Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450814--80194-2537994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

' 15. Februar 1934 Der Israelit Nr. 7 Seite 3 Die Bibel im Zerrbild der modernen Romanliterafur. (Fortsetzung von Seite 1.). dichterischen ■ Intuition herabgeholt ist. Allein . auch die Homiletik wird nicht verschmäht, sogar in reichlichem Maße die agadische und midraschichc Interpretation und Ueberlieferung, — allsolange sie in sein Bild hineinpaßt. Was aber die Bibelkritik betrifft, so ist diese bei allen Hbchflügen der Mann'schen Phantasie doch der feste Boden, der Hafenplatz, von dem der Ballon seinen Ausgang nimmt und zu dem er immer wieder zurückkehrt. Zwei Hauptdogmen des bibelkritischen Katechismus heben sich aus der Ebene hervor, die den Geist des Ganzen anzeigen und auch die Untergründe dieser ganzen Auffassung aufdecken. Erstens das ehrfurchtlose Bestreben, den uns heiligen, für uns unaussprechlichen vierbuchstabigen G'ttesnamen als Bezeichnung für einen jüdischen Nationalgott, dem die Väter gedient, für den sie gekämpft hätten, an Stelle unserer Auffassung von der Absolutheit und Einzigkeit G'ttes, die diesem Namen innewohnt, zu setzen. Das ist schon eine so starke Provokation jüdisch-religiösen Empfindens, daß ein Mann von Ruf und Bedeutung es ablehnen sollte, sie zum Axiom eines Kunstwerkes zu machen. Dann die banale, auf Textfälschungen beruhende Darstellung J a a k o b s als eines Ausbundes ,von Schwäche und Feigheit, der zur Tücke und Schlauheit bis. zur Selbstentwürdigung nur immer greifen muß, um sich zu behaupten, — im Gegensatze zu dem prächtigen, frischen und frohen, ohne Falsch und Tadel dastehenden Naturkinde Esau, Als früher eine profane und später die bibelkritische Auslegung uns die Dinge in solchem Lichte zu zeigen suchte, wollten sie damit weniger die biblischen Gestalten als uns, das Jakobsvolk, treffen, und die politischen Nutznießer einer solchen Pseudowissenschaft wußten . diese Weisheiten schon vor Jahrzehnten weidlich gegen uns auszubeuten. Wenn uns Thomas Mann Jakob als Jammerbild auf der- Erde vor dem Eliphasknaben kauernd .und um sein, Leben winselnd zeigt, wenn er all die Kunst seiner Feder auch späterhin anwendet, um das labile, unheldische Wesen Jakobs, ein Gespötte seiner eigenen Kinder, ins rechte Licht zu rücken, so ist es nicht erwiesen, daß er damit bewußt ins bekannte Horn blasen will und dem ewigen antisemitischen Feldzug gegen uns die harmonische Marschmusik zu liefern gedenkt, aber im Effekte Wochenrundschau. Berufssorgen der deutschen Juden. Reichsminister Dr, Goebbels hat am vorigen Mittwoch vor der' Reichskulturkammer eine Rede über den ständischen Aufbau der Kulturberufe gehalten, in der er unter anderem sagte: „Ich habe mit Befremden festgestellt, daß die aus anderen Berufen nach und nach hinausgedrängten Juden, mangels eines Arierparagraphen, im Kulturleben eine neue B e t ä t i g u n g s m ö glichkeit suchen. Es gibt keine unmittelbare gesetzliche Möglichkeit, einen Arierpal-agraphen in der Reichskulturkammer und den angeschlossenen Verbänden einzuführen. Es darf aber nun nicht geschehen, daß am Ende alle Juden, die aus den Beamten-, Rechtsanwalts-, Aerzte- oder Schriftleiterberufen ausgeschieden sind, allmählich in den Kulturberufen auftauchen. Dies zu verhindern gibt uns das Gesetz die Möglichkeit. Wenn jemand aus bestimmten Gründen als unzuverlässig oder ungeeignet angesehen werden muß, kann man ihm die Mitgliedschaft in den Verbänden verweigern, und nach meiner Ansicht und Erfahrung ist ein jüdischer Zeitgenosse im allgemeinen ungeeignet, Deutschlands Kulturgui zu verwalten!" geht es aufs Gleiche hinaus. Und