Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1934)
- Date
- 1934-01-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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25. Januar 1934 Der Israelit Nr. 1 Seite 3 Er ist nicht nur ein schlechter Nachbar G'ttes, nach den Worten des Talmud, er ist ebensosehr ein" schlechter Nachbar seiner Brüder. Denn die Synagoge ist die einzige öffentliche Stelle, wo Glück und Leid jedes Juden zum Gesamterlebnis wird, sich im Herzen Aller ein Echo fordern darf. Und alle Geister müssen zusammenwirken, um das schwere Problem zu lösen, wie die Synagoge mehr und mehr zum Ausdruck der seelischen Einheit der Gesamtheit wird. Es würde den Rahmen, dieser Betrachtung zu weit spannen, wenn wir die ganze Problematik dieser Aufgabe hier erschöpfen wollten; das muß einer besonderen Betrachtung vorbehalten bleiben. Aber das muß ausgesprochen werden: es muß wieder warm und herzlich, kraftvoll undinnig in der Synagoge hergehen, volkstümlich und schlicht, unter der Teilnahme Aller, in Andacht und Inbrunst. Das Theatralische, Gekünstelte auf der Kanzel und am Vorbeterpult, im Chorgesange und in den g'ttesdienstlichen Formen muß verschwinden. Vor allem muß es allen immer wieder zu Gemüte geführt werden: im G'tteshause sind wir eine heilige Gemeinschaft, ist einer auf den andern gewiesen, findet einer im andern seine Ergänzung, einer am andern seine religiöse Berechtigung. Nur so wird der G'ttesdienst wieder jüdisch. Es wird manchen geben, der, wenn er diese Zeilen liest, kopfschüttelnd meint, wir muten dem deutschen Judentum zu, von seiner kulturellen Höhe hinabzusteigen, die sich ganz besonders im Adel der Formen bewährt habe. Demgegenüber sagen wir: wer sich seiner Gefühle schämt und sich scheut, ihnen einen warmen und herzlichen Ausdruck zu geben, ist ein Kulturbarbar. Wir beten nicht aus dem Fenster hinaus, wir fragen nicht, was derjenige von unserem Gebete denkt, der sich nicht Mühe nimmt, es zu verstehen und mitzufühlen; wir bestreiten auch, daß das Glutvolle, das Hinreißende des jüdischen Gebets je seinen Eindruck auf den Außenstehenden verfehlt habe. Noch immer kamen Unzählige der Nichtjuden gerade am Versöhnungstage zu Kol Nidre oder zu Neilah in unser G'tteshaus, wo das Gebet am reinsten Ausdruck des Herzens war, unmittelbar, .ungekünstelt, rauschend, um in stiller Ehrfurcht diesen wahren Kundgebungen religiöser Inbrunst beizuwohnen. Nur das Echte, vom ganzen Herzen Kommende ist religiös und kulturell wertvoll, und wo ein Gebet echt ist, da öffnen sich stets die Tore des Himmels, da öffnen sich aber auch die Tore des Herzens, daß die Beter im Erleben ihrer' Gemeinschaft der Macht des G'ttlichen auf Erden freudig inne werden. Und so muß alles wieder gepflegt werden, was gemeinschaftsbildende Kraft hat. Unsere steifen Besuchempfänge, die ganz zur Konvention erstarrt sind, die sinnlosen Gratulationskuren, vor denen allen Teilnehmern graut, sind gewiß keine Mittel, um Herz zu Herz zu fügen, zur Mitfreude und Teilnahme den Einzelnen zu erziehen. Da finde ich es tausendmal schöner, wenn sich zur gleichen Stunde die Bekannten zusammen um einen Tisch sammeln und bei der allerschlichtesten Bewirtung, wie es im Osten Sitte ist, für einen Augenblick wirklich' zu