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Der Israelit · 1934-01-25 · Heft 4 (25.1.1934) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 Der Israelit 25. Januar 1934 Entscheidung nach dem heiligen Recht G'ttes die streitenden Parteien nicht zum Frieden zu bringen. Aber dereinst, wenn sie nach Jerusalem kommen und erfüllt werden von all dem Hohen und Herrlichen, von den ewigen überzeitlichen Gütern, auf die sich das Jerusalem der Zukunft baut, dann ist aller Streit um Geld und Gold so klein in ihren Augen, daß der I Beklagte mehr geben will als er soll, und der Kläger im Geist des Verzichts seinen Forderungen keinen Wert mehr beilegt. Wohlwollen, das ist der feste Grund, auf dem Jerusalem sich gründen wird. (Die Agadoth entnommen aus Baba Bathra. 75 und Jalkut Schimeoni zur Jesajasstelle.) Nationalpolitische Erziehung. Der Rektor der Frankfurter Universität, Professor Dr. Ernst K r i e c k , hat unter diesem Titel1) d pädagogische Glaubensbekenntnis des totalen deutschen Staates dargestellt. Das Buch atmet ganz die feurige Begeisterung für die Lebensidee des Nationalsozialismus. Es hat im Stil und Aufbau etwas von dem Zwingenden, von de] Absoluten, von der formenden Gewalt, die an dieser Bewegung von Freund und Feind bewundert wird. Seine Hauptforderung ist das Wort „Ausrichtung", Ausrichtung des gesamten Lebens, auch des geistigen Lebens, aller Bildungsanstalten von der Volksschule bis zur Universität, des ganzen heutigen Menschen in seiner Innerlichkeit und Aeußerlichkeit nach den Hochzielen eines ehr- und wehrbewußten völkischen Lebens. Während in früheren Epochen die- Schule wie eine Insel der Geistigkeit und der Besinnlichkeit, wie eine Stätte des Friedens und des Kinderglücks neben der Unruhe der hastenden Welt ein in sich geschlossenes und abgeschlossenes Dasein geführt, soll jetzt auch die Schule mitten hineingestellt werden in den Strom und den Dienst des Ganzen. Schon der ABC-Schütze wird Mitträger des Staates. Auch die Wissenschaft soll nicht mehr als die Selbstbesinnung des Lebens möglichst dem Einfluß der Macht, der brennenden Aufgaben des Augenblicks sich entschlagen, nicht mehr Selbstzweck sein, sondern mit der festen Zielrichtung auf den letzten Willen, wie er sich in der Politik, in den Weisungen der Staatsführer gestaltet hat, als Helferin und Förderin des politischen, an Rasse und Blut, an Boden und Scholle orientierten Staatsgeistes sich fühlen. Hieß es früher in den Zeiten der Scholastik, daß die Philosophie dienende Magd der Theologie ist, so soll jetzt alles Geistesleben im Dienst der nationalpolitischen Volksziele stehen. Diese Gesamtausrichtung der Geisteskultur wird von Krieck wie der Plan eines Generalstäblers entwickelt in gradliniger Einseitigkeit, ohne Kompromiß, wie eine große voraussetzungslose Selbstverständlichkeit. Keine Auseinandersetzung mit anderen dem Denken sich darbietenden Möglichkeiten, keine Herleitung aus besinnlicher Diskussion der Grundfragen der Pädagogik, kein Abwägen zwischen den Antinomien, die nun einmal zueinander in Spannung stehen, sondern in der sieghaften Gewißheit, das Letzte und Entscheidende sprechen zu können, führt Krieck sein System uns vor. Er sucht auch nicht nach jener Vornehmheit und Abgetöntheit des sprachlichen Ausdrucks, die in früheren Zeiten noch das Gewand der Wissenschaft gewesen und in denen der Gelehrte