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Der Israelit · 1934-02-01 · Heft 5 (1.2.1934) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 5 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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1. Februar 1934 Der Israelit Nr. 5 Seite 5 Die Ueberheblichkeit, die in diesem 'jaafjaa nJSSST-Prinzip liegt, scheint .uns der ^Charakter- Erziehung, im traditionell-jüdischen Sinne wesentlich gefährlicher zu sein, als es die brüderliche Einordnung in eine Organisation der gesamten thoratreuen Jugend wäre. Das Talent mag sich in der Stille bilden, der Charakter jedenfalls besser im Strom der Welt, die aber nun einmal nur mit geeinten Kräften ergriffen und dem Thorawort unterworfen werden kann. Links vom Esra haben wir dann weiter die „Thora wa - awoda" - Gruppen, den „Br i t h Chaluzim dathiim", der ehemalige Esräer von halb oder, dreiviertel misrachistischer Gesinnung umfaßt, von der zionistischen Or-ganisation finanziert wird und beim Misrachi mündet. Dann folgen erst die Zeire M i s r a c h i - Q r-u p p e n selber, die unter sich wiederum einigermaßen differenziert und mit dem Gesamt-Misrachi vielfach keineswegs einverstanden sind. Yom „Brith Chaluzim Dathiim" liegt uns. eine neue Zeitschrift „Darkenu" vor, die einen durchaus positiv-thoratreuen Eindruck macht trotz des vorsichtigen Abrückens von dem Verdachte, als sei die begeisterte Verherrlichung des Jeschiwa-Lernens in dem Aufsatze von Nathan Hoffmann-Mir und die ebenso vorbehaltlose jverehrungsvolle Würdigung des Chofez Chajim im gleichen Hefte wirklich „der Weg" des Bundes. Aber wenn man liest, wie in diesem- Heft Mosche Unna einem weiter links im areli-, giösen „Hechaluz" und nicht im „Brith" mitarbeitenden Chawef'den Wert und die Notwen: digkeit einer eigenen religiösen Organisation klarzumachen sucht, so fragt man sich wirklich, ob und warum denn nun für ewige Zeiten jedes Grüppchen der religiösen Jugend, das den — meinetwegen vorläufig nur>„r e 1 a t i v e n" — Wert der organisatorischen Zusammenfassung überhaupt erkennt, unbedingt seine eigene Organisation haben und dann, als Konsequenz davon, seine ureigene Ideologie gegen die der Nachbargruppe mit Todesverachtung abgrenzen und verteidigen muß. Dieser . unheilvolle individualistische Trieb lähmt alle Wirkung, ins Große und beraubt zugleich jede Gruppe des Vorteils, die. sie aus dem mitstrebenden Wettbewerb der anderen, sobald ■die gemeinsame Grundlage hervorgekehrt wird, ziehen könnte. Freilich darf man eine Besserung dieses Zustandes hoffnungsloser Zersplitterung der Kräfte nicht erhoffen, solange nirgends ein Führer von Format sichtbar wird, der es verstände, die Individualismen der vielen „Führer" zu zügeln den durch den Weltkrieg heimatlos. In Galizien und Polen tobte der Krieg am wildesten; in erster Reihe -wurden diejüdischen Geschäfte geplündert, die jüdischen Häuser angezündet, die jüdischen Frauen und Mädchen geschändet und die jüdischen Menschen in die Welt hinausgetrieben, in der sie noch heute heimatlos herumirren. Es fehlt uns noch immer die Distanz zu den großen Ereignissen, um sie schon historisch wissenschaftlich fassen zu können, aber die Geschichte dieses Martyriums muß einmal geschrieben werden, damit die Welt erkenne, wer die wirklichen Opfer des völkermordenden Hasses und Wahnsinns sind, damit man milder und gerechter urteile über Menschen, die nicht durch ihre Schuld ihre Heimat verließen und nun überall und doch nirgends zuhause sind. Man hätte nur die unglücklichen Flüchtlinge damals sehen und hören sollen! Die Flüchtlinge machten uns große Sorge, und namentlich hatte ich als Rabbiner immerfort zu schlichten, und zu begütigen und hie und da auch energisch aufzutreten, aber nicht nur den Flüchtlingen gegenüber, sondern auch Behörden gegenüber, die gar kein Verständnis für die unerhörte Notlage und für die seelischen Qualen dieser so plötzlich aus ihrem häuslichen Frieden Gerissenen hatten. Als typisches Beispiel will ich nur ein Ereignis erwähnen, ein Ereignis, dem ich die Freundschaft des Czortkower Rebbe zu verdanken hatte. Am zweiten Selichothtage kam ich aus Budapest nach Hause und fand eine ganze Anzahl von Telegrammen meiner rabbinischen Kollegen aus dem Komitat vor, daß es beschlossene Sache sei, daß all die