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Der Israelit · 1934-02-01 · Heft 5 (1.2.1934) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 5 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seile 14 Nr. 5 Der Israelit 1, Februar 1934 Haifa herunterzugehen. Mit Unrecht; die schwankenden Boote, die uns entgegenfahren, um die Passagiere nach Jaffa hinüberzubringen, sehen ganz lustig aus. So mancher schaudert zwar bei dem Blick in die Tiefe und fürchtet, ins Wasser zu fallen, Aber das ist ganz gemütlich, und ehe man sichs versieht, ist man in die Höhe gehoben und ins Schiff geschwungen, wie das Gepäck, das nach- oder vorfliegt; und da auch die Boote nicht ganz an das verfeiste Ufer herankönnen, wird man Huckepack ans Ufer getragen. Das kann alles nicht so schlimm sein. Fast möchte ich dabei sein. In dunkler Ahnung des Kommenden bereue ich schon, nicht hier abgestiegen zu sein. Jetzt ist es zu spät. Endlich legt sich der Lärm der Menschen. Um 1 Uhr fängt das Geratter der Maschinen an. Das Schiff wendet sich zum Gehen und schenkt uns einige schöne ruhige Stunden, während der wir die Küste Erez Jisroels entlang fahren. Man hängt an diesem hellbraunen Gestade und kommt nicht davon los, auch wenn es zeitweise verschwindet. Um 5 Uhr sollen wir in Haifa sein. Um 2 Uhr fangen die Menschen an, sich anzustellen. Die Nervosität ist groß und man munkelt, wir würden die ganze Nacht auf diesem Schiff bleiben müssen. Das Gedrücke und Gedränge wird mit jeder Minute stärker, die Zunge klebt am Gaumen und in dieser unerträglichen Situation wird es 6 Uhr. Wir sind längst in Haifa angekommen, es wird 7 Uhr. Die Kommission geht zum Abendessen, es wird 8 Uhr, inzwischen kommen so und so viele Leute außer der Reihe dran. Keuchend und erschöpft kommt man an die Kommission. Daß man ihr nicht grobe Antworten gibt und ihr nicht mit der ganzen Erbitterung und Verbitterung antwortet, ist eine besondere Kunst. Hinter mir stehen noch lange Reihen Wartender. Das alles könnte vermieden werden, wenn die Reisenden unter sich vor der Landung eine Vereinbarung träfen, Nummern austeilten und darnach sich erst anstellten, wenn sie an der Reihe sind. Wieviel unnötige Qual würde erspart, und wieviel größere Freude würde die Landung bereiten! Endlich um 10 Uhr komme auch ich dran und durch die Kommission. Zum Glück flüstert mir ein lieber, junger Freund zu, ich käme sofort herunter, wenn ich gleich alles mitnähme. Ich besinne mich nicht lange, ich wäre auch unter die Räuber gegangen, nur um herunterzukommen. Und endlich bin ich unten und über de(i Freude darüber kommt mir kaum die Hauptsache zum Bewußtsein, daß ich auf dem Grunde, auf dem Boden Erez Jisroels stehe. Die noch auf dem Schiffe sind, kommen nicht herunter vor dem nächsten Tag. Besonders die Zertifikatsinhaber müssen noch Prozeduren durchmachen, die sich bis zum Mittag des nächsten Tages herausziehen, Und das schlimmste ist: die auf dem Schiffe waren, haben nicht einmal mehr Bettüberzüge und Frühstück gehabt. Die Weisen aber haben wieder einmal recht, wenn sie daran erinnern: Drei Dinge gibt es, die nur über Leiden zu erringen sind, und eines davon ist Vin^' px- II. Die Stadt am Karmel. An den Rand des Schiffes gelehnt, hängen unsere Blicke an der langen Bergkette, die bereits von Lichtern strahlt, und im Hafen von Haifa endet. Die ganze Pracht aber enthüllt sich erst am Morgen. Vom Balkon der Pension Balfour aus, im Hadar-hakarmel, blickt man nach unten auf das Meer, das tiefblau, wie man es nur auf Ansichtskarten zu sehen gewohnt ist, hell und leuchtend, malerisch von Schiffen, Booten und Seglern bevölkert, ein märchenhaftes Bild