Kindern eines Hauses, zu Angehörigen eines Freundschaftskreises sich zusammenfinden. Ueberhaupt ist der deutschen Judenheit gerade das verloren gegangen, daß sie nicht mehr oder nur ganz selten (etwa bei einem Sijum oder dergleichen) die Kraft des gemeinsamen Mahls als bildnerische Kraft für das Gemeinschaftsgefühl kennen. Welch ungeheure Macht hat noch immer das S c h o 1 a u s c h Sud aus-Mahl in der Gemeinschaft, und wenn man nur ein olivengroßes Stückchen Sabbatbrotes dabei verzehrt. Da beweisen die alten jüdischen Gesänge und Melodien wieder ihren Zauber, das zu verbinden, was die Mode streng geteilt. Da wird das Wort der Thora wieder, was es immer sein sollte, charakteristischer Erb'besitz der Gemeinde Jakobs. Kalt ist es im Herzen der deutschen Juden geworden, sie können kaum noch gemeinsam singen, jede elementare Freude und ihre Bezeugung erscheint ihnen kulturwidrig. Aber unsere Jugend hat sie wieder ergriffen, den jüdischen Sang und den jüdischen Tanz, weil durch das Gemeinschaftserlebnis diese Formen geweiht und weil umgekehrt: durch' sie das Gemeinschaftserlebnis ermöglicht und erwirkt werden. Vom ersten Schulunterricht an muß die Erziehung zum Gemeinschaftserleben beginnen. Durch die Gemeinschaft bleiben wir alle ewig jung, in der Gemeinschaft ewig bildsam. Wenn du fragst: wieso hat Israel es vermocht, alles Leid der Welt zu überwinden und die ewige Freudigkeit der Seele zu bewahren, so gibt dir das Gemeinschaftserleben allein die Antwort. Wo echtes, jüdisches Gemeinschaftserleben ist, da wird G'tt geheiligt, da ist nie die Verbindung des Menschen mit G'tt fraglich, da öffnet durch Gebet und Thoralernen sich das Herz zu der großen G'ttesoffenbarung, zum Bewußtsein g'ttlicher Wirklichkeit, dem Kennzeichen unseres Volks in allen Zeiten. Edelsteine in der Agadah, „Ich gründe dich auf Saphire; Ich mache aus K o d k a u d deine Zinnen, deine Tore zu Ekdachsteinen und dein ganzes Gebiet zu Steinen des Wohlgefallens." (Jesaj. 54, 11—12.) 1. Der unzerbrechliche Saphir. „Rabbi Pinchas sagt: Glaubst du etwa, solch ein Saphir sei brüchig und weich? Es kam einmal jemand nach Rom, um einen Saphir zu verkaufen. Darauf sagt der Käufer: nur wenn ich ihn vorher auf seine Härte prüfen darf, Du magst ihn prüfen, erwidert der Verkäufer. Was tat jener? Er nahm ihn, legte ihn auf einen Amboß und schlug mit dem Hammer hinauf. Da zerspaltete der Amboß, der Hammer ging in Splitter, aber der Saphir hatte keinen Schaden erlitten." Die Weisen hatten wohl von so harten Edelsteinen gehört, die angeblich von keinem Hammer zertrümmert werden könnten. „Solch einen gibt es wirklich," meint Rabbi Pinchas, „es ist Israel." Selbst Rom, an das dieses Volk verkauft war, mußte erfahren, daß sein Reich und alle seine Waffen zugrunde gingen, das diamantharte' Volk aber unversehrt geblieben. 