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Der Israelit · 1934-01-25 · Heft 4 (25.1.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Fe^illeton- Beilage Der Israelit Nummer 4 1934 Zwischen Schuld und SchicksaL (Schluß.) III. Still hörte der junge Mann die tragische Geschichte des Alten. .. Es war so still um ihn und in ihm geworden, daß er den eigenen Atemschlag wie einen Hammerschlag an die Innenwände seiner Seele Empfand. Von dort riß sich etwas los und wälzte sich langsam heran. Aus ganz früher Kindheitszeit, wie aus einem anderen, früheren Leben kam' etwas-herauf geschwommen: Eine Geschichte, an die er selbst nicht einmal schwache leise Erinnerungen hatte, die ihm aber später in Berichten und Erzählungen so gründlich ins Bewußtsein gesenkt wurde, daß sie dochnun s e i n Erlebnis war. Es dauerte etwas lange, bis er sich fassen-konnte, bis er die Worte geordnet zur Hand hatte, um dem Alten .seine Geschichte zu erzählen. Es war in einem kleinen Städtchen Podoliens. Was machte es,' daß der Name des Städtchens genau der gleiche war wie in. der Erzählung des Alten? Vieles hatte sich damals in diesem Städtchen zugetragen und ebenso vieles in anderen Städten, Städtchen und Dörfern, von Kiew bis Odessa, von Uman bis Lemberg. Da saß eine Frau im kleinen Häuschen, ein hilfloses Kindlein an der Brust. Der Vater war draußen, hatte irgendwo im Hause und im Hofe etwas gesucht. Ein Brüllen und Johlen erfüllte die Luft draußen, dazwischen Hilferufe und Angstschreie. Wo war der Mann, warum kam er nicht? Statt seiner wankten zwei wüste Gestalten ins Haus, mit gläsernen Augen, in roten Jacken, wie aus Blut, Kolben und Nagaikas in der Hand, wie aus der Werkstätte der Hölle geholt. Unterweltsluft brachten sie ins stille Gemach, darin ein Kindlein an der Brust der Mutter lag. Das Kindlein ließ die Quelle seiner Nahrung fallen, die Milch mag durch die Erregung im Blute der Mutter etwas bitter geworden sein. „Awrohom, wo bist du? . . ." Die Kosaken lachten, roh auf. ,,Awrohom", der dreisilbige Name gefiel ihnen und sie suchten ihn auf ihre Art auszusprechen. „Brogom" wiederholten sie lallend in ihrer Spräche, 'die den weichen H-Laüt nicht hatte, und das Wort hörte sich beinahe so an wie „Pogrom". So viele Brogoms und Moschkes und Jahkels und Mendels hatten sie heute schon unter ihren Händen, . daß sie nun ordentlich müde waren. Ja. Mendel, der Schankwirt, der ihnen ein ganzes Fäßchen Schnaps, vierundneunziggradigen, sozusagen als letztes Erbe hinterlassen hatte, ihn en allein, hinter geschlossenen Türen . . . Das gab ihnen den Rest. Natürlich, der Jud', er war an allem Schuld; daran, daß jetzt ein Pud Blei in ihren Beinen saß. und ihre Augen zugefroren waren, wie die Scheiben im Winter, auf die der Frost einen silbernen Garten hingemalt hatte . . . „Weib," lallten und lachten isie, „dein Brogom kommt nicht, er. ist hin, wo sie heute alle hin sind; .. Schau u n s an, guter Ersatz, was, Täubchen? Wir Prachtkerle . . . Laß' den Balg, den kleinen Brogom, bei Seite . . ." In Todesängsten, von den letzten Kräften eines jungen Lebenswillens gejagt, flüchtete, flog förmlich die Frau mit ihrem Kinde ins Nebengemach, wo das offene Kamin brannte. Die Gesellen ihr nach. Aber das Blei in den Beinen und das blinde Glas .vor den Augen hemmten ihren Schwung. Sie stolperten übereinander, schlugen mit dem Kopf aufs heiße Kamin auf und lagen ineinander verknäult fluchend auf dem Boden. Als aber die Frau mit dem Kind durch das niedrige Fenster in einen Hinterhof gelangte, kamen gerade dunkle Gestalten aus den Kellern ihres Versteckes gekrochen, um auf Wegen, die sonst kaum jemand kannte, die Flucht zu ergreifen. Sie erblickten die Frau mit dem Kinde und zerrten sie mit. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen. „Mein Awrohom," schrie sie, „wo ist er?" Sie legten ihr die Hand auf den Mund. „Stille, Awrohom ist tot," flüsterten sie. Es waren so viele Awrohoms an diesem Morgen tot, daß es auf einen gar nicht mehr ankam. Einer entriß ihr das Kind, ein anderer nahm sie am Arm, und sie liefen alle, wie von Furien gejagt, lautlos, den Atem anhaltend und dennoch unter -Aufbietung der letzten Kräfte, wie sie in einem Menschen im Ringen ums nackte Leben mobil werden! Bis sie an der Kreuzung ein Wägelchen aufnahm, geführt von einem einheimischen gutmütigen Bauern, der ebenfalls dem Blutmeere in seiner Heimat zu entrinnen suchte. So fuhren sie und fuhren sie, bis sie nach Kiew kamen und von dort später nach Lemberg, «wo sie unter Juden in einer Gemeinde um den unglücklichen' Mann nach den Vorschriften der Religion trauerte. Das Kind hatte später Jahr für Jahr an diesem Tag Kaddisch gesagt. Es kamen ruhigere Zeiten. Gute Menschen nahmen sich der Frau und des Kindes an. Aber der Wurm, der im Herzen des armen Weibes nagte, war nicht mehr zum Schweigen zu bringen und er zernagte es. Als man sie hinaustrug, war das Kind acht Jahre alt und Liebling seiner Lehrer. Er kam auf die Jeschiwa nach Wien. Dort nahni sich ein reicher, frommer, gelehrter und angesehener Mann, Samson Bernheim, des wohlgebauten, geistig regen und von seinen Lehrern gut empfohlenen Jünglings an und nahm ihn in sein Haus. Er ließ ihn in allen Kenntnissen ausbilden und führte ihn auch in seine umfangreichen Geschäfte ein, denn er sollte sein Eidam, der Mann seiner einzigen Tochter werden. Und nachdem er es seit bald zwei Jahren ist und dazu noch Vater eines prächtigen Kindes, gehört er trotz seiner Jugend bereits zu den angesehenen Männern der Gemeinde mit Sitz und Stimme im Siebenrate. Er, das frühere Waisenkind, war jetzt zu Ehren und Stellung gelangt, er machte ausgedehnte Reisen und hatte noch Zeit genug, eine große Lehrtätigkeit zu entfalten. Da er zur Zeit in den böhmischen Wäldern große Holzgeschäfte für sich und seinen Schwiegervater zu tätigen hatte, nahm er sich die Zeit, auch einmal nach Prag hinüberzufahren, um dort über gewisse verwickelte Angelegenheiten in der Wiener Gemeinde mit dem Oberrabbiner Rücksprache zu nehmen. Zudem wollte er die Jahrzeit des Vaters, das Gedenken an jenen schauerlichen Unglückstag im podolischen Städtchen, da er noch ein Kind an der Brust der Mutter war, in |der großen heiligen Gemeinde Prag bei Studium und Gebet verbringen ... 1 Diese Schlußworte des Berichtes kamen nicht ganz zum Ausdrucke, sie erstickten in Träünen. Eine Zeitlang sahen sich die beiden Männer, der alte und der junge, wortlos ins Gesicht. Langsam, fast hörbar in der Stille senkte sich die Geschichte des Einen in die Seele des Anderen. Und als die zwei Geschichten ganz ineinander verschlungen und zusammengeschmolzen waren, da lagen sich Vater und Sohn in den Armen. Hell wurde es im kleinen Häuschen, als strahlten hundert Lichter auf und Engel sangen in der Luft ... Ein alter Mann hörte auf, sich Mörder zu schelten, und ein Jüngling hörte auf, Kaddisch zu sägen an einem vermeintlichen Jahrzeitstage. In der Prager Gasse erfuhr man den Zusammenhang nicht. Der Alte war innerlich zu stolz und stand den Menschen zu fremd, als daß er sie an seinem Glücke beteiligt hätte. Der junge Mann aber war von Natur aus nicht sehr mitteilsam und hatte keine engeren Beziehungen zu den Leuten auf der Straße angeknüpft. Aber man merkte die Äenderung im Wesen