abgibt. In der Ferne sieht man Akko mit seinem Festungsgürtel wie eine Burg aus Tausendundeine Nacht mit seinen Zinnen und Minaretten. Drinnen soll es weniger schön sein. Um zum Hafen zu kommen, muß ich durch die alte Stadt. Wimmelnd von Menschen aus allen Teilen des weißen und schwarzen Erdteils, von kleinen Gäßchen durchzogen, mit dem Lärm und der „Sauberkeit" und der Enge, die orientalische Quartiere charakterisieren. Dann aber kommt der Hafen! Ein Meisterwerk englischer Ingenieure, gilt er bereits heute als ein Garant für die große Zukunft, der Haifa entgegengeht, wenn einmal von Mossul aus das Petroleum unterirdisch in den Hafen geleitet wird. Eine riesige, wie der weißbehandschuhte Arm eines Menschen, anzusehende Landzunge, erstreckt sich weit in das Meer hinaus, um die Wellen zu brechen und den einfahrenden Schiffen Schutz vor Stürmen zu sichern. Am Kai bewegt sich eine bunte Menge. Kaffee reiht sich an Kaffee, wo die Menschen bei Spiel, Gasos und Nargileh1) Hitze und Zeit vergessen. Du sitzest aber noch nicht, da springt auch schon ein arabischer Knabe auf dich zu, faßt deinen Fuß, stellt ihn auf sein Tablett und sieht dich mit bittenden, flehenden Augen an, du mögest ihm gestatten, deine staubigen Schuhe zu putzen. Staubig sind sie auf jeden Fall, auch wenn sie, was im allgemeinen nicht geschieht, zu Hause geputzt werden. Nun bearbeitet er sie mit Liebe und Inbrunst. Mit allen Pasten und Seifen der Welt und mit solchem Raffinement, daß der Friseur, der sich um deine Haare bemüht, gar nichts 1) Wasserpfeife. dagegen ist. Mit derselben Sorgfalt setzt er deinen einen Fuß vorsichtig vom Tablett herab, um den andern in Arbeit zu nehmen. Kaum aber hat er deinen halben Gerusch,2) so stürzt er sich auch schon auf den nächsten Gast. Im Gespräch versunken kann es dir passieren, das dein Schuh noch einmal von einem andern in Arbeit genommen wird, der vom ersten nichts weiß. Daß die Luft dadurch nicht besser wird, ist selbstverständlich, aber bei soviel Staub macht das nicht viel aus. Die schwarzäugigen Stiefelputzer gehören zu dieser staubigen Landschaft, wie die Gasosbuden, die die trockene Kehle anzufeuchten bestimmt sind. Darüber erhebt sich der Hadar Hakarmel, das Zentrum der neuen Einwanderer. Sie sind kaum unterzubringen. Gebaut wird wie rasend. Die Leute ziehen in die Wohnungen ein, noch bevor der Zugang oder das Dach vollendet ist. Oben wird noch gehämmert, unten muß noch das Notwendigste herangeschafft werden, aber die Wohnungen werden schon bezogen. Maurer, Zimmerleute und Gärtner haben sehr viel zu tun, ebenso die Schreiner. Sie nehmen fünf Aufträge auf einmal und für die gleiche Zeit an, fangen bei jedem etwas an, um bei allen — gleichspät — fertig zu werden. Aber natürlich kommt bei so wilder Arbeit die Gründlichkeit und die Solidität der Arbeit zu kurz. Man steigt oft buchstäblich über ein Fenster leichter in die Wohnung, als durch den Eingang, der vielfach noch mit Steinen verrammelt ist. Und dennoch ist dieser Hadar Hakarmel mit seiner poetischen Lage über dem Meere und am Abhang des Karmel mit seinen breiten Straßen, seinen gepflegten Häusern, das modernste, was es in Palästina gibt. Die Herzlstraße ist zwar nicht mit unserer Kaiserstraße zu vergleichen, aber für die dortigen Verhältnisse hat sie die gleiche Bedeutung. Ein regelmäßiger Autobusverkehr verbindet sie mit dem Karmel oben und mit den Merkas Mischari (Geschäftszentrale, Markt) unten. Die Straßen, die da hinaufgelegt sind, sind wahre Meisterwerke. Breit und asphaltiert, schlängeln sie sich wie die Alpen- Straßen zum Gipfel hinan. Hier mündet das Emek, hier konzentrieren sich die wichtigsten