Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1934)
- Date
- 1934-01-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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"25/ Januar L1S34 Der :I;:s r a e I i t Nr. 4 Seite 5 drücksvollen Ansprachen von ihrem Leserkreise Abschied. Es ergibt sich aus diesen Abschieds-. Worten, daß Friedrich Gogarteii sich der Glaubensbewegung deutscher Christen zugewandt hat und daß aus diesem Grunde Karl Barth, Eduard Thurneysen und letzten Endes auch Georg Merz nicht mehr mittun wollen und können. Karl Barth weist daraufhin, daß Gogarten sich zu dem Stapel'schen Satz bekenne: „Das Gesetz G'ttes ist für uns identisch mit dem Nomos des deutschen Volkes". Karl Barth erklärt diesen Satz für den, vollzogenen Verrat am Evatfgelium. Dieser Satz sei viel, schlimmer als in der Äera Harnack-Tröltsch die Aufrichtung des Menschgottes des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Zeitschrift hätte nach Barths Meinung ihrer Aufgabe in der heutigen Zeit nur dann weiter genügen können, wenn sie sich als „ein bescheidener, aber nicht zu durchbrechender Dammgegen die deutschchristliche Ueberschwemmung" bewährte. Da dies mit Gogarten nicht möglich sei, so müsse man das Erscheinen einstellen. Barth protestiert dabei von vornherein gegen die Unterstellung, als <ob er irgend welche' Affinität zum Marxismus, Liberalismus usw. besitze. Außerordentlich bemerkenswert vom allgemein religiösen Standpunkte aus sind auch die Abschiedsworte des zweiten Herausgebers, Eduard Thuine y'-.s s e n s. Er wendet sich gegen die von den Deutschen Christen geprägte Behauptung, daß G'ttes Stimme nicht nur in seinem Worte, sondern auch und vor allem, in d e m G e sc hebender Geschichte, d. h. also konkret in dem Siege des Nationalsozialismus zu hören sei. Demgegenüber führt er aus; „Ich frage: darf es geschehen, daß mit dieser Berufung die Kraft und Wahrheit dessen, was unser G'tt uns in seinem Wort e sagt und nur dort sagt, ergänzt, flankiert und damit verdunkelt, ja verdorben wird durch Erkenntnisse und Urteile, die ganz und gar aus dem Raum des politischgeschichtlichen Geschehens der Gegenwart herausfließen. Als ob das geschichtliche Geschehen als solches eine Quelle, der Offenbarung des gütlichen Willens und Reiches waren neben der Quelle, die das allein ist, der Quelle des Wortes, Allerdings „redet" G'tt, wenn man das denn ein „Reden" nennen will, durch das Geschehen der Gegenwart zu uns. So hat er schon im alten Bunde zu seinem Volke „geredet" nicht nur durch die Propheten, sondern wahrlich auch durch. Aegypten und Assur, durch Cyrus und .Nebukadnezar, durch die Stürme und Erschütterungen, durch die er in Gericht und Gnade sein Volk hindurchführte.. Aber w e r hat dies Ueber diese Zagenden, Würdelosen und Uebermütigen hinweg wendet sich Moses, der , Führer aller jüdischen Zeiten, an die, welche starken Herzens ihr Vertrauen auf G'tt, dem Erretter, setzen. Ausharren, mögen sie : und sich so mit G'ttvertrauen wappnen, das Auge nach dem rettenden Ufer gerichtet, daß alle anderen mitgerissen werden. Kleines Feuilleton. Gründung der Jüdischen Buch-Vereinigung (JBV). Man schreibt uns: Unter Mitwirkung verschiedener Organisationen ist die Jüdische Buchvereinigung gegründet worden. Sie soll ausschließlich gemeinnützigen Zwecken dienen und sieht ihre Aufgabe darin, Werke, jüdischer Verfasser, insbesondere solche, die für das Judentum von Interesse sind, zu veröffentlichen und an ihre; Mitglieder zu verbreiten. Den Anfang macht der neue Roman von Georg Hermann „Eine Zeit stirbt". . Besondere Beachtung verdient die Herausgabe einer neuen Uebersetzung der gesamten jüdischen Bibel in, drei Bänden, deren erster Band schon in der ersten Jahr.esreihe des Programms erscheint. Ein Nachrichtenblatt wird die dauernde Verbindung mit den Mitgliedern der Buch-Vereinigung herstellen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt im Monat eine Mark. Außerdem wird eine einmalige Einschreibegebühr von RM. 0.25 erhoben. Die Mitglieder der Jüdischen Buchvereinigung (Erwin Löwe) werden von 'sein„ Wort" verstanden? Wer hat dieser seiner „Predigt" geglaubt?; Die „Kirche" seines Volkes auf alle Fälle nicht! Und warum nicht? Weil sie hur zuviel auf die Stimmen , hinhörte, die im Geschehen drin laut wurden!, Weil sie nur zuviel auf ihren geistlichen Wegen mitschwingen wollte mit dem, was draußen i m p ö 1 i t i - sehen Räume geschah. Sie hätte etwas ganz anderes tun müssen: sie hätte hinhören müssen auf die Stelle, wo G'tt wirklich geredet hat, auf sein eigentliches Wort, auf das wort eben jener Propheten, die sie verlacht hat. D a n n hätte sie wahrlich auch die : Stimme G'ttes in der Zeit und ihrem Geschehen vernommen. Denn dort, im Geschehen der°Zeit, „redet" G'tt hörbar nur für den, der ihn zuerst und zuletzt in seinem wirklich geredeten Worte und immer wieder nur d o rt vernommen hat und vernehme n w i 11.": < Man wird bemerken; von welch weittragender Obwohl es nicht unsere Absicht ist, gegenwärtig Pressekampagnen zu führen, zwingt uns doch Herr Dr. Leibowitz in der letzten Nummer des „Zion", kurz auf seine Vorwürfe einzugehen. Herr Dr. Leibowitz behauptet, daß die Bundesleitung des Noar Agudati ihre hauptsächlichsten Ideen von ihm bezogen habe, ohne dies zuzugeben. Richtig ist, daß die Idee des Noar Agudati, in dem was sie als Hauptaufgabe betont, sich unterscheidet von der bi§hci* im Allgemeinen «ls agudistisch bekannten Auffassung, in der die Selbständigkeit der Orthodoxie die Hauptrolle spielt. Demgegenüber betont der Noar Agudati als wesentlichste Aufgabe die Erarbeitung der agudistischen Weltanschauung und die Durchführung des konkreten Agudaprogrammes in Erez Jisrael. Dies bedeutet aber keinesfalls, daß nun der Noar Agudati misrachistisch, denkt. Vielmehr glauben wir das ausgesprochen zu haben, was die eigentliche agudistische Forderung an uns in der heutigen Situation ist. Daß die Thora den gesamten jüdischen Lebensbezirk regeln will, brauchte wirklich nicht von Herrn Dr. Leibowitz ausgesprochen zu werden. Wir möchten hierauf den Satz anwenden: sil kre be raw. Außerdem dürfte wohl bekannt sein, daß die Betonung dieser Ideen in der religiösen Jugend schon vor Jahren üblich war. Schon aus der vom Wege des Misrachi abder neuen J. B, V. übernommen und beliefert. Anmeldungen sind zu richten an die Jüdische Buch-Vereinigung, Berlin W 15, Päriserstraße 7. Eine neue musikalische Freitagabendliturgie. Unter den Faktoren, die selbst den indifferentesten .Kreisen gegenüber noch eine jüdische Bindungskraft ausüben, steht die synagogale Musik mit an erster Stelle. Soweit diese Anhänglichkeit gegenüber den jüdischen Melodien das wirklich traditionelle Gut erfaßt, ist ihr gewiß ein hoher Wert nicht abzusprechen. Nun erstreckt sich diese Neigung aber nicht selten auf synagogale Kompositionen des 19. Jahrhunderts und damit auf Werke, deren veralteter Liedertafelstil uns heute nicht hur musikalisch, sondern auch religiös nicht mehr tragbar erscheint. Wer Sinn für dergleichen Zusammenhange besitzt, dem wird oft ein bedenklicher Kontrast zwischen der Erhabenheit der Texte und der harmonischen und melodischen Seichtheit der Vertonungen nicht entgehen. Die völlige Loslösung vom wirklich altüberlieferten jüdischen Musikgüt, in dem die Textbezogenheit noch eine organische war, trägt mit bei zu der Wertlosigkeit solcher Sätze. Es will uns. als eine Aufgabe der Orthodoxie erscheinen, auch auf diesem wahrhaftig nicht unwesentlichen Gebiet jüdischer Erneuerung (insbesondere zur Wiederherstellung der altüberlieferten Synagogengesänge. D. Red.) mit in vorderer Front zu stehen, und so ist es denn zu begrüßen, daß der langjährige Chorleiter, der Berliner Adaß Jisroel, Jakob D y m o n t, hier einen Vorstoß unternommen hat mit seiner vollständigen Bedeutung dieser Gedankengang