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Der Israelit · 1934-02-01 · Heft 5 (1.2.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 5 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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1. Februar 1934 De r Israelit Nr. 5 Seite 9 Januar eine Tagung ab, zu der als Vertreter des preußischen Landesverbandes und der Reichsvertretung LGR. Dr. Lilienthal aus Berlin erschienen war. Dieser erstattete in einem groß angelegten Referat Bericht über die Arbeiten der zentralen Instanzen und warnte vor einer allzu pessimistischen Auffassung der Situation. Was das Schulwesen betrifft, so müsse man nicht nur die bestehenden Schulen zu erhalten suchen, sondern auch angesichts des vorhandenen Bedürfnisses neue gründen. Bisher seien für Schulzwecke Unterstützungsgelder aus England nach Deutschland geflossen, mit denen die bestehenden Schulen unterstützt werden konnten. Als neue Schulgründungen kämen natürlich nur Volksschulen in Betracht. Die Schule müsse eine jüdischreligiöse sein. Parteipolitik habe in der Schule nichts zu suchen. Pflicht der Großgemeinden sei es, den .Kleingemeinden helfend zur Seite zu stehen. Auf Vorschlag von Oberrabbiner Dr. Carlebach und unter Zustimmung Dr. Lilienthals wurde beschlossen, die Rabbinate Kiel und Lübeck zusammenzulegen, ferner einen Lehrer für die Gemeinde Segeberg, Neumünster und Elmshorn mit dem Sitz in Segeberg anzustellen, während in Elmshorn ein Kantor verbleibt. Das Bezirksrabbinat Friedrichstadt solle erhalten bleiben unter der Voraussetzung, daß die Gemeinden Rendsburg, Flensburg und Kappeln wie bisher monatlich Mk. 50.— zusammen aufbringen. Der Voranschlag des Verbandes für 1934balanziert mit rund Mk. 10.000 ohne die Zuschüsse des preußischen Landesverbandes. Prof. Adam und das württembergische Kultusministerium. Stuttgart, 27. Jan. Der württembergische Kultusminister hat dem Theologie-Professor der Universität Tübingen, Dr. Adam, wegen einiger Stellen eines öffentlichen Vortrages seine Mißbilligung ausgesprochen. In der Erwartung, daß er sich künftig größte Zurückhaltung auferlegen werde, wurde ihm die Wiederaufnahme seiner Vorträge gestattet. Der Vortrag hatte sich gegen die „Glaubensbewegung deutscher Christen" gewendet, insbesondere gegen die von dieser Bewegung vertretenen Meinung, daß die Deutschen nur den deutschen G'tt erkennen und verehren sollten, wie die Juden in der Geschichte ihres Volkstums ihren G'tt erkannt und verehrt hätten. Demgegenüber hatte Prof. Adam nach einem Berichte des „Deutschen Volksblattes" in Stuttgart folgendes ausgeführt: „Wo ist Euer Zeugnis, wo ist Eure Beglaubigung dafür, daß das deutsche Volk in demselben erhabenen Sinn zum Instrument der g'ttlichen Heilsentschlüsse erwählt ward, wie das jüdische? Weist auch die deutsche Geschichte Männer G'ttes auf wie Moses, Jesajas und Jeremias, Männer G'ttes, die, eingetaucht in die Gluten des heiligen Geistes, mitten unter dem Wildwuchs zügellosen Heidentums und polytheistischer Verirrungen den einen wahren G'tt, den Schöpfer des Himmels und der Erde verkündeten, und die sein heiliges Gesetz, das Gesetz des Gehorsams und der Treue, der Wahrhaftigkeit und Liebe der entarteten Menschheit wieder ins Herz schrieben? — Im Anschluß hieran stellte Adam die gleiche Frage mit Bezug auf den Stifter des Christentums in der Einzigartigkeit seines Wesens und mit Bezug auf die Apostel und fuhr fort: „Nichts von all dem hat die deutsche Geschichte, hat die deutsche Glaubensbewegung aufzuweisen: Keinen Propheten, keinen Erlöser, keinen Apostel, keinen Märtyrer —- sie weiß nichts von harten Wirklichkeiten und ihrer herben Not, sie weiß nur Jvon Sagen, Märchen und Mythen," Die jüdische Geschichte sei eine überjüdische, übernatürliche g'ttliche Geschichte und offenbare den Anbruch einer neuen übernatürlichen Liebesbewegung von G'tt her. Sie werde