Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1. Februar 1934 ' _ ••■ ' D i t Nr. 5 Seite 3 < Fortsetzung von &eite -l.) :\ schon oft und besser gesägt und verwirklicht worden sind, beweist noch, nichts gegen ihre Berechtigung;, Aber wenn die „Reichsvertretung der deutschen Juden' nach wochenlangen Vorbereitungen .ein Schulprogramm herausgibt, dann muß man <loch vor allem und zum mindesten ein Wort über Erziehung erwarten, das tiefer g tun d e t und aus e i n h e i 11 i c h e m G u ß i s t? das wert ist und fähig ist, über der Wiege eines neuen Geschlechtes zu stehen. Nichts "wäre leichter gewesei? als dies. Es gibt keine tiefere Verwurzelung der Erziehungskräfte als im Religio s e n , sie allein bringt die Versöhnung im Streite der Gefühle, -von denen wir uns hin- und hergeschleudert sehen, sie a 11 e i ,n. b r i n g t d i e E i n h e i t aus der heraus gelebt werden kann und erzogen '1 werden muß. Aus ihr kann die Treue zu Glauben, Geschichte und Blut so gut wie zur deutschen: Heimat und. Kultur ihre stärkste Nahrung _ziehen. .; Geht, man in .dieser Erwartung an die Richtlinien heran, so erlebt man die schmerzlich s t e E n 11 ä u s c h u n g. An den Anfang stellen sie den Zwiespalt: Zwei „Urerlebnisse", die angeblich jedes in Deutschland lebende (!) jüdische Kind in sich trägt, sollen gleichmäßig entwickelt und ins Bewußtsein gehoben werden. Und, gleich darauf sprechen sie von dem „sich selbst begreifenden" jüdischen Geist, der die Schule durchdringen soll, und* fordern ZU diesem Zweck, daß das Jüdische in den Mittelpunkt aller ■dafür in Betracht kommenden Fächer (nicht der Erziehung?) treten solle. Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch? , Nein, nur ein Kompromiß. Und der Preis? Die Ausmerzung des Religiösen aus der Zielbestimmung des jüdischen Schulideals, des einheitlichen Mutterbodens jüdischen und nichtjüdischen Seins. Dementsprechend wird auch in Satz 4, merkwürdigerweise mit reinpraktischen Erwägungen -verkoppelt, ernst gemahnt, stets im Auge zu behalten, daß die gesamte Erziehung „auf die Er- , ziehung willensstarker und in sich gefestigter Charaktere" abgestellt seih muß. D.e,r ^,läu-, hige J u d e i s t ,v|.e r g e s s e n.! /• ' " :. V ' " " .^Werin'. die allgemeine;;Zielbestimmung der Erziehung nicht 'befriedigt, sö. erwartete -„man' -wenigstens, daß die Ausführungen über; .Ziel, Stoff und Methodik der Fächer, in denen der; Pädagoge die Frücht jahrelanger Erfahrungen, niederlegt, versöhnend wirken werden. Aber leider kann, auch davon keine Rede sein. Die Scheidung dieser bekanntlich streng voneinander zu trennenden Gebiete Hegt dem Redakior augenscheinlich nicht. Pädagogisches Ziel, Lehraufgabe, Lehrmittel:, aind .Weg sind nicht auseinandergehalten. |1 Gerade auf letzterem Gebiete ist in allen Fächern Unter- und Oberstufe streng zu unterscheiden, Der Verf ass.eift geht meist { darüber hinweg, so yie! er häufig vergißt, daß er für die V o l k s s c h u i e n spricht, die in erster Linie anschauliches Erleben und elementares W'i sse n zu vermitteln haben und mit Klassenlehrern rechnen. Was über den Deutsch-, Heimatr und Erdkundeunterricht gesagt ist Geschichte ist überhaupt vergessen — i kann nur in Erstaunen setzen, wenn man bedenkt, wieviel wertvolle Literatur darüber bereits existiert; Selbstverständliches" wird gebracht, auch Unzulängliches — Neues und Wertvolles ist vergessen. Ein großer Teil dessen, was - zum heimatkundlichen Unterricht gesagt wiiid, gehört in die Rubrik: Religions- und jüdischer Geschichtsunterricht, In diesen letzteren Kapiteln findet sich aber auch der Laie nicht mehr zurecht. Der jüdische Unterricht soll zwar imMittelpu nk t der jüdischen Sc hui e stehen. '<,'•'■ ' " Die vielen Stoffgebiete: Glaubens^' und Religionslehre im engeren Sinne, mit den religiösen Vorschriften des praktischen Judentums, hebr. Sprache und Grammatik, Pentateuch,Propheten; j Und biblische Geschichte, Gebete, nachbiblische; >Lit0ratur und Geschichte sind doch aber zu umfangreich, als daß man mit 4-^-6 Stuni'den auskommen köahte! (Die Richtlinien helfen sich: sie ziehen die .10; Gebiete zusammen und behandeln das' ganze 'in' zwei Kapiteln unter den Weberschriften: „Jüdische Religion und Hebräisch" und „Biblische und nachbiblische Geschichte". Psychologisch u n d p ä da gogisch gesehen, ist das unmöglich, da jedes Gebiet seine eigene Aufgabe und Methode hat. Im ersten Kapitel steht z. B. nicht ein Sterbenswörtchen über Religion a 1 s e i g e n e s; Kulturgut. Infolgedessen auch nicht über; die Methode der Behandlung. Der Religionsunterricht hat aufgehört,; A uf bauarbeit zur B i 1 d u n g r e 1 i g i ö s sittlicher Persönlichkeiten zu sein. Er ist zur hebräischen Sprach übung geworden, der die Aufgabe zufällt, „das Kind für die Teilnahme am häuslichen und öffentlichen G'ttesdienst vorzubereiten, darüber hinaus religiös-kulturelles1 Schrifttum zu erarbeiten und den Zutritt Zum gesprochenen, lebendigen Hebräisch zu finden." Für die Volksschulen und unter einer Gesamtzahl von 4—6 Wochenstunden ist das ein bißchen sehr reichlich. Dazu kommt, daß in, dieser Zahl der biblische und nachbiblische Geschichtsunterricht Platz haben soll, in welchem merkwürdigerweise noch die Behandlung der gesetzlichen Teile der Thora, die Psalmen, Propheten, das jüdische Kalenderjahr mit seinen Festen und Halbfesten, religiösen Vorschriften, Sitten und :Bräuchen ~ übrigens alles Aufgaben des Religionsunterrichtes — untergebracht werden sollen. Die Konzentration im alten und im neuen Sinne - ist selbstverständlich zu begrüßen. Aber alles an seiner Stelle/ Zwischen Biblischer und Nachbiblischer Geschichte werden Querverbindungen zu ziehen sein. N a c h. biblische •und Ni c h t j ü d i s c h e G e s chip h t e werden in der jüdischen Schule nicht vorie inand e.r>g et re h ri t Iw er d eh k ö n n e n. .. In seltsamer Verkennung dieses Unterschiedes! wird aber von den „Richtlinien'' die Verbin-> ijdung der Biblischen mit der Nachbibjischeh; Ge*: Wchichte i;als; e i n, e s Stoffgebietes gefordert und die der Nachbiblischen mit der Nichtjüdischen Geschichte ausdrücklich, abgelehnt. :.' Mit dieser Anweisung! soll offenbar dem Versuch zur Rationalisierung der Biblischen Geschichte breitester Spielraum gewährt werden. '■ ■,■;.!' * ..