Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 7 Der Israelit 15. Februar 1934 Die Rechtsstellung der österreichischen Juden gefährdet (Fortsetzung von Seite 1.) 3. Numerus clausus wird für jüdische Beamte, Aerzte, Anwälte, Richter und Notare nach dem Verhältnis der Juden zur österreichischen Gesamtbevölkerung eingeführt werden, dergestalt, daß „Oesterreicher durch Oesterreicher und Juden durch Juden vertreten werden." 4. Mischehen zwischen Ariern und Juden sind verboten. 5. Das Rassenprinzip wird in der Weise durchgeführt, daß die österreichische Nation vom jüdischen Geist befreit wird. 6. Eine Volkszählung wird durchgeführt, um festzustellen, in welchem Ausmaße Oesterreich bereits verjudet ist; die Zahl der Juden, Judenstämmlinge und Mischfamilien wird genau festgestellt werden. 7. Die Kinder in den Schulen und Erwachsene in Versammlungen und durch Schriften werden eingehend über den bösen Einfluß der Juden auf die Völker und den Ruin, den die Juden der Welt bringen, unterrichtet werden, damit die völlige Befreiung Oesterreichs von der jüdischen Herrschaft erreicht werde. Die Proklamation ergeht sich zum Schluß in wüstesten Beschimpfungen der .Juden. Um die Sphinx Dollfuß geht nun das große Rätselraten. In eingeweihten Kreisen ist man zwar der Meinung, daß der Bundeskanzler gegen die antisemitische Sturzwelle ehrlich anzukämpfen sucht, daß er aber doch am Ende im Interesse der Aufrechterhaltung der Koalition sich zu Kompromissen wird bereitfinden lassen. Die etwas gemäßigteren Christlich-Sozialen raten den Juden, freiwillig auf gewisse Rechte zu verzichten, damit ihnen nicht noch mehr genommen werden könne. Eine Reduzierung der jüdischen Studentenschaft etwa auf 5 P r o z., würden die Christlich-Sozialen akzeptieren, und es ist bezeichnend, daß die dem Bundeskanzler nahestehenden Zeitungen diese These verbreiten und sie mit übertriebenen Zahlen über den Anteil der Juden an den akademischen Berufen zu rechtfertigen suchen. Daß all diese Dinge eine starke Beunruhigung in die jüdische Bevölkerung getragen haben, ist erklärlich. Ebenso war zu erwarten, daß gewisse nationaljüdische Kreise die Hochkonjunktur ausnutzen, für die große jüdische Einheit, einschließlich der Orthodoxie, ins Werbehorn zu blasen, die natürlich mehr als eine — in ihrer Warschau, 14. Februar. Die Aussprache über den Etat des Innenministeriums, * die sich auf mehrere Tage ausdehnte, brachte, wie immer, auch scharfe Auseinandersetzungen über die Judenfrage. Vielbemerkt wurde eine große Rede des Dep. Oberrabbiner Ahron L e w i n , in der er den ganzen Komplex der jüdischen inneren und äußeren Lage in Polen aufrollte, insbesondere auch den Druck auf die ohnehin verzweifelte wirtschaftliche Lage der Juden durch das Zwangssonntagsruhegesetz und die Not der Gemeinden und religiösen Schulen besprach. Die Loyalität der jüdischen Bevölkerung gegenüber der derzeitigen Regierung wie ihre Verbundenheit mit Polen begründete er mit historischen Traditionen wie mit den vitalen Notwendigkeiten der Gegenwart. Das hinderte den nationaldemokratischen Abgeordneten B i e 1 e c k i nicht, sich tags darauf in allerlei Ausfällen gegen die Juden zu ergeben, der Regierung Yorsu-werfen, daß sie die Juden begünstige und besser behandele als die nationalen Polen, womit die Regierung der Stimmung im polnischen Volke zuwiderhandele usw. Zu dieser Darstellung paßten schlecht die Ausführungen des Abg. Dr. Sommerstein vom Jüdischen Club, der Beschwerden gegen die unteren Behörden wegen ihrer Behandlung der Juden und ihrer gelegentlichen Enigriffe in die internen Angelegenheiten der Gemeinden einbrachte. Notwendigkeit von keinem bestrittene — Einheitsfront nach außen sein soll. So spukt auch wieder das Wort von der „Nationalen Minderheit" und die Idee einer Anrufung des Völkerbundes, der laut Vertrag von St. Germain zur Wahrung der Rechte der Minderheiten verpflichtet sei. Man ist aber in besonnenen jüdischen Kreisen, nicht nur in der Orthodoxie, der Meinung, daß eine derartige überstürzte Vorwegnähme der weiteren Entwicklung der Dinge die Situation nur verschlimmern und die jüdische Rechtslage ernstlich gefährden könne. Gerechtfertigt ist gewiß, daß die österreichische Judenheit gegen jeden Versuch, ihre Rechte in irgend einer Weise zu schmälern, geschlossen und entschieden Stellung nimmt. Im Momente hat die österreichische Regierung noch andere Sorgen als die jüdische, und man darf immer noch hoffen, daß die Grundlage für das unantastbare Recht aller Bürger nicht zerstört wird. Vom Sekretariat der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wird der ITA. mitgeteilt, daß bisher keinerlei Klagen von Gemeindemitgliedern über irgendwelche an ihnen verübte Gewalttaten oder Beschädigung ihres Eigentums eingelaufen sind. Es ist somit anzunehmen, daß es nirgendwo zur Plünderung jüdischer Geschäftsläden oder Wohnungen gekommen ist. Die jüdischen Krankenhäuser sind zwar von