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Der Israelit · 1934-01-25 · Heft 4 (25.1.1934) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 4 (25.1.1934)
Date
1934-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 4 Der Israel i,t 25. Januar 1934 die Arbeitsfront und die starke J u g e n dbewegung, die zusammen der Versammlung das Relief und den Verhandlungen das Gepräge gaben. Man weiß es seit Jahr und Tag, daß die Töchtererziehung im Osten den wunden Punkt iro jüdischen Leben ausmacht. Nur langsam und vorsichtig, mit Widerständen nach rechts und links kämpfend, konnte sich der B e t h Jakob-Gedanke hervorwagen und sich Schritt für Schritt Terrain erobern. Heute gibt es in Polen ein großes B e t h Jakob-Schulnetz und eine richtige orthodoxe Benoth -Bewegung, die auf der Landeskonferenz ihren /Platz behauptete und ihre Forderungen stellen durfte. Eine F r a g e ist die Töchtererziehung nicht mehr, sondern wird als eine vitale Notwendigkeit anerkannt und behandelt, die bereits eine gute Basis besitzt und der noch weiter alle Wege geebnet werden sollen. Die Arbeiter! In den Jahren der politischen Gärung und noch mehr nach . der politischen Umwälzung im Osten war jüdischer Arbeiter gleichbedeutend mit „Bundist", wenn er nicht noch weiter links, über den jüdischen Rahmen hinaus, sich zur kommunistischen Quelle fand. Polen zählt heute Zehntausende jüdischer Arbeiter, die auf dem Boden der Religion, ja, auf dem Boden des Agudismus stehen. Das zeigte sich auch wieder in dieser Versammlung. Sie haben, was vollkommen in Ordnung ist, ihre eigenen Wünsche, ihre speziellen Arbeiterinteressen, ihre sozialen Forderungen, die sich in manchem von denen der Arbeiter in aller Welt kaum unterscheiden, im ganzen aber weniger im Marxismus, als vielmehr in den Vorschriften der Thora über die Pflicht des Arbeitgebers gegen die Arbeitnehmer wurzeln. Man wäre versucht, angesichts dieses neuen jüdischen Arbeitertyps aus dankbarem Herzen ein iPTlnE? anzustimmen. Und zuletzt die Jugend, die uns seit der Emanzipation im Westen und seit der Haskalaperiode im Osten gänzlich gefehlt hatte. Auch diese hatte ihre starke Vertretung bei der Konferenz. Es ist der Vorzug des chassidisch lebendigen und durchwärmten, sich um starke Führer scharenden jüdischen Polen, daß es die Jugend bei der Fahne erhalten konnte. Diese Erscheinung allein wäre schon Rechtfertigung genug für den vielfach verkannten Chassidismus. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Die polnische Orthodoxie, das hat die Konferenz gezeigt, hat aber mit der Jugend auch schon die Gegenwart. Selbstverständlich haben „Zeiirim" und ,,Poalim", wie die gegnerische Presse mit Behagen konstatiert, zuweilen „die Ruhe im Saale gestört". Sie haben 'die Friedhofsruhe gestört, um der Welt zu feigen, daß die orthodoxe Versammlung keine Heeresschau ist, bei der die Gro- ■ ßen zu diktieren und die Kleinen zu parieren haben, sondern daß alle im orthodoxen Organismus wirksamen Kräfte sich zu regen haben. Und wenn divergierende Interessen etwas laut zum Ausbruch kommen und gelegentlich zum Zusammenprall führen, so kann dieses dem Gesamtorganis- Die durch die politische Umwälzung in der evangelischen Kirche Deutschlands hervorgerufene Krisis hat eine so weittragende allgemein-religiöse Bedeutung, daß ihre Entwicklung von allen religiös interessierten Gruppen und Menschen, insbesondere aber im jüdischorthodoxen Kreise mit ganz besonderem Interesse verfolgt werden muß. Wohin die sogenannte „Deutsche Glaubensbewegung" in der politischen Arena führt, zeigt am besten ein Blick in das Organ des Grafen Reventlov „Reichswart", das sich einer aller theologischen Schulsprache entkleideten volkstümlichen Ausdrucksweise bedient und daher am kräftigsten heraussagt, was gemeint ist. Daß die Kundgebungen des Kardinals Faulhaber