Fehlurteile, nicht vom suchenden Forscher, auch nicht vom zänkischen Politiker, sond.ern vom Künstler mit angeblich hellseherischer und nachtwandlerischer Sicherheit ausgesprochen, haben, wie die Psyche der Menschen einmal geartet ist, ihre eigenen Gefahren. Bei all dieser, aus unserer Grundeinstellung zur heiligen Ueberlieferung kommenden Ablehnung sei gern anerkannt, daß Thomas Mann auch in diesem Buche der spielerischen Bibelmacherei doch zuweilen sich selbst entdeckt und intuitiv das sieht, erlebt und ausspricht, was seit jenem heidnischen Propheten, der zum Fluchen bestellt war und segnen mußte, schon viele sahen und wider ihren Willen kündeten, wenn sie unter jüdischen oder biblischen Palmen wandelten. Zu diesen ergreifenden, aus starker Seherkraft in gesegneter Stunde geborenen Stellen zählen wir in erster Reihe die Darstellung vom Tode Raheis. Ferner möchten wir uns noch ein schönes Wort '— eine der spärlich verstreuten Perlen — in seinem einfachen wie symbolischen Sinne zum Schlüsse gut merken: „So war es mit dem prächtigen Eliphas gewesen, der doch nur ein ärmlicher Junge war, verglichen mit Jakob, dem gedemütigten Opfer seines Stolzes, der kraft seelischer Ersatzvorräte, von denen Eliphas keine Ahnung hatte, spielend triumphierte über Erniedrigungen, welche ein Knabe ihm zuzufügen vermochte, und dem immer gerade aus Zuständen tiefster Kläglichkeit die Offenbarung kam. War es denn anders gegangen mit dem Vater, als es mit dem Sohne gegangen war? Wir meinen jenes Zusammentreffen mit Esau selbst, auf das wir Jakob gesprächsweise haben anspielen hören. In diesem Fall hatte er die Haupterhebung und große Herzstärkung vorweggenommen, zu Peni-el, in angstvoller Nacht, als er sich den Namen errang. Und im Besitz des Namens also, ein Sieger im voraus, ging er dem Bruder entgegen — im tiefsten gewappnet gegen je de Erniedrigung, die sich etwa als unvermeidlich erweisen würde, gewappnet auch gegen die Unwürde der eigenen Angst vor einer Begegnung, in der sich das ungleiche Gepräge der Zwillinge so sprechend bewähren sollte." So ist es mit den seelischen Ersatzvorräten, von denen andere keine Ahnung haben und mit denen Jaakob-Israel von vornherein gegen Eliphas wie die Buben aller Zeiten und aller Gassen gewappnet ist. Auch seine Thora ist gewappnet — gegen den Meinungsstreit im politischen Kampfe sowohl wie gegen falsche Darstellungen einer modernen Romandichtung. —tz. Bisher hat man geglaubt, daß die gesetzliche Zulassung jüdischer Mitglieder zu den in der Reichskulturkammer zusammengefaßten ■ Berufs- Fachschaften auf der Erwägung beruhe, daß es sich hier ja um eine freie, keine beamtete oder überhaupt autoritäre Berufsbetätigung handle, so daß — ähnlich wie in der Wirtschaft — es dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben kann, ob ein Jude sich durchsetzt oder vom Publikum abgelehnt wird. Die erstere Eventualität ist ja ohnedies unwahrscheinlich angesichts der in die Tiefe gehenden geistig-seelischen Beeinflussung fast des ganzen Volkes durch die nationalsozialistische Weltanschauung; tritt diese Eventualität dennoch ein, so muß es sich schon um eine hervorragend begabte Kraft handeln, gegen deren Betätigung im Einzelfall der Staat ja ohnedies nichts einzuwenden hat. Wenn nun aber, nach der vom Minister geäußerten Ansicht, über die gesetzliche Vorschrift hinaus Juden als im allgemeinen ungeeignet die Aufnahme in die Fachschaften verweigert und ihnen — was an sich noch nicht die Folge sein müßte — die Berufsausübung als Schriftsteller, Künstler usw. unmöglich gemacht würde, so wäre das eine neue unerwartete Einschränkung des wirtschaftlichen Nahrungsspielraums der Juden