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Der Israelit · 1934-02-08 · Heft 6 (8.2.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 6 (8.2.1934)
Date
1934-02-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Nummer 6 1934 Der Weg des Dienstes, Von Dr. Theodor Weiß in Breslau-Mir (Polen). Ein Mensch gewann Reichtum und verlebte seine Tage in frohem und unnachdenklichem Genuß seiner Güter. Dies währte lange Zeit. Und da er die Güter klug zu mehren wußte und in vielerlei Künsten und Wissenschaften erfahren war, verstand er, seinen Tag bunt zu gestalten und voller Wechsel, so daß er viele Tage jede Müdigkeit und Leere von sich fernhielt und in tiefen Zügen die Vielfalt und Schönheit der Welt genoß. Es kam ein Tag, da spürte er inmitten seiner Fröhlichkeit wie eine Frage und wie einen Zweifel, das alles könne nicht genug sein, und ein trüber Gedanke ging durch ihn, daß er viele fröhliche Beschäftigungen habe, aber nichts Wesentliches und Wertvolles und Dauerndes schaffe. Aber dieser Zweifel dauerte nur einen Herzschlag lang, dann ging er lautlos unter. Und wieder gingen viele Tage dahin. Es geschah, daß die leise Frage nochmals in ihm aufstand und dringlicher an die verschlossene Türe seines innersten Seins pochte, und dieses Mal fühlte er etwas wie nagende Angst, daß er irgend Kostbares verlöre, wenn er diese Frage nicht durchdächte und sie zu beantworten suchte. Aber auch diesmal gelang es ihm, wenn auch schon mit Mühe, alle Gedanken zu verbannen. Doch jetzt begann eine leise Traurigkeit wie von innen her alle seine Geschäfte, all sein unbesorgtes Nehmen und Genießen zu durchfluten, und ihn dünkte es wie ein Abschied, den er bald nehmen müsse, und mit der unbestimmten Angst vor einem Verlassenmüssen nahm er nocheinmal die ganze Welt an sein Herz und suchte die letzte Tiefe eines jeden Genusses zu erreichen, so daß seine Tage wüst und maßlos wurden, und seine Handlungen einer Gier voll waren, die oftmals bis zur Grausamkeit ausartete. Da traf ihn Krankheit, und die Schmerzen, die sie ihm brachte, wurden durch eine unerhörte Angst, sein Leben sei beendet, verstärkt, und seine Schmerzen waren so stark, daß sein ganzes Leben und all seine Tage bis heute wesenlos wurden und gänzlich zunichte, und er nichts fand, was ihn hätte trösten können. Und als er sich nach Hilfe und Rat umsah, da fand er als einzige Beruhigung und Linderung den Vorsatz, daß er sein Leben ändern würde, wenn ihm Genesung gewährt würde. Seine Krankheit dauerte viele Tage, und jeder Schmerz verstärkte seinen Vorsatz, und je stärker sein Vorsatz wurde, desto mehr Linderung fand er in ihm, bis ein. Tag kam, dessen Schmerzen ganz durch den Vorsatz überwunden wurden, und er sich zur Wand kehrte und seinen Schöpfer um Genesung und Leben bat, damit er im Dienst vor Ihm die Fehler früherer Tage ungültig machen könne. Von diesem Tage an begann seine Genesung. Es kam der Tag, an dem er von seinem Lager aufstand, seine Glieder wieder frei waren von aller Schwere und ihm in leichter Gelöstheit den Gehorsam anboten. Er stand und betrachtete die Welt mit dem Lächeln des Wieder-Erkennens und dem tieferen des Weiter-Besitzen-Dürfens. Er verließ seine Geschäfte und wandte sich zum" Dienst vor seinem Schöpfer und begann mit dem Studium der heiligen Thora. Jeder Tag lehrte ihn einen neuen Dienst, und die mindeste Weisung fand ihn bereit zur Tat, denn aller Dienst wurde ihm leicht, weil seine Dankbarkeit für jeden Tag alle Schwere überwand, und in dem innigsten Verlangen, nicht nur ein früheres Leben gänzlich