den „Reichswart" zu den wildesten Ausfällen provozieren, liegt auf der Hand. In einer seiner neuesten Nummern bringt das Blatt Bemerkungen eines evangelischen Pfarrers zur Kirchenlage der Gegenwart, in denen das Erwachen des deutschen Volkes begrüßt wirdr weil es endlich ,G'tt im deutschen Menschen und auf deutschem Boden erleben wolle". Möge.der eine noch aus liebgewordener Gewohnheit auf die Bibel schwören, der andere nur auf sein Gewissen, die Hauptsache sei, wenn beide das Rechte tun. Weder der Papst, noch ein evangelischer Reichsbischof mit seinen Ministern hätten das Recht, ein verbindliches kirchliches Bekenntnis für alle Deutschen festzusetzen. Richtschnur des Handels müsse der Satz sein: „Alles was Ihr wollt, das Euch die Leute tun sollen, das tut Ihr ihnen auch." Der Verfasser dieser Formel ahnt wohl nicht, daß er damit eine talmudische Sentenz zitiert — sie dabei allerdings aus der negativen in die positive Form übersetzt —, denn er betont mit Nachdruck, daß gerade dieses Wort der deutschen Seele am meisten entspreche. müs gewiß nicht schaden- Wo , g e a rb e i t e t wird, sind Geräusche unvermeidlich. Und daß sich zuletzt alle Strömungen in einem Becken fanden und aus Verstehen der Alten und Einlenken der, Jungen grundlegende Beschlüsse erwuchsen^ macht die Warschauer Versammlung "zu dem, was sie sein soll, zu einer erfreulichen und vielverheißenden Sammlung." Es ist doch wunderbar, wie sehr hier die talmudische mit der deutschen Seele übereinstimmt. Dabei meint der Verfasser, jeder könne sich seine eigene Bibel selber schreiben, „die Bibel der Eigenart, mit der er gerade verwachsen . ist." Dann kommt eine wunderbare Leistung logischwissenschaftlichen Denkens: . „Wenn es wahr wäre, daß die. Bibel die unentbehrliche Grundlage für das Leben des deutschen Volkes sein sollte, dann müßten schon viele Tausende ehrenhafter deutscher Menschen gestorben sein, weil sie dieses Buch als Grundlage einfach. nicht anerkennen. Da sie aber trotzdem noch leben, ist bewiesen, daß .man auch ohne die BibeL ein, anständiger Deutscher sein kann," Selbst aus der Tatsache, daß die Kirche die -Bibel in billigen Volksausgaben verbreitet, folgert, der Verfasser den „geringen Wert" dieses Menschheitsbuches. Warum suche man auch sonst ein so wertvolles Buch so billig zu verkaufen! Aeußert sich in dem Organ des Grafen Reventlov die Glaubensbewegung in einer Form,- die auch den ernsten und an wissenschaftliches Denken gewöhnten Kreisen der „Deutschen Christen" gewiß nicht wird imponieren können, so zeigt sich die prinzipielle theologische Tragweite der neuen Bewegung um so stärker in einer änderen symptomatischen Tatsache: , dem Eingehen der seit 11 Jahren erscheinenden führenden theologischen Zeitschrift: „Zwischen den Zeiten". Sie ist vor mehr als einem Jahrzehnt von den bekannten theologischen Denkern Karl Barth, Friedrich Gogärten, Eduard T h u r neyssen und Georg Merz gegründet worden und vertritt die sogenannte dialektische Theologie. Mil dem VI. Heft des 11. Jahrgangs nehmen die Herausgeber, mit Ausnahme von Gogärten, von dem nur ein Brief zitiert wird, in ein- Zur Auseinandersetzung in der evangelischen Kirche. Die Sidra spricht zu uns . . . Ein Nachwort zu den Zehn Plagen. Dem aufmerksamen Leser der laufenden Wochenabschnitte dürfte es nicht entgangen sein, daß in der Aufzählung der zehn Plagen bei fünf besonders betont wird, daß Israels Söhne davon verschont blieben. So beim Gewild brbsm), bei der Viehseuche (rt-sml-beim Hagel Ina "n kV jto psn pn) und bei der Finsternis (")3i *»uc ">n Vmer» 'J3 VsW- Sicherlich wurde Israel auch von den anderen Plagen nicht betroffen, warum also die besondere Betonung bei diesen? Es wird wiederholt darauf hingewiesen, daß die Plagen Pharao und den Aegyptern als Vergeltung für entsprechende Vergehen zugedacht waren, „Maß