jüdischen Flüchtlinge am ersten Roschhaschonohtage abtransportiert werden sollen. Die nötigen Eisenbahnwagen seien schon von der Kriegstransportbehörde nach dem Komitat dirigiert. Ich fuhr nach der Komitatshauptstadt und versuchte, eine und sie alle zusammen auf den großen Grundgedanken der thoratreuen Einheitsorganisation zurückzulenken, die jedem selbstlosen Sonderstreben - berechtigten Entwicklungsraum zu gewähren vermag. Leere Demonstrationen. Fast in allen Weltstädten auf dem Erdenrunde blüht eine antisemitische Hetze im Verborgenen, die für ihre Nahrung und Verbreitung selbstverständlich den Anschluß an einen Heimatboden sucht. Sehr erbaut scheint man hüben wie drüben von diesen betriebsamen Filialen nicht zu sein. So hat der Propagandaminister Goebbels erst vor kurzem in einem Interview erklärt, der Nationalsozialismus sei kein Exportart ik e 1. . Man begrüßt es in Deutschland von vornherein gewiß nicht mit Freude, wenn bestimmte Kreise im Auslande ihr antisemitisches Süppchen am nationalsozialistischen Feuer zu kochen suchen. Auf der anderen Seite mußten die „Nationalsozialistischen Eidgenossen" in Berlin erfahren, daß man nicht gewillt sei, ihres Uebereifers wegen, den man im Uebrigen als eine Einmischung betrachtet, Verstimmung in Bern zu erregen. In Kairo ist es der Deutsche Klub, der neben vielem anderen Broschüren übsr das Judenproblem in Deutschland herausgegeben hat. Präsident des Deutschen Klubs ist ein Herr van Meeteren, Direktor der SiemensrOrientgesellschaft. Man hätte die Broschüren zu den anderen Akten tün könrieri, ohne den Staub am Nil so aufwirbeln ZU lassen, daß er, wie schon einmal in jener Gegend, allerlei Plagen erzeugt. Aber ein Herr Jabes, seines Zeichens Bankangestellter, verklagte auf Anregung der Liga gegen den Antisemitismus Herrn van Meeteren und semert Klub wegeflP übler Nachrede gegen die Judeft', wovon er als Einzelner betroffen sei. Es liegen in den englischen Archiven alte Prozeßakten aus defn" achtzehnten Jahrhundert vor, wonach ein Gerichtshof die Klage eines einzelnen Juden, der nicht speziell genannt wurde, in einem Falle allgemeiner Judenverleumdung anerkannt und den Angeklagten zu einem Schadenersatz verurteilt hätte," Was der Herr Jabes tat, hätte jeder einzelne Jude von Aegypten tun können und es hätte Herrn van Meeteren gewiß eine große Stange Gold gekostet. Der Gerichtshof, der aus einem Engländer, einem Italiener und einem Aegypter sich zusammensetzte, hat die Klage abschlägig beschieden und dem Kläger die Gerichtskosten auferlegt. Die Sache ist abgetan, aber der Staub wirbelt noch hoch in der Verschiebung des Termins zu erwirken. Die Behörden wollten mir klar machen, daß doch im Kriege auf Roschhaschonoh usw. keine Rücksicht genommen werden könne. Ich suchte wieder meinerseits den Behörden klar zu machen, daß wir doch in Eisenstadt und Umgegend keinen Krieg hätten und die Flüchtlinge noch ruhig weitere drei Tage, — denn Roschhaschonoh fiel auf Donnerstag und Freitag und dann kam naw ms? — bei uns bleiben könnten. Ich versuchte auch den Behörden klar zu machen, daß die Flüchtlinge schließlich doch keine Verbrecher seien, sondern unglückliche Opfer des Krieges und daß man auf ihr Seelenleben doch ein wenig Rücksicht nehmen müsse. Wir konnten uns nicht einigen, aber die Flüchtlinge blieben auf Grund neuer Verordnung bis Sonntag in unserer Gegend. Hier darf ich vielleicht einen Dank und Gruß an meine Gemeinde Eisenstadt einflechten, die in geradezu wunderbarer Weise für die Flüchtlinge sorgte. Am Morgen war die ganze Gemeinde mit Liebesgaben an der Bahn, die in der Nacht fertig gemacht wurden. Es schlief, glaube ich, kein Mensch in dieser Nacht in der Kehilloh. Auch der verdiente und gütige Oberstuhlrichter des Bezirkes, Herr Ludwig von W o 1 f f, der mir fast in freundschaftlichem Wohlwollen zur Seite stand, ließ es sich nicht nehmen, den „Auszug der Kinder Israels", wie er scherzend, meinte, mitzuorganisieren und er gab den Flüchtlingen noch einen Vorschuß in Geld mit auf die Reise. Das Ereignis wurde seinerzeit viel besprochen und drang auch zum Czortkower Rebben, der daraufhin den Wunsch äußerte, mich kennen zu lernen. Ich besuchte ihn während der Cholhamoedtage zum erstenmal .und dann so oft ich nach Wien kam. Er konnte mir gar nicht genug danken für das, was