auszugleichen, sondern darüber hinaus eigene Verdienste zu erwerben, gelang ihm jeder Dienst wie ein Spiel, dessen Bewegungen ihn mit tiefem Glück erfüllte. Und schon begann er seine Güter ganz anders zu nutzen. Er nahm von seinem Reichtum, kaufte Rinder, deren Fleisch er den Armen seiner Stadt verteilte, ließ von ihren Häuten Pergament bereiten und begann die heilige Thora niederzuschreiben. Und sein Schreiben war derart, daß er den größten Teil des Tages mit dem Studium des Wortes seines Schöpfers füllte und nur wenige Stunden zum Schreibenverwandte. Sein Tag mußte ganz rund gewesen sein, ohne Lücke und Fehler, dann tauchte er seinen Leib in das reinigende Quellbad und begann, in großer Dankbarkeit und Demut für das reine Glück dieses Tages, zu schreiben. Und allemal, wenn er den hochheiligen Namen seines Schöpfers schrieb, kam ein Zittern über ihn, und die« Tränen schössen ihm in die Augen, daß er die hohe Heiligkeit Seines lieben Namens jemals hatte vergessen können. Dies geschah bei allen Namen, und das Erzittern bebte in ihm nach bis zum nächsten Namen, dergestalt, daß die ganze Thora in großer Heiligkeit und Weihe geschrieben wurde, und insbesondere die heiligen Namen mit großer Angst und Verehrung geformt waren. — War aber ein Tag, an dem ihm sein Dienst nicht gelungen schien, irgend ein Vergessen oder eine Nachlässigkeit ihn betroffen hatte, dann versagte er sich die heilige Arbeit. Ihn verlangte aber so sehr nach ihr, daß er seinen Dienst hütete, so daß er nach einiger Zeit oft Tage hintereinander schrieb, und seine Vergessungen immer seltener wurden. Nach Jahren hatte er die Thora beendet. Er veranstaltete ein großes Fest, und eine große, herzliche Freude erfüllte ihn über sein Werk. Er verteilte an diesem Tage den größten Teil seiner Güter den Armen, denn inmitten des Festes war ihm ein gar seltsamer Gedanke gekommen, seinem Schöpfer einen besonderen Dienst zu tun. — Am nächsten Tag verließ er die Stadt und begab sich auf die Reise in ein fernes Land, in dem Gold gefunden wurde." Seine Reise hatte viele Hindernisse und Beschwerlichkeiten, bis er ans Ziel kam, war es Winter, die Erde hart und mit Eis bedeckt. Er meinte, er habe keine Zeit zu warten und begann nach Gold zu graben. Das Graben war mühevoll, oft zerbrach ihm der Spaten, oft bluteten seine Hände. Da fand er das erste Gold. Aber es war noch nicht rein, er mußte es ausglühen. Da blieb nicht viel, und er mußte nochmals graben und tiefer und an verschiedenen Orten, bis er neues Gold fand, "und er war sehr matt, als er ein wenig reines Gold gewonnen hatte. Aus diesem Golde formte er eine kleine Schale, sie wurde so klein, weil das gewonnene Gold nicht zu einer größeren reichte. Die Absicht seiner Formung war, das makellose Rund einer Kugelschalezu schaffen, jede kleinste Fläche durchgebogen und in die andere mündend. Es vergingen viele Tage, bis er die Schale geformt hatte. Dann begann er nach edlem Balsam zu suchen, und wieder zog er in ein fernes unbekanntes Land, und wieder war seine Reise voller Beschwerde, bis er ans Ziel kam. Es war Dürre, als er in das Land kam, alle Kräuter und Bäume saftlos, und er mußte lange suchen, bis er in einem tiefen Tal ein saftvolles Gewächs fand, das ihm den ersehnten Balsam spendete. Und auch der Balsam war nicht rein, und er mußte ihn klären, bis er den Balsam in die Schale goß. Und die Schale wurde nicht gefüllt. Dann begab er sich auf ein einsames Feld und entzündete ein Feuer, und mit den innigsten Gedanken und Gebeten begann er seinen Schöpfer zu preisen und Ihm aus überquellendem