gegen Maß". So wäre es sehr naheliegend, daß bei den genannten fünf Heimsuchungen die Thora ganz besonders unterstreichen wollte, daß Israel, kraft seiner rassischen und ererbten Eigenschaften, solcher Vergehen, die diese Strafen nach sich zogen, einfach gar nicht fähig war, Die wilden Tiere kamen über Aegypten, nach Midrasch, weil das Aegyptervolk, ähnlich wie später in Rom, in der Arena wilde Tiere auf jüdische Jünglinge hetzte. Wäre je ein Jude einer solchen Lieb- und Erbarmungslosigkeit fähig? Die Tierseuche kam als Strafe dafür, daß, ähnlich wie beim Peordienste, die Aegypter tierische Handlungen als Kult zu Ehren ihrer Götter öffentlich vollzogen. Wie wäre solche Wahnvorstellung bei Nachkommen von Abraham, Isaak und Jakob auch nur denkbar? Im Zusammenhang mit Hagel wird besonders von G'ttesfurcht gesprochen 'im 'n lan nx KT>n- Israel, der Geulah entgegenreifend, hatte aber die G'ttesfurcht im Herzen. Die Finsternis war aus dem Dunkel in ihrem Herzen, in ihrem Wandel, "pa^nn1» nswro. entstanden. Geistige Finsternis brachte die Finsternis im Welträume. Und der Tod der Erstgeborenen mußte sie zuletzt treffen, weil sie, bar aller Menschenliebe, den jüdischen Häusern ihr Liebstes und ihr Teuerstes, ihre Kinder entrissen. Israel werden aber drei Eigenschaften als ihre wesentlichen Rassenmerkmale nachgerühmt, nämlich O'non ibnrA D-isro o'Oan-i, Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit und Wohltätigkeitssinn. Wohl wurden sie von all den zehn Plagen verschont; jene fünf, so will die Thora noch einmal betonen, kamen aber für Israel gar nicht in Betracht, weil ihnen der Boden dafür in der entsprechenden Sünde fehlte. (P. M, A.) „Und Moses sprach zum Volke: Fürchtet euch nicht, bleibet stehen und sehet die Hilfe, die euch heute G'tt schaffen wird. Denn die Mizrim, die ihr heute gesehen habt, ihr werdet sie nie mehr zu sehen . bekommen in aller Ewigkeit. G'tt wird für euch kämpfen und ihr schweiget." (M. II, Kap.' 14, Satz. 13 und 14.) In vier Gruppen teilte sich, nach Midraschüberlieferung, das Volk am Meere: Die Einen wollten sich aus Verzweiflung in die Fluten stürzen. Andere schrieen: „Zurück in das ägyptische Joch.'" Ein Teil spürte den Mtit und die Kraft in sich, "den Kampf mit den Mizrim,:aufzunehmen. Nur ein i kleiner Teil sah in seiner Bedrängnis zu G'tt als Erretter auf, und an 'diesen konnte sich Moses wenden, daß er allen Arideren mit gutem Beispiele vorangehe. '■ In dem angeführten Satze ist vielleicht die Anrede Moses an die verschiedenen Gruppen und die Verurteilung ihrer Einstellung enthalten. Die ersten, die sich anschicken, den Tod in den Fluten zu suchen, bekommen zu hören: "itni lasw „Stehen bleiben und die Hilfe G'ttes abwarten!" Andere blasen zum Rückzüge nach Aegypten. „Nein," sagt der Führer, ' •'wi anifttb pB'ow arn onsa jir orvm *imt m '3 „Nie und nimmer werdet ihr, wenn der heutige Tag vorbei ist, die Aegypter zu Gesicht bekommen!" „Und ihr," wendet sich Moses an die im Jugendflügel, „ihr wollt kämpfen, ihr, mit eurer geringen Zahl.und.schwachen Kraft gegen eine Uebermacht auf eigene Faust vorgehen? Nein, MVortf"'n nur G'tt kann für euch kämpfen. Zu der. vierten kleinen Gruppe der G'ttreuen spricht er aber psmrin ami, ihr harret aus." (Nach einer Darstellung des Wilnaer Gaon.) In unserer Zeit und allen Zeiten pflegten die Menschen, und nicht* zuletzt die jüdisewen Menschen auf verschiedene Art aüf die Not zu reagieren. Einem "großen Heere der Mutlosen, die die Flucht aus dem Leben ergreifen möchten, stehen andere gegenüber, die glauben, mit eigener Kraft, ohne G'tt im Herzen, gegen die Not ankämpfen zu können. Dazwischen auch welche, die trotz allem und allem, immer noch in würdeloser Anpassung, Anbiederung und Assimilierung um jeden Preis ihr Heil suchen.

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