2. Was sind Kodkaud-Steine? „Einstens fuhr ein Schiff über das große Meer, ganz angefüllt mit Nichtjuden. Nur ein einziges jüdisches Kind war unter ihnen. Da erhob sich ein großer Sturm auf dem Meer. Elijahu, sein Andenken sei zum Segen, aber offenbarte sich diesem Kinde und sprach zu ihm: „gehe in meinem Auftrage zu Rabbi Josua ben Lewi und zeige ihm hier diese Edelsteine und sage ihm: das sind Kodkaud-Steine; dann will ich um deinetwillen die Tausend hier auf dem Schiff retten." Das Kind sagte: Rabbi Josua ist aber doch ein Großer des Geschlechts, er wird mir nicht glauben. Elijahu aber beruhigte es: Er ist sehr bescheiden, und wird dir glauben;; und wenn du sie ihm zeigst, tue es nicht vor Menschen, sondern zeige sie ihm in einer Höhle, 3 Meilen von Lud entfernt; dort erst weise ihm die Steine vor." Der Knabe erklärte sich bereit. Sofort geschah ein Wunder, und alle kamen aus dem Sturm heil davon. Da ging jenes Kind zu Rabbi Josua ben Lewi und traf ihn im großen Lehrhause; von . Lydda. Da sprach es: „mein Herr, eine Botschaft habe ich dir zu sagen!" Sogleich erhob sich Rabbi Josua. Komm' und sieh die Bescheidenheit des Rabbi Josua ben Lewi; er ging hinter dem Kinde einen Weg von drei Meilen und fragte nicht: was es eigentlich wolle. Als sie in die Höhle kamen, ..da sprach das Kind: mein Herr, hier dies sind Kodkaud-Steine! Als er sie sah, da erstrahlte ganz Lud von ihrem feurigen Glänze. Er aber warf sie zur Erde, und sie waren verschwunden." Rabbi Josua ben Lewi ist der große Meister der Agada. Und diese Meisterschaft baute sich auf seine große Liebe zu seinem Volke auf. Er sah es unter der harten Römerhand leiden. Jedes Leid erlebte er im Herzen mit und formte aus diesen bitteren Erfahrungen seine Aussprüche über Wesen und Kraft seines unglücklichen Volks. Israels Tränen wurden in seiner Hand zu Perlen der Agadah. — So war auch ein Kind übers Meer gefahren und hatte alle Schrekken und Erschütterungen eines Sturms im Herzen erlebt. Aber in diesen Stürmen der Seele, da war ihm Elijahu, der große Menschenerzieher, erschienen. Während die Tausende in dem Sturm nur wie selbstverständlich einen „Zufall" sahen, sah das jüdische Kind darin eine Botschaft des Messias-Propheten. Und dann kam es zu dem großen Rabbi nach Lydda und ganz im Stillen erzählt es ihm, was es auf dem . Schiff an Aengsten und Freuden erlebt hatte. Und dieses Kindes Erleben, von Rabbi Josua in tiefster Seele mitgefühlt, wurde in seiner Hand und durch seinen Mund zu einem Licht des Trostes, der ganz Lydda erhellte. Ist dieses Kind nicht Israel selbst, dem in den Stürmen des Lebens Elijahu erscheint? Alle bittere Erfahrung auf seinem Galuthwege wird zu einer leuchtenden Zinne an Israels Zukunftshaus. 3. Noch einmal: Was sind die Kodkaud-Steine? „Rabbi Schemuel bar Nachmeni sagt im Namen von Rabbi Jonathan: Darüber streiten zwei Engel im Himmel, und wer sind diese? Michael, und Gabriel. Andere sagen: zwei Amoraim im heiligen Lande. Und' wer sind sie? Juda und Chiskija, die Söhne des Rabbi Chija . Einer sagt: es sind Schoham-Steine, der andere sagt: Joschpe-Steine. Da sagt G'tt: so sollen sie beides sein, Doppeledelsteine von zwiefachem Glanz (kden ukden)." Schoham war der Stein des Josephstammes im priesterlichen Brustschild, Joschpe der des Stammes Benjamin. Die beiden Raheissöhne, Joseph und Benjamin, hatten ganz verschiedene Entwicklung. Joseph mußte im Kampfe mit einer feindlichen Außenwelt die Reinheit seiner Seele unter furchtbaren Versuchungen und Anfechtungen sich erringen; Benjamin dagegen war stets in der Geborgenheit des Hauses, fern aller Zwietracht, allem Streit. Wie wird die Zukunftsseele Israels sein? Oft wenn unser Volk in