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Der Israelit · 1934-02-15 · Heft 7 (15.2.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 7 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IfDer Israelit J 1h wk\ Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz M MsS jBfj mWW»« m-m-m/Mm Frankfurt a. M. 5._Februar 1934 30. Schebat 5694 Nummer 7 Die Rechtsstellung der oesterreichischen Juden gefährdet. Wien, 13. Februar. Aus den sich überstürzenden Ereignissen in Wien und anderen Städten Oesterreichs hebt sich das eine mit voller Klarheit hervor, daß die rechtsgerichteten Parteien, mit Ausnahme der Nationalsozialisten, sich in einer Vaterländischen Front um den Bundeskanzler Dollfuß gefunden haben, und daß ferner diese Einigung auf Kosten der Juden geht. Die vereinigten vaterländischen Parteien sollen, dem Bundeskanzler ultimativ eine Reihe von Forderungen unterbreitet haben, die auf die Ausschaltung der Juden aus dem gesamten öffentlichen Leben hinausgehen. Obwohl der Wortlaut des Ultimatums noch nicht bekanntgegeben ist, wird in gut unterrichteten Kreisen erklärt, daß darin die Beschränkung der konstitutionellen Rechte der Juden, insbesondere der Ausschluß der Juden aus sämtlichen österreichischen. Universi t ä ten und Hochschul e nl gefordert wird. In der öffentlichen wie privaten I n d u s t r i e ' dürften nur Mitglieder der Vaterländischen Front, (die bekanntlich keine Juden aufnimmt) beschäftigt werden. Einem Vertreter der ITA. gegenüber bestätigte, ein hoher Regierungsbeamter im Wiener Auswärtigen Amte im Ganzen den Vorstoß der Vaterländischen Frönt, meinte aber, der Bundeskanzler halte diesem Drucke mit Energie und Entschiedenheit stand, so daß die Juden keinen Anlaß hätten, irgendwelche antisemitischen Maßnahmen in Verwaltung u,n d Gesetzgebung zu befürchten. Inzwischen verbreitet der. „Oesterreichische Antisemitenbund", der sich nun auch zu der Vaterländischen Front um Dollfuß geschlagen hat, eine Proklamation, in der eine „Lösung" der Judenfrage in folgender "Weise vorgesehen ist; Aus dem Inhalt: Eine scharfe Judendebatte im polnischen Sejm . . . . Seite 2 Jewish Agency und Histadruth gegen den jüdischen Sabbat . Seite 2 Berufssorgen der deutschen Juden Seite 3 Ein Mord, der nicht zum Schweigen kommt . . . Seite 3 Rabbi Mosche Kliers s. A. in Tiberias S. 4 Versäumte Gelegenheiten .... Seite 5, Heidnische Theologie ...... Seite 6 Das neue Zertifikatabkommen der Agudas Jisroel mit der Jewish Agency . . Seite 13 Sitzung des Beirats der Reichsvertretung der deutschen Juden . S. 7 Schleiermacher u. die jüdische Religion S. 10 1. Juden, auch in Oesterreich geborene, werden nicht mehr als Glieder der österreichischen Nation gelten; nur wer arischen Blutes ist, reiht sich in die österreichische „Volksfamilie" ein. •2. Die Juden werden als „fremdrassige nationale Minderheit" behandelt werden und keineswegs den christlichen Bürgern gleichgestellt sein. (Fortsetzung Seite 2.) Die Bibel im Zerrbild der modernen Romanliteratur. Ein Wort zum Jaakobbuche von Thomas Mann. In einer Zeit, da die Bibel, unsere Mutter Thora, lieblos in die Arena des politischen Kampfes gezerrt* wird, wobei zwischen Freund und Feind, zwischen Verteidiger und Ankläger, unsere heiligen; Urkunden wie zwischen den zwei Klingen einer Schere zerschnitten und zerrissen werden, stellt sich nun die Kunst und die S c h ö n g e i s t i g k e i t als Begleitmusik des politischen i Haders ein, uin auch'■ ihrerseits, zwar nicht zum, Für und Wider Stellung zu nehmen, aber, was vielleicht noch bedenklicher ist, um die Bibel in einem Spiegel zu zeigen,- den nicht jeder gleich als Zerrspiegel erkennt. T h>o m a s;M a n n , der Nobelpreisträger und erste Wortführer unter den heutigen Romandichtern, fühlt sich gedrungen, uns auf über 400 Seiten, nocheinmal die Geschichte Jaak o b s und einen Teil der . Josephsgeschichte, die wir schon seit etlichen tausend Jahren kennen, zu erzählen, s o zu erzählen, wie er sie sieht.