•;- '■ •: .; ' :r.! ■.! ,,' '■ ..' IV. ■! : ■ i .1 In einer Zeit wie der unsrigen und bei der Zerklüftung, die im Judentum herrscht, ist es gewiß schwer, etwas Ganzes und Einheitliches zu schaffen. Aber wozu waren diese Richtlinien überhaupt nötig? Soviel Zeit und Energieverschwendung und s oyi e 1--Ei 1 e? i; Sollte es wahr seih, daß sie von oben herab uregeln sollten, was nur von der pädagogischen ,5 Praxis her geregelt werden kann, um einen neuen ^/eg'1 zur Proklamierung' 'des Einh e i t sjudentums zu bahnen? Sollte damit vorweggenommen werden, was dem Sinnen und Streben gewisser Gemeindepolitker als Ziel vorschwebt und wohl auch von der „Jüdischen : Rundschau" gemeint war, wenn sie den Erzie- hungsausschuß zur Kontrollinstanz gemacht sehen will, darüber zu wachen, daß die Schulen auch wirklich im wesentlichen den Richtlinien entsprechen. Wenn dem so wärey sö kann man sich nur freuen, daß sie in ihrer ganzen Nacktheit veröffentlicht wurden. So wenig wie die weltanscha u - liehe Einheit des. Judentums diktiert werden kann, so wenig könnten ,'p ä d a g o g i s c h e Richtlinien von oben her er La ssen werden. Pädagogische Dinge müssen von unten her werden und wachsen und in der pädagogischen Praxis ihre Bewährung finden. Dort aber sind die Richtlinien bereits längst da. Wollte die R. V. für die neü- -zugründenden Schulen und für ihre innere Ausgestaltung Lehrprogramme, so konnte sie sie in den bestehenden Schulen finden, Sie haben langjährige Erfahrung, in der Praxis geprüfte Lehrpläne konservativer und liberaler Richtung. Es ist möglich, daß sie nicht mehr in allem der heutigen Lage entsprechen, aber diese Lage ist zu tingeklärt, als daß sie heute schon das Recht und die Möglichkeit gäbe zu wesentlichen Aenderungen, selbst wenn sie viel sorgfältiger durchgearbeitet sind, wie es bei den vorliegenden der Fall ist. Was heute schon geschehen kann und sollte, das ist. die Sammlung und Veröffentlichung von Materialien zur Intensivierung des jüdischen Unterrichts und zur Durchdringung des kulturkündlichen mit jüdischen Elementen, wie es z. Zt. von der Interessenvertretung der höheren Schulen geplant ist. Gibt die Reichsvertretung ihr die Mittel, durch Herausgabe wertvoller Bausteine ihre reiche Erfahrung den neuen Schulen, zugute kommen zu lassen, dann wird;; sie sich ein :wirk^ liches Verdienst erwerben. <; , i Wir brauchen nicht tönendes Erz: und klih-; gende*1 Schelle, was wir brauchen, sind: Mittel, z'ü m L e b e n, u m ein n e u e s G e s c h 1 e c h'.t, den T r ä g e r d et, Zu k ü nf t zu schaff e-n» i ■' ■ , 1 ' •1 ■ ■ ■ Dienn das is t — j e^g1 e>i:ts a-ll^r P p 1 i7 tik — die Sendung der jüdischen Schule. | Woehenru^ •" üf; 'm^chi-EHol^'i- '; ij; , Man schreibt uns:,.; uu . :! „Die Stellung des Misrachi als Fraktion in der1 zionistischen' Organisation und seine bisherigen Mißerfolge waren in den letzten Wochen wiederholt Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. Während immer größere Kreise des jjMisra'chi einer Trennung von der zionistischen * iQrjganisation ' das Wort reden, sehen 'andere ihr /.Heil immer noch in ihr und wollen glauben1 machen, daß just in diesen Wochen — nach mehr, als dreißigjähriger Erfolglosigkeit — die religiö- •sen Forderungen des Misrachi bei der Leitung der zionistischen Organisation sich Anerkennung zu (verschaffen beginnen. Anlaß zu dieser Behaup- .türig bildet die in Aussicht genommene Sabbat- Schutz-Klausel des Keren Kajemeth und Keren Hajessod in den Verträgen mit den Siedlern, .die nach Darstellung des Misrachi auf die Anerkennung seiner Forderungen zurückzuführen sei. Hören wir nun den Inhalt der Korrespondenz, die nach Bericht der „ITA" zwischen der Leitung des Misrachi und der Exekutive der Jewish Agency stattgefunden hat! (Siehe Körrespondenzteil.)