des Alten. „Awrohom Podolier," sagte man, „ist wie umgewandelt, er scheint zu genesen . . ." Und bevor man noch Zeit gefunden hatte, den Grund dieser Wandlung zu erfahren, waren eines Mergens beide, Awrohom Podolier und der junge Fremde, verschwunden. Der Schuster, der alles wußte, sah sie im Postwagen nach der Richtung von Lemberg . . . Das Kartenspiel in den Fürther m3j?fi. Von dem inneren und äußeren Leben der altehrwürdigen Gemeinde Fürth i. B. besitzen wir von Dekan Andrä Würfel ein im Jahre 1754 in Frankfurt a. M. und Prag 1754 erschienenes Werk, das Liebhabern für das Entslehen und Werden einer Gemeinde von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Dieses instruktive, sehr objektive Quellenwerk berichtet uns von der rechtlichen Stellung der Fürther Juden und von ihren Pflichten mit vielen Beilagen und Urkunden. Für die Gegenwart ist der zweite Teil des Werkes von größerer Bedeutung. Wir erfahren darin sehr viel vom jüdischen Leben, „von den Juden Aeltesten erteilte Instruktiones, wie sich ihre Bürger bei ihren freiwilligen und gebotenen Mahlzeiten zu verhalten haben, beim Gürtelgeben, Hochzeitsmahlen, Schenkwein, Brautgeschenken, Kleidung und in anderen Vorfallheiten" und wie viel Unkosten sie dabei aufwenden sollen. Die strenge Durchführung der Tekonaus unterlag dem „Jüdischen Rat", die O'iviaa „Regenten" genannt. Aus ihrer Mitte wurden 12 O'OilD bestimmt, von denen je einer der Monatsparnaß, „der regierende Bürgermeister" war. Dieses Kollegium konnte alles nach seinem Willen einrichten. Ihm war der nötige Respekt zu erweisen. Zu den Parnoßim mußten auch drei Ansbachische Juden gewählt werden. Die neuen Gemeindemitglieder wurden alle drei Jahre vom Rabbiner als genauen Kenner der für die Eignung bezüglichen religionsgesetzlichen Vorschriften bestimmt, was ihm die Gewählten mit 10Ö' Gulden aus eigner Tasche zahlen mußten. Dagegen hatte der Monatsparneß mancherlei Einkünfte. Das Kartengeld brachte ihm das meiste Geld. In älterer Zeit war den Juden das Kartenspiel mit der Strafe des Bannes belegt. Gewisse Ausnahmen waren zu rraiän erlaubt. Da die Festwoche mit Nittolabend zusammenfiel, wurde die Erlaubnis für 4 Wochen verlängert, wofür er ein „Präsent" vom Spielgeld erhielt. — Bekanntlich dürfen Braut und Bräutigam in der Hochzeitswoche nicht zusammen gehen. Um dem Bräutigam die Zeit in seinem Hause zu vertreiben, durfte er mit seinen Freunden ein Spielchen wagen. Vom! Erlös fiel dem Parneß der übliche Rabatt zu. — Sechs Wochen durfte der Ehegatte in seiner Familie Karten spielen, wenn seine Frau ihm ein Kind gebar. — Wer sich zu Ader ließ, was in jeder Zeit vielfach geschah {auch unser Schrifttum spricht davon) oder ein in der Genesung sich befindender Kranker, darf sich seine Zeit mit Kartenspiel vertreiben. — Wer einen Gast hatte, konnte ihm durch Kartenspiel ein Vergnügen bereiten. — Jede; Gesellschaft, die außer den angeführten Zeiten und Umständen dem Kartenspiel huldigen will, muß die Erlaubnis vom Monatsparneß einholen. Die diesbezügliche Erlaubnis kostete 18 Kreuzer. Die obengenannte Quelle bemerkt hierzu: „Und dieses trägt allstät eine merkliche Summa Gelds." — Diese Bestimmung in Alt-Fürth befolgt ja auch heute der Staat, indem er für jedes neue Spiel Karten eine erhebliche Steuer erhebt, L. Horwitz, Kassel. Wochenkalender. Vom 27. Jan. bis'3 Feb. 1934 / Vom 11. — 18. Schebat 5694 'ov Samstag 27 11 oma IST iTV»P WP Tl)>V2 Sonntag 28 12 ns? Montag 29 13 w Dienstag an. 30 14 ry Mittwoch 31 EOP 15 ny nwnn Donnerstag Feb. 1 16 oy Freitag 2 17 S Samstag 3 18 KS nn,>

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