deshalb immer eine einzigartige sein und bleiben Israelitische Landesversammlung für Württemberg. Stuttgart, 28. Jan. Anfang Januar tagte in Stuttgart die Israelitische Landesversammlung für Württemberg bei Anwesenheit sämtlicher Abgeordneter und sämtlicher Mitglieder des Oberrats. Nach Vornahme verschiedener Ersatzwahlen nahm der Prä- Die Woche. Stettin. In einem Bericht des „Swinemünder Greif" über eine Veranstaltung der nationalsozialistischen Ortsgruppe Neuhof- Heringsdorf heißt es: „In der Diskussion wurde die Frage angeschnitten, ob Herings - dorf noch jüdische Badegäste aufzunehmen gedenkt. Pg. Bauer erklärte hierzu, daß derjenige ausgeschlossen werde aus der Volksgemeinschaft, der Juden aufnimmt. Heringsdorf wird dieses Jahr ohne Juden sein," Plauen. Auf Wunsch des Ministeriums sollen, im Gegensatze zu früheren Gepflogenheiten, in Zukunft ausschließlich deutsche Staatsangehörige zu Mitgliedern des jüdischen Gemeinderates gewählt werden können. Schweimfurt. Ein . hiesiger zugelassener jüdischer Rechtsanwalt klagte gegen einen Zollbeamten, . der einen Brief an ihn und seinen Kollegen mit den Worten „An den Juden usw." adressierte, und erreichte, daß der Beklagte einen Geldstrafe von Mk. 50.— erhielt. Die höhere Instanz, an die der Verurteilte appellierte, ermäßigte die Strafe auf Mk. 25.—. An sich, heißt es in der Begründung, bedeute das Wort Jude keine Beleidigung, hier aber wurde es offensichtlich in beleidigender, Absicht gebraucht. Wesel. Der Vorstand der deutschen Kavallerie hat dem Mitglied des R. j. F. und Begründer des „Vereins ehemaliger Kavalleristen Wesels und Umgebung", Kurt David, der aus diesem Verein auf Grund des bekannten Führer-Befehls ausscheiden mußte, nachträglich das Mackensen- Ehrenkreuz II. Klasse verliehen. Gleichzeitig wurde dem Ausgezeichneten eine vom Generaloberst von Einem unterzeichnete künstlerisch ausgeführte Urkunde ausgehändigt. Paris. Dr. M, Kreinin hat sein Amt als Direktor des Verbandes jüdischer Organisationen für Auswanderungshilfe Hicem niedergelegt. Er bleibt jedoch weiterhin Mitglied der Exekutive von Hicem und Präsident von Emigdirect. Czernowitz. Eine Straße der Stadt Czernowitz sollte nach Beschluß des Magistrates nach Baruch Spinoza benannt werden. Dagegen erhob sich Widerspruch, und ein Universitätsprofessor bewirkte es bei Gericht, daß der Name des Amsterdamer Philosophen aus dem Straßenregister gestrichen wurde, da gewisse Bevölkerungskreise an dem Namen des „Fremden" Anstoß nehmen könnten. Armer Spinoza, ein Fremder hie und dort! . . . Warschau. Das Warschauer Kreisgericht hat den 19jährigen Studenten Stanislaw Walczak zu sieben Tagen Arrest verurteilt, weil er bei einer judenfeindlichen Kundgebung „Nieder mit den Juden" gerufen hat. — Wie die Warschauer Presse meldet, werden sich Ministerpräsident J e d rzejewicz und Handelsminister Zarzycki nach Palästina begeben, um an der feierlichen Eröffnung des polnischen Pavillons auf der Tel-Awiwer Messe teilzunehmen. Wilna. Die Wilnaer Militärbehörden haben beschlossen, ein - Sportstadion anzulegen und dabei den historischen Judenfriedhof von Wilna dem Bau des Stadions zum Opfer fallen zu lassen. Das Bekanntwerden des Bauplans hat in allen jüdischen Kreisen stärkste Erregung hervorgerufen. Die jüdischen Körperschaften sind bemüht, die Auflassung des Friedhofs zu verhindern. Saloniki. Die vor kurzem eingeführte Zwangssonntagsruhe soll wieder abgeschafft werden. Auf Anordnung des Volkswirtschaftsministeriums wird demnächst eine Abstimmung unter der Salonikier Kaufmannschaft darüber stattfinden, über deren Ausgang man nicht im Zweifel ist. Jerusalem. Von den wegen Teilnahme an den Tel- Awiwer Kundgebungen gegen die Touristenjagden verhafteten jungen Leuten wurden fünfzehn zu Gefängnisstrafen von einem bis zu vier Monaten verurteilt. Ein sechzehnter Angeklagter mußte eine Sicherstellung für die Zeit eines