Industriezweige, hier ist auch der Sitz einer jüdischen Intelligenz, die entschlossen und radikal für ein modernes Palästina, losgelöst vom Alten, kämpft. Ein großartiges Bad, ein Theater, Konzerte, eine besondere Zeitung dienen diesem Ziel, ebenso drei große Schulen für die „aufgeklärte" Welt, das Technikum mit seinem weithin sichtbaren Kuppelbau, die Realschule von Dr. Biram und ihren vier Internatsgebäuden. All das schafft eine durchaus weltliche, religiös mindestens indifferente Atmosphäre, gegenüber der die für die Frommen bestimmte Jeschiwah und zwei misrachistische Volksschulen (eine für Knaben, die s. Zt. von Dr. Auerbach gegründet wurde, und eine für Mädchen) nur wenig vermögen. Die gesetzestreue Jugend bemüht sich im Verein mit dem rührigen Leiter der Jeschiwah, dem immer mehr um sich greifenden unheilvollen, irreligiösen Geist, der sich dem Sabbat und den Speisegesetzen gegenüber besonders skrupellos verhält, zurückzudämmen, aber für einen Erfolg fehlen noch die notwendigsten Voraussetzungen. Zu ihnen rechne ich vor allem eine fromme europäische Schule) die der Irreligiosität den Hauptvorwand nimmt, indem sie bei aller Verwurzelung im historischen Judentum, bei aller Rücksicht auf die Gegebenheiten des Landes, ja gerade unter Verwendung der gewaltigen Möglichkeiten, die die neuhebräische Sprache gibt, die Erziehung zur Persönlichkeit auf die Welt und zum Leben, nicht außer acht läßt. (Wie uns von der Direktion des Lloyd Triestino mitgeteilt wird, sind jetzt alle Mängel in der Koscher-Verpflegung bei der Ueberfahrt nach Palästina, die im August noch bestanden haben sollten, restlos abgestellt, so daß sich die Reisenden alle recht befriedigt äußerten. D. Red.). Kmderecke. Ein Kind dicktet. Heute ist Chamischo ossor bischwat, Da jeder Baum Geburtstag hat. Die Bäume bekommen sehr viel Saft, Und erhalten von G'tt neue Kraft. Sie rauschen zum Dank mit den Zweigen Und werfen den Kindern herunter die Feigen. Auch Trauben und Aepfel und andere Sachen Wollen den Kindern Freude machen. Datteln und Feigen sind auch dabei, Wir machen ein großes Jubelgeschrei. Wir stürzen uns mit Lust darauf Und essen alle Früchte auf. Ja "Upynpnn ist eine Pracht, Der Tag, der den Kindern Freude macht. Felicitas Wreschner, 9 Jahre alt. -') Grusch — ungefähr 14 Pfg. Vermischtes. Berlin, 26. Jan. Wie uns das Israelitische Krankenheim, Berlin N 24, Elsasserstr. 85, mitteilt, wird dort ab 1. Februar eine Beratungsstelle für Geschwulstkranke und Gescwulstverdächtige unter Leitung des Herrn Dr. Albert Simons, ehemaliger Privatdozent an der Universität Berlin, früher am Krebsforschungsinstitut der Charite tätig, eingerichtet. Sprechstunden Montag und Donnerstag von 9—10 Uhr. Mannheim, 30. Jan. In der Reihe der Gemeinschaften, die die Wintermonate mit Vortragsabenden ausfüllen, steht die Klausstiftung nie zurück. Diesmal sollten die Veranstaltungen dem Problem Palästina gewidmet sein, und ohne auf alle Einzelabende einzugehen, möge doch der anschauliche und fesselnde „Reisebericht" S. Ehrw, Dr. Unnas erwähnt werden, der vor Jahresfrist die Fahrt durch das Land gemacht hatte. Es bedeutete eine wertvolle Ergänzung dieser Reiseschilderungen, wenn Frau Dr. Rülf-Unna (Saarbrücken) als eine jahrelang in Erez beheimatete und tätige Arbeiterin im sozialen Werk Palästinas über die Menschen und Dinge vieles zu erzählen wußte. Führten diese Vorträge in das neuerwachende Land, so galten andere Abende dem Historischen (Rabb. Dr. Lauer), dem Geistigen (Dr. S. L e v i), wie das Schrifttum es uns darbietet. — Da immerhin auch sonst nicht gegeizt wurde mit dem Thema Palästina, (man stellt freilich immer wieder