Herzen für die Gnade eines jeden Tages zu danken und bat, Schale und Balsam darbringen zu dürfen. Und mit geschlossenen Augen setzte er die Schale aufs Feuer. Da begann ein lieblicher Duft emporzusteigen, daß er wie betäubt zu Boden sank. Er entschlief und hatte einen seltsamen Traum. Er sah sich selbst mit Talith und Tefillin bekleidet auf einem Wege 'gehen und hielt seine Thora in den Händen, er las darin, während er ging, und der Weg war gerade wie eine gespannte Schnur und endete vor einem Tor, das geschlossen, dennoch Licht durchließ, das den ganzen Weg überglänzte, und je näher der Weg zum Tor kam, desto heller war er beschienen. Und er sah sich gehen: Um ihn war großes Gedränge, Waffen und Fäuste, die von allen Seiten auf ihn einschlugen, aber er schritt dennoch vorwärts, und traf ihn ein Schlag, und wollte sein Gesicht die Gebärde des Schmerzes und Weinens formen, wurde ein Lächeln daraus, das alle Sicherheit hatte, und Leid wurde in Lust verwandelt, und sein Gang war unaufhaltbar, und immer gewann sein Schritt größeren Raum, wenn er das lichtvolle Tor betrachtete, das ihm immer näher und leuchtender wurde. Sehr seltsam war all seine Bewegung und Handlung: Die Bewegung seiner schreitenden Füße war wie ein weitausholender Tanz und wußte in der kleinsten Regung dem Schöpfer aller Bewegung zu danken. Das Fassen und Tragen seiner die Thora haltenden Hände war noch im leisesten Druck Lobpreis für den Spender aller Behütung und Haltung. Der schweigende Atem, der aus seinem Munde ging, der tonvoll geformte Atem jedes seiner Worte und Lieder, war bis in den letzten Hauch Dank an Den, der den Atem gab und ihn jede Sekunde aufs Neue gewährte. Jedes seiner Glieder schwang und zitterte in einer anderen Erkennung des Ursprungs und in anderer Danksagung, bis er sah, daß sein ganzer Leib ein einziges, reines, makelloses Gefäß war, das nur den Willen seines Formers barg und Ihn in jeder Bewegung, Wort und Ton anrief und pries. Und er sah sich, wie er vor dem Tor stand. — — Als er erwachte, fand er das Feuer erloschen, den Balsam verduftet, die Schale zerschmolzen, ihr Gold in den Boden versickert. Mit dem Bild des Traumes begann er den letzten Dienst. * * * •Der Reiche ist ein Jeder von uns. Unsere ganze Armut besteht nur darin, daß wir nicht wissen, w i e reich wir sind. Der Reichtum der Seele ist unendlich, und nur das Bewußtsein, das Erkennen dieses Reichtums müssen wir uns erkämpfen, müssen bis in unsere tiefsten und geheimsten Schächte hinabsteigen, und das Gold heraufholen. Erst das Erkämpfen unserer innersten Wesenheit macht uns zu wahrhaftigen Erben des unerreichten Adels der heiligen Urväter. Und dieser Reichtum und das Wissen von ihm muß erkämpft und erarbeitet werden wie irgend ein anderer Kampf oder irgend eine andere Arbeit, und wie dort gibt es auch hier Siegen und Ermatten. Soll aber jeder wissen, daß im Ermatten der nächste Sieg verborgen liegen kann, im Sieg das nächste Ermatten lauern kann. Das Bewußtsein um sich und seiner Seele Kraft zum Dienst vor dem Schöpfer wird immer" mit Bangen und Sicherheit zugleich erworben. Je mehr wir von unserem Reichtum wissen, desto mehr sind wir mit diesem Wissen beladen, denn es bedeutet höchste Verpflichtung und Verantwortung, diesen Reichtum in den Dienst des Schöpfers zu stellen, und je reicher wir sind, desto größeren Dienst können wir leisten. Jede einzelne Handlung des Reichen, jedes Suchen und jedes Finden ist irgend eine Stufe des Bewußtwerdens der Seele und des Erreichens

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