Verletzten überfüllt, doch handelt es sich hier durchwegs um Mitglieder der an den Kämpfen beteiligt gewesenen nichtjüdischen staatlichen und Parteiformationen.. Durch eine Umfrage der Kultusgemeinde konnte auch festgestellt werden, daß keinse der im Kampfgebiet gelegenen Gebäude jüdischer Institutionen gelitten hat. Die Kräfte der staatlichen Exekutive gewinnen allmählich an Boden. Der Bund jüdischer Frontkämpfer Oesterreichs ist von der Regierung aufgefordert worden, sich der staatlichen Exekutivmacht anzuschließen. Den Höhepunkt der Aussprache bildete, nachdem schon der Vizemarschall des Sejm, P o 1 i ak i e r w i c z , und andere Redner der Regierungspartei die Angriffe Bieleckis zurückgewiesen hatten, eine Erklärung des Innenministers Pieracki, die darin gipfelte, daß in Polen kein Platz für den Rassengedanken oder einen extremen Nationalismus da sei, von dem nach Ansicht der Regierung keine Erhöhung der materiellen und moralischen Kräfte der Nation zu erwarten sei. Polen und seine Regierung würden vom Prinzipe der vollen Gleichberechtigung aller Bürger, das die wesentliche Grundlage des Staates sei, nie abgehen. Freilich möchten sich auch die nationalen Minderheiten von Uebersteigerung des Nationalismus fernhalten, durch welchen sie das Fundament des brüderlichen Zusammenlebens mit dem polnischen Volke untergraben. Zionistische Organisation Amerikas lehnt die Einberufung des Weltkongresses ab. Nach stürmischer Debatte hat die Exekutive der Zionistischen Organisation Amerikas einen Entschließungsantrag, durch den sich die Zionistische Organisation Amerikas für die Einberufung des Jüdischen Weltkongresses aussprechen sollte, abgelehnt. Die Frage wurde durch Zuweisung an eine Sonder kommission erledigt. Hauptredner in der: der Ablehnung dse Antrages vorangegangenen Aussprache waren der Initiator des Kongresses, Dr. Stephen S. W i s e und das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Louis L i p s k y. Die „Jewish Agency" und „Histadruth" gegen den jüdischen Sabbath. Man schreibt uns aus Tel-Awiw: Bis vor wenigen Jahren konnten in der großen griechischen Hafenstadt Saloniki am Samstag keine Schiffe anlegen, v/eil sämtliche Arbeiter und Lastträger Juden waren und am Samstag nicht arbeiteten. Da in den letzten Jahren die Regierung Schwierigkeiten wegen des Feierns machte, so griff unter diesen Juden eine Bewegung um sich, nach Erez Israel auszuwandern und ihr Tätigkeitsfeld nach dem Hafen von Haifa zu verlegen. Die Jewish Agency hat sich hierfür interessiert und die nötigen Schritte bei der Regierung von Erez-Israel unternommen. In dem Vertrag, den sie dieserhalb mit der Regierung abgeschlossen hat, wird bedungen, daß die Leute — es sind rund 200 — am Sabbat arbeiten! Das ist die gleiche Jewish Agency, die vor einigen Jahren bei dem Bau der Wasserleitung im Jerusalemer Stadtviertel Romema einen gleichen Vertrag schloß und in weiten jüdischen Schichten Empörung hervorrief. Verwunderlich ist es auch, daß eine englische Regierung, die in England so viel religiöses Verständnis zeigt, eine solche Zumutung überhaupt stellt und auf diese Weise gegen die Balfourdeklaration handelt. Bemerkenswert ist es ferner, daß diese Hafenarbeiter auf Nationalfondsboden angesiedelt werden sollen. Wie wertlos ist also die Zusicherung, auf solchem Boden öffentliche Sabbatentweihung nicht fernerhin zu dulden. Die Herren vom Misrachi sind wirklich mit ihren Erfahrungen in der Zionistischen Organisation nicht zu beneiden. Auch die große Zementfabrik „Nescher" zwischen Haifa und Kfar Chassidim beschäftigt ihre jüdischen Arbeiter weiter ungehindert am Sabbat und zahlt für diesen Tag doppelten Lohn. Die jüdische Arbeiterorganisation, die sonst so schnell und energisch im Befehlen ist, läßt es zu. Wenn starke Beschäftigung Grund für Zerstörung des Sabbats ist, dann können bald noch mehr Fabrikschlöte rauchen. G. Vorbereitung der Wahlen in den Gemeinderat von Jerusalem, Wie der ITA. mitgeteilt wird, ist für die bevorstehenden Gemeindewahlen in Jerusalem zwischen der Agudas Jisroel und dem „Rat der Juden Jerusalems" ein Abkommen getroffen worden, demzufolge der Aguda zwei von den sechs jüdischen Ratssitzen zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Aguda will diese beiden Mandate einem aschkenasischen und einem sephardischen Vertreter zuteilen. Der aschkenasische Vertreter soll von der Aguda-Leitung unmittelbar nominiert werden, der sephardische Vertreter soll auf Grund eines Fünfervorschlages mit Zustimmimg des Rates der Jüdischen Gemeinde ausgewählt werden. Der Jerusalemer Arbeiterausschuß hat eine umfangreiche Wahlpropaganda aufgenommen mit dem Ziele, eine möglichst starke Beteiligung des Arbeiterelementes an der Wahl zu sichern. Einem vorläufig noch unbestätigten Gerücht zufolge soll der Bodenkommissar Albert Abramson für den Posten des Bürgermeisters in Aussicht genommen sein. Eine scharfe Judendebatte im polnischen Sejm.