Deutschlands überhaupt von verhängnisvoller Wirkung. Wovon sollen die in Deutschland herangewachsenen Juden — wir sprechen jetzt nicht von der Jugend — ihren Lebensunterhalt fristen, wenn ihnen im Handel durch den naturgemäß immer wirksamer werdenden praktischen Boykott in Stadt und Land die Kundschaft geraubt wird, die Landwirtschaft vermöge ihrer an Tradition und Gewöhnung gebundenen Eigenart wie auch durch die judenfeindliche Stimmung auf dme Lande verschlossen ist, und auch Hand werksberufe nicht von heute auf morgen von aus der Bahn geworfenen Kaufleuten, Rechtsanwälten oder Künstlern „ergriffen" werden können? Nachrichten über die systematische Boykottierung jüdischer Kaufleute durch Parteiverbot, Genossenschaftsbeschlüsse und ähnliche Eingriffe gehen immer wieder — trotz aller wohlgemeinten Erlasse des Reichswirtschaftsministers — durch die Presse. Daß jüdische Angestellte und Arbeiter bei arischen Firmen, selbst wenn sie ihren Sabbat preisgeben — auch hier gegen den Wunsch der zuständigen Ministerien — im allgemeinen nicht ankommen, und daß die vorhandenen immer mehr zurückgehenden nichtarischen Firmen das Heer der brotlosen Rassegenossen auch bei noch so großer (leider nicht immer vorhandener) Solidarität nicht beschäftigen können, liegt auf der Hand. Was also soll rein wirtschaftlich mit den deutschen Juden geschehen? Die jüdisrhe Presse hat vor G'tt und Menschen die heilige Pflicht, diese Frage immer wieder zu stellen und an die Reichsregierung als Ganzes, an den Führer des großen deutschen Volkes vor allem, zu appellieren, sich des katastrophalen Ernstes der immer mehr sich zuspitzenden Wirtschaftslage der deutschen Juden bewußt zu sein. Ein Mord, der nicht zum Schweigen kommt. Es könnte uns beinahe zum Tröste gereichen, daß der Mord an Arlosoroff in Tel-Awiw in den dreiviertel Jahren, seitdem er passiert ist, die Gemüter noch in Erregung hält wie am ersten Tage. Ein Beweis, wie sehr'eine angeblich jüdische Bluttat auf jüdischem Boden das ganze jüdische Denken für lange Zeit aus dem Gleichgewichte wirft und die Menschen nicht zur Ruhe kommen läßt. „Das vergossene Blut schreit aus dem Boden," und die in Palästina öffentlich geführte Untersuchung ist zwar reich an spannenden Momenten und dramatischen Steigerungen, kommt aber dem Kern der Sache und dem Mysterium der Tat nicht näher. Die ursprüngliche allgemeine Annahme, daß Abraham Stavsky mit Hilfe eines Rosenblatt den Mord begangen hätte, erlitt im Laufe der'Untersuchung-einen gewissen Abbruch durch das hartnäckige, oft nicht ohne Eindruck bleibende Leugnen der Angeklagten, deren Alibi zwar nicht lückenlos ist, aber auch nicht restlos widerlegt wurde. In der Folge dehnte sich der Prozeß noch auf eine Reihe anderer Revisionisten, an deren Spitze Achimeiir, aus, und zwar auf Grund vorgefundener Aufzeichnungen der Achimeiir-Gruppe, die so etwas wie Mord- und Attentatspläne enthalten. Auch da läßt sich zwischen ernsten Mordplänen und phantastischer Großrederei schwer unterscheiden, jedenfalls konnte auch die Anklage gegen Achimeiir noch nicht bis zum eigentlichen Prozesse heranreifen. Inzwischen kam eine Wendung, über die wir bereits kurz berichteten. Zwei Araber, die wegen einer anderen Strafsache im Gefängnis sitzen, bekannten sich plötzlich zu der Tat und behaupteten, in der Absicht, die Dame (Frau Arlosoroff) zu überfallen, ihren Mann, den sie nicht kannten und den sie erst nur mit einem Schreckschuß verscheuchen wollten, niedergestreckt zu haben. Welchen Wert man diesem Geständnis auch beimessen will, so kann es doch nicht gebilligt werden, daß der Untersuchungsrichter die Aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.