in betontem Abrücken von der Sprache des Marktes seine Zugehörigkeit zu einer höheren Sphäre des Lebens dokumentiert hat. Kraß und hart, aber auch bestimmt und zwingend sind seine Perioden wie die Forderungen seines Kulturprogramms. Diese Schrift ist damit der wahre Ausdruck der Geisteshaltung unserer Gegenwart, der uneingeschränkten Selbstbejähung, in der sich unsere Zeit absolut setzt. Sie ist Echo jenes mystischen, man möchte fast sagen, eschatologischen Glaubens an das dritte Reich, in welchem das Heute sich als Endzeit fühlt, der Staat in der Formel von Rasse, Blut und Boden die Erlösungsformel gefunden zu haben glaubt. Diese Selbstgewißheit fehlte der Vergangenheit. Es war kein Zufall, daß die Neuzeit mit den Worten des Descartes eingeleitet wurde: cogito ergo sum, im Geist ist das eigentliche Sein des Menschen. In der geistigen Besinnung wird der Mensch sich seines Zusammenhangs mit dem Absoluten bewußt. In der geistigen Besinnnung aber baut sich über jedes Heute ein Morgen, über jeden von Menschen errichteten Zustand eine höhere Welt, über jedes Jetzt eine größere, fordernde, aufgegebene Zukunft. In seinem Zusammenhang mit dem geistigen Urgrund des Seins verliert das Wirkliche seine absolute Geltung, wird fragwürdig und sieht Gestaltungen aufdämmern, die über alles Erreichte hinausweisen; aus ihm erwächst den Menschen die große Sehnsucht nach einem großen goldnen Ziel, wie Schiller sagt, nach dem sie rennen und jagen, das sie nimmer aufgeben und das sie als Hoffnung für Enkel und Urenkel noch am Grabe aufpflanzen. Aus dem Bewußtsein dieses Zusammenhangs mit dem geistigen *) 1933. Armanen-Verlag. Leipzig. Urgrund hatte man die Wissenschaft verherrlicht und verselbständigt und sie zur Wächterin an den Toren der Menschheit gemacht. Aus diesem Bewußtsein war das Vertrauen auf das geistige Leben als Selbstzweck geflossen. Aus diesem Bewußtsein heraus fühlte sich auch die Schule mehr als eine Welt des Morgen als des Heute. Der große Philosoph D i 11 h e y '-') hat es schon angedeutet, daß die Gegenwart an die Stelle des cogito ein vivo setzt. Für unsere Zeit besagt das etwa: aus der ungeheuren Lebensnot der Gegenwart nimmt es die Daseinsorientierung, es packt das Sein dort an, wo es unmittelbar den Menschen bedrängt, um mit ihm zu ringen und es sich dienstbar zu machen. Wir können deshalb die Krieck'schen Ausführungen wohl verstehen und ihre brutale Selbstgewißheit in einem gewissen Sinne als notwendig mitempfinden. Rosenzweig nannte solche Geister „Tyrannen des Himmelreiches", die das selige Ende, den Augenblick der Erlösung im Jetzt herbeiführen wollen, weil die harte Stunde das stille Warten und Hoffen allzu schwer, fast zur Unmöglichkeit macht. Wir aber als Juden bleiben nach wie vor in dem geistigen Urgrund der Welt verwurzelt. Die Messiashoffnung, die uns erfüllt, ist inhaltlich von den Zielen bestimmt, die der über alles Irdische erhabene, jenseitige, rein-geistige, einzige G'tt, die der ethische Monotheismus ihr gegeben hat. Nicht im Sturmschritt und nicht in Ueber eilung läßt sich der Messias herbeibringen. Es bleibt für uns grundlegend die ewige Spannung zwischen dem Jetzt und dem Ziele der Erlösung. Das acharith hajamim muß sich uns immer über aller Gegenwart zielweisend erheben, muß immer den Menschen bei aller Freude und Hingabe an die Aufgabe der Stunde, bei aller