Jahres erlegen. Auf dem Wege zum Gefängnis sangen die Verurteilten die Hatikwah. Sämtliche Verurteilte gehören der revisionistischen Partei an. sident des Oberrats, Ministerialrat Dr. Hirsch, das Wort zum Tätigkeitsbericht des Oberrats für die Zeit vom 1. Februar bis zum 31. Dezember 1933. Eine ausgedehnte und heftige Debatte entspann sich über die vom Oberrat beantragte Ermächtigungsverordnung, die darauf hinausgeht, den Oberrat auf die Zeit bis Ende 1934 zu ermächtigen, alle Maßnahmen zu treffen, die er auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Finanzen, der Organisation und des Beamtenrechts für erforderlich hält. Soweit es sich um Maßnahmen handelt, die außerhalb der Zuständigkeit des Oberrats nach der Verfassung vom 18. März 1924 liegen, soll der Oberrat durch die Hinzuziehung des Präsidenten der Landesversammlung, des Vorsitzenden des Finanz-Ausschusses und eines Mitglieds des Vorsteheramtes Stuttgart (hiermit soll der finanziellen Bedeutung Stuttgarts für die Aufrechterhaltung der Gesamtorganisation Rechnung getragen werden) mit Stimmrecht vergrößert werden. Dieser Antrag wurde mit der Maßgabe angenommen, daß die Ermächtigung für den Oberrat in seiner derzeitigen Zusammensetzung unter Herausnahme der §§ 66 und 86 der Verfassung sowie der kirchensteuerrechtlichen Bestimmungen des Kirchengesetzes gelten soll. Oesterreich. Etat der Wiener Kultusgemeinde. Wien, 25. Jan. Im Etat der •Kultusgemeinde für 1934 werden als Gesamteinnahmen 6.521.670 Schilling, als Gesamtausgaben 6.575.210 Schilling präliminiert, so daß sich ein Gesamtabgang von rund 53.540 Schilling ergibt. Unter Hinzurechnung der Defizite aus den früheren Jahren per 166.236 Schilling ergibt sich ein Gesamtdefizit von 219.776 Schilling. Auf die einzelnen Kapitel werden die folgenden Summen präliminiert: Kultus- und rituelle Angelegenheiten S 1,178.470; Schul- und Unterrichtsangelegenheiten S 571.800; Friedhof- und Beerdigungswesen S 1,460.580; Fürsorgewesen S 2,394.110; Deutschlandhilfe S 50.000; Spenden für Vereine und wohltätige Zwecke S 80.000; Gemeindeverwaltung S 433.180; Steueramt 260.470; Gebäudeverwaltung S 126.140; Materialverwaltung S 22.400; Technisches Amt S 29.180; Reservekonto S 80.000. Der größte Posten im Budget ist nach wie vor der für Fürsorgezwecke mit S 2,394,110. Mit Rücksicht auf die außerordentliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Wiener Judenschaft, die es dazu bringt, daß ungefähr ein Fünftel der jüdischen Bevölkerung auf direkte oder indirekte Unterstützung der Jüdischen Gemeinde angewiesen ist, sieht sich die Gemeinde veranlaßt, in ihrem diesjährigen Voranschlag für Fürsorgezwecke um S 90.430 mehr als im Jahre 1933, resp. um S 142.000 mehr als im Jahre 1932 zu präliminieren. Polen. Verfassungsreiorm in Polen und politische Rechte der polnischen Judenheit. .Warschau, 28. Jan. Im Zusammenhang mit dem Entwurf zu einer Verfassungsreform, (inzwischen im polnischen Parlament angenommen), hat der Jüdische Klub im Sejm eine politische Erklärung abgegeben. Der Klub weist darauf hin, daß durch die Verfassungsreform, die zum Zweck der Festigung des gegenwärtigen Regierungssystems hauptsächlich gegen- . über der (nationaldemokratischen Rechtsopposition eine Erweiterung der Machtbefugnisse "des Staatspräsidenten sowie der gesetzgeberischen Rechte des Senats vorsieht, während gleichzeitig das aktive Wahlrecht zum Senat auf privilegierte Wählerkategorien beschränkt werden soll, das Wahlrecht der jüdischen Bevölkerung auf ein Minimum reduziert wird. Gegenüber der von ihm befürchteten Beeinträchtigung der polnischen Judenheit in ihren politischen Rechten durch die Verfassungsreform fordert der Jüdische Parlamentsklub Sicherung des uneingeschränkten Rechts der jüdischen Bevölkerung auf ihre Beteiligung an der Wahl der gesetzgebenden Körperschaften.

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