Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage rae Nummer 5 1934 Der Bettler in der Notzeit. , _ iVoo M. Katz. Das Abendgebet war noch nicht zu Ende, als der junge, blasse Bettler, Chajim Jakew, sich an die Ausgangstür stellte. Er freute sich, daß außer ihm nur noch ein alter Genosse da war, der neben ihm stand. Seine Chancen auf ein Abendessen, das er bereits lange nicht mehr zu sich genommen hatte, waren gut. Mit Spannung verfolgte er die Gemeindemitglieder, die einzeln und paarweise, gesprächig' und verstummt das Bethaus verließen. Manche schauten ihn mit einem Seufzer, teils mitleidig an. Andere wieder verließen fluchtartig den Raum ... Es waren die heruntergekommenen, früheren Reichen, die immer einen Armen oder. Durchwanderer zur: Mahlzeit mitnahmen. Hoffnungslos und 'mit Herzklopfen stand Chajim Jakew und wartete. Er kannte sehr gut die Leute des Städtchens. Zwar stand er mit gesenktem Haupte und die müden, trüben Blicke zu Bode gerichtet —, aber er sah sie alle, alle,, die ihn früher mitgenommen hatten und jetzt still und finster davoneilten . . . Es befanden sich noch " viele Menschen im Bethause, die aber zum größten Teil in Folianten vertieft waren. Chajim Jakew übersah den dunkel beleuchteten Raum und stellte fest, daß noch einige angesehene Bürger unter den Weilenden zugegen waren. Ein Blitzstrahl der Hoffnung durchzuckte ihn . . . Esra Bromberg, der Waldbesitzer, schritt, auf seinen Stock gestützt, der Ausgangstür zu. Chajim Jakew ließ ...seinen Kopf noch tiefer sinken. Herr Bromberg blieb an der Türe stehen . . . winkte aber dem alten Bettler zu, mitzugehen. Zufrieden und neidisch sah Chajim Jakew seinem älteren Genossen nach ... Er wußte, daß bei Herrn Bromberg immer noch gute Speisen reichhaltig aufgetischt wurden. Sein Magen knurrte . . . „Bin ich doch der Jüngere —. Der Alte wird wohl das gute Essen genau so wie ich, und vielleicht noch nötiger gebrauchen können," dachte er. Sein Mund zog sich zusammen. Er schluckte den. Speichel ... Eine Weile vergaß er sich bei den monotonen Tönen der Studierenden, die an einem langen Tisch beieinander saßen. Außer diesen verließen alle das Haus. ' Chajim Jakew verkroch sich in eine Ecke am geheizten Ofen, steckte seine Hände ,in die Rockärmel und — stierte. Vorgebeugt saß er einige Minuten lauschend. Dann zog er ein Leinensäckchen aus der inriern Brusttasche seines Rockes, worin er die Stückchen Zucker aus den vollen Außentaschen legte. Es war der Ertrag des Tages. „Zweiundsiebzig," sagte er laut, als er in allen Taschen nachsuchte und nichts mehr fand . >.;. Früher mußte er alle paar Stunden zu seinen Abnehmern gehen, um die Taschen zu leeren; .und bekam für 5 Stück eine Kopeke. Und heute? Nur zweiundsiebzig Stück und —■ 6 für eine Kopeke. Dabei dachte er, daß die Leute ihn früher bestürmt hatten, um ihnen zu den guten Mahlzeiten zu folgen! Er verspürte einen Stich in seinem Innern, der ihm fast den Atem raubte ... Hastig stand er auf und verließ das Bethaus. Nach einer guten halben Stunde kam er wieder und nahm in derselben Ecke Platz. Statt des Säckchens aber hatte er ein in Zeitungspapier eingewickeltes Paket. Er breitete sein farbiges Taschentuch rieben sich auf der Bank aus, worauf er ein Viertel eines runden Brotes, eine Zwiebel und ein bißchen Salz aus dem Paket legte. Die nassen Hände, die er am „Handfaß" zum Essen wusch, trocknete er an den Kacheln des geheizten Ofens. Bescheiden, ruhig, als ob er gar keinen Hunger verspürt hätte, aß er das ins Salz getunkte Brot, das er mit dem kräftigen Saft der Zwiebel leichter hinunterschluckte. Er schwieg vor rührender Dankbarkeit, als ein Studierender ihm ein Glas Tee hinstellte, welches er von einem benachbarten Hause brachte. Ob er nicht viel essen konnte, oder ob ihm das Brot zu schade war? Beides war zu seinem Vorteil . . . Während er das Tischgebet flüsterte, wickelte er den Rest der winzigen Mahlzeit ins Papier ein und versteckte es ins Bücherregal. Dann holte er sich ein Buch aus demselben und setzte sich neben