Opferbereitschaft und inneren Ausrichtung für die Forderungen und Leberisnotwendigkeiten der Stunde als stiller Mahner und reiner Besitz der Seele im Herzen bleiben. Und so gewiß wir über das Morgen das Heut nicht vergessen, so gewiß das vivo in seinem starken Eigenrecht von uns anerkannt wird, so sicher auch unsere Kinder nicht ablehnen dürfen, hier mit Hand anzulegen und mitzuhelfen, so bleibt doch für uns und gewiß für alle Erziehung des zukünftigen Geschlechts ein Ideal, ein Sehnen, eine Hoffnung, die über uns alle hinausweisen und allen Gestaltungen der Gegenwart den Stempel des Begrenzten, des Endlichen, des Noch-nicht-endgültigen aufdrücken. Wir können nimmer verzichten auf das, was uns der Prophet ins Ohr gesungen: es wird sein am Ende der Tage, da steht hochaufgerichtet der Berg G'ttes, erhaben über alle Berge. Zu ihm strömen die Völker und sprechen: kommt, laßt uns wandeln zum G'tte Jakobs. Und sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen und nicht mehr lernen den Krieg. Vom jüdischen Geist Der Jüdische Frauenbund hat unter dem Titel „Vom jüdischen Geist" soeben im Biko-Verlag, Berlin eine Aufsatzreihe herausgegeben, die ganz aus dem Bedürfnis der Zeit herausgewachsen ist, den Männern und Frauen, die erst durch die jüngste Schicksalswende der deutschen Judenheit aus der Entfremdung zum Heimatboden der Tradition zurückstreben,' diesen Weg der Heimkehr zu erleichtern. Rabbiner Dr. Max Eschelbacher leitet die Reihe durch einen orientierenden Aufsatz über jüdische Gebote und Bräuche ein. Dann folgt ein in edler, einfacher Sprache, aber mit ganz besonderer innerer Wärme geschriebener Aufsatz von Dr. Rahel Straus über Ehe und Mutterschaft im Judentum. Die Darstellung gibt ein lichtvolles Bild von der Tiefe und dem Adel der jüdischen Sexualethik und vermeidet die Klippe, durch die Anlegung moderner und daher ungerecht wirkenden Maßstäbe an die unserem Empfinden zuweilen fremd gewordenen Anschauungen der heimgegangenen Generationen dort Kritik zu üben, wo es vor allem um Verstehen und Einfühlen geht. Einige Ungenauigkeiten sollten in einer neuen Auflage berichtigt werden. So stimmt es nicht, daß die von der Bibel vorgeschriebenen 40bezw. 80tägige Fernhaltungsperiode nach der Geburt von Knaben und Mädchen noch heute Gültigkeit habe. Diese Fristen stehen mit der an den Tempel gebundenen levitischen Reinheitsgesetzgebung in Zusammenhang. Der Pflicht der Kinderzeugung ist bei einem Knaben und einem Mädchen genügt. In die soziale Gesetzgebung des Judentums führt ein Aufsatz von Hannah Karminski ein, während Prof. Dr. Isaak Heinemann die Beziehungen der Judenheit und des Judentums zur Umwelt im Wandel der Jahrhunderte geistvoll darstellt. Der tiefgründigste Aufsatz in dem Hefte ist der von Margarete S u s m a n : Der jüdische Geist. Er fußt auf der Ideenwelt von Buber und Rosenzweig, weiß aber auch manchen originellen Gedanken ZU bieten. Besonders ansprechend ist in der Susman'schen Arbeit die kurze Darstellung des Chassidismus, aus der wir als Probe einige Sätze hier wiedergeben: „Im Zentrum der chassidischen Lehre steht der Gedanke der Verantwortung des Menschen für das Schicksal G'ttes in der Welt, der in der Lehre von der in die Welt verbannten Schechina, der wandernden irrenden G'ttesherrlichkeit, seine Begründung gefunden hat. Es ist die Schechina des Alten Testaments; nun aber