Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 5 Der I s r a e 1 i t 1. Februar 1934 Emigrantenkommissar Mac Donald über die nächsten Aufgaben des Emigrantenhilfswerks. London, 29, Jan, Am Montag, den 29. Januar, haben in London die Beratungen des Hochkommissars für Emigrantenfürsorge James G. MacDonald mit dem engeren Ausschuß des Beirats der jüdischen Hilfsorganisationen, bestehend aus den Vertretern der Jewish Agency, des Joint Distribution Committee und der JCA, begonnen. Am Dienstag, den 30. Januar, wird die Konferenz Mac- Donalds mit der Ständigen Kommission des Verwaltungsrates des Emigrantenhilfswerks unter dem Vorsitz von Lord Cecil eröffnet werden. In dieser Besprechung werden die in nächster Zeit zu treffenden praktischen Hilfsmaßnahmen durchberaten werden. In einem Gespräch mit dem ITA-Vertreter erklärte Emigrantenkommissar James G. MacDonald, die Beratungen des Ständigen Ausschusses würden von Dienstag bis Donnerstag dauern. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildet die Frage der Versorgung der Ausgewanderten mit Pässen. Es werde nicht In einer Besprechung zwischen dem Freiburger Erzbischof Dr. G r o e b e r und einem Vertreter der badischen Regierung, über die die Presse berichtet, erklärte der Erzbischof, er müsse die Gläubigen darauf aufmerksam machen, uaß es einem Katholiken nicht erlaubt sei, die Sterilisierung für seine eigene Person oder für einen anderen Menschen zu beantragen. Dagegen erkannte der Erzbischof ausdrücklich an, daß die Aerzten, Heilkundigen und Anstaltsleitern auferlegte Anzeigepflicht in keiner Weise den katholischen Glaubensgrundsätzen widerspreche und von den gläubigen Katholiken ohne Gewissenskonflikt erfüllt werden könnte. Der Erzbischof bat nur darum, daß katholische Ordensschwestern in den öffentlichen Anstalten zu den für die Durchführung des Gesetzes notwendigen Verrichtungen nicht herangezogen werden möchten. In einer von dem offiziösen Pressebüro verbreiteten Notiz weist hierzu die Reichsregierung Keine Haßgesänge gegen das Judentum. Der Referent für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege im Reichsministerium für Volks-. aufklärung und Propaganda, Dr. Thomalla, gab in einer Rede über bevölkerungspolitische Fragen in der Stadthalle in Kassel bedeutsame Erklärungen über die Judenfrage ab. Bei den Bemühungen um die Reinerhaltung der Rasse, so erklärte Dr. Thomalla, käme nicht die Frage der gelben oder schwarzen Rasse in Betracht, sondern lediglich das Judenproblem. Es sei nicht notwendig, daß man Haßgesänge gegen das Judentum anstimme oder in überheblichem Tone von dessen Minderwertigkeit spreche. Es genüge, daran festzuhalten, daß die jüdische Rasse anders als die arische sei. Die Natur gebe kein Beispiel, daß Rassen sich vermischen, weil eine derartige Mischung widersinnig sei. Auch den Juden tue man mit der Forderung nach Nichtvermischung mit der arischen Rasse einen Gefallen, denn die Mischlinge seien unglückliche Geschöpfe, auch wenn sie noch so reich und sozial hochstehend seien. Es habe, bei der Trennung von der jüdischen Rasse gewisse Härten gegeben, menschliche Katastrophen und Tragönur angestrebt, die Zustimmung der einzelnen Regierungen dazu zu erhalten, daß den Emigranten in ihren gegenwärtigen Aufenthaltsländern Pässe ausgestellt werden, sondern auch dazu, daß die Regierungen den Ausgewanderten das Recht zubilligen, auf Grund dieser Pässe nach Auslandsreisen auch wieder in die Länder zurückzukehren, in denen die Pässe ausgestellt wurden. Ferner würden in der Konferenz eine Reihe von Plänen zur Seßhaftmachung einzelner Personen und ganzer Gruppen beraten werden. Es lägen auch Kolonisationspläne und Pläne zur Schaffung neuer Industriebetriebe durch Ausgewanderte vor. Einen weiteren Punkt der Tagesordnung bilden N o t h i 1 f e und konstruktive Hilfe für Ausgewanderte zur Ermöglichung der Gründung einer neuen wirtschaftlichen Existenz, Schließlich werde sich die Konferenz auch mit der Frage der Berufsumschichtung aus Deutschland ausgewanderter Personen in Ausbildungsstätten außerhalb Deutschlands befassen. darauf hin, daß die lehrmäßige Stellungnahme der katholischen Kirche den Staat natürlich nicht 4* hindern wird, daß von ihm für notwendig erkannte Gesetz in vollem Umfange auszuführen. Kundgebungen, die einer Aufforderung zum Ungehorsam gegen das Gesetz gleichkommen, werden unterbunden. Es sei bemerkt, daß die Stellungnahme der jüdischen Lehre zur Frage der Sterilisierung, wie an dieser Stelle schon vor mehreren Monaten (Nr. 38 des „Israelit") durch einen Aufsatz von Dr, Jacob L e v y dargelegt wurde, ganz derjenigen der katholischen