die Lernenden. Er legte die runde Mütze ab und blieb in der schwarzen Ripskappe sitzen. Seine pechschwarzen Peijes schaukelten bei den Bewegungen seines schlanken Oberkörpers, als er mit einer lyrischen Melodie zu lernen begann. Nach und nach bewegte er sich langsamer, dämpfte sich sein Ton. Schwer fiel sein Kopf, den er mechanisch auf die ausgebreiteten Hände fallen ließ. Bei den langgezogenen, stillbrummenden Weisen der Talmudisten schlief er ein. Die Anwesenden konnten ihm leider keine bessere Schlafgelegenheit verschaffen und — ließen ihn bei ihrem Fortgehen ungestört . . . Palästinafahrt. Tagebuchblätter von M. E. (Fortsetzung.) Schabbos ist da, und wir gleiten über die blauen Gewässer, Griechenland zu. Und Kindheitslektüre schleicht sich sachte wieder in unser Gedächtnis, aus jener Zeit, wo wir aus Homer die Humanität und von den Griechen die Lehre von der Gleichheit' aller Menschen. ableiteten, Gustav Schwabs Sagen und Schliemans Träume und Odysseus' Irrfahrten erlebten; und siehe da, da taucht sie auch schon auf, die langgestreckte Insel Ithaka, wo er leise abgesetzt wurde, schlafend, nachdem er sich zehn Jahre lang auf diesen Tag vorbereitet, nach diesem Moment gesehnt hatte. Und nachträglich erlebe ich noch einmal die Tragik und Wahrheit, die in diesem feinen Zug liegt. Einen ganzen Tag verweilen wir in den griechischen Gewässern, zwischen Träumen und Wachen, zwischen Kindheitserinnerungen und neuen Beobachtungen, morgens an der spartanischen Küste vorbei, um schließlich in der Richtung auf Zypern unserem eigentlichen Ziele zuzusteuern. Von Westeuropa über Griechenland nach Erez Jisroel, das ist genau der Weg, den wir gehen müssen. Den umgekehrten waren wir gegangen. Die Diskussionen zwischen den verschiedenen Weltanschauungsgruppen, den alten Juden vom Zwischendeck und den jungen G'ttesleugnern, werden immer erregter. Der Gegensatz zwischen den in ihrem Sohar versunkenen, in G'tt Ruhenden, denen die Welt ganz gleichgültig ist, und den überheblichen Aufbaupionieren, zwischen den ernsten Alten und den leichtsinnigen Knaben . und Mädchen macht sich immer ungemütlicher geltend. Gern flüchtet man zu früher Morgenstunde hinauf, wenn das Deck noch nicht so bevölkert ist, um dem Laufe des Schiffes zu folgen. Sonntag früh 5 Uhr stehe ich oben, es ist noch vor Sonnenaufgang. Das Meer ist ruhig wie selten zuvor, ganz vorn am Bug betrachte ich die Wellen, die schäumend und brausend vor dem Ungeheuer fliehen, das da von Menschenhand gebaut, sich unerbittlich den Weg bahnt durch ihr Element. Etwas von dem Triumph der Wissenschaft, von dem biblischen. Ruf: „Und bezwinget sie!" liegt in diesem Gang, etwas von dem racheschnaubenden, Hybris! flüsternden Element liegt in dem Brausen der Wellen. Aber je weiter sie sich ■ fortbewegen und mit ihren Geschwistern verbinden, desto ruhiger werden sie, sie fühlen, sie gehören einem größeren Ganzen zu, das ihnen eine Stärke verleiht, die keine Menschenhand brechen kann, demgegenüber das wurzellose Schiff eine' Nußschale ist und bleibt. Die Wut legt sich, der weiße Schaum verliert sich. Freilich, ein Zittern bleibt zurück. Das liegt aber nicht am Schiff. Tausend und abertausend Wellen, Berge und Täler erheben und senken sich und. verraten, daß da unten in der Tiefe ein noch größerer Kampf sich austobt, zwischen Leben und Leben, zwischen Erde und Wasser. Uns scheint das Ganze ein ungheurer Körper, die übereinandergelagerten Wellengipfel wie Schuppen eines ungeheuren Fisches. Da taucht am Ende des Horizontes, die dunkelgraue Fläche immer heller färbend, ein rosiger Streifen aus den Wolken, und bald zeigt sich auch schon die rote Kugel, der Sönnenball, höher und höher steigend, nach unten ' in tausend und abertausend Strahlen sich verteilend, nach oben mit einem goldenen Lichtraum sich umgebend. Jetzt flutet das Licht über die ganze Wasserfläche, die wie eine Unmasse von glänzenden Bergspitzen sich präsentiert. Ein neuer Tag erobert sein Reich, auf den Bergen beginnend, auf dem Meere sich wiegend, alles