem Vermögen würde er auch in einer sehr großen Stadt für einen der Reichsten gelten, allein er zog es vor, in dem kleinen N ... zu wohnen, weil er beim Fürsten Radczinski, welcher unter dem Namen „Pani Cochanku" bekannt war, fast alle Lieferungen und Geschäfte besorgte. Uebrigens konnte er auch nicht in freier Wahl über seinen Wohnort entscheiden, denn der Fürst hatte ihm strengstens aufgetragen, stets in seiner Nähe zu bleiben. „Mein Jude, Pani Cochanku," sagte ihm sein Gebieter, als er ihn zum Hofjuden machte, „muß immer in meiner Nähe bleiben, damit ich zu jeder Zeit mit ihm Schach spielen, öder, wenn ich Lust bekomme, ihn .bei der Hand haben kann, um ihn aufzuhängen ... Versteht er, Pani Cochanku? Mit wem sonst soll denn Fürst Radczinski Schach spielen, wenn nicht mit seinem Juden? Alle, die ich um mich habe, sind Esel, ich sage ihm, eine Horde von Eseln ... Ist es nicht so?" „Ich weiß es nicht, allergnädigster Herr," suchte der Gefragte auszuweichen, denn diejenigen, von welchen der Fürst sprach, waren Edelleute, die er zu seinen Freunden zählte. „Was?!" brauste der Fürst auf. „Was? Er wagt zu sagen, daß er es nicht weiß?! Mein Hofjude muß alles wissen! Uebrigens hat er es ja von mir gehört, daß sie alle eine Horde von Eseln sind, und wie wagt er, zu widersprechen?" „So bleibt es, wie der allergnädigste Herr befehlen!" stimmte Reb Schachne zu. „Ja so ists, eine Horde von Eseln, aber daß er es nur weiß, auch Fürst Radczinski ist einer von ihnen, ein Esel, ein kompletter Esel! Ist es nicht so?" herrschte er seinen Untergebenen an, indem er ihn mit wildrollenden Augen anstarrte. Der arme Reb Schachne verlor ganz die Fassung. „Fürst Radczinski," stammelte er, „ist ein . . . großer mächtiger Fürst . . . mächtiger, als ein König!" „Mächtiger als ein König," äffte jener ihm nach. „Wer weiß das nicht? Was ist er denn, Euer König? Ein Bettler, ein Sklave — und Fürst Radczinski ist Fürst Radczinski . . . Doch das gehört nicht hierher. Hat er nicht gehört, daß ich ihm gesagt habe, ich bin ein Esel, ganz wie die anderen. Seine Pflicht ist es, das zu glauben! Nun, Pani Cochanku, gibt er jetzt zu, daß Radczinski ein Esel ist?" Der arme Jude litt Höllenqualen, die Zunge war ihm wie gelähmt, und er wagte es in seiner Verzweiflung nur, mit den Achseln zu zucken. „Ich . . . ich," stammelte der Aermste, „ich allergnädigster Herr, ein . . . E . . . ein . . . Esel, ein . . . ein kleiner, . . . ein ganz kleiner Esel!" „Nein!" beharrte der Fürst, mit dem Fuße stampfend, „nein, nicht ein kleiner, sondern ein großer, ein sehr großer Esel!" „Ganz wie der allergnädigste Herr befehlen," stimmte Jener mit bebenden Lippen zu. „So ist es recht," sagte der Fürst, mit den Fingern schnalzend, „die Wahrheit ist eine von den Dingen, welche die Welt stützen, sagen die Dichter. Er ist ein gescheiter Jude, trägt sich immer rein, spielt vorzüglich Schac*h, er gefällt mit überhaupt ganz gut, und ich will ihn mit meiner Gunst beschenken. Fortan soll er hier Geschäfte treiben und alles für meinen Palast liefern! Wird er mir aber ein treuer Diener sein? . . ." „Mit ganzem Herzen und ganzer Seele!" „Ist recht! Jetzt, mein lieber Marschallek," wandte sich der Fürst zu einem feisten, kugelrunden Manne, der die ganze Zeit mit weit auslugenden Augen, als wollten sie aus den Höhlen treten, auf der Türschwelle stand. „Weisen Sie diesem Ungläubigen ein Stück Platz in der Nähe meines Palastes an und längstens in drei Monaten soll ihm dort ein Haus nebst Stallungen, Hühnerhof und was sonst nötig ist, errichtet werden! Von jetzt an darf mir aber der Jude den Fuß nicht aus den Mauern der Stadt setzen, ohne mich früher anzufragen. — Hören Sie es, Marschallek?" „Ja, Eure Durchlaucht!" erwiderte Jener, indem er, so tief als sein kurzer Hals es zuließ, das Haupt senkte. In dieser Weise wurde der damals arme Jude dazu berufen, der Hauptlieferant des Fürsten zu werden. Während dieser Zeit, es waren unterdessen fünfzehn Jahre verstrichen, ging mit Reb Schachne eine gründliche Umwandlung vor. Er erwarb ein riesiges Vermögen, die Gemeinde erteilte ihm den Ehrentitel „Morenu", und in Gang, Bewegung und Sicherheit des Auftretens sieht man ihm den „Gewir" der Kehille an. Die Gunst, mit welcher der Fürst ihn beschenkte, hob sein Ansehen auch in den Augen aller derjenigen, die dem Fürsten nahe standen, der armen und verkommenen Edelleute, die an dessen Tische sich mästeten. Reb Schachne wußte" diese Gunst weise für das Wohl seiner Glaubensgenossen auszunützen, so daß die Gnade des Fürsten und aller Edelleute der ganzen Gemeinde zugute kam. Immer im Umgange mit Adeligen und hohen Herrschaften, lernte er ihre Art, zu leben und auch Andere leben zu lassen, kennen und war unausgesetzt bestrebt, die Wohltaten, die er empfing, mehr oder weniger auch auf seine Brüder auszudehnen. Genug, die Juden hatten um jene Zeit wenig Veranlassung, sich über ihr Los zu beklagen.

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