auch für die innerhalb des Judentums heute schwebende große Auseinandersetzung zwischen Zionismus und Thoratreue ist.. Auch hier gilt es ja, eine Jugend vor Verirrungen zu schützen, die sich am geschichtlichen Geschehen allein orientieren will statt an den ewigen Maßstäben des offenbarten G'tteswortes. In dem gleichen letzten Heft von „Zwischen den Zeiten" veröffentlicht der Herausgeber Georg Mer z übrigens auch eine Erörterung zum Arierparagraphen in. der Kirche, den er natürlich mit der größten Energie ablehnt. Die Kirche müsse das aus dieser Ablehnung folgende Martyrium eben tragen. Sie müsse auch im Dritten Reich ein Fremdling bleiben und könne nur auf die ihr eigene Weise Volk und Staat dienen. Die ganze Auseinandersetzung beweist den außerordentlichen Ernst des inneren Kampfes, vor den sich die denkenden Köpfe der evangelischen Kirche heute gestellt sehen. weichenden Konsequenz unserer Ideen hätte Herr Dr. Leibowitz schließen können, daß unsere Ideen nicht die seinigen sind. rWir können uns die Vorwürfe des Herrn Dr. Leibowitz nicht anders erklären, als daß er entweder uns nicht verstanden hat oder uns gewissermaßen mit misrachistischen Augen betrachtet. Schon die Idee der Unterstellung des ganzen geistigen Menschen unter die Thora unterscheidet uns von der heute üblichen offiziellen misrachistischen Auffassung, Nicht daß wir die Kultur ablehnten, aber wir lehnen es ab, in solchen Gebieten Kulturelemente und Kulturauffassungen aufzunehmen, in denen das überlieferte Judentum uns wohletwas zu sagen hat. Wir lehnen es ab, die Auffassung des Zionismus von der Judenfrage uns zu eigen zu machen, für uns ist Judenfrage allemal gleichbedeutend mit Galuthfrage, d. h. mit der Teschuwahfrage. Für uns ist deshalb der Judenstaat keine Lösung der jüdischen Galuthnot und es kommt grundsätzlich weder .auf 100 Proz. noch auf 51 Proz. der jüdischen Einwanderung nach Erez Jisrael an. Wir lehnen es ab, zu glauben, daß mit der nationalen Gesundung automatisch die religiöse Gesundung Hand in Hand geht. Wir lehnen es ab, auf dem Gebiete der Wirtschaft ganze Ideengebäude und praktische Lehrsätze zu übernehmen, sondern wollen Schritt für Schritt in ehrlicher ^Forschung die Bedürfnisse der modernen palästinensischen Wirtschaft aus dem musikalischen Neugestaltung des Freitagabendg'ttesdienstes. Das Werk, das auch Mincha umfaßt, fordert — neben dem Chasan — vierstimmigen Männerchor. Der . nVsnn no« — die Schöpfung des mön ' D'a — wird';mit dem durchgehend zugrundegelegten Chasonus gewahrt. Dymon benutzt östliche Weisen, die er nicht nur' im Vorbeterrezitativ, sondern auch-- als „Cantus firmus," als Hauptstimme — im Chorsatz verwertet. Ein weiterer traditioneller Zug liegt in der Verwendung der Neginoth von Schir haschirim für die Komposition des einleitenden ,,Ma towu". Die Klanglichkeit des Werkes ist eine durchaus moderne. Dennoch wird der Boden der Tonalität nirgends verlassen; es wird nur mittels chromatischer Stimmführung eine freiere Akkordik erzielt. Ferner sind die Melodien nicht durch eine Einzwängung in unsere geläufige Dur-Moll-Harmonik vergewaltigt; vielmehr paßt sich die Harmonik den Skalen, auf denen die Weisen aufgebaut sind, an. Die Folge solcher Satzart ist eine gewisse Herbheit und erhabene Feierlichkeit, die sich eben vorteilhaft von der bisweilen in Synagogenkompositionen herrschenden Sentimentalität abhebt. Gemäß dem einleitend Gesagten erblicken wir in diesem Grundzug, der der Größe der Texte gerecht, wird, mit den Hauptwert der Dymont'- schen Arbeit. Wir möchten die Aufmerksamkeit aller an einer wertvollen Synagogenmusik Interessierten — und dieser Kreis sollte aus den Erfordernissen der Sache heraus, wie oben dargelegt, ein großer sein! — auf das neue Werk lenken und die Hoffnung aussprechen, es möchten, dem Vorstoß Dymonts bald weitere Versuche in dieser Richtung folgen. Freyhan. Der Noar AgUdati. Eine Erwiderung.