Lebende weckend. Die Leute zeigen auf einen feinen Streifen Land, der immer deutlicher sich aus dem Wasser hervorhebt. Wir sind vor Larnaka. Die Vorbereitungen zum Landen werden getroffen, die Einwohner in Zypern warten schon lange darauf, denn mit jedem Schiff kommen Leute, die sich von dem ziemlich reizlosen Gefilde. viel mehr versprechen und alles mögliche dort einkaufen. Wirklich von Wert sind nur die feinen Stickereien, die dort billig zu haben sind. So naht die letzte Nacht heran, an deren Ende die Landung auf heiligem Boden steht. Alles andere, was tagelang Auge und Herz gefangen genommen hat, verschwindet vor diesem einen Gedanken. In dieser Nacht schläft man nur wenig. Ein fieberhaftes Treiben hat sich aller bemächtigt. Jeder packt seine Koffer, schleppt sie vor die Kabine, oder gar die Treppe hinauf, um sie am nächsten Tag bei der Hand zu haben. Das Laufen, Hasten, Poltern und Schieben läßt auch die Leute, die eine gute Kabine haben, nicht zum Einschlafen kommen, selbst wenn der Gedanke an Erez Jisroel ihnen weniger zu schaffen macht. Vom Liegestuhl aus wache ich darüber, daß es mir nicht wie Odysseus geht. Langsam und mählich wird es heller, die Nacht beginnt?ju weichen, und plötzlich taucht ein feiner, weißer Streifen auf: die Küste Erez Jisroels zeigt sich den Augen. In stiller Versunkenheit genieße ich diesen Anblick, noch bevor die staunende Menge zusammengelaufen ist. Immer deutlicher und immer schärfer, immer länger wird der Streifen, bis wir Jaffa vor uns sehen; zunächst nur ein Knäuel von Häusern, von schlanken Türmen überragt, von Kuppeln zugedeckt, das Ganze wie Gibraltar auf einem 30 Meter hohen Felsen, direkt und steil aus dem Meere heraufsteigend. Und schon wird die ganze Fläche, die zwischen uns liegt, lebendig; zuerst war es nur ein Motorboot, bald aber wimmelt es von arabischen Booten. Das ohrenbetäubende Geratter der Räder setzt ein, Araber schreien hinüber und herüber in ihrer von Gaumen- und Kehllauten durchsetzten Sprache, um das Gepäck aus dem Gepäckraum zu schaffen. Ich frage mich vergebens, woher sie gekommen sind. Mit. katzenärtiger Geschwindigkeit müssen sie die Wände heraufgeklettert sein, um das Handgepäck und die Koffer herauszutragen, und in die unten in langer Linie wartenden Boote, deren erstes mit Mühe am Schiff festgehalten wird, herunter zu werfen. Unsereins sieht mit einiger Angst und ratlos, wie das Gepäck" in Sicherheit gebracht werden soll. Man kann sich nicht denken, daß ' das gut ausgeht. Es wird gar nicht viel gefragt; das ist noch ein Glück, denn wir verstehen ja doch nicht die Sprache. Das Gepäck wird einfach weggeschleppt, n^r die mit der Sache vertrauten Schiffsleute beruhigen: „Es wird sich schon alles finden, lassen Sie sie nur." Das Gepäck, von dem die Rede ist, ist auch schon auf dem Weg nach Jaffa. Inzwischen werden die Reisenden noch einer langen Tortur unterworfen. Sie warten und warten stundenlang, bis sie an die hohe Regierungskommission gelangen, die inzwischen angelangt ist, und an einem grünen Tisch behaglich und nicht übereilt ihre Stühle eingenommen hat. Draußen hat sich eine lange Kette ungeduldig wartender Männer, Frauen und Kinder und Greise gebildet. Es dauert lang, bis die ersten hineingelassen, und noch länger, scheint es, bis die zweiten drankommen. Die Herren von der Kommission haben eben viel zu fragen, sie wissen nicht, daß diesem Schritt, noch bevor wir ins Schiff kamen, viel schwerere Ueberlegungen zugrunde -liegen. Das geniert aber die Herren nicht. Jeder der 15—16 Herren hat eine andere Sorge, hat eine andere Frage. Wo unsere Papiere sind, ob wir noch welche haben, wieviel Geld wir haben, ob wir Bekannte dort haben, warum wir hingehen, was wir dort wollen, und der-, gleichen unwichtige Dinge mehr. Glücklich die wenigen, die durch einen Bekannten früh' herausgeholt, oder durch die höhere Schiffsklasse früher drangenommen wurden. Alle Freude droht bei dem aufregenden Warten verloren zu gehen. Ich schätze mich glücklich, mich entschlossen zu haben, erst in