Kirche entspricht. Irgend ein Konflikt mit der staatsbürgerlichen Loyalität kann daraus nicht entstehen, da das Reichsgesetz ja den Einzelnen nicht verpflichtet, die Sterilisation für sich oder andere zu beantragen. Soweit das Gesetz Zwangscharakter trägt, muß es selbstverständlich respektiert und darf zu seiner Verletzung auch nicht aufgefordert werden. dien, aber der deutsche Staat sei gegen die eigenen Volksgenossen, die seinen Forderungen nicht entsprechen, nicht minder hart. Wie werden deutsche Juden in Palästina angesiedelt? Jerusalem, 25, Jan", Die Palästina-Abteilung des von Dr. Weizmann geleiteten Departments der Jewish Agency für Ansiedlung deutscher Juden in Palästina hielt eine Pressekonferenz ab, in der Dr. Arthur Ruppin und Henrietta Szold über die bisherigen Arbeiten des Departments und dessen Pläne für die Zukunft referierten. Dr. Ruppin erklärte, im Jahre 1933 seien etwa 7000 bis 9000 deutsche Juden nach Palästina gekommen. Zur Zeit der Volkszählung 1931 war die deutsch-jüdische Gemeinschaft rund 2000 stark, sie dürfte sich inzwischen mindestens verfünffacht haben. In Palästina selbst wurden 12.000 Pfund für Hilfe an deutsche Juden aufgebracht. Die Einwanderer werden' bis zu ihrer Eingliederung in die PalästinarWirtschaft in Hotels untergebracht. Sie werden von einem Komitee beraten, das sich aus Dr, Theodor Zlocisti, Miß Henrietta Szold, Dr. Levi, Dr, Ludwig Feiner, Kurt Ruppin u, a, m, zusammensetzt- Das Budget des Zentralbüros für die deutschen Einwanderer beträgt 125.000 Pfund. Der Londoner Central British Fund steuert 50.000 Pfund bei, wovon 30.000 für Häuserbau in alten Kolonien und 20.000 Pfund für wirtschaftliche Berufsumschichtung der deutschen Einwanderer bestimmt sind. Aus anderen Ländern kamen 58.000 Pfund. Auf Kosten der Komitees aus Alexandrien und Kairo wird eine Kolonie deutscher Juden „Maimonia" (auf den Namen des Rambam) gegründet. Dem Büro angegliedert ist eine Beratungsstelle für deutsche Einwanderer mit Kapital. Es wird dafür gesorgt, daß die Kapitalsinvestierun-' gen auf solider Basis geschehen. Auch bei dieser Einwandererkategorie ist eine „Umschichtung" notwendig, da es sich zu einem großen Teil um frühere Akademiker handelt. Geplant' wird die Einrichtung randstädtischer „Transit-Siedlungen" für Einwanderer, zu deren Umschichtung und neuer Berufswahl eine gewisse Zeit. erforderlich ist. Auf Keren Kajemeth-Boden im Emek- Sebulun in der Nähe von Haifa entsteht eine solche Siedlung für 150 Familien, eine zweite in Newe-Schaanon bei Haifa für 50 Familien, ferner in Talpioth bei Jerusalem für 30 Familien und in Mikwe-Jisrael in der Nähe von Tel-Awiw. Landwirtschaftliche Siedlungen für deutsche Juden entstehen in Wadi Hawarith für 50 Familien, bei Petach-Tikwah für 50 Familien, in Mifraz- Haifa für 25 Familien, Früheren Universitätsprofessoren wurden 900 Pfund zur Fortsetzung ihrer Forschungsarbeiten zur Verfügung gestellt,, davon 500 Pfund für solche, die am Haifaer Technikum, und 400 Pfund für solche, die in der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Rechoboth arbeiten. Miß Henrietta Szold berichtete über die Versorgung der Einwandererkinder. 350 Einwanderer-Zertifikate wurden speziell für Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren zur Verfügung gestellt. Außerdem werden 100 jüngere Kinder deutscher Juden nach dem Kinderdorf Ben- Schemen gebracht. Ende Januar treffen in Palästina 63 ältere Kinder ein, für die in En-Charod Häuser gebaut werden, die übrigen Gruppen werden auf verschiedene. Orte verteilt werden. 55 Kinder orthodoxer Eltern werden in der Nähe von Petach-Tikwah angesiedelt. Die in Palästina eintreffenden Kinder und Jugendlichen werden überall mit viel Liebe aufgenommen und betreut. 350 Kinder deutscher Juden sind bei verschiedenen jüdischen Familien untergebracht; Dr, Gustav Landauer teilte mit, daß gegnwärtig 300 deutsche Juden im Emek Jezreel, 800 deutsche Juden in verschiedenen Siedlungen in anderen Teilen des Landes und 500 deutsche Juden als Einzelarbeiter in den Vorkriegskolonien eine landwirtschaftliche Schulung erhalten. Hungertyphus im Warschauer Judenviertel. Warschau, 26, Jan. In den. letzten Tagen wurden in Warschau, wie die Zeitungen berichten, zwanzig Fälle von Hungertyphus registriert- Hauptsächlich wurden Personen, die im Warschauer Judenviertel wohnen, von der Krankheit befallen. Die auf die Notlage der in übervölkerten und unhygienischen Stadtteilen lebenden Menschen zurückzuführende Krankheit ist seit dem Kriege in Polen nicht mehr aufgetreten. Das Hilfswerk ist vor große Aufgaben gestellt. Katholische Kirche und Sterilisationsgesetz.