ist sie mit dem jüdischen Volk ins Exil gewandert. Die Welt selbst ist ihr Exil geworden. Darum schlummern in allen Kreaturen, in allen Dingen der Schöpfung Funken von ihr, die aus ihnen erlöst und wieder in die eine geeinte G'ttesherrlichkeit zurückgeführt werden sollen. Damit ist das ganze All zum Ort, zur Wohnung G'ttes geworden. Die 2) Vergl. A. Metzger: Phänomenologie und Metaphysik. Max Niemeyer Verlag Halle a. S. S. 41 ff. Sinnenwelt ist nur seine äußerste Hülle, die äußerste und dichteste Schale, die nicht an sich g'ttfremd, die nur am weitesten von G'tt entfernt ist. Dies ist bei aller Erfüllung des Monotheismus ein stark pantheistisch gefärbtes, also kein eigentlich jüdisches Weltbild mehr. (?) Aber urjüdisch, tief jüdisch ist in ihm nun nicht nur wie bei dem westlichen Denker das Verhältnis zwischen G'tt und Mensch als Proportion, sondern als ganze Fülle der lebendigen Beziehung: als Wirkung G'ttes und als Sendung und, Aufgabe des Menschen. Denn auf dem Mneschen ruht alles: die ganze Verantwortung für die Welt. Das Schicksal G'ttes selbst ist in seine Hand gegeben, weil er es ist, der die wandernde G'ttesherrlichkeit aus der Verbannung heimführen und erlösen soll. Damit breitet sich die Inbrunst einer G'tterfülltheit und Ekstase, wie sie in anderen Bekenntnissen nur seltenen Ausnahmeaugenblicken vorbehalten ist, über alle Erscheinungen des täglichen Lebens aus. Jeder Augenblick kann und soll lebendig, d. h. aus der Tiefe und Fülle der G'ttlichkeit des Lebens selbst gelebt werden. Jene inbrünstige Erschlossenheit für alles Lebendige, weil es dem g'ttlichen Gesetz angehört, jene strahlende Freude am Gesetz, die die ganze dunkle Welt des Exils durchdringt, ist hier zum Sinn des Lebens selbst geworden. Mystisch ist an dieser Beziehung nur das eigentümliche Durchsichtigwerden alles Lebens für die g'ttliche Gesetzlichkeit, für das überschwängliche Wunder des überall bestehenden Zusammenhanges zwischen G'tt und Menschen. Das Wunder bedeutet hier keine Durchbrechung der Weltkausalität, kein Eingreifen G'ttes in sie. Wunder ist alles; denn alles ist g'ttlich, und es kommt allein auf seine lebendige Vergegenwärtigung durch den Menschen an. Im Gegensatz zum „Entwerden" der abendländischen Mystik, zur weit- und menschverlassenden unio mystica zwischen G'tt und Mensch steht hier die Hingabe an G'tt und sein Gesetz, die in der Liebe zur Welt, zu den Menschen ihren vollkommensten Ausdruck findet. Das Gesetz selbst ist zum Mysterium geworden; es offenbart sich allein in der Liebe. Alles ist Liebe und Freude. Die in sich selbst zusammengepreßte Inbrunst des Ghettoleides schlägt verwandelt empor zu der Flamme einer Freude, wie sie kein anderer als der am Abgrund des dunkelsten Leidens lebende jüdische Mensch kennt. Es ist die reine himmlische Freude an der G'ttlichkeit des Lebens selbst, deren Ueberschwang in der Seele, sobald sie rein dem Leben zugewandt ist, heraufsteigt. Es ist jene überschwängliche, brennende Freude des Psalmen und des Hohen Liedes, des Jubelsanges Davids vor der Bundeslade, jener Freude, die in anderer Gestalt wiederkehrt in der kühlen Seligkeit des Amor Dei des Spinoza. Die chassidische Mystik nennt sie das „Brennen" schlechthin, das hier schon erlebt zu haben, die Bedingung zur Erlangung der ewigen Seligkeit selbst ist."

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