Weltentzogenheit, im stillen Frieden der Judengasse sein eigen Leben führt, da scheint es, als wenn Joschpe der Stein Israels ist. In andern Geschichtsperioden muß sich die jüdische Seele im Streite mit fremden Kulturen kämpferisch Schohamglanz erringen. Die Engel, d. h. die Kräfte der geschichtlichen Entwicklung wie die großen Meister Israels scheinen bald der einen Losung, bald der anderen als der rechten den Vorzug zu geben. In Wirklichkeit ist nur die Vereinigung beider, im Doppeledelstein des Kodkaud versinnbildlicht, das Kennzeichen der ganzen Fülle und Kraft jüdischer Seelengewalt. 4. Das Tor aus Ekdachstem. „Rabbi Jochanan saß und predigte neben der Synagoge von Sephoris: „Einstens wird G'tt das Osttor des Tempels, zusamt seinen beiden Nebentoren aus einem einzigen großen Edelsteine machen." Da war ein ungläubiger Schüler und sagte: nicht einmal in der Größe eines Taubeneies gibt es Edelsteine, und der da sitzt, predigt derartiges! Bald darauf fuhr er über den großen Ozean. Da versank sein Schiff im Meer, und fiel hinab in die Tiefen des Abgrunds- Da sah er die himmlischen Engel arbeiten und hämmern; sie feilten und glätteten einen mächtigen Edelstein. Was ist denn das? fragte er erstaunt. Da sagten sie: das ist das Osttor des Tempels, das mit seinen beiden Nebentoren aus diesem einen großen Edelsteine geformt werden wird. Da rief er aus: Du Weiser, Du Weiser, erzähle nur, was Du zu erzählen hattest, rühme nur, was Du zu rühmen hattest! Hätte ich es nicht gesehen mit eigenen Augen, ich hätte es nimmer geglaubt." Viel Edles und Herrliches gibt es im jüdischen Herzen. Jeder Einzelne trägt hohe Gefühle und leuchtende Gedanken in sich, gewissermaßen jedes Herz ist ein Edelstein. Aber leider fügen sich die Herzen nicht zueinander. Alles bleibt in seiner Enge und Kleinheit. Da kommen die schweren Stürme, im Ozean des Lebens sinkt das jüdische Schiff, und von den Wellen des Leides bedeckt, kommen die Engel, die Kräfte der Geschichte, .die Mächte des Lebens und hämmern und feilen und arbeiten am jüdischen Herzen und schließen Brüder und Brüder und Seele und Seele zusammen, bis sie alle zu einer großen Einheit werden, reif und fähig, das Eingangstor des Zukunftstempels zu werden. . 5. Die Steine des Wohlwollens. „Rabbi Lewi sagte: Einstens wird das ganze Gebiet von Jerusalem voll sein in 12 auf 18 Meilen Erstreckung von Diamanten und Edelsteinen. Wenn heutzutage ein Mensch dem anderen etwas schuldig ist und er ihn vor den Richter fordert, so gelingt es diesem wohl manchmal, Frieden zwischen ihnen zu stiften, manchmal aber kann er keine Versöhnung der Streitenden zustande bringen, denn beide Parteien können nicht als Sieger hervorgehen. In der Zukunft aber, wenn da einer dem andern etwas schuldet und der Gläubiger ihm sagt: komm, wir wollen zum Messias in Jerusalem vors Gericht gehen; kaum sind sie ins Gebiet Jerusalems gelangt, so finden sie es voll mit Diamanten und Edelsteinen. Da nimmt der Schuldner einige von ihnen auf und bekennt: noch mehr, als wie du forderst, bin ich dir schuldig. Der Gläubiger aber sagt: auch das sei dir geschenkt und erlassen. Und so wird Friede „der Boden Jerusalems." Nur solange die irdischen Güter als das Höchste und Letzte uns Menschen gelten, vermag selbst die