ich an den Flüchtlingen getan hätte, aber, wie er meinte, Luft, und die deutsche Presse hat eine Sensation, denn nachträglich herrscht große Freude über diese jüdische Niederlage in einem Scheinkampfe um Recht und Ehre des Judentums. Wir wollen hier nicht prüfen, ob das Gericht juristisch recht hat oder nicht. Auch in anderen Ländern, und nicht zuletzt in Deutschland, ist wiederholt von Gerichten anerkannt worden, daß unter gewissen Umständen der Einzelne in einer Volksgemeinschaft sich beleidigt und betroffen fühlen könnte, wenn diese Gemeinschaft verunglimpft wird. Hier nur ein rem prinzipielles Wort: Der jüdische Kläger in Aegypten war ganz gewiß nicht darauf aus, aus dem Vorstoß des Deutschen Klübs in Kairo Profit zu ziehen. Es war ihm nicht um Geld zu tun, sondern bloß um die Demonstration, ^voraus zu verstehen ist, daß die jüdische Gemeinde in Kairo als solche sich dem Prozeß nicht anschloß. In ihrem Verantwortungsbewußtsein lehnte sie eben von vornherein eine leere Demonstration ab, deren Ausgang zweifelhaft war, und die nur Wasser auf die Mühlen auch der arabisch-ägyptischen Judenfeinde liefern mußte. Im übrigen darf man hoffen, daß die Herausgeber der besagten Schriften in Kairo, die glauben, die öffentliche Meinung > in Aegypten aufklären zu müssen, bald von Bi?-lin aus belehrt werden, daß der" döütßche Nationalsozialismus in sich stark genug ist und auf die Mitwirkung der ausländischen Emissäre verzichten kann. Allerdings sollten auch die radikalen jüdischen Kreise in Aegypten darauf verziehteri, die" , deutsche Kolonie durch die an dieser Stelle öft genug verurfeüU Boykott-Hetze gegen Deutschland zu provozieren. Von der jüdischen Wahlkurie in Saloniki. Saloniki, früher ein Zentrum und Stützpunkt der türkischen Judenheit, eine Stadt, deren jüdisches Gesicht sich darin ausprägte, daß am Sabbat der Verkehr im Hafen und der Straßenbahnbetrieb eingestellt wurde, ist aus dem Schmelztiegel des . Krieges als eine griechische Stadt hervorgegangen, mit einer jüdischen Provinzbevölkerung, deren Einfluß numerisch und moralisch im steten Sinken begriffen ist. Die jüdische Auswanderung aus Saloniki ist sehr stark und leidet heute vielleicht am meisten durch die Einreisebeschränkungen in Palästina. Zu der schweren wirtschaftlichen Krisis kommen zuweilen auch politische Reibereien, wie man sie in der türkischen Zeit nicht gekannt hatte. Im Senat hat der jüdische Senator S c i a k i es kommt gar nicht darauf an, was man praktisch erreich*, hätte, sondern nur auf das PSjn nvon die eine gute Tat auch zu einer jüdischen Tat mache. Bei jeder Tat für Jehudim muß bH-\v> ranK das Motiv und avn rons in dem Sinne "pT anienn Wim av xnriv das letzte Ziel sein. Im Laufe unserer Bekanntschaft hörte ich unendlich viel Kluges und Gütiges von ihm. Er war in seinen Urteilen sehr milde und ich sah oft, wie er zusammenzuckte, wenn von meiner Seite ein scharfes Wort fiel. Wir sprachen auch über die politischen Parteien der Judenheit, denen allen er Gerechtigkeit widerfahren ließ, indem er bei allen etwas Gutes und Schönes fand. Ueber die Frage von ait? bsrw1 f-iK» eine Frage, die heute so aktuell und so brennend ist, sagte er mir einmal u. a. folgendes: Es wäre ein Unrecht, zu verkennen, was die Zionisten geleistet haben, aber er verstehe sie doch nicht ganz.. Die Zionisten haben sicher den guten Willen, dem jüdischen Volke zu helfen, aber sie scheinen doch die jüdische Geschichte nicht zu kennen. Sie wollen uns helfen, indem sie uns aufs neue unser Land gewinnen wollen. Ist uns aber damit geholfen? Wir hatten doch schon zweimal unser Land und wir mußten es verlassen. Das sollte ihnen doch beweisen, daß mit der Gewinnung des Landes noch gar nichts gewonnen ist. Wozu suchen sie aber auch nach Heilmitteln, wo sie doch erkennen müßten, daß das Heilmittel, das niemals versagt hat und uns nie enttäuscht hat, die nun ist. Sie allein hat uns erhalten in den schweren Jahren des niVa und nur sie hat uns auch die Erinnerung an Vsiw p« bewahrt, denn ohne b&TV f-)K nvt», die den alten aiw» begründet hat, wäre jede Erinnerung und damit jede Möglichkeit eines neuen Aufbaus erstorben. Die Zionisten sind übrigens kluge Menschen, sie. werden mit der Zeit schon auf die Wahrheit kommen. Große Freude

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