fest, daß nicht jeder legitimiert ist, sein Bild und seine Bilder vom Lande unserer Geschichte und Gegenwart vor ernsten und wißbegierigen Hörern auszubreiten . . .), so war es ein guter Gedanke, mitten zwischen die Palästina-Abende Anderes zu stellen. Gilt einer der nächsten Abende den Gedanken unseres ,, Goluslebens und G o - lusschicksals" (Prof. Darmstädter.), so war jüngst eine Abendstunde dem Gedächtn i s der Großen des Ostens, dem Gedenken des Chofez Chajim und des Lubliner Raw gewidmet. Die Abendstunde wurde aber zu einer weihevollen Feierstunde, getragen von den bewegenden und beschwingten Worten des Redners, Redakteur S. Schachnowitz, Frankfurt. Ein zahlreiches und ergriffenes Publikum führte der Redner hin zu jenen Gestalten. Ihr Leben und Lernen, ihr Werk und ihr Wirken, ihre Größe und das Verklingen ihres Lebens zog vorüber an alten und jungen Menschen; von denen wahrscheinlich viele zum ersten Mal einen Hauch verspürten vom Wesen eines Chofez Chajim, eines Lubliner Raw, — vom Wesen des wa h r e n Ostens. — Zweifellos danken es auch die Besucher aus nahen Nachbar- und Kleingemeinden, wenn ihnen hier in Mannheim manche wertvolle Stunde geboten wird. Wir möchten sogar glauben, daß der Gewinn, den sie aus den Klausabenden haben, gewichtiger und nachhaltiger sein könnte, als der Gewinn jener es war, die in beängstigender Fülle von überall her sich um Joachim Printz drängten, ilm für eine Stunde der suggestiven Gewalt und Leidenschaftlichkeit eines Mannes zu erliegen, dessen Eigenproblematik nicht kleiner ist als die Problematik der Dinge, von denen er spricht . . . —r. Bocholt i. W., 31. Jan. Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer am Niederrhein tagt am 11. Februar 16 Uhr Im Gemelndesaal zu Mülheim (Ruhrj, Löheraßa 53. Tagesordnung: Ueber die Methodik des neuhebräischen Unterrichts (Israel-Duisburg). Haidheim, 23. Jan. Lehrer A. Kaufmann, Tauberbischofsheim, sprach hier über das Thema „Ja sagen zum Judentum". Herr Synagogenvorsteher Strauß sprach Begrüßungs- und Schlußworte. Es wird beabsichtigt, einen religiösen Palästinaverein daselbst zu gründen. Hainstadt, 14. Jan. In unserer Gemeinde sprach Lehrer Schwarzenberger, Bödigheim über das Thema „Jüdischer Geist und jüdische Geschichte". Umrahmt wurde der Vortrag von Darbietungen des Jugendbundes Mosbach unter bewährter Führung von Herrn Baracker jun. Adelsheim, 23. Jan. Unter dem Vorsitz des Bezirksrabbiners Greilsheimer, Mosbach fand hier eine Beratungsstunde für die Gemeinden der Bezirkssynagogen Merchingen statt. Bezirksrabbiner Greilsheimer referierte über Berufs-, Wirtschafts- und Auswanderungsfragen; Lehrer Wertheimer, Buchen über Palästina und über den Hechaluz. Striegau (Schlesien), 23. Jan. Am 14. Januar sprach in der gefüllten Synagoge zu Striegau Herr Gemeinderabbiner Dr. Simonsohn aus Breslau in seiner schlichten und doch fesselnden Art über die Erlebnisse und Eindrücke aus seinen drei Reisen, die er 1925, 1932 und Ende 1933 nach Palästina unternommen hat. Er zeigte die fortschreitende Entwicklung in diesen Jahren und nahm die deutschen Einwanderer gegen die verallgemeinernden Urteile in Schutz. Besonders anschaulich schilderte der Redner das jüdische Leben in Haifa, Tel-Awiw und Jerusalem, ging ausführlich auf die Araberfrage ein und führte die verschiedenen Typen von orientalischen Juden vor. Dann zeigte er auch das gute Einvernehmen zwischen dem alten und neuen Jischuw, sowie die Haltung der Jugend. Sehr hoch schätzte der Redner die jüdischen Arbeiter ein, die erfüllt von Idealismus, große Opfer für das Land bringen. H. W.

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