*) Gewiß steht diese Mann'sche Bibel bewußt in keinem Zusammenhange mit dem Tagesstreit um das Alte Testament in der Deutschen Glaubensbewegung; bewußt nicht, aber unbewußt ist sie Ausdruck der Zeit, und sie wird automatisch denen dienen, die glauben, „es könne sich jeder seine Bibel selber schreiben" — erst gar, wenn einer so schreiben kann, wie Thomas Mann ... *) Die Geschichten Jaakobs, Roman von Thomas Mann. S. Fischer-Verlag, Berlin. Ein kurzes Wort sei vorausgeschickt. Es gab und gibt mancherlei Arten,' die Bibeli zu lesen: Festhalten am Wortsinn, die traditionelle Exegese, die Homiletik und — seit dem 17. Jahrhundert — die Bibelkritik. Die Exegese, dije, seit altersher nicht allein von jüdischen Gelehrten betrieben, das Tiefste aus dem Texte herauszuholen sucht, ist?nicht zu verwechseln mit der Homiletik, die, ebenfalls nicht allein bei Juden be kannt und beliebt, Gedankengut und Grundwahrheiten an einen Bibelvers anknüpft, ohne behaupten zu wollen, daß die an sich wahre Lehre organisch in dem Wortlaute beschlossen sei. Was sich die Bibelkritik von Astruc und Spinoza bis Wellhausen, frei von Voraussetzung und Traditionsgebundenheit, alles erlaubt und anmaßt, ist allzubekannt, als daß darüber in diesem Zusammenhange ein Wort verloren: werden müßte. ' Thomas Mann, der Künstler, der Mann der Intuition, der mit der Seele sucht und — nicht findet, was andere mit dem sezierenden Geiste falsch gesucht und nicht gefunden haben,' legt sich auf keine dieser Methoden fest. Aber er ist durch alle diese vier Schulen gegangen, er hat an allen Blüten gesogen und gleich der Biene den i Blütensaft in sich zu etwas ganz Neuem •> verarbeitet. Aber es ist leider nicht durchwegs Honig daraus geworden. Es ist viel Gift dabei, und nicht .einmal süßes Gift, denn die Lektüre ist bei der ' von Mann beliebten Satzbildung und systematischen Stoffverschiebung eine recht mühsame Arbeit. Aber Gift bleibt Gift. Und von einem solchen Zaubermann verabreicht, kann es bei naiven jungen Gemütern heillose Verwirrung anrichten und im großen Jugendheere der Suchenden und Ringenden, deren es heute bei uns geben soll, auf alle Fälle größeren Schaden anrichten als jener theologische und politische Widerstreit um die Bibel, in dem wir doch immerhin geneigt sind, eine interne Angelegenheit der Theologen zu sehen. Es würde zu weit führen, hier auf Einzelheiten einzugehen. Eine große Wüste mit einigen wenigen Oasen, in der „rechter Hand linker Hand alles verschoben ist." Nachdem im ersten Kapitel uns der schöne Jüngling vorgeführt wird, in dem wir Adonis vermuten, der sich aber als Joseph "herausstellt, folgt erst eine Charakteristik von J aakob und E s a u. Die Entführung Dinas trägt sich vor dem Aufenthalte Jaakobs bei Laban zu, und so weiter mehr, woraus wir dem Dichter keinen Vorwurf machen würden, ginge uns der Sinn dieser nicht nur willkürlichen, sondern auch wenig-künstlerischen Umstellung auf. Beständig aber bleibt in diesem ewigen Szenenwechsel das . Zusammenwirken jener vier Schulen,1 die der Dichter gründlich absolviert hat. Der nackte Wortsinn kommt an unzähligen Stellen als Zitat und Beleg, als Einschiebsel, . Anrede und Meinung zur Geltung, also wird der überlieferte Text nicht ganz außer Kurs gesetzt. Darüber schwebt die Exegese, eine eigene Exegese, die nicht aus Forschung, sondern aus der